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Die Z3
Am 12. Mai 1941 stellte der Berliner Tüftler eine Maschine fertig, die selbstständig addierte, subtrahierte und multiplizierte. Ein gewaltiger Automat von drei Metern Breite und fast mannshoch. Der sogar ein paar Dutzend Wörter speichern konnte. Zuse gab dem Gerät den Namen Z3. Der Name des ersten Computers der Welt. Dass seine Erfindung einmal die Welt verändern würde, konnte Konrad Zuse nicht ahnen. Beschäftigt als Statiker bei den Henschel-Flugzeug-Werken bastelt er seit 1935 einfach an einer Maschine, die ihm seine Tätigkeit erleichtern soll. Vor allem das Rechnen müsste sie ihm abnehmen, diese "lästige Arbeit", wie Zuse oft schimpfte. Ein Freund gibt ihm den Tipp, elektrische Schalter mit einzubauen. Mit solchen neuartigen Relais kennt sich der Statiker zwar nicht aus, doch er bleibt hartnäckig. Zuse forscht weiter und präsentiert schließlich die Z3. Die mittels Lochstreifenkarte die Rechenbefehle entgegen nimmt. Und neben einem Rechenwerk sogar einen Speicher besitzt - aus Relais. Damit ist die Z3 ist die erste frei programmierbare, auf dem binären Zahlensystem basierende Rechenmaschine der Welt. Nach dem Krieg gründet Konrad Zuse eine neue Firma und verkauft Rechenmaschinen. 1946 entwickelt er "Plankalkül", eine der ersten höheren Programmiersprachen. Doch nach Anfangserfolgen geht dem Unternehmer Zuse schon bald die Luft aus. Für die hohen Entwicklungskosten fehlt der Zuse Apparatebau einfach die wirtschaftliche Grundlage. Anders als in den USA vergibt der Staat der jungen Branche kaum Forschungsgelder. Siemens übernimmt die Firma, Zuse scheidet 1966 aus dem Unternehmen aus. Schlimmer als der wirtschaftliche Misserfolg dürfte für ihn jedoch die fehlende Anerkennung getroffen haben. Das Patentamt lehnt 1967 endgültig seine Erfindung ab. Er kann seinen Erfolg nicht beweisen, die Z3 wurde im Krieg zerstört. Wohl nicht zuletzt deshalb beanspruchen die Amerikaner, allen voran IBM, lange Zeit für sich, den ersten Computer der Welt gebaut zu haben. Erst viele Jahre später erreicht Zuse ein entschuldigender Brief aus den Staaten und das Zugeständnis, er sei tatsächlich Erster gewesen. Konrad Zuse starb im Dezember 1995.(ddp/na)
Quelle: http://www.com-online.de/2001/05/10.html

Konrad Zuse - der Erfinder des Computers zieht Bilanz
Mit Konrad Zuse starb am 17. Dezember 1995 im Alter von 85 Jahren der Mann, der die erste programmgesteuerte Rechenmaschine entwickelte und baute. Noch im Oktober erhielt der Computerpionier den Grundlagenpreis der Eduard-Rhein-Stiftung - die Laudatio hielt Klaus Knapp*, der Zuse seit Jahren freundschaftlich verbunden ist. Für die COMPUTERWOCHE führte Knapp eines der letzten ausführlichen Interviews mit dem genialen Erfinder.

CW: Herr Professor Zuse, Sie gelten als Vater der Computertechnik ...
Zuse: ...das ist nett, daß Sie das so feststellen. Man sollte aber doch Charles Babbage erwähnen, der schon im letzten Jahrhundert Rechenmaschinen bauen wollte. Die unzureichenden Möglichkeiten der damaligen Zeit hinderten ihn daran, eine erfolgreich arbeitende Maschine zu realisieren.

CW: Sie rückten 1936 zunächst mit der Z1 und 1943 dann mit der Z3 ins Rampenlicht ...
Zuse: ... also, im Rampenlicht stand ich sicher nicht. Im Gegenteil: Während des Krieges mußten wir größte Zurückhaltung wahren. Im übrigen entspricht es nicht meiner Natur, mit noch laufenden Entwicklungen schon an die Öffentlichkeit zu gehen.

CW: Die Z3 ist aber in ganz erheblichem Umfang praktisch eingesetzt worden.
Zuse: Sicher haben wir die Maschine bei der Deutschen Gesellschaft für Luftfahrt für eine Vielzahl von Berechnungen genutzt. Wir wollten aber eher herausfinden, was man alles damit machen kann. Zum gleichen Zeitpunkt entstanden ja schon die Pläne für die sehr viel leistungsfähigere Z4.

CW: Wie kamen Sie als Bauingenieur eigentlich auf die Idee, sich mit Rechenmaschinen zu beschäftigen?
Zuse: Ein Bauingenieur hat eine Menge zu rechnen. Die meisten Kalkulationen mußten noch von Hand durchgeführt werden, obwohl sie sich ihrer Struktur nach durchaus für eine Automatisierung geeignet hätten. Die Frage war, wie sich immer wiederkehrende Aufgaben rationalisieren lassen.
Alle Rechenmaschinen funktionierten damals mechanisch - auch die Lochkartengeräte natürlich. Bei den ersten Untersuchungen stellte sich schnell heraus, daß mechanische Geräte zwar für Speichervorgänge hervorragend geeignet sind, aber relativ schlecht für die eigentlichen Rechenvorgänge. Freunde aus der Nachrichtentechnik haben mir dann gezeigt, wie die Relaistechnik arbeitet. Das führte dazu, daß ich die ganze Maschine noch einmal auf Basis von Relais gebaut habe. So entstand aus der Z1 dann die Z3.

CW: Sind Ihre Arbeiten informationstheoretisch durch John von Neumann beeinflußt worden?
Zuse: Nein. Von Neumann ist ja erst später in Princeton auf das Thema gestoßen. Er war sicher der erste Amerikaner - allerdings europäischer Herkunft -, der sich mit den grundlegenden Fragen der Informationsverarbeitung beschäftigt hat. So wurde auch lange in der Geschichtsschreibung das Axiom aufrechterhalten, der Computer sei eine amerikanische Erfindung. Da stand Aiken im Ruf, die Grundideen realisiert zu haben. Von Neumann wurde zugeschrieben, er habe die Programmspeicherung erfunden - aber die hatte ich schon vor ihm realisiert. Es steht außer Zweifel, daß von Neumann für die Entwicklung der Computertechnik eine herausragende Rolle spielte - der Vater des Computers ist er aber nicht. Die Voraussetzung für die Verwirklichung seiner Ideen war, daß man ausreichende Speicherkapazität und hinreichende Arbeitsgeschwindigkeit zur Verfügung stellen kann. Dies war selbst für Aiken noch ein Hindernis: Er konnte ja noch nicht über die Gleitkomma-Arithmetik verfügen. Im "Plankalkül"(Anm. d.Red.: Grundlegende Schrift von Zuse zur Informationsverarbeitung) waren bereits alle grundsätzlichen Überlegungen dargelegt. Aus dem Jahr 1939 gibt es von mir Tagebuchnotizen, die wesentliche Elemente der heutigen Computerarchitektur bereits belegen. Dazu zählen beispielsweise die Schaltalgebra oder die mathematische Logik. Selbst die Theorie der Schachspiele ist dort schon in Grundzügen beschrieben. Ich habe damals von "lebenden Rechenplänen" gesprochen.

CW: In der Z1 haben Sie eine mechanische Nachbildung heutiger Logikgatter realisiert ...
Zuse: ...das ist richtig. Erst mit dem Logikgatter beginnt die Ära des wissenschaftlichen Rechnens. Wenn Sie sich das Modell der Z1 in Berlin anschauen, dann werden Sie dort auch schon die Realisierung von bedingten Befehlen mit mechanischen Mitteln sehen können. 90 bedingte Befehle wurden dort eingebaut - festverdrahtet, wohlgemerkt. Sobald dann die Maschinen schnell genug sind, kann man natürlich statt Festverdrahtung auch Programmsteuerung einsetzen. Für mich war das nichts Neues. Im "Plankalkül" können Sie nicht nur die Beschreibung eines Rechners und seinen logischen Aufbau nachlesen, sondern auch die allgemeine Beschreibung von Programmen.

CW: Siemens hat Ende der 50er Jahre einen volltransistorierten Rechner mit der 2002 herausgebracht, der auch in Serie gefertigt wurde. War das der erste Rechner dieser Bauart?
Zuse: Nicht nur Siemens war hier tätig. In Wien nahm Professor Zemanek für sich in Anspruch, mit seinem "Mailüfterl" den ersten transistorierten Rechner in Europa konstruiert zu haben. Zemanek hat seine Maschine übrigens bewußt so genannt, weil in den USA zu diesem Zeitpunkt der "Whirlwind" entstand, der aber noch auf Röhrentechnik basierte. In die Streitfrage, wer nun den ersten transistorierten Rechner in den Markt brachte, will ich hier nicht eingreifen. Daß er aber in Europa entstand, scheint mir unstrittig zu sein. Der Stand auf diesem Gebiet war hier tatsächlich bemerkenswert. Daß sich die Konzepte meistens nicht durchsetzten, lag mehr am Markt als an den Maschinen selbst. Es fehlte einfach die Weltmarktbasis, um eine wirkliche Großserienfertigung in die Wege leiten zu können. Erst die Kostendegression durch Großstückzahlen konnte die Verbreitung der Computer beschleunigen.

CW: Kann man daraus schließen, daß die deutsche Datenverarbeitung Ende der 50er Jahre technisch wettbewerbsfähig war?
Zuse: Technisch ja - die Probleme kamen meiner Ansicht nach ausschließlich aus dem zu kleinen Markt. Die Geräte von Siemens, Zuse und Telefunken wurden fast ausschließlich im deutschsprachigen Raum verkauft - ein viel zu kleiner Basismarkt, um die Entwicklungskosten wieder hereinzuspielen und zu rationellen Produktions-kosten zu kommen. Erfolgreicher war die IBM mit ihrer Serie /360 - das war damals ein großer Technologiesprung. Mit dieser Maschine ging IBM dann auch wirklich auf den gesamten Weltmarkt, was zu einer absolut dominierenden Marktposition führte.

CW: War für Konrad Zuse nach dem Aufkommen des integrierten Schaltkreises absehbar, daß man eines Tages einen Computer bauen würde, dessen wesentliche Teile nicht einmal die Fläche einer DIN-A4-Seite benötigen?
Zuse: Die heutige Miniaturisierung haben wohl auch die Pioniere von damals nicht voraussehen können. Über meine Ideen für eine Verkleinerung habe ich mich schon relativ frühzeitig ausgelassen. Mir schwebte ein anderer Weg vor, nämlich der über die "selbstreproduzierenden Systeme". Die Idee war nicht nur damals zu kühn - sie ist es wohl auch heute noch. Meine Lösungen verfolgten einen logischen Ansatz - in Richtung einer verbesserten Computerarchitektur. Da wir uns zum Zeitpunkt des "Plankalkül" in der Übergangsphase vom Relais zur Röhre befanden, war der nächste Schritt, nämlich die Transistorierung nicht vorauszusehen - von den integrierten Schaltkreisen ganz zu schweigen.

CW: In der Systemarchitektur eines Rechners, in der "Logik" also, haben sich in den vergangenen Jahren neue Aspekte ergeben, die heute in Begrif-fen wie "Parallelverarbeitung" oder "Neuronale Netze" gipfeln. War so etwas für Sie vorhersehbar?
Zuse: Durchaus. In den 50er Jahren entwickelte ich die Idee der "Feldrechenmaschine", bei der ein ganzes Datenfeld in einem Arbeitsschritt verarbeitet werden konnte. Eine physikalische Realisierung dafür wären Maschinen mit Trommelspeichern gewesen, sie wurden aber von der echnischen Entwicklung überrollt. Die erstenGedanken über parallele Rechner - wenn Sie die Feldrechenmaschine dazuzählen wollen - habe ich in den 50er Jahren schon in Patentschriften niedergelegt.

CW: Die überwiegende Zahl der Computer lebt heute noch immer von der sequentiellen Abarbeitung der Befehle im Sinne der Turing-Maschine ...
Zuse: Turing dachte ultrasequentiell. Seine Maschine ist nur theoretisch zu realisieren. Noch niemand hat versucht, eine Turing-Maschine wirklich praktisch umzusetzen.

CW: Die Z1 war etwas absolut Originäres, das zuvor nicht einmal gedacht war ...
Zuse: ... wenn man einmal von Charles Babbage absieht . . .

CW: ... der aber an praktischen Problemen scheiterte. Hat Konrad Zuse einen Quantensprung in einer völlig neue Technologie geschaffen?
Zuse: In aller Unbescheidenheit: Kann man sicher sagen.

CW: Können sich in der Informationsverarbeitung solche Quantensprünge wiederholen?
Zuse: Erfindungen sind nicht vorauszusehen - sonst wären sie ja nur Konstruktionen. Andererseits darf man nicht vergessen, daß bestimmte Dinge "in der Luft" liegen. Grundideen werden oft unabhängig voneinander an vielen Stellen der Welt gleichzeitig verfolgt. Die Erfindung des Computers ist hierfür ein sehr gutes Beispiel: Bis 1945 habe ich völlig abgeschnitten von der Außenwelt allein an dem Thema gearbeitet, ohne zu wissen, daß woanders in der Welt ähnliche Arbeiten liefen. Ich hatte nur das Glück, drei Jahre vor der Konkurrenz fertig zu sein. Um aber Ihre Frage zu beantworten: Ich glaube schon, daß grundsätzlich Neues auch auf diesem Gebiet noch erfunden wird. Es reicht aber sicherlich nicht, Venture-Kapital zu besorgen und sich zehn gute Köpfe zu kaufen. Die Garantie, daß diese zehn Köpfe Ihnen in den nächsten drei Jahren die entscheidende Idee liefern - diese Garantie kann Ihnen niemand geben. In Deutschland sind viele Ideen früh dagewesen und dann in die Schubladen gewandert - realisiert wurden sie dann später von den Japanern. Vielleicht sollte man in den Schubladen noch einmal nachschauen, ob da nicht noch ein paar gute Gedanken von früher ruhen, die nur nicht aufgegriffen wurden. Denn es gibt viele gute Ideen, die schon 30 Jahre alt sind: Das Antiblockiersystem im Auto beispielsweise. Nur konnte man es damals technisch noch nicht mit erträglichem Aufwand realisieren.

CW: Gab es während der Entwicklung der Z3 einen Zeitpunkt, zu dem sich der Wissenschaftler Zuse vom Ethiker Zuse ins Handwerk greifen ließ? Haben Sie einmal gezögert, Ihre Entwicklung fortzuführen?
Zuse: Doch, doch. Ich wußte beispielsweise, daß der berühmte Draht vom Rechenwerk zum Programmwerk die Programme selbst verändern kann. Mit diesem Schritt kann man im Faustschen Sinn auch den Teufel beschwören. Ich habe diesen Draht nicht gelegt - und ich brauchte dies auch nicht für die Probleme, an denen ich während des Kriegs gearbeitet habe. Im nachhinein hat das aber nach draußen den Eindruck erweckt: "Der Zuse ist ja nicht einmal auf die Idee des selbständigen Programms gekommen!" Im "Plankalkül" können Sie's aber nachlesen.
Quelle: COMPUTERWOCHE Nr. 01 vom 5.Januar 1996 / Seite(n): 07-10

Rev 01.10.2002