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Wanderrudern

Einleitung

Eine Website über Wanderrudern - da gibt es doch schon so viele ? Ja, stimmt, aber alles ist doch noch nicht gesagt. Wer über Wanderrudern schreibt, setzt oft voraus, daß der Leser oder Betrachter schon weiß, was das ist, Wanderrudern, womöglich gar selbst Wanderruderer ist. Diese Website ist nicht, (jedenfalls nicht nur) für Wanderruderer geschrieben – die brauchten sie vielleicht wirklich nicht. Und diejenigen, die schon alles über Wanderrudern wissen, brauchen sie erst recht nicht. Aber dem, der vom Wanderrudern schon einmal gehört hat, aber noch nicht zum Wanderruderer geworden ist, dem sei zunächst einmal erklärt, was das ist, Wanderrudern.

Wanderrudern ereignet sich nicht, wie das Wandern, in Wanderungen, sondern in Wanderfahrten. So nennen die Ruderer sie, weil es für sie selbstverständlich ist, daß man dabei rudert. Gegenüber Nichtruderern spricht man besser von Ruder-Wanderfahrten (Selbst dann handelt man sich oft noch die Rückfrage ein: ach, Sie meinen Paddeln ?). Also, da gibt es schon einen Unterschied, auf den ich bald zurückkomme.

Das Rudern als Sport hat einen gewissen, wenn auch nicht allzugroßen Bekanntheitsgrad. Große Regatten, Europa- oder Weltmeisterschaften, Rudern bei den Olympischen Spielen, werden im Fernsehen gezeigt, man sieht ein spannendes Rennen – das einzelne Rennen dauert kaum mehr als 6 - 8 Minuten – oder jedenfalls seine Endphase. Nichts gegenüber dem Fußball, aber doch mit der Leichtathletik oder den weniger bekannten Ballsportarten zu vergleichen. Wanderrudern im Fernsehen – ich erinnere mich kaum, jemals dort etwas davon gesehen oder darüber gehört zu haben. Die Spannung, die den Zuschauer reizt, das Gerät einzuschalten, fehlt. Auch die Zeitungen berichten selten oder wenig über das Wanderrudern, nicht einmal das Organ des Deutschen Ruderverbandes, der „Rudersport“ ist da sehr großzügig mit dem Platz, den es dem Wanderrudern einräumt.

Dabei hätte das Wanderrudern etwas mehr Aufmerksamkeit durchaus verdient. Es ist ein gesunder Sport, Bewegung in der meist staubarmen Luft über dem Wasser, wenig Einsatz von motorisierten Fahrzeugen, kein Lärm, so gut wie keine Belastung der Umwelt. Es ist auch, vernünftig betrieben, nicht teuer. Es läßt sich, wie zahlreiche Beispiele zeigen, mit dem Beruf gut vereinbaren, erst recht natürlich mit einem Rentnerleben.

Wanderrudern und Wanderpaddeln

Wanderrudern unterscheidet sich deutlich vom Paddeln. Der Paddler setzt sich in sein kleines Boot, nachdem er das Gepäck verstaut hat,und paddelt los. Viele versuchen es ohne große Vorkenntnisse oder Ausbildung, und oft klappt das auch. Paddeln ist eben einfacher, man sieht, wohin man fährt, die Fahrtrichtung ist leicht zu korrigieren. Man braucht kein eigenes Boot und keinen Verein, sondern kann sich das Boot für ein paar Stunden oder Tage leihen. Nicht, daß wir Ruderer etwas gegen die Paddler hätten, auch wenn sie uns als "Rückwärtspaddler" verspotten. Wir meinen allerdings, daß es auf die Dauer doch gesünder ist, auch die Beine und die Muskeln an Bauch und Rücken einzusetzen. Wanderfahrten auf Gebirgsflüssen, die mit dem Paddelboot möglich sind, bleiben uns dafür verschlossen, das müssen wir nicht ganz ohne Neid zugeben. Und wir sind auch gegen Sturm und Regen nicht ganz so geschützt, wie ein gut ausgestatteter Kajakfahrer mit Anorak und Spritzdecke. Wir haben's auch nicht ganz so leicht mit dem Boot. Wer sich einfach hineinsetzen und losrudern möchte, erlebt meist eine frühe Enttäuschung. Rudern muß man nämlich lernen, entweder in der Schülerruderriege, in einem Ruderverein oder auch an einem sportwissenschaftlichen Institut. Der Transport unserer Boote ist etwas schwieriger, sie sind auch so teuer, daß es nicht allzuviele Eigentümer von privaten Sportruderbooten gibt. Die meisten Boote gehören einem Verein, und wer Rudern betreibt, ist fast immer Mitglied eines (oder gar mehrerer) Rudervereine. Die Paddler haben natürlich auch Vereine, aber viele Vereinsmitglieder besitzen eigene Boote, und man sieht auch oft Paddler, die sichtbar mit der Technik kämpfen und ohne Anleitung – die sie ja im Verein erhalten würden – aufs Wasser gehen. Mit den Paddlern verbindet uns das Bekenntnis zur Fortbewegung auf dem Wasser aus eigener Kraft.

Widersprüchliches über das Wanderrudern

Die Heimat des Wanderruderns scheint Deutschland zu sein. Die Engländer, obwohl sie unbestreitbar das Rudern als Sport entdeckt haben, machen keine Wanderfahrten. Wanderfahrer auf der Themse sind Deutsche, Franzosen, Schweizer, Skandinavier oder was auch immer, keine Engländer.

(Seitdem ich beim Surfen auf die Website der "Weyfarers" gestoßen bin, scheint mir, daß ich mit dieser Aussage vorsichtiger werden muß, und hoffe auf Widerspruch von englischer Seite)

Dabei ist die Themse einer der schönsten Wanderflüsse. Und der älteste (jedenfalls soweit mir bekannt), Wanderfahrtenbericht „Three men in a boat“ handelt von einer Themsefahrt, die drei Engländer machten (vor August 1889 übrigens, denn da erschien schon das Buch). Haben sie sie wirklich gemacht ? Jerome K. Jerome, der Autor, versichert zwar, sein Buch sei „the record of events that really happened“, aber wer den Bericht liest, und das kann auch heute noch nachdrücklich empfohlen werden, wird aus dem unterhaltsamen Unernst des Erzählers bald seine Zweifel an der Realität des Erzählten ziehen. Hier berichte ich nur in der Rubrik "Wanderfahrten" über wirklich Erlebtes - alles andere ist ausgedacht. Etwaige Ähnlichkeiten mit wirklichen Personen sind natürlich - na, Sie wissen schon.

Bis auf den Deutschen Ruderverband (DRV) , den gibt es wirklich. Und natürlich die Vereine, die – meistens – ihm angehören (allerdings nicht alle, es gibt Ausnahmen).

Außer in England und USA – bedeutenden Rudersport-Ländern – gab und gibt es auch im früher so genannten Ostblock – so erfolgreich dort auch das Rudern betrieben wurde – so gut wie kein Wanderrudern, mit Ausnahme der ehemaligen DDR. Sie war also mit der westlichen Bundesrepublik auch durch die Kultur des Wanderruderns verbunden. Dabei war die staatliche Bevorzugung des Rennruderns wohl zu DDR-Zeiten dort nicht weniger ausgeprägt als in den „sozialistischen Bruderländern“. Paradoxerweise ist also in einigen der "größten Rudernationen" – USA, Großbritannien, Rußland – das Wanderrudern so gut wie unbekannt.

Ein großartiges Land für das Wanderrudern ist Frankreich. Die Franzosen treiben auch Wanderrudern, aber auf ihre eigene Art. Ihr schönes Land bietet sich dafür geradezu an. Den meisten fällt da zuerst die Loire mit ihren Schlössern ein – sie ist aber für das Wanderrudern recht wenig geeignet. Sie ist von den großen Flüssen Frankreichs der einzige, der (noch ?) ungezähmt, nicht für die Schiffahrt hergerichtet ist. Das bedeutet, daß das Flußbett breit, meist recht flach und mit Untiefen, Sandbänken, durchsetzt ist. Wären die Sandbänke wirklich alle nur aus Sand, dann würden sie dem Boot meist noch nicht gleich schaden, wenn man aufläuft. Aber es gibt in der Loire auch Felsriffe. Deshalb machen die Franzosen das ganze Jahr über Wanderfahrten auf den verschiedensten Flüssen – viele Wochenendwanderfahrten – aber nur eine auf der Loire, im zeitigen Frühjahr, wenn noch viel Schmelzwasser fließt.

Wanderrudern und Wandervogel

Zwischen dem Wanderrudern und dem "Wandervogel" besteht ein enger Zusammenhang. Beide sind vor reichlich hundert Jahren ungefähr zur gleichen Zeit und aus ähnlicher Motivation entstanden. Die Freude an der "unverfälschten" Natur, am Sport, der kein Wettkampf ist, am Respekt vor der Landschaft, so wie sie sich mit ihren Bergen und Tälern, Flüssen und Seen, Städten und Dörfern, Wäldern und Feldern, Menschen und Tieren bietet, beseelte die ersten Wanderer des "Wandervogel" und wohl auch die ersten Wanderruderer. Beide waren sich auch einig in der Abneigung gegen Kommerz, Etikette und großen Pomp. Daß die einen in groben Schuhen und einfacher Kleidung auf ihren Füßen wandern – selbstgesuchten Zielen entgegen – die andern in ihren Booten und meist etwas schmuddeliger Ruderkleidung den Flüssen und Seen folgen, begründet gegenseitige Sympathie. Beide wollen dem als belastend empfundenen Alltag im Beruf, Geschäft, der Schule oder Universität für begrenzte Zeit entgehen, um sich zu erholen, dabei aber tätig sein und sich nicht am Strand eines südlichen Hotels räkeln. Sie wollen auch keinen teuren und spektakulären "Extremsport". Sie suchen ihr Feld eher in Deutschland und dem übrigen Europa, als in anderen Erdteilen.

Wanderrudern und Wandervogel-Bewegung sind in bewußter Abwendung vom "mainstream" der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstanden. Das Ablegen des einengenden Korsetts durch die Wandervogel-Frauen ist dafür symbolisch geworden. Das aus dieser Abkehr entstandene Gemeinschaftsgefühl verbindet Wandervögel und Wanderruderer. Schlafen im Heu oder Zelten, gemeinsames Singen am Lagerfeuer – das gehörte damals dazu. So wie sich aber das Wandern heute zu einer recht modernen Sportart entwickelt hat, so sind auch die Wanderruderer nicht mehr durchweg die Romantiker der wilhelminischen Zeit, sondern Sportler von heute. Die Abneigung gegen Erholung durch untätige Muße, gegen das Knattern und Stinken der motorisierten Welt, eine gewisse Bescheidenheit (gestützt durch das eher verheimlichte Bewußtsein, etwas Besonderes zu sein), das ist Wanderern und Wanderruderern noch heute gemein.

Ein hübsches Schlaglicht auf diese gemeinsame Wurzel wirft ein Leserbrief, der am 31. 1. 1907 im "Märkischen Ruderboten" erschienen ist. Er ist eigentlich eine Meinungsäußerung zu einem anderen, damals heftig diskutierten Thema, nämlich: "Frauen in Männerrudervereinen" (gekürzt wiedergegeben)

Die Zeitungen machen neuerdings sehr nachdrücklich Propaganda für das Damen-Rudern. Einige unternehmende Fräulein werfen immer wieder die Frage auf, weshalb sich die großen Wander-Rudervereine der Sache nicht nachdrücklich annehmen. ... Zweifellos ist die vernünftige Wander-Ruderei, wie wir sie betreiben, dem Frauenkörper gerade so gesund wie dem unsrigen, ja man möchte fast sagen, daß die durch das Korsett entartete und geschwächte Frau, deren innere Organe dank diesem Druckapparat beständig zusammengepreßt werden und deren Verdauung wie Atmung stark darunter leiden, daß sie gerade der Ruderarbeit eigentlich kaum entbehren kann. ... Daneben sei gern zugegeben, daß ein mit hübschen schick angezogenen Mädchen oder Frauen besetzter Vierer recht reizvoll ausschaut. Also wirklich: das weibliche Wesen, dem es auf ein paar Ruderschwielen nicht ankommt, das vielmehr eine Stärkung seiner Leiblichkeit, den Gewinn echter Schönheitslinien anstrebt, dies liebe Wesen soll ja rudern. ... Aber mit ihnen im selben Heim hausen, dem M. R. eine Damenabteilung angliedern, das wollen wir doch unterlassen. ... Aber wie denkt man sich das Zusammenleben auf dem Bootsplatze? Wie wir einen großen Teil unserer jungen Mitglieder kennen, würden sie dem natürlichen Widerstand holder Weiblichkeit nicht eisern widerstehen. Sobald die Damen in diesen männlichen Sport hineinkommen, verändert er seine Struktur. Was aber, wenn Mitglied sich zu Mitglied findet? Entweder artet der Verein zu einem Heiratskontor aus, wie es den großen Berliner Turnvereinen bei ähnlichen Versuchen ergangen ist, oder noch schlimmere Überraschungen treten ein. Die Ruderei ist ein männlicher Sport, und die Ruderei kann auch recht gut von Damen betrieben werden - diese beiden von mir aufgestellten Behauptungen scheinen sich zu widersprechen. Scheinen nur. Die große Wander-Ruderei wird gemeinhin den Männern überlassen bleiben müssen. Alles Damen-Rudern wird mehr Paddeln, deshalb jedoch, richtige Ausübung und Technik vorausgesetzt, nicht minder nützlich sein.

Aber wie wir Männer unter uns bleiben und uns an der Freundschaft und Teilnahme unserer verehrten Vereinsdamen genug sein lassen wollen, so mögen auch die ruderlustigen Damen ihren Club für sich gründen.

G.

Mit "M. R." ist offenbar der Märkische Ruderverein Berlin gemeint.
Warum der volle Name des Verfassers nicht angegeben ist, weiß ich nicht, vielleicht wollte er mit seiner ausgeprägten Ansicht "Keine Frauen in Männervereinen" lieber anonym bleiben. Die Wandervogelfrauen waren übrigens von Anfang an nicht ausgegrenzt, da liegt ein Unterschied zwischen Wanderern und Wanderruderern. Heute ist das Thema ausgestanden.

Ja, wirklich ? Immerhin gibt es noch Vereine, nennen will ich sie nicht, die reine Herren-Wanderfahrten veranstalten, und der Deutsche Ruderverband macht seine Damen-Wanderfahrten. Und wohl auch Herren-Wanderfahrten. Aber im Großen und Ganzen werden Wanderfahrten heute ohne Ansehen des Geschlechts aufgezogen, und das Wanderruderertreffen mit seiner bunten Mischung ist ein anschaulicher Beweis dafür, daß der Autor „G“ sich nicht durchgesetzt hat.

Wanderrudern als Teil des Rudersports

Zwischen dem Rudersport im Allgemeinen – der dem Nichtruderer noch am ehesten wahrnehmbar wird als Wettkampfrudern oder Rennrudern – und dem Wanderrudern verläuft eine recht deutliche Trennlinie. Es ist kaum ein größerer Unterschied denkbar als der zwischen einem ausgeprägten Rennruderer und einem Wanderruderer. Der eine siegt fortwährend oder doch öfter mal, das füllt die Vitrinen im Clubhaus mit Pokalen, er oder sie kann sogar zum Ruhm der Nation beitragen, der andere erzählt nur, wie schön es auf der letzten Wanderfahrt war. Den Anspruch, die Ehre des Vereins oder gar der Nation gemehrt zu haben, erhebt er gar nicht erst, er würde doch nur ausgelacht. Um so erstaunlicher, daß es seltene Exemplare gibt, die Renn- und Wanderrudern betreiben, oder die früher Rennruderer waren und später Wanderruderer geworden sind. Die umgekehrte Entwicklung, vom Wanderruderer zum Rennruderer, ist kaum vorstellbar. Daß viele Rudervereine beides betreiben, Wettkampfrudern und Wanderrudern, daß auch der Deutsche Ruderverband und der Weltruderverband FISA (= Fédération Internationale des Sociétés d'Aviron) beides unter einem Dach vereint betreuen, ist natürlich eine Quelle stetiger, meist fruchtbarer Spannung. Daß es etwa so ist, als hätte der Leichtathletikverband eine Sparte „Wandern“, macht man sich selten klar.

Wettkampfruderer und Wanderruderer stellen sich dementsprechend beide in der Verbandszeitschrift „Rudersport“ und in den zahlreichen Vereinsblättern dar. So wie zum Wettkampf, zur Regatta, die für Nichtruderer kaum verständliche Rubrik „Regattaergebnisse“ (fortlaufend gelesen spannend wie ein Telefonbuch, deshalb wird sie neuerdings auch vernünftigerweise nicht mehr gedruckt, sondern nur im Internet veröffentlicht) gehört, so muß über eine gelungene Wanderfahrt notwendig berichtet werden. Nicht alle Berichte kommen dem literarischen Vorbild von Jerome K. Jerome auch nur nahe, aber einige doch. An dem Raum, den der „Rudersport“ oder das Vereinsorgan der einen oder anderen Sparte einräumen, läßt sich ungefähr abmessen, welche Bedeutung das Wanderrudern gerade mal hat. Gemeinsam ist beiden die Rudertechnik – sollte man denken. Aber das stimmt nur in der Theorie. Dem Rennruderer wird die Rudertechnik in hartem Training beigebracht, er kann nur erfolgreich sein, wenn er sie wirklich beherrscht. Dazu kommt dann das Konditionstraining, das sich auch außerhalb des Boots in vielfältigen Einrichtungen und Räumen - sogenannten Folterkammern, die verdächtig an Fitneß-Center erinnern - abspielt. Derart hohe Anforderungen werden an die Technik des Wanderruderers meist nicht gestellt. Er meint, auch mit etwas "unsauberem" Rudern vorwärts zu kommen, und wenn es nicht ganz so schnell geht, steckt er sich eben kleinere Ziele.

Rudertechnik

Eine besondere Technik des Wanderruderns gibt es nicht. Es gibt nur eine Technik des Ruderns, und die sollte der Wanderruderer ebenso beherrschen und beherzigen wie der Wettkampfruderer. Er sollte immer bestrebt sein "sauber" zu rudern. Der entscheidende Unterschied liegt in der Kondition. Der Wanderruderer trainiert nicht mit dem Ziel, etwa 6 - 8 Minuten lang eine Höchstleistung zu erbringen. Sein Konditionstraining ist darauf ausgerichtet, möglichst einen ganzen Tag lang mit gleichmäßiger Leistung zu rudern. Eine solche sportliche Höchstleistung, wie sie dem Rennruderer im Rennen abverlangt wird, einen ganzen Tag lang durchzuhalten, erscheint ausgeschlossen.

Das saubere Rudern erfordert, auch wenn die Bewegungsabläufe "eingeschliffen" sind, Konzentration. Diese Konzentration über Stunden durchzuhalten, ist erfahrungsgemäß nur wenigen Ausnahmeruderern, die allgemein bewundert werden, möglich. Der Durchschnittsruderer macht immer mal wieder einen Patzer, das ist nicht weiter schlimm, solange sich nicht Fehlhaltungen „einschleifen“. Deshalb ist es wichtig, daß man beim Wanderrudern aufeinander hört, denn ein ständig kontrollierender Trainer ist ja nicht da. Damit soll nicht dazu ermuntert werden, daß ständig einer am andern rumkrittelt, aber auch nicht dazu, gelegentliche Hinweise grundsätzlich als unangebrachte Nörgelei zu betrachten.

Neben der Rudertechnik ist der Krafteinsatz wichtig. Erst an zweiter Stelle ? Beim Wanderrudern eindeutig ja. Die bei der 2000-m-Distanz im Rennboot erbrachte Kraftleistung läßt sich nicht sehr lange durchhalten. Ein gutes Rennboot braucht für diese Distanz 6 – 8 Minuten. Das Training zielt darauf ab, in dieser Zeit mit bester Technik maximalen Krafteinsatz zu verbinden, damit über die Regattastrecke – aber auch nur solange – höchste Geschwindigkeit erreicht wird. Das wird auf einer Wanderfahrt nie verlangt, die darauf antrainierte Kondition, die den Rennruderer zum Regattasieg befähigt, hat aber auch für das Wanderrudern keinen Wert. Die Ausdauerkondition, die dem guten Wanderruderer eigen ist, kann man kaum anders als durch Wanderrudern erwerben. Sie ist mit der Kondition des Wanderers zu vergleichen. Ein gezieltes Training auf die Ausdauerkondition des Wanderruderns ist mir nicht bekannt. Nun meinen manche, Wanderrudern brauche wenig oder kein Training. Und dann "schmeißen" sie fast die Wanderfahrt, weil ihr Hintern, ihre Hände oder ihr Rücken nicht mehr mitmachen. Wie kommt man zu einer für das Wanderrudern ausreichenden Kondition ? Wenn man auf dem heimischen Gewässer nur ein paar Kilometer bis zur nächsten Schleuse rudern kann, bekommt die Frage ihre Berechtigung. Wieviel rudern muß man überhaupt können, um Wanderrudern treiben zu können ? Eine quasi steinzeitliche, heute kaum mehr vertretene Theorie besagte: am besten vorher gar nicht, auf Wanderfahrt lernt man's am besten. Das ist aber ähnlich fragwürdig wie das andere Extrem, man müsse zunächst "perfekt" im Rudern sein. Man sollte schon einigermaßen sicher im Bewegungsablauf im Boot sein und die Erfahrung hinter sich haben, daß man einen Rudertag mit, sagen wir, 30 km, auf stehendem Gewässer, klaglos überstanden hat. Wenn man fleißig und nicht ganz unsportlich ist, kann man einen solchen Stand des Rudernkönnens in einem Sommer erreichen, im Spätsommer oder Herbst also vielleicht schon mal eine kleine Wanderfahrt wagen. Hat man diese Fertigkeit noch nicht erreicht, so verdirbt man nicht nur sich, sondern vielleicht auch anderen, die Freude. Eine Ruderstrecke von 30 km "am Stück" ist eine Qual, wenn man den Bewegungsablauf noch nicht genügend eingeübt hat. Das "Aussteigen" ist nicht nur während des Ruderns, sondern auch während einer Wanderfahrt nicht unproblematisch. Der Vergleich mit dem Fußball hinkt natürlich hinten und vorn, aber daß eine Fußballmannschaft mit zehn oder gar nur neun Spielern nur noch geminderte Erfolgsaussichten hat, leuchtet jedem ein. Dabei liegt der Erfolg hier nicht im Sieg über eine andere Mannschaft, sondern im gemeinsamen Spaß am Rudern.

Wanderrudern ist, mehr noch als das Rudern überhaupt, ein Mannschaftssport. Ruderer im Einer werden gelegentlich zu Berühmtheiten, Wanderfahrten, die einer mit sich allein macht, sind Seltenheiten. Es ist deshalb ganz wichtig, sich mit seiner Rudertechnik auf die Mannschaft einzustellen, ebenso wichtig, wie sie selbst sauber zu beherrschen. Einen Tag lang mit einem excellenten Ruderer im Boot zu sitzen, dem es schwerfällt, sich der Mannschaft anzupassen, kann eine Qual sein.

Wanderrudern braucht Erfahrung – ein kaum je bestrittener Lehrsatz. Jeder fängt aber mal an, und auch die erfahrensten Wanderruderer machen (natürlich nur, um den andern einen Spaß zu machen) mal Fehler. Wanderfahrten sind echte Gemeinschaftsunternehmungen. Man kann kaum mal einen Tag im Hotel bleiben und die andern machen lassen. Die andern machen lassen – das ist auch so ein Stichwort. Das kann man natürlich im Mannschaftsboot, aber früher oder später merkt's einer. Daß der Erfolg einer Wanderfahrt davon abhängt, wer dabei mitmacht – eine Binsenweisheit. Also muß man von Anfang an auf eine harmonische Zusammensetzung achten – wer macht das, wer sollte das machen ? Damit wären wir bei der wohl ewig rätselhaft bleibenden Frage: Woran liegt es, daß ich bei dieser oder jener Wanderfahrt nicht „mitgenommen“ werde ? Habe ich mal dem Fahrtenleiter widersprochen, ihn gar beleidigt oder vielleicht auch nur neidisch gemacht ? Selten finden Aussprachen über dieses Thema statt, und wenn, wird das, was dabei verlautbart wird, meist nicht geglaubt. Wer sich mit dieser Frage beschäftigt, sollte auch seine Rudertechnik und seine Anpassungsfähigkeit selbstkritisch beurteilen.

Steuern

Wanderfahrten werden fast nur in gesteuerten Booten gemacht. Es sind also im Wandervierer fünf, im Wanderzweier drei Ruderer unterwegs. Wieviel jeder steuern oder rudern darf oder muß, läßt sich nicht verbindlich festlegen. Jeder Ruderer sollte aber beides können. Das Steuern braucht zwar, anders als das Rudern, nicht eigens erlernt zu werden, der Bewegungsablauf ist einfach, aber der Steuermensch trägt eine hohe Verantwortung. Er sollte möglichst die Situation um das Boot herum selbst erkennen und beurteilen können, zumindest aber wissen, wann er einen der Ruderer mit mehr Erfahrung fragen muß. Dabei gibt es Gewässer, die kaum von Motorbooten oder der Berufsschiffahrt befahren werden, und andere, wie den Rhein, wo in dieser Hinsicht äußerste Aufmerksamkeit geboten ist. Das Handbuch für das Wanderrudern gibt wichtige Hinweise, die man beachten sollte. Mit Recht wird für den Rhein gefordert, daß der Steuermann oder die Steuerfrau seine/ihre Befähigung gerade auf diesem schwierigen Fluß nachgewiesen hat.

Zum Steuern gehören die „Ruderbefehle“. Das klingt militärisch, die Seele des Pazifisten sträubt sich. Das sollte sie aber nicht. Beim Rudern ist es für die Sicherheit wichtig, daß die Ruderbefehle gekannt, richtig gegeben und richtig ausgeführt werden. Im Normalfall gibt der Steuermann die richtigen Befehle und die Ruderer befolgen sie. Es kommt vor, daß er „Backbord“ sagt, die Ruderer führen „Steuerbord“ aus und erklären ihm grinsend: wir wußten schon, was Du meintest. Dann klappt die Zusammenarbeit. Wenn es erforderlich ist, muß der Obmann oder die Obfrau den Ruderbefehl korrigieren, das sollte aber nur im wirklich notwendigen Maß geschehen.

Natürlich ist Wanderrudern Teil des Wassersports. Aber was gehört sonst noch dazu ? Unvergeßlich bleibt mir, wie ich einmal mit etwa 40 – 50 Ruderbooten – alle wollten zum Wanderruderertreffen nach Rüdersdorf – vor der Plötzenseeschleuse in Berlin wartete. Am Rande dieser Armada lagen zwei oder drei Motorboote. Der Schleusenwärter ließ seine lautsprecherverstärkte Stimme über das Wasser schallen: „Die Sportboote zuerst einfahren !“ Wen meinte er wohl damit ? Natürlich die Motorboote, die ja im Gegensatz zur Berufsschiffahrt oft als Sportboote bezeichnet werden. Nur die Verantwortlichen dieser „Sportboote“ fühlten sich offenbar nicht angesprochen, so daß ich ihnen zurief: „Ja, ihr seid gemeint !“ Da kamen sie langsam in die Puschen, zu langsam für die Geduld des Schleusenwärters, denn er nahm sein Kommando zurück und rief nun: „Die Ruderboote zuerst einfahren !“

Waren die Ruderboote keine Sportboote ? Das hätte der gute Mann sicher auf Nachfrage nicht behaupten wollen. Aber sein unüberlegter Sprachgebrauch gibt wohl auch Anlaß zum Nachdenken darüber, ob man schon Sport treibt, wenn man mit einem Motorboot auf dem Wasser unterwegs ist. Niemand käme doch auf den Gedanken, den Autofahrer, der am Sonntagnachmittag mit seinem Auto zu einem schönen Ziel fährt, dort Kaffee trinkt und dann wieder heimfährt, als „Sportler“ zu bezeichnen oder sein Auto deshalb schon als Sportwagen.

Über

Wanderrudern und Kultur

ist in den Berichten über Wanderfahrten schon das eine oder andere gesagt worden. Gibt es auch eine "Kultur des Wanderruderns" ? Nun, so wie es eine Kultur des Tanzens, des Essens, des Wohnens gibt, so wohl auch eine Kultur des Wanderruderns.

Darüber hinaus: Wanderruderer sind offenbar kultivierte Leute. Von einer Regatta, bei der gemeinsam eine Kirche oder ein Schloß besichtigt worden wäre, habe ich noch nicht gehört oder gelesen. Dagegen vergißt kaum ein Chronist einer Wanderfahrt, zu erwähnen, man habe einige der Sehenswürdigkeiten links und rechts des beruderten Flusses besucht. Nicht ganz selten haben Wanderfahrten regelrechte Kulturtage im Programm. Die schon erwähnte Themse machte mich mit dem Schloß (Blenheim Castle) der Herzöge von Marlborough (obwohl es gar nicht an der Themse liegt), natürlich auch Schloß Windsor und Eton und nicht zuletzt dem Buckingham-Palast, Westminster Abbey, dem Hyde Park, den Houses of Parliament und und und bekannt.

Deutsche Gewässer bieten das vielleicht nicht in so konzentrierter Form, aber bieten tun sie dem Wanderruderer allemal reichlich Gelegenheit zur Erweiterung seines kulturellen Horizonts. Reichsabtei und Schloß Corvey habe ich zwar nicht auf meiner ersten, aber natürlich gelegentlich einer späteren Weserfahrt besichtigt. Und auch so oft geschmähte Gewässer wie der Mittellandkanal haben viel Sehenswertes am Rande zu bieten. Und in Frankreich beschränkt sich das kulturelle Angebot natürlich nicht auf die Schlösser an der Loire, sondern an den anderen, besser zu berudernden Flüssen und Kanälen gibt es Schlösser, Abteien, Kirchen, Kultur und Geschichte im Überfluß.

Wanderrudern und Geld

Wanderruderer schlafen nachts - in Bootshäusern, Zelten, Jugendherbergen, oder Hotels. Einer meiner unvergessenen Wanderruderfreunde schlief auf Wanderfahrten sogar gelegentlich unter einer Brücke, in seinem sonstigen Leben wäre ihm das nicht im Traum eingefallen. Die Devise: nur in Hotels - ich brauche meine Bequemlichkeit ! Oder: nur in Bootshäusern - Hotel kann ich mir nicht leisten ! Oder: am besten schläft man im Zelt, gleich bei den Booten, spaltet das Völkchen der Wanderruderer. Versucht man, solche Gruppen in einer Wanderfahrt zu vereinen, hat man den Spaltpilz eingefangen. Das kann trotzdem gutgehen, aber es muß nicht. Erstaunlicherweise hat sich Wanderrudern, ähnlich wie das Wandern, bisher der Kommerzialisierung entzogen. Jedenfalls sind mir kommerzielle Wanderfahrtangebote nicht bekannt. Aber natürlich gibt es teure und weniger teure Wanderfahrten. Heutzutage muß man, wenn man auch nur ein wenig vollständig sein will, auch über

Wanderrudern und Doping

etwas sagen. So gut wie alle Wettkampfsportarten, auch das Rudern, haben mit dem Problem „Doping“ zu tun. Beim Wanderrudern hat man davon noch nicht gehört. Ein Grund zur Überheblichkeit sollte das nicht sein, denn Wanderrudern kennt ein verwandtes Problem, das Saufen. Ich wähle dieses grobe Wort bewußt, weil ich es vom maßvollen Trinken alkoholhaltiger Getränke unterscheiden will. Wo die Grenze zu ziehen ist, läßt sich nicht allgemeinverbindlich sagen. Viele Wanderruderer sagen: im Boot am besten gar nicht. Das ist ein vernünftiger, aber nur schwer allgemein durchzusetzender Grundsatz. Und gegen ein oder zwei Flaschen Bier oder ein Gläschen Wein im Boot läßt sich nicht ernsthaft etwas einwenden. Ein Problem entsteht erst, wenn ein Ruderer, eine Rudererin oder ein Steuermensch zuviel trinkt. Oft ist er dann trunksüchtig, also krank, aber das muß nicht so sein. Nicht jeder, der gelegentlich die Disziplin beim Trinken vermissen läßt, ist schon alkoholkrank. Ein Problem bleibt es trotzdem, wenn jemand - auch nur gelegentlich - zuviel trinkt.

Während Doping - so jedenfalls die weitverbreitete Meinung - die Leistung stärkt, ist das beim Saufen nicht so. Ein alkoholisierter Ruderer kann, solange er nicht aus dem Boot fällt und die Hin- und Herbewegung mit macht, von den andern mitgezogen werden. Schwieriger wird es schon, wenn alle Ruderer betrunken sind, und gefährlich, wenn es der Steuermensch ist.

Wanderrudern und Liebe

ist da ein lieblicheres Thema. Die Liebe zum Wanderrudern natürlich, zuerst. Manche Männer, auch wenn sie sonst nichts gegen Frauen haben, mögen auf Wanderfahrt lieber unter sich sein und dulden keine Frau dabei - es sei denn, sie würde in einer Kneipe, in der man einkehrt, Bier an den Tisch bringen. Es gibt auch Frauenwanderfahrten, auf denen keine Männer geduldet werden, darüber weiß ich verständlicherweise nur vom Hörensagen etwas. Gemischte Wanderfahrten sind wohl der häufigste Fall, aber ganz haben sie die beiden anderen Typen Wanderfahrt scheint's nicht verdrängen können. Das alles lebt aber recht friedlich nebeneinander. Richtiges Macho-Gehabe und aggressiver Feminismus kommen beim Wanderrudern nur am Rande vor.

Natürlich sind Wanderfahrten nicht frei von, sagen wir, menschlicher Liebe. Fangen wir an mit der ehelichen Liebe, die vor Gott und dem Standesamt zusammengefügte Paare so sehr aneinander schmiedet, daß sie auch unbedingt im gleichen Boot sitzen müssen. Wehe der Bootseinteilung, die das nicht berücksichtigt ! Aber die Liebe findet nicht nur in diesen festen Grenzen statt. Es gibt unverheiratete Paare, heimliche und ... nein, nicht unheimliche, sondern erklärte. Und dann gibt es noch das weite Feld, das Gott Amor mit seiner Phantasie bestellt und aus dem das unterhaltende Getuschel sprießt wie der Champignon aus der gut mit Pferdemist gedüngten Wiese. Und aus dem soviel Motivation entspringt ! Die Frage: wer kommt denn sonst mit ? steht oft am Anfang der Planung und entscheidet viel. Natürlich gibt es auf Wanderfahrten auch immer mal Streit, der ja von der Liebe nicht gar so weit entfernt ist. Das soll auf Frauenfahrten nicht so sein, aber darüber weiß ich, wie schon erwähnt, nur vom Hörensagen etwas, Vermutungen darüber, ob das immer so ist, lasse ich mal beiseite.

Zu meinen frühen Erinnerungen gehört die allabendliche Zeltplatzdiskussion. Das waren noch Zeiten, als man seinen Zeltplatz vom Fluß oder See aus aussuchte und dann da zeltete, wo es zweckmäßig schien oder einfach nur schön war. Das Zelten auf Campingplätzen scheint irgendwie nicht so recht zum Wanderrudern zu passen. Ich kann mich jedenfalls an keine erholsame Nacht in einem Zelt auf einem Campingplatz erinnern. Der gängige Campingplatznutzer scheint auch Paddel - oder (o Graus !) Motorboote zu bevorzugen. Auf Schleusengelände, auf dem Rasen eines Rudervereins oder einfach nur so am Ufer habe ich dagegen schon herrlich geschlafen. Unvergeßlich eine Nacht auf dem Gelände des Ruderclubs Sedan, an der Maas, neben dem rauschenden Wehr. Wenn man nur immer zelten dürfte. Schweden und Polen sind in diesem Punkt wahre Paradiese des Wanderruderns. Wenn man sich nicht wegen des Zeltplatzes streiten kann, gibt es zur Not auch andere Gegenstände. Selten wird der Streit ganz ernst und persönlich, aber auch das kommt vor. Dann muß vielleicht sogar mal die Bootseinteilung geändert werden.

Wanderfahrtenabende

Wanderfahrtenabende können als notwendiges Zubehör von Ruderwanderfahrten gelten. Da gibt es zunächst die Abende vor der Wanderfahrt, auch Vorbesprechung genannt. Da wird ein bißchen geworben, geplant, Aufgaben verteilt, über die beste Planung beraten oder auch gestritten. Hin und wieder kann auf solche Vorbesprechungen verzichtet werden, wenn es sich um eine Wanderfahrt auf einem allseits bekannten Gewässer mit Leuten handelt, die sich schon gut kennen. Machmal, z. B. bei den von der FISA veranstalteten internationalen Wanderfahrten, schließt die räumliche Entfernung aus, daß sich die Teilnehmer vorher treffen.

Die eigentlichen Wanderfahrtenabende kommen aber erst nachher, im Herbst oder Winter. Das ist die Gelegenheit, um Fotos rumzuzeigen, Videos vorzuführen, zu erzählen, zu kritisieren und schließlich Ausblicke auf neue Wanderfahrten zu wagen. Manche Wanderfahrten werden mit recht festen Teilnehmerkreisen gemacht, wobei die Ziele gern gewechselt werden. Andere haben wechselnde Teilnehmer, das fördert den gegenseitigen Austausch.

Organisation des Wanderruderns

Welche Rolle das Rudern bei einer Wanderfahrt spielt, darüber sind sich die Ruderer durchaus nicht einig. Die einen springen nach raschem Frühstück ins Boot und rudern, solange der Tag hell ist (keinesfalls weniger als 40 km), die andern kommen gegen 11 Uhr aufs Wasser und verlangen schon nach spätestens anderthalb Stunden eine ausgiebige Mittagspause. Immerhin kann man sagen: wenn gar nicht mehr gerudert worden ist, dann war's keine Wanderfahrt. Und wenn das Ziel darin bestand, Erster zu werden, dann war's auch keine Wanderfahrt, sondern eine Langstreckenregatta.

Wanderfahrten sind Urlaub - auch für den, der die Wanderfahrt organisiert hat und folgerichtig unterwegs so etwas Ähnliches wie der (bezahlte, nicht urlaubende) Reiseleiter ist. Er tut gut daran, möglichst viele seiner Aufgaben zu delegieren, sonst artet's in Arbeit aus.

Wanderfahrten wollen geplant sein. Für Elbe, Main, Mosel, Weser usw. gibt es gewissermaßen Planungen von der Stange, bei denen kaum etwas schief gehen kann. Die Donau ist da schon anspruchsvoller, je weiter man sich von ihrer Quelle entfernt, zu schweigen von der Loire, der Themse, dem Götaälv oder der Weichsel. Über die Notwendigkeit einer Detailplanung gehen die Meinungen weit auseinander. Von dem mehrseitigen Programm (Frühstück: 8.30 Uhr, Mittagspause in... von ... bis) oder der Ankündigung: Wir treffen uns in .... am Bootshaus... ungefähr um..., das weitere findet sich, gibt es alle Spielarten. Wer eine Wanderfahrt plant, schwingt sich meist auch zum Fahrtenleiter auf (abgekürzt vL = verantwortlicher Leiter, woher mag dieses ach so sympathisch-bürokratische Wort stammen ?). Es gibt aber auch - seltene - Wanderfahrten ohne Fahrtenleiter. Wenn nicht so viel im Voraus geplant ist, weckt das manchmal schlummernde Fähigkeiten der Teilnehmer, die die Wanderfahrt sehr bereichern können. Wenn man keinen Fahrtenleiter hat, ist auch dem Mißverständnis vorgebeugt, er sei, wie der Veranstalter einer Pauschalreise, für alles und jedes verantwortlich. Aber praktisch und bequem ist es natürlich, jemanden zu haben, der sich bemüht, an alles vorher zu denken. So wie man die Existenzberechtigung eines Fahrtenleiters in Frage stellen kann, so natürlich auch die Zweckmäßigkeit oder gar Notwendigkeit einer Bootseinteilung. Wer mit wem wo im Boot sitzt, ergibt sich schon irgendwann von selbst, auch wenn das nicht vorher festgelegt ist. Die Erfahrung zeigt aber, daß diese "Selbstorganisation" doch auch Nachteile hat. Es gibt meist einige Ruderer, die besonders kräftig und tüchtig sind, sich schnell zusammenfinden und sich dann wundern, daß sie am Ziel oder an der nächsten Schleuse auf die andern warten müssen. Das fördert nicht das Wohlbefinden, auch nicht das der Schnellen und Tüchtigen.

Manche Fahrtenleiter prägen den Charakter einer Wanderfahrt sehr. Jedem Wanderruderer fallen dazu Beispiele ein, soweit es Deutschland betrifft, veröffentlicht der "Rudersport" jedes Jahr in Heft 2 die Namen und Adressen bei der Auflistung der Verbands- und Gemeinschaftswanderfahrten. Manche Fahrtenleiter sind sehr beliebt - logisch, daß sie viel Zulauf haben. Manche sind weniger beliebt, haben aber trotzdem Zulauf. Eine Wanderfahrt vorbereiten ist Arbeit, zudem unbezahlte, trotzdem finden sich immer wieder Leute, die das machen. Das Lob, das ihnen reichlich gespendet wird, oder das Geschenk, das sie meist am Ende der Wanderfahrt überreicht bekommen, kann's nicht sein, was sie dazu motiviert. Lassen wir die Frage offen. Ich empfinde es als positiv, daß noch niemand auf den Gedanken gekommen zu sein scheint, sich für diese Arbeit bezahlen zu lassen. Auch die teilnehmenden Wanderruderer, die ja schließlich auch etwas leisten, erwarten keine Bezahlung. Eine Insel der Seligen im wilden Meer des kommerzialisierten Sports ? Jedenfalls eine Nische, in der es sich angenehm leben läßt.

Wanderrudern und Paragraphen

Wanderfahrten finden in vielfältigen Formen statt, sind aber durchweg keine Pauschalreisen. Es sei hier ein kleiner Ausblick auf das Bürgerliche Gesetzbuch, und zwar §§ 651 a ff. BGB gestattet, die seit einigen Jahren dazu geführt haben, daß man als Teilnehmer einer DRV-Wanderfahrt einen Sicherungsschein erhält (und bezahlt), auf den man gern verzichten würde. Einem solchen Verzicht steht aber nun der § 651 l BGB entgegen. Mir scheint aber eine gründliche Prüfung angezeigt, ob - beispielsweise der DRV - zum Reiseveranstalter werden muß, wenn er eine Wanderfahrt - sagen wir, plant, öffentlich ausschreibt und mit seiner Geschäftsstelle einen Teil der Organisationsarbeit übernimmt. Die Vorstellung, daß ich mich auf eigene Kosten dagegen zwangsversichern lassen muß, daß der DRV in Insolvenz gerät, kommt mir einigermaßen abenteuerlich vor. Vielleicht hilft da eine Rückbesinnung auf das unbedingt Notwendige.

Unbedingt notwendig für eine Ruderwanderfahrt sind außer den Wanderruderern nur Wasser und ein oder mehrere Boote. Das Wasser darf nicht zu klein und nicht zu groß sein - aber da wären wir schon bei der Frage der geeigneten Gewässer. Das ist Gegenstand des vom Deutschen Ruderverband herausgegebenen, sehr verdienstvollen „Handbuchs für das Wanderrudern“, darüber mag der Interessierte dort nachlesen. Es beschränkt sich allerdings auf Deutschland und einige Randgewässer, aber der Deutsche Ruderverband unterhält darüber hinaus ein Archiv, aus dem man Unterlagen über Wanderfahrten in anderen Ländern erhalten kann. Und die von den Paddlern herausgegebenen Handbücher lassen sich prächtig mitbenutzen, bis zu einem gewissen Grade sogar die Handbücher für Motorbootfahrer.

Auf die Frage, welche Boote sich für welches Gewässer am besten eignen, werde ich zurückkommen, hier soll sie nicht mein Thema sein. Wenn der Planer oder Organisator einer Wanderfahrt, und damit komme ich auf den § 651 a BGB zurück, nichts anbietet außer den Booten, die er am Rande eines bestimmten Gewässers bereithält, ferner Übernachtung oder eine Schloßbesichtigung auf dem Programm stehen, dann bietet er keine Gesamtheit von Reiseleistungen an. Erst recht liegt kein Reisevertrag vor, wenn er zu einer bestimmten Zeit Boote zur Verfügung stellt und zu einer späteren Zeit wieder abholt.Der DRV oder der ausschreibende Verein wird dadurch kein Reiseveranstalter. Die Teilnehmer, die sich zur Wanderfahrt melden, schließen weder mit dem Fahrtenleiter noch mit dem DRV oder dem sonst veranstaltenden Verein oder Verband einen Reisevertrag ab. Sie buchen auch keine Reiseleistungen, mag auch Hotelübernachtung bestellt sein. Noch weniger, wenn man plant, in Bootshäusern oder Zelten zu schlafen. Wenn ich im Bootshaus eines Vereins übernachte, schließe ich keinen Beherbungsvertrag, sondern bediene mich der unter Sportlern verbreiteten Gastfreundschaft. Der kleine Obolus, der zur Deckung der Unkosten des Vereins gezahlt zu werden pflegt, ist kein Entgelt für die Beherbergung. Bei Hotelübernachtung wird der Fahrtenleiter oder der veranstaltende Verband oder Verein nicht die Leistung des Wirts „in eigener Verantwortung erbringen“ (dann müßte er sich auch Beschwerden wegen eines zu hart gekochten Frühstückseis oder zu labbrigen Kaffees gefallen lassen), sondern nur vermitteln wollen.

Die Paragraphen können dann wichtig werden, wenn es nicht so läuft, wie geplant und gewünscht. Ein Unfall kann gewaltige Schäden verursachen, schnell stellt sich dann die Frage, wer den Schaden, finanziell gesehen, trägt. Die Landessportverbände haben Haftpflichtversicherungen für ihre Mitglieder abgeschlossen, die eintreten, wenn einen Sportler eine gesetzliche Haftpflicht aus einem Sportereignis trifft. Natürlich ist das nicht so einfach, wie es da geschrieben steht, die Haftungsfrage selbst und die Versicherungsbedingungen wollen beachtet sein.

Genug der Abschweifungen ins Land der Jurisprudentia ! Aber sie bildet ja eines der Gesprächsthemen, die auf Wanderfahrten so vorkommen. Reden im Boot ? Für den ernsthaften Rennruderer ein Ding der Unmöglichkeit. Aber Wanderfahrten können selbst dann noch gelingen, wenn ein Plappermäulchen mit im Boot sitzt, dessen Mundwerk sich nicht abstellen läßt. Freilich überschätzen diese Wanderruderer meist das Interesse, das ihren Worten entgegengebracht wird. Damit das nicht auch mir passiert, mache ich hier mal Schluß. Nur dies noch:

Kennt ihr die Geschichte vom letzten Kilometer...

Ein bei Wanderruderern beliebter Kanon, der auf dem letzten Kilometer einer Wanderfahrt gesungen wird. Die Geschichte vom letzten Kilometer will ich hier nun zwar nicht verraten, aber einen abschließenden Blick sollte man auf die geruderten Kilometer doch werfen. Für einige Wanderruderer scheinen sie sehr, manchmal allzusehr, ein wichtiger Anreiz zu sein. Gewiß, wenn man viele Kilometer gerudert ist, kann man stolz sein. Man bekommt auch Preise dafür, z. B. den Äquatorpreis, eines der guten Überbleibsel des DDR-Sports. Aber irgendwo haben dieser Stolz und die Preise doch den ihnen gebührenden Platz, in einer Vitrine, einer würdigen Ecke, aber nicht im Vordergrund des Interesses. Als hervorragende Ziele des Wanderruderns erscheinen sie mir fragwürdig, die Nähe zum Wettkampfsport ist unübersehbar. Damit will ich nicht den Wettkampf allgemein oder das Rennrudern herabwürdigen, nur, es ist etwas grundlegend anderes.