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Schweim: Internetapotheken sind Einfallstor für Arzneimittelfälschungen

 

 

Internetapotheken sind in Deutschland sinnlos, findet Prof. Harald G. Schweim, Lehrstuhlinhaber für "Drug Regulatory Affairs" an der Universität Bonn. Vielmehr stellten sie ein Einfallstor für Arzneimittelfälschungen dar. Wie groß die Gefahr durch gefälschte Medikamente in Deutschland ist und welche Maßnahmen die Politik ergreifen sollte, erläutert der ehemaliger Präsident des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) im Interview mit Facharzt.de:

 

Schweim: Manche Fälschungen werden erst durch eine chemische Analyse erkannt

Facharzt.de: Herr Prof. Schweim, Arzneimittelfälschung ist letztendlich eine Form der organisierten Kriminalität. Offensichtlich ist sie aber kaum im Bewusstsein der Bevölkerung verankert, obwohl sie neben wirtschaftlichen Schäden auch tödliche Folgen für Patienten haben kann. Woran liegt das?

Schweim: Ich glaube, dass wir in einer Art Koalition der Vertuscher und Stillschweiger gelebt haben. Was einmal daran liegt, dass es den Handel illegaler Art gibt, bei dem der Beschaffende weiß, dass es nicht legal ist, sich ein Medikament ohne Rezept zu besorgen. Deswegen redet er dann nicht darüber, wenn er betrogen wird. Zum Zweiten hat die Industrie über lange Zeiträume in der Angst gelebt, "wenn jetzt von der Firma XY bekannt wird, dass Produkte gefälscht sind, verschreibt der Arzt von XY nichts mehr". Das Dritte ist, dass die Politik dem Problem einfach keine Aufmerksamkeit geschenkt hat, weil die Überwachung viel Aufwand und viel Geld kosten würde, insbesondere in den Ländern. Zu diesen drei Hauptfaktoren – es gibt noch mehr – kommt ein letzter Punkt, den man nicht vergessen darf: Über lange Zeit war Arzneimittelfälschung ein Problem in der Dritten Welt und erreichte uns in Europa nicht. Ich glaube allerdings, dass sich das jetzt ändert. Erstens erreicht es uns in höherem Maße und zweitens verändert sich die Sichtweise der Industrie und auch der Politik.

Facharzt.de: Wie häufig sind Fälschungen in Deutschland?

Schweim: Es gibt keinen Bundesverband der Arzneimittelfälscher, der regelmäßig Zahlen herausgibt. Daher muss man schätzen, und dies wird zwangsläufig sehr grob sein. Die meisten Schätzungen liegen zwischen acht und zehn Prozent, bezogen auf Europa. Und das wird dann Deutschland als der wichtigste Markt in Europa wohl auch erreichen.

Facharzt.de: Lässt sich sagen, ob es sich dabei in Deutschland mehr um "einfachen Betrug" handelt, bei dem Originalmedikamente in gefälschten Packungen verkauft werden, oder besteht massiv Gefahr für Patienten, weil Präparate mit falscher Zusammensetzung in Umlauf kommen?

Schweim: Deutschland ist – sehr betonend, dass wir nur die Spitze des Eisbergs sehen – zur Zeit die Insel der Seligen. Wir haben in der jüngeren Vergangenheit noch keine tödlich zusammengesetzten Arzneimittel gehabt. Wir hatten so etwas vor einigen Jahren, fast Jahrzehnten, in der Bodybuilder-Szene, aber in den neueren Fälschungen noch nicht. Die meisten Produkte, die wir gesehen haben, sind unterdosiert und/oder erfüllen nicht die Reinheitskriterien, sind also vielleicht gesundheitsschädlich, aber nicht lebensgefährlich. Sehr viele Fälschungen sind auch Fälschungen im wirtschaftlichen Sinne. Das heißt also zum Beispiel abgezweigte Bulkware, die als Original verkauft wird oder mit abgelaufenem Verfalldatum, umgepackte Ware oder ähnliche Dinge.

Facharzt.de: Sie selbst haben darauf hingewiesen, dass gefälschte Medikamente sogar schon in die Apotheken und nicht nur in den illegalen Handel gelangt sind. Wie kommt es überhaupt dazu?

Schweim: Es gibt eine ganze Reihe von Möglichkeiten, die direkt proportional zur Qualität der Fälschungen sind. Mir ist ein Fall bekannt, wo der Originator sein Produkt als gefälscht auf den Tisch gelegt bekommen hat und gesagt hat, "das ist unser Produkt". Und erst bei der Analyse der Drageefarbe hat sich herausgestellt, dass es tatsächlich gefälscht war. Solche Fälschungen können natürlich ganz normal in die Kette hineinkommen. Wer nun derjenige ist, der den Großhandel beliefert, das kann ich Ihnen nicht sagen. Auch da gilt wieder: Es gibt keine Umfragen. Verdächtigt wurden in der Vergangenheit immer die Broker. Die darf es nach der zwölften AMG-Novelle eigentlich nicht mehr geben. Aber es muss irgendwo kriminelle Menschen im Bereich des Großhandels, im Bereich der Abgabe von Firmen, bis hin zu Apotheken oder Krankenhausapotheken geben.

Facharzt.de: Sie prangern Internet- und Versandapotheken als großes Einfallstor für gefälschte Medikamente an. Wird durch die Zulassung von Internetapotheken die Wettbewerbsfreiheit über die Patientensicherheit gestellt?

Schweim: Aus meiner persönlichen Sicht - ja. Der Internethandel ist die größte Gefahr. Und zwar deswegen, weil sich in allen Fällen, wo Fälschungen in der Apotheke aufgetaucht oder genauer gesagt in der Supply-Chain aufgetaucht sind, immer wieder Fachleute mit dem Produkt beschäftigt haben. Da sitzen im Großhandel PTAs, da sitzen in Apotheken Apotheker und PTAs und gucken auf die Packungen. Ungefähr acht Millionen mal im Jahr werden in deutschen Apotheken Packungen geprüft. Und so sind alle diese Fälschungen bisher nicht oder fast nie in die Hand des Patienten gelangt. Im Internet haben sie dagegen praktisch keine Kontrollen mehr. Unter Umständen gelangen die Medikamente direkt vom Fälscher in die Hand des Patienten. Das ist der erste Punkt. Der zweite Punkt ist: Es ist nach meiner Ansicht nicht möglich, im Internet seriös zu kontrollieren, ob diejenige, die Ihnen dort ein Angebot macht, eine offiziell lizensierte Internetapotheke ist. Alles andere darum herum ist sehr leicht fälschbar. Ich kann Ihnen eine Internetadresse verbiegen, ich kann mir ein Rezept an eine Briefkastenfirma schicken lassen, ich kann es sogar offiziell quittieren. Da viele dieser Produkte nicht erstattet werden – das ist ja der Hauptgrund, warum die Menschen ins Internet gehen – kommt das häufig nicht einmal zu den prüfenden Fachleuten in den Krankenkassen. Das Problem ist einfach, dass hier für einen gewissen finanziellen Vorteil aus meiner Sicht das Risiko unterschätzt worden ist. Ein weiterer Punkt ist der Parallelhandel. Da wird ja immer gesagt, es hat noch keinen Fall gegeben. Ich habe eine ganze Reihe von Fällen zusammengestellt, dass auch im Parallelhandel solche Dinge vorkommen. Wir müssen immer wieder betonen: Was wir sehen, ist die Spitze des Eisbergs und nicht die Breite.

Facharzt.de: Brauchen wir überhaupt Internetapotheken?

Schweim: Ich halte für ein Land mit einer Apothekendichte wie Deutschland Internethandel für kompletten Unfug. Wenn ich zu meinem Hausarzt gehe, dann ist es für mich ausgesprochen schwer, auf dem Weg vom Parkplatz zu seiner Praxis nicht an mindestens drei Apotheken vorbeizukommen. Internethandel ist sinnvoll für Länder wie Australien, Kanada oder die Weiten der USA und für Länder mit Flying-Doctor-Service. In Deutschland ist das aus meiner Sicht sinnlos. Den Vorteil, den die Regierung in so genannten Chronikerprogrammen gesehen hat, sehe ich auch nicht. Das hätte man auch mit Verträgen mit Lieferapotheken abschließen können. Dann hätte man die Gewissheit, dass es immer durch die Hände von Fachleuten geht. Für die Strafverfolgungsbehörden wäre es auch viel einfacher, wäre der Internethandel nicht zugelassen. Dann müsste man nicht jedesmal gucken, ist das jetzt ein legaler Fall oder ist das ein illegaler Fall. Dass alles würde den Internethandel mit Arzneimitteln nicht völlig zum Erliegen bringen. Die Leute, die illegal Viagra ohne Rezept kaufen wollen, wird es immer noch geben. Aber das ist dann eine andere Qualität. Der normale Patient, der sein Rezept einschickt, der hätte dann ein geringeres Risiko.

Facharzt.de: Heißt das auch, dass im Versandhandel die Dunkelziffer besonders hoch ist, weil die Medikamente, wenn Nebenwirkungen oder keine Wirkung auftreten, nicht wieder in die Apotheke gebracht werden?

Schweim: Davon ist wohl auszugehen. Britische Kollegen haben einen repräsentativen Kauf von Viagra im Internet durchgeführt und festgestellt, dass 50 Prozent der Produkte gefälscht waren. In Deutschland hat es eine Untersuchung des Zentrallaboratoriums Deutscher Apotheker gegeben. Da waren unter den fünf eine gefälscht, sie enthielt nur 60% des deklarierten Wirkstoffs, wenn ich jetzt die Zahl richtig im Kopf habe. Das heißt, man kriegt sehr, sehr häufig Fälschungen, wenn man illegal kauft.

Facharzt.de: Ich dachte jetzt auch an legale Fälle. Andere Medikamente kann man schließlich ganz legal im Internet beziehen.

Schweim: Richtig. Da kann ich Ihnen aber mit Zahlen nicht dienen. Es ist so schon schwer genug, und man hört dann eher etwas über diese offensichtlichen Fälle. Ich wüsste keine Zahlen von Betrügereien mit Arzneimitteln, die auf Kassenrezept oder ähnliches geliefert sind. Das müssten die Kassen sagen, ob so etwas schon vorgekommen ist.

Facharzt.de: Welche Möglichkeiten hätte die Politik, wirksamer gegen gefälschte Arzneimittel vorzugehen?

Schweim: Aus meiner Sicht gibt es eine Reihe von Möglichkeiten gesetzlicher Art. Man hat ja damals gesagt, man könnte dem europäischen System mit Freihandel nicht ausweichen, man müsste den Internethandel zulassen. Das ist nie wirklich bewiesen worden. Das ist so gemacht worden, weil man es auch politisch so wollte. Nach meinem Rechtsverständnis steht in den Römischen Verträgen drin, dass "zum Schutze der Volksgesundheit" Maßnahmen möglich sind. Ich glaube allerdings, dass es nicht möglich wäre, zum Beispiel den Parallelhandel völlig zu verbieten, dazu ist er wirtschaftlich zu bedeutungsvoll. Aber es gibt eine Reihe von Sonderregeln, zum Beispiel, dass im Parallelhandel keine eigene Chargenbezeichnung auf den Medikamenten sein muss, dass der Pharmazeutische Unternehmer für den Parallelhandel gewisse Erleichterungen hat. Dort könnte man Sicherheitsmaßnahmen einziehen. Wir denken im Moment gerade über eine solche Initiative nach, die nicht zu viel kostet, die wir demnächst vorschlagen wollen.

Facharzt.de: Wie ließen sich solche Sicherheitsmaßnahmen umsetzen?

Schweim: Beispielsweise indem man die Dragees oder den Inhalt der Schachtel in ein so genanntes Saché – das ist ein Beutel – verpackt, darauf eine eigene Chargennummer des Parallelimporteurs und seine Firmenangaben. Da sowieso der Beipackzettel ausgetauscht werden muss, ist das sicherlich eine Maßnahme, die man verlangen könnte. Ich finde, dass hier die Möglichkeiten einfach nicht ausgereizt sind.

Facharzt.de: Eine Frage, die ja auch häufig gestellt wird: Sind die Strafen beziehungsweise das Risiko für die Fälscher zu gering?

Schweim: Ich glaube, das gehört zu den wenigen wirklich sehr guten Reformen, die auch durchgesetzt worden sind: Die Anpassung des Arzneimittelgesetzes im Sinne der Strafen. So ist in der zwölften Novelle von der früheren Strafe von einem Jahr auf drei Jahre gegangen worden, und in besonders schweren Fällen kann diese Strafe dann auch noch größer sein. Damit steigt das Risiko für einen Krankenhausapotheker, für einen Apotheker im Großhandel oder in freier Praxis oder für einen Arzt, der sich in einem solchen Fälschungsskandal für irgendetwas hergibt, stark an. Sie müssen aber bedenken, dass die Summen, die zu verdienen sind, einfach gigantisch sind. Das liegt zwischen geschätzten vier und 40 Milliarden US-Dollar weltweit. Und das sind Summen, für die werden auch Morde begangen. Das ist lukrativer als zum Beispiel Marktpiraterie. Viele Leute aus der Polizeiszene sagen mit einem gewissen zynischen Unterton: "Waffenhandel, Banküberfall – alles das ist viel risikoreicher als Arzneimittelfälschung".

Facharzt.de: Ich danke Ihnen für das Gespräch.

 

 

 

Do, 20.10.2005 11:32 / Anja Schulte-Lutz, Facharzt.de