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"NO RISK - NO FUN" ?

Frauen allein auf Lanzarote

unterliegen, so sagt es ein Reiseführer, wie überall auf der Welt bei nächtlichen Streifzügen und Autostopp einem erhöhten Risiko. Drogenkonsum und der tiefverwurzelte Machismo gehen manchmal eine unheilvolle Verbindung ein.

Das Wandern selbst in abgelegenen Gebieten, so heisst es weiter, gilt als gefahrlos.

Dazu kann ich ein Erlebnis beisteuern:

Im Jahr 2000 war wieder einmal "Urlaub auf Lanzarote" angesagt. An einem herrlichen Tag machen wir (4 Erwachsene) uns auf den Weg, die "Caldera Blanca" zu erkunden.

In einem kleinen Opel Corsa fahren wir durch den Parque Nacional de Timanfaya nach Tinajo.
Am Ortsanfang geht’s links Richtung "Punta Alonso", "Punta Gaviota" und "Playa de la Madera". Die geteerte Straße endet an der Abzweigung zur "Punta Alonso".
Wir bleiben auf der zunächst noch festen und relativ breiten Piste zur "Playa de la Madera".

Nach ein paar Sekunden geht es nur noch durch das malpais-Meer – Lava soweit das Auge reicht. Bis zum Atlantik hin ist diese Landschaft geprägt von "islotes", heute unbewirtschaftete Felder, die wegen ihrer Lage von den jüngsten Vulkankatastrophen verschont blieben. Mangel an Wasser verhindert noch immer ihre Kultivierung.

Einige Minuten später verlassen wir den planierten Weg und kurven über abenteuerliches Gelände und kaum erkennbare Pfade bis an den Fuß der Caldera, etwa 100 Meter von einer "Casa del Islote", einem Haus, dass als Ziegenstall dient. Der Wachhund, ein dünner Schäferhund mit Schlappohren, sieht uns aufmerksam zu, als wir uns aus dem Corsa zwängen.

 

 

Hier ist der Hang relativ flach.
Der Aufstieg, der bei guter Kondition knapp zehn Minuten dauert, beginnt. In der Hälfte der Strecke wird mir schlecht. "Sorry, ich kann nicht mehr weiter." Mein Kreislauf geht in die Knie, ich auch. Ich setze mich auf den warmen Stein und warte ein paar Minuten.
Als sich mein Zustand nicht ändert, steige ich wieder hinab zum Auto. Die anderen drei "Bergsteiger" kraxeln weiter.

Ich bin allein. Es ist absolut ruhig – bis auf das permanente Ohrgeräusch, in der medizinischen Fachsprache "Tinnitus" genannt. Keine Menschenseele weit und breit zu sehen, meine Freunde sind inzwischen über dem Rand der Caldera verschwunden. Ihr Ziel ist die Umrundung der und dann der Abstieg in die Caldera. Derweil bleibe ich allein am Auto, setze mich zwischen Disteln und ein paar verkümmerte gleichfalls stachlige Pflanzen auf den erstarrten Lavafluss. Der Hund liegt in gebührender Entfernung vor den Ställen und beäugt mich ab und zu.

"Frauen allein auf Lanzarote ... Risiko" geht mir durch den Kopf. "Unsinn !" Habe ich den AutoschlĂĽssel ? Ja. Vielleicht sollte ich den Corsa in Fahrtrichtung parken ? Fahrtrichtung = Fluchtrichtung. Ja, das sollte ich. Ich tue es.

 

Wie einsam es hier ist –

bis zum Horizont nur Lavafelder, keine Menschenseele.
Auch kein Autoradio, dass mich hätte ablenken können.

Nur Ruhe und meine Gedanken.

 

Ich stelle mir den phantastischen Rundblick vor, den meine Freunde vom Kraterrand aus haben. Und die Faszination des Vulkanschlunds, so fern von Zeit und Raum.
Wie gut, dass ich dieses tief beeindruckende Erlebnis bereits einmal hatte ... mit Carlos ... vor langer, langer Zeit ...

 

Ein sich näherndes Auto
reisst mich aus meinen nostalgischen Träumereien.

 

                                                                                

 

Das Auto rumpelt hin und her schwankend direkt auf mich zu. Touristen auf dem Weg zur Caldera ? Der Ziegenhirt ? Feldarbeiter ? Wer auch immer: Ich bin alleine hier. Ein Blick zur Caldera hinauf: Nichts von meinen Freunden zu sehen. Ich rufe laut: Hallo, wo bleibt ihr ? Nur der Hund hebt den Kopf und bellt kurz.

 

Das Auto kommt exakt auf mich zu; der Ford Fiesta biegt nicht rechts oder links ab. Mir wird’s mulmig. Ich steige in den Corsa. Soll ich wegfahren ? Aber wohin ? Der Weg führt erst einmal geradewegs auf den anderen Pkw zu. Jetzt sind sie (es sind keine Touristen, sondern zwei einheimische Männer) etwa 10 Meter vor mir, kommen näher, schauen interessiert zu mir hin. Was kann ich tun ? NICHTS, solange sie mir den Weg versperren. Da – die Räder des Fiesta neigen sich nach links. Uff, die Beiden fahren direkt vor mir ab links Richtung Ziegenstall. Ich atme auf.

Aber was ist das ?

Der Fiesta stoppt – und wendet !!!! ALARM !!! ALARM !!! Ich drehe den Zündschlüssel herum, der Motor springt an. Was tun ? Wo sind meine Freunde ? Kann ich wegfahren und sie alleine zurücklassen ? Oder muss ich dann wieder zurückkommen ? Der Fiesta kommt ganz langsam ... auf mich zu. Ich blicke in zwei grinsende Gesichter, finstere, verwegene Gestalten.

HĂ–CHSTE ALARMSTUFE !!!
In meinem Magen rumort und explodiert es;
das Blut unterwirft sich der Schwerkraft.
"Todesangst" –
dieses Wort erfĂĽllt sich in Sekundenbruchteilen mit Leben,
erfĂĽllt mich voll und ganz. Ich erkenne blitzartig:
Es gibt kein zurĂĽck!
Ich drĂĽcke aufs Gaspedal und
der Corsa schießt mit einem Ruck staubaufwirbelnd vorwärts.
Der Beifahrer im Fiesta droht mit der Faust;
sie heften sich an meine StoĂźstange.
Eine verzweifelte, halsbrecherische Jagd beginnt,
wobei ich leider die Gejagte bin.

"Lieber Gott", bete ich, "lass die Achsen nicht brechen."

Wer jemals auf Lanzarote war und unbefestigte Wege im Lavafeld "gefahren" ist, weiss, wovon ich rede. Ich presche durch Steinfelder, der Corsa schleudert hin und her, setzt hinten auf (oh Gott, der Benzintank), schrammt ĂĽber teilweise scharfkantige Lavabrocken, weiter, weiter, nur nicht stehen bleiben. 30 km/h, eine riskante Geschwindigkeit.

"No risk, no fun" – wer hat das mal gesagt? Ha, dann bitte lieber weniger fun. Noch ist der Fiesta dicht hinter mir, der Abstand hat sich ein wenig vergrößert, soweit ich erkennen kann, denn es staubt gewaltig! Zack, eine Bodenwelle, ich stoße mit dem Kopf ans Autodach, krache in den Sitz zurück. Weiter, weiter, das Lenkrad fest in der Hand, nur nicht aus der Spur kommen, nicht hängenbleiben, nur immer vorwärts !

Endlich:

Der befestigte Weg liegt direkt vor mir,
rechts um den Berg herum,
feiner Splitt spritzt in einer enormen Staubwolke hinter mir hoch mit 80 km/h rase ich ĂĽber die Piste.
Vor mir nur die "StraĂźe", nichts anderes nehme ich wahr.

Dann - ein Blick zurĂĽck: Der Fiesta ist noch nicht in Sicht. DafĂĽr aber eine Gruppe Wanderer, die erschrocken beiseite springen ob dem Rowdy in friedlicher Landschaft.

Direkt vor ihnen bremse ich, steige mit schlottrigen Knien aus – der Fiesta nähert sich langsam. "Hallo, tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt habe", wende ich mich an die irritierten Wandersleut. Nach einer kurzen Erklärung, während der Fiesta mit zwei wütenden Insassen vorbeifährt, verstehen sie meine Raserei und bleiben noch ein paar Minuten bei mir stehen. Es sind waschechte "Ossis", ich könnte sie umarmen !

 

Was nun? Zurück zum Ausgangspunkt? Aber vielleicht tun das zwei Rachsüchtige auch? Ins nächste Dorf, einen Kaffee trinken und in einer Stunde wieder zur Caldera fahren? Okay, klingt gut. Auf dem Weg zum Dorf achte ich aufmerksam nicht nur auf andere Fahrzeuge, sondern merke mir auch jede Kreuzung, damit ich meine Freunde wieder finde; denn hier gibt es keine Beschilderung, keine Hinweise. In Tinajo fehlt mir das wichtigste: Geld !!

 

 









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Dann eben keinen Kaffee, nur eine gemĂĽtliche Rundfahrt, ein ebenso gemĂĽtlicher RĂĽckweg bis zu den endlos erscheinenden Lavafeldern. Nirgends ein Fiesta zu sehen, Gott sei Dank ! Anstatt links zur Caldera abzubiegen, steuere ich geradeaus Richtung Meer. Weiter vorne zuckelt ein Landrover auf der gleichen Route.

Binnen kĂĽrzester Zeit
stelle ich fest, dass es sinnvoller wäre, die Strecke
in einem Jeep oder ähnlichem "Querfeldein-Vehikel" zu befahren.

Na ja, fahren kann man das nicht nennen. Ich rumple und schwanke über und zwischen mächtigen Wacken, schlage enge Haken, rutsche in nur wenige Zentimeter Abstand einen Hang entlang. Der Boden des Corsa schleift die meiste Zeit über die Lavabrocken. Nein, das wird nicht klappen, schließlich muss ich die ganze Strecke auch wieder zurück.

Ich wende auf dem nur etwa 1,50m breiten "Weg", wirklich !! Schweiß brennt in meinen Augen, durchnäßt mein T-Shirt, aber es ist eine andere Art Angst, eine ganz andere Qualität, nicht lebensbedrohlich für mich, allenfalls für den Corsa.

Geschafft !!!

Den Pfad zur "Caldera Blanca" finde ich ganz schnell – meine Freunde kommen mir schon entgegen: "Wo bleibst du denn? Wir kommen müde von der Tour zurück, suchen Dich, während Du wohl in Tinajo in aller Gemütlichkeit Kaffee getrunken hast!" Ich bezwinge meine Wut und kläre sie auf, schließlich trifft sie an dem Abenteuer keine Schuld. Oder doch? Hätte nicht wenigstens eine Person bei mir bleiben müssen? "Frauen allein auf Lanzarote ..."

"Es ist doch nichts passiert, reg Dich nicht auf, letztlich war es doch ein Spaß, den Corsa so zu fordern – oder nicht?"

"NO RISK – NO FUN" ???

Nein, lieber:

"NO RISK – MORE FUN " !!!

                                                      


 

Verfasser: johanna            
e-mail:
johanna.pilger@web.de
HP: http://www.johanna-pilger.de
Die Geschichte von Johanna hat sich 2000 abgespielt

Ich bedanke mich ganz herzlich bei johanna für die Erlaubnis, ihre Geschichte auf meiner Seite ab”drucken” zu dürfen, das copyright liegt selbstverständlich bei ihr.

Auf johanna´s HP gibt es noch eine weitere, sehr schöne, romantische Geschichte über ein Erlebnis von ihr auf Lanzarote
 

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