Sieglinde vom Hochmoor

Die Erfolgsstory der Moorkartoffel

Die Moorkartoffel "Sieglinde" bildet ein wichtiges Standbein für die hiesige Landwirtschaft. 40 Betriebe bauen dieses Produkt an. Sie werden im Jahre 2003 ca. 2300 - 2500 t ernten. Das bedeutet, dass die Ernte wahrscheinlich überdurchschnittlich gut ausfallen wird, denn im Vorjahr wurden nur 1500 t geerntet. Sie hat eine Spitzenstellung unter den verschiedenen Kartoffelsorten und ist nicht zuletzt dafür verantwortlich, dass viele Betriebe in dieser Region noch überlebt haben. Während die Ernte der Kartoffeln auf sandigen Böden doch sehr unter der Trockenheit dieses Jahres gelitten hat, scheint die Ertragsmenge der Moorsieglinde überdurchschnittlich zu sein, und auch der Preis bewegt sich durchaus im herausgehobenen Rahmen mit 26,- €/dz. So sichert die Moorsieglinde auch in diesem Jahr manch bäuerlichem Betrieb das Überleben im Jahre 2003.

Persönliche Vorbemerkungen

Bedanken möchte ich mich bei Herrn Martin Monsees, der mich kompetent von der bäuerlichen Seite her beraten hat. Mein Dank gilt auch Herrn Burmester, dem ehemaligen Geschäftsführer der Raiffeisen-Warengenossenschaft. Beide haben es mir ermöglicht, die Erfolgsstory festzuhalten. Mit Informationen und Auskünften wurde ich durch die Warengenossenschaft Raiffeisen Gnarrenburg bereitwillig versorgt. Ihr danke ich ebenso wie der Firma Böhm Kartoffelzucht KG für die Zusendung von einschlägigen Broschüren Eigentlich habe ich keine besonders gute Erinnerung an Kartoffeln allgemein, ist sie doch mit Arbeit und viel Mühe, wunden Knien und schmerzendem Rücken mit meiner Kindheit verbunden. Zum damaligen Zeitpunkt hatten die Herbstferien den Beinamen "Kartoffelferien"; d.h., wir Kinder mussten die gerodeten Kartoffeln aufsammeln.

Außerdem ist mir in Erinnerung, dass ganze Schulklassen, meine eingeschlossen, mit Blechdosen bewaffnet wurden und dann die Aufgabe hatten, die Kartoffelkäfer von den Stauden zu sammeln. Besonders ekelte ich mich vor deren Larven, die vollgefressen und rot sich die Pflanzen schmecken ließen.

Das Ursprungsland

Wohl kaum eine Kulturpflanze hat die Ernährungswirtschaft und unseren Speiseplan so entscheidend geprägt wie die Kartoffel. Es gibt heute wohl Hunderte von verschiedenen Kartoffelsorten und jedes Land hat entsprechend seinen klimatischen Verhältnissen und Marktanforderungen zahlreiche eigene Züchtungen hervorgebracht. Sie alle haben ihren Ursprung in Südamerika , genauer gesagt, ihre ursprüngliche Heimat ist Peru. Die Inkas bauten sie schon im großen Stil an, wie Nachbildungen von Kartoffeln beweisen, die Archäologen bei Ausgrabungen fanden.

Den Inkas diente die Kartoffel als Hauptnahrungsmittel und sie hatten bereits eine Art Gefrierkartoffel entwickelt. Dabei wurden die Knollen in 4000 m Höhe getragen und der Sonne und der Kälte ausgesetzt, so dass ihnen alle Feuchtigkeit entzogen wurde. Die Indios ließen große Lagerhallen errichten, in denen diese "Chuno" aufbewahrt wurden, so dass sie bei Missernten die Bewohner vor dem Verhungern bewahrt blieben Noch heute gibt es diese "Chunos". Sie sind ein Hauptnahrungsmittel der Bergarbeiter und sie werden als Tauschobjekt für Mais, Maniok, Kleider und Töpferwaren benutzt.

Die Kartoffel kommt nach Europa

Sicher scheint zu sein, dass der spanische Konquistador Franzisco Pizzaro in Peru auf die Kartoffel als Gemüse gestoßen war. Er ließ dieses exotische Gemüse in sein Heimatland bringen. Von dort gelangten die von den Spaniern sogenannten "Batatoes" zunächst nach Italien als Geschenk an Pius den IV. Als besonders kostbares Geschenk wurden ihm einige Kartoffelknollen überreicht mit besten Genesungswünschen, als er erkrankt war. Sie müssen ihm wahrscheinlich gut getan haben, denn die Gärtner in den päpstlichen Palästen gruben die Knollen sorgfältig ein und hüteten sie wie ihren Augapfel. Von dort gelangten sie nach Holland, ebenfalls als Genesungswunsch für einen holländischen Kardinal. Auf ebenso verschlungenen Wegen gelangte die Gemüsepflanze an den Hof Wilhelms den IV. von Hessen-Kassel, der sie seinem Kollegen, dem Kurfürsten von Sachsen, als besondere Kostprobe empfahl. Keineswegs mit Begeisterung wurde jedoch die Kartoffel überall aufgenommen. Scharlatane und Gesundbeter aus aller Herren Länder "geißelten" das Nachtschattengewächs als Teufelswurzel. Haarsträubende Horrormärchen erzählte man sich , dass die Kartoffel "allerlei" Krankheiten verursachte, ja es gab sogar Fanatiker, die sie auf dem Scheiterhaufen als Teufelswerkzeug verbrennen ließen. Zu solchen Auswüchsen kam es vor allem auch deshalb, weil es noch keineswegs selbstverständlich war, dass die sich an den Stauden entwickelten Beeren ungenießbar sind und nur die Wurzelknolle in der Erde die eigentliche Frucht darstellt. In Irland, das ständig von großen Hungersnöten geplagt war, wurde die Kartoffel zuerst heimisch. Sie setzte sich beim Anpflanzen durch. Wahrscheinlich hat Sir Walter Raleigh sie eingeführt 1552 - 1618. Bereits im Jahre 1606 war der Kartoffelanbau in Irland schon weit verbreitet. Von dort aus wanderte sie auch nach Nordamerika. Allmählich breitete sich die Kartoffel auch in Mitteleuropa aus. Friedrich der Große (1712 - 1786) erkannte schnell, dass diese neue Frucht eine entscheidende Rolle bei der Abwehr von Hungersnöten spielte. Obwohl er durch energische Maßnahmen versuchte, die Kartoffel zu verbreiten, so ließ er sie zunächst 1744 und 1745 kostenlos verteilen, und er erließ 1756 sogar einen Befehl, den sogenannten Kartoffelerlass, in dem der Anbau vorgeschrieben war und den Bauern zur Pflicht gemacht wurde. So führte dies zunächst nicht zu dem gewünschten Erfolg. Deshalb griff er zu einer List und ließ Kartoffelfelder von Dragonern bewachen, die nachts abzogen. Die Bauern meinten nun, es müsse sich um eine besonders kostbare Pflanze handeln und kamen nachts und stahlen die Kartoffel. Das war auch beabsichtigt und führte allmählich zurVerbreitung und zur Wertschätzung der Kartoffel. Während des siebenjährigen Krieges 1756-1763 gelang der Durchbruch der Kartoffel als Grundnahrungsmittel in Deutschland. In Frankreich machte sich der Apotheker Parmentier bekannt und sorgte durch ausführliche Beschreibung dafür , dass die Leute nicht mehr die grünen Früchte über der Erde aßen, sondern die Knollen. Früher war dies häufiger vorgekommen, so dass sie sich Vergiftungen durch das Solanin zuzogen. Nicht zuletzt deshalb war die Knolle in Verruf gekommen. Seit ihrer Entdeckung vergingen jedoch 2 Jahrhunderte, bevor sie in Europa als Grundnahrungsmittel anerkannt wurde, und bis Matthias Claudius ( 1740 - 1815) in seinem Kartoffellied schreiben konnte:

 
  • " Pasteten hin, Pasteten her,
  • was kümmern uns Pasteten!
  • Die Schüssel hier ist auch nicht leer
  • Und schmeckt so gut, als aus dem Meer
  • Die Austern und Lanpreten
  • .
  • Und viel Pastet
  • Ùnd Leckerbrod
  • Verderben Blut und Magen.
  • Die Köche kochen Lauter Noth,
  • Sie kochen uns Viel eher toth,
  • Ihr Herren lasst euch sagen!
  • Schön rötlich
  • Die Kartoffeln sind
  • Und weiß wie Alabaster,
  • Verdaun´n sich lieblich
  • Und geschwind
  • Und sind für Mann und Frau und Kind
  • Ein rechtes Magenpflaster. "
 

Durch immer neue Züchtungen gelang es, die Kartoffel fast überall einzuführen. So wird heute Kartoffelanbau in China ebenso betrieben wie im hießen Klima von Afrika. Ägypten, Algerien und Marokko sind sogar in der Lage, einen Teil ihrer Erträge zu exportieren. So gelang es auch durch Züchtung, eine Sorte zu entwickeln, die sich besonders zum Anbau im Moor eignete.

Sieglinde , das Ergebnis einer langen Züchtung

Es soll die Rede sein von Sieglinde vom Hochmoor. Sie war das Ergebnis einer langen Züchtung der Firma Kartoffelzucht Böhm und wurde 1936 für den Markt zugelassen. Zum hundertjährigen Bestehen der Firma verfasste ein Herr Hans-Leopold Stentzler folgende Verse über sie:

 
  • Sodann auch andere Kartoffeldamen
  • Von Böhm´s zu Ruhm und Ehre kamen.
  • Nur eine will ich davon nennen,
  • nur eine, die Sie alle kennen.
  • Sieglinde ist es, die ich meine,
  • Sieglinde, diese edle , feine.
  • Knollen, die man für Salat
  • Seit 60 Jahrn bevorzugt hat.
  • Noch heute ist sie sehr beliebt,
  • weil es kaum was bess´res gibt.
  • Auch wird sie südwärts exportiert
  • Und später wieder eingeführt.
  • Man konnte sich auf sie verlassen.
  • Sie brachte D-Mark in die Kassen,
  • womit man Anschluß sucht an die >Moderne.
  • Man hätte neue Sorten gerne.
  • Die fehlten nämlich Firma Böhm,
  • das fand diese bei Gott nicht schön.
 

Offensichtlich handelte es sich dabei um eine besonders erfolgreiche Kartoffelsorte der Firma, die bis heute im Moor angebaut wird. Sieglinde gehört zu den frühen Sorten. Landwirt Martin Monsees, Barkhausen, beschreibt "Sieglinde" so: Sie eignet sich besonders gut für den Moor-anbau, sie liebt schwachsauren Boden, und bringt bei guter Entwässerung einen sehr guten Ertrag. Mit ihrem sehr guten Preis ist sie zur Lieblingssorte geworden. Sie unterscheidet sich vor allem dadurch, dass sie als "moorblank" gehandelt wird. "Moorblank" bedeutet, sie sieht aus wie gewaschen, wenn sie geerntet wird. Dies passiert nur im Moor, in der Geest dagegen, eignet sie sich wenig zum Speiseanbau. Sie ist eine Salatkartoffel, also festkochend, und ihr Geschmack ist besonders gut, wenn sie im Moor angebaut wird. Um die notwendige Qualität zu erzielen, muss der Anbauer seinen Boden gut durch Bodenuntersuchungen kennen lernen. Danach richtet sich die richtige Düngung Da sich der Moorboden im Frühjahr nicht so schnell erwärmt wie der Geestboden, hatten die Moorbauern Nachteile bei der Vermarktung, weil sie ihre Moorkartoffeln nicht so früh liefern wie die Geestbauern. Dadurch kam man auf die Idee, Keimhäuser zu bauen, an denen Anteile erworben werden konnten.

2 Jahrzehnte wurde davon Gebrauch gemacht, in den Gemeinschaftshäusern die Kartoffeln früher zum Keimen zu bringen. So konnte ein Vorsprung von ca. 2-3 Wochen erzielt werden. Die Kartoffeln wurden in der Regel mit der Hand gesetzt, so dass die Keime nicht abbrachen. In den 50er und 60er Jahren war das Moor zudem noch nicht so tragfähig, da die Entwässerung noch nicht so weit fortgeschritten war. Nur wenige Moorbauern verfügten über maschinelle Bearbeitungsmöglichkeiten. Heute wird der Kartoffelanbau in der Regel auch mit großen Selbsterntern betrieben. Die Tragfähigkeit hat durch die guten Drainagen zugenommen, so dass auch schwere Erntemaschinen heute im Moor einsetzbar sind.

Früher wurde im Moor hauptsächlich Saatkartoffelanbau zur Vermarktung eingesetzt.

Vermarktung durch die Warengenosssenschaft Raiffeisen Gnarrenburg

Erst in den 70er Jahren setzte man auf den Speisekartoffelanbau. Dies war Herrn Klaus Burmester und der Raiffeisen-Warengenossenschaft zu verdanken. Die ersten Kontakte knüpfte der damalige Geschäftsführer der Raiffeisen-Warengenossenschaft zu einem Händler in Baden-Würthemberg. . So wurde aberkannte Ware aus dem Saatbau zunächst als Speisekartoffel vermarktet. Die Hochmoorware wurde in Würthemberg begeistert aufgenommen und er schloss eine Marktlücke. Es konnte ein wesentlich höherer Preis erzielt werden, als die auf dem Sandboden angebaute Ware. Vor diesem Hintergrund bildete sich der Plan, die Moorlandwirte davon zu überzeugen, die Vermehrung von Saatgut einzustellen, und dafür Speisekartoffeln auf Vertragsbasis anzubauen. Da die Raiffeisen-Genossenschaft wenigstens den Saatpreis garantierte, und der würthembergische Geschäftspartner größere Abnahmemengen zu diesem Preis zusagen konnte, kam der Speisekartoffelanbau langsam in Gang. 1966 gelang es jedoch noch nicht Verträge abzuschließen. Sie setzten weiter auf Saatkartoffelanbau. Erst als der Absatz von Saatkartoffeln schwieriger wurde, konnten 1969 endlich mit den Bauern eine Anzahl von Verträgen abgeschlossen werden. Dabei wurde der Erzeugerpreis mit 16,- DM pro Doppelzentner vereinbart. Abgerechnet werden konnten sogar 23,- DM pro Doppelzentner, so groß war die Nachfrage. Trotzdem kam es 1971 zu Absatzschwierigkeiten. Nachteilig für die Raiffeisen-Warengenossenschaft war vor allem, dass man Lieferverträge hauptsächlich auf Flächenbasis abgeschlossen hatte. Dabei hatte man Erfahrungswerte zugrunde gelegt, die bei 80 Zentner pro Morgen lagen. In diesem Jahr erzielten die Landwirte jedoch eine Rekordernte mit 150 Zentnern fast doppelt so hohe Erträge. Laut Vertrag war ihnen dabei ein Erzeugerpreis von 18,- DM pro Doppelzentner garantiert worden. Außerdem hatte die Warengenossenschaft durch die Flächenverträge die Abnahme der gesamten Ernte garantiert.

Da für eine solche Menge kein Absatzmarkt vorhanden war, wurde ein Teil der Ernte (insgesamt 6.000 Zentner) im Lager der Hauptgenossenschaft in Schwarmstedt eingelagert. Man hoffte zu einem späteren Zeitpunkt die Ware vermarkten zu können. Der Geschäftsführer Herr Burmester selbst legte Hand mit an beim Entladen der Knollen und Ausschütten in den Bunker. Die Hoffnung noch Ware in größeren Mengen noch absetzen zu können, erwies sich als Trugschluss. Der überwiegende Teil landete in der Müllhalde, ein Teil wurde verwertet als Viehfutter, und nur etwa 500 Zentner konnten noch als Marktware aufgebraucht werden. Der finanzielle Schaden für die Genossenschaft war erheblich. Er konnte durch einen Zuschuss der Hauptgenossen-schaft etwas gemildert werden. Die Ernte 1972 war knapp und teuer. Die Genossenschaft hatte Verträge über 20,- DM pro Doppelzentner mit den Landwirten abgeschlossen. Einige hielten sich jedoch nicht daran, sondern verkauften zu weit höheren Preisen an "fliegende Händler." Dadurch konnte die Genossenschaft die garantierte Absatzmenge nicht liefern und wurde zu Schadenersatz verpflichtet.

 

1975 herrschte eine ungemein große Trockenheit in der Bundesrepublik, sie führte zu erheblichen Ertragseinbußen. Das Hochmoor blieb jedoch mengenmäßig von Einbußen verschont. Die dort vorhandene natürliche Feuchtigkeit reichte für die Kartoffel aus. Preislich ergab sich eine Steigerung von 85 %. Die Mengen 1976 waren noch besser. Die Ergebnisse erhöhten sich um 56 %. Der Wert steigerte sogar um 175 %, so dass für 1,5 Mio DM Kartoffeln verkauft werden konnten

In der Spitze erzielte der Doppelzentner Sieglinde einen Preis von 80,- DM. In diesem Jahr exportierte die Genossenschaft erstmalig Ware nach Italien

Kartoffelkrankheit und ihre Bekämpfung

Im Jahr 1980 litt die Ernte unter zu hohen Niederschlägen. Insbesondere machte die Krautfäule zu schaffen. Da die Landwirte mit ihren Schleppern nicht auf die Felder fahren konnten, um gegen die Krautfäule die notwendige Spritzung vorzunehmen. Man stellte deshalb von Seiten der Genossenschaft die Überlegung an, die Krautfäule durch gezielten Einsatz eines Hubschraubers zu bekämpfen. Der Maschinenring Zeven vermittelte einen Einsatz. Die Überlegungen stießen zunächst auf Skepsis. Als jedoch die Spritzung aus der Luft zu 100 % klappte, beteiligten sich spontan ca. 95 % der Betriebe. Die Spritzung wurde jährlich bis 1987 wiederholt. Dann wurde sie wegen zu hoher Umweltbelastung durch angeblich verwehte Spritzbrühe verboten. 1983 kam es zu einem spektakulären Unfall. Ein Hubschrauber ging dabei zu Bruch. Der Pilot hatte den weichen Untergrund bei der Landung nicht einkalkuliert.

Der Einsatz des Hubschraubers wurde bei extremen Witterungsbedingungen nochmals über Sondergenehmigungen in den 90er Jahren genehmigt.
Ebenfalls kam es in den 80er Jahren zu einem spektakulären Einsatz im April. Die Kartoffeln, die im Herbst wegen zu nasser Böden nicht geerntet werden konnten, wurden im April mit dem Schleuderroder ausgerodet.

Vermarktung in geordneten Bahnen

In den 80er Jahren nahm das Geschäft mit der "Sieglinde" immer größere Formen an, so dass auch andere im Geschäftsbereich agierende Abnehmerfirmen auf den Geschmack gekommen waren. Das hatte zur Folge, dass Marktpreise unterlaufen wurden. Die Firmen, Saatbauverein Bremervörde, die Genossenschaft Selsingen und die Firma Seeba, Hammah vereinbarten mit der Genossenschaft in Gnarrenburg ein Preislimit, um den Preis am Markt stabil zu halten. Dies führte zunächst zum Unmut der Landwirte, da sie die einzelnen Firmen nicht mehr gegenseitig ausspielen konnten.

So wurden aber realistische Preise mit vernünftigen Konditionen erzielt. Die Marke Sieglinde erwies sich als Qualitätsmerkmal. Als einer der Partner, der die Vereinbarung getroffen hatte, glaubte, dass er zu dem Preis die Kartoffeln nicht absetzen konnte, bot er die Ware zu einem niedrigeren Preis an. Dies erwies sich nicht als verkaufsfördernd hatte eher die gegenteilige Wirkung. Ein Abnehmer stieg aus , weil nach seiner Aussage die Sieglinde nur absetzbar war, wenn der Preis sich von anderen Sorten deutlich nach oben abheben würde. Der Geschäftsführer der Raiffeisengenossenschaft Gnarrenburg war darum bemüht, möglichst die Vermarktung der Sieglinde zu bündeln, um in der Lage zu sein, als nur ein Anbieter auf dem Markt auftreten zu können.

Ab 1990 gelang dies weitgehend, da die Vermarktung von Bremervörde und Selsingen mit übernommen wurde. Zu dieser Zeit wurden auch neue Verträge eingeführt. Diese basierten nicht mehr auf der Flächennutzung, sondern auf festgelegten Mengen. Hierfür wurden zu Beginn des Jahres die Preise vereinbart. Außerdem wurde festgelegt, dass die Landwirte ausschließlich an die Raiffeisen-Warengenossenschaft ihre Lieferungen durchzuführen hatten. Bei Missachtung drohte vollkommener Ausschluss. Durch diese heute noch geltende Vertragsform wurden die jahrelangen Bemühungen, den Markt in Ordnung zu halten zu Erfolg gebracht. So konnten annehmbare Preise durchgesetzt werden. So werden erst seit dieser Zeit bis zum heutige Tage ein dreifacher bis fünffacher Marktpreis gegenüber anderen vergleichbaren Sorten erzielt. Auf der Abnehmerseite blieb die Firma aus Heilbronn der größte Vermarkter . Daneben wurde aber auch an weitere Firmen aus Baden-Würthemberg, im Rheinland und Hamburg Kartoffeln geliefert. Als Gütezeichen entstand in den 80er Jahren das Etikett mit dem Gnarrenburger Wappen mit der Burg. Dieser Einfall erwies sich als marktfördernd. So verlangten die Leute teilweise nicht nur die Sieglinde , sondern die Kartoffel mit der Burg, berichtete der Geschäftsführer der Raiffeisenwaren-Genossenschaft, Herr Burmester. Durch die gute Vermarktung der Sieglinde sind Millionenbeträge in die Region geflossen. Ohne diese zusätzlichen Einnahmen hätten schon viele Betriebe schließen müssen.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Die Raiffeisen-Warengenossenschaft gehört rund 800 Betrieben in der Teufelsmoorregion zwischen Osterholz-Scharmbeck , Gnarrenburg und Worpswede. Sie beziehen von der RWG ihre Betriebsmittel wie Saatgut, Futtermittel und Dünger sowie Baustoffe. Nach der Ernte vermarktet die RWG das Getreide und die Kartoffeln der Landwirte. Der optimale Erntetermin wird von der RWG bestimmt, damit die Kartoffeln auch dem Qualitätsstandard entsprechen. Außerdem wird so die Erntemenge der Nachfrage angepasst. Vor allem beim Erntebeginn im August werden die Kartoffeln nicht auf Vorrat gerodet. Das beste und natürlichste Lager ist nun mal der Erdboden. Bei Anlieferung der Kartoffeln wird von dieser Partie eine Probe genommen. Überprüft wird die Sortiergröße, die Schalenfestigkeit und ob die Knollen fachgerecht sortiert sind. Mehrere Knollen werden angeschnitten, um auch inneren Mängeln auf die Spur zu kommen. Erst wenn alle Kontrollen absolviert wurden, erfolgt die Verladung auf den LKW. Die Kartoffeln sind in 25 kg-Säcken abgepackt und mit dem Qualitätszeichen "Kartoffeln von der Burg" versehen. Die Lieferung erfolgt zeitgleich (just in time). Dann verlassen die Kartoffeln auf den LKW´s Gnarrenburg mit Ziel Nord-, West- und Süddeutschland. Die Moorsieglinde zählt zu den besonders festkochenden Sorten. Für die Gnarrenburger Hochmoorkartoffel gilt, dass sie als Salat- und Pellkartoffel gut geeignet ist. Sie sollte möglichst frisch genossen werden. Mit ihrer Qualität schmeckt sie sehr gut mit frisch angemachtem Kräuterquark. Für die Sieglinde bleibt auch im Interesse der ca. 40 anbauenden Betriebe, dass möglichst viele Verbraucher diese einfache Rezept ausprobieren oder aber stilvollerdie "Abschiedsworte an Pelka" von Joachim Ringelnatz beherzigen. Dem kulinarischen Genuss steht jedenfalls von Seiten des Erzeugers nichts entgegen.

Jetzt schlägt deine schlimmste Stunde
Du Ungleichrunde
Du Ausgekochte, du Zeitgeschälte
Du Vielgequälte,
Du Gipfel meines Entzückens.
Jetzt kommt der Moment des Zerdrückens
Mit der Gabel! - Sei stark!
Ich will auch Butter und Salz und Quark
Oder Kümmel, auch Leberwurst in dich
stampfen.
Musst nicht so ängstlich dampfen
Soll ich Schnittlauch über dich streun?
Oder ist dir nach Hering zumut
Du bist so ein rührend junges Blut. -
Deshalb schmeckst du besonders gut.
Wenn das auch egoistisch klingt,
So tröste dich damit, du wundervolle
Pellka, dass du eine Edelknolle
Warst, und dass dich ein Kenner verschlingt.