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Authentische
Mittelalterdarstellung?
Der Begriff "authentisch" ist ein Reizwort für jeden, der im
Mittelalterhobby aktiv ist. Mancher legt allergrößen Wert darauf,
vollkommen "authentisch" zu sein, andere können das Wort nicht mehr hören.
Was IST eigentlich authentisch? Nun, um es mal so zu sagen:
"authentisch ist ausgraben und anziehen".
Kurz, knapp und eigentlich perfekt gesagt.
Denn: nur, was tatsächlich aus der dargestellten Zeit stammt, ist
authentisch. Alles andere ist stets nur nachempfunden. Wenn wir uns dies
immer wieder klar machen, lernen wir, realistischer mit dem "A-Wort"
umgehen zu können. Denn was auch immer wir machen, es ist niemals
authentisch. Wir können nur nachmachen.
Ja, wird mancher nun sagen, aber das können wir ja so gut und realitätsnah
wie möglich machen.
Stimmt das?
Wie sieht das zum Beispiel mit Kleidung aus: je nach Zeit wird Leinen oder
Wolle die korrekte Stoffwahl sein. Aber ist das Leinen, ist die Wolle, die
wir heute verwenden, identisch mit dem Produkt der dargestellten Zeit?
Nein. Unsere heutige Wolle etwa stammt von speziellen Schafzüchtungen, die
auf Hochleistungs-Wollproduktion gezüchtet wurden. Im Mittelalter gab es
diese Schafe nicht. Zudem war keineswegs ausschließlich Schafwolle in
Gebrauch. Wer heute für angeblich authentische Kleidung "Wolle" benutzt,
nutzt damit eine moderne Faser, die vollkommen unauthentisch ist. Mit
Leinen verhält es sich ähnlich.
Also - das Material ist schon mal niemals authentisch.
Aber die Farben! Da haben wir doch mittelalterliche Illustrationen als
Vorbild. Oder?
Ja, haben wir. Mittelalterliche Illustrationen, die uns bunte Häuserzeilen
zeigen, Illustrationen, bei denen Pferde gerne auch mal blau sind und so
weiter. Wer erlaubt es uns, bestimmte Bildinformationen als symbolisch zu
deuten und andere als realistische Darstellungen zu nehmen? Nun, ich gehe
davon aus, dass es auch im Mittelalter nicht wirklich blaue oder grüne
Pferde gab. Wenn ich jedoch EIN Element als symbolisch oder gar nur
dekorativ deute, kann ich es nicht wagen, willkürlich andere Elemente als
reale Quellen für Farben zu nutzen. Folglich müssen wir komplett darauf
verzichten, mittelalterliche Illustrationen als nutzbare Quelle für
konkrete Farbinformationen zu gebrauchen.
Dies bedeutet jetzt für das Thema Kleidung, dass unsere verwendeten Fasern
auch bei größtmöglichem Anspruch ans "A" unauthentisch sind und dass
unsere Farbwahl nicht realistisch belegbar ist.
Ich will nun nicht jeden Anspruch auf historischen Realismus als unsinnig
darstellen. Selbstverständlich ist eine vorsichtige und kritische
Auswertung von Quellen durchaus in der Lage, zu Resultaten zu führen, die
der früheren Realität möglicherweise nahe kommen. Aber dennoch sollten wir
nicht aus dem Blick verlieren, dass wir immer nur Vermutungen anstellen
können. Angesichts dieses Sachverhaltes empfinde ich die oft zu findenden
A-Diskussionen als völlig überflüssig, denn sie basieren in der Regel
darauf, dass die Vertreter des "A-Standpunktes" der irrigen Auffassung
sind, dass das was sie machen, tatsächlich authentisch sei. Was es jedoch
nicht ist, nicht sein kann.
Ein anderer Punkt ist "praktische Authentizität". Für mich als
Schwertkämpfer der den Schwertkampf bereits sehr lange ausübt stellen sich
viele Schwertkampf-Vorführer als wenig realistisch dar. Manche sehen zwar
anscheinend recht authentisch aus, aber dies beschränkt sich zumeist auf
die Optik. Der Waffengebrauch ist zumeist völlig stümperhaft. Wenn wir
bedenken, dass einigermaßen fundierte Schwertkenntnisse sich frühestens
nach etwa 20 Jahren regelmäßigen Übens einstellen, wundert das nicht. Ein
Minimum von 10 Jahren regelmäßigen Übens ist nötig, um überhaupt die
absoluten Grundbegriffe verinnerlicht zu haben. Wer also gerade mal drei
oder vier Jahre lang geübt hat, zumeist dabei ohnehin nur Schaukampf, ist
demzufolge gar nicht fähig, das Schwert fachlich kompetent zu nutzen. Ergo
ist jede Schwertvorführung eines solchen Darstellers unrealistisch. Und
andersrum? Wie ist das, wenn ein guter Schwertkämpfer Schwerttechniken
vorführt, dabei aber sein Schwerpunkt bei der Technik liegt und nicht bei
optischem Ambiente? Wenn er also zB moderne Materialien für seine Rüstung
nutzt? Sieht dann nicht "A" aus. Ist jedoch was das Schwertfechten an sich
angeht, wesentlich authentischer als eine ambientelastige hübsch gewandete
Darstellung von Anfängern. Was ist da "authentischer"?
Ich denke, hiermit haben wir ein gutes Beispiel für das "A-Problem": der
Schwertkämpfer ist authentisch, er legt Wert auf realistische Techniken.
Der Ambiente-Darsteller ist ebenfalls authentisch, er legt Wert auf
optische Darstellung. Beides sind, und das ist der Kernpunkt,
unterschiedliche Ansprüche.
Unterschiedlich! Nicht jedoch "eines ist besser als das andere". So hat
jeder im Mittelalterhobby einen eigenen Anspruch an die eigene
Darstellung. Und auch einen eigenen Ansatz. Es macht meiner Erfahrung nach
keinen Sinn, zu versuchen, den einen Ansatz einem anderen Ansatz
vorzuziehen oder gar zu werten. Dies sind vielmehr persönliche
Entscheidungen, die jeder Einzelne für sich zu fällen hat.
Vielleicht gibt es den Schafzüchter, der in der Folge von Rückzüchtungen
authentische Mittelalterwolle besitzt und daraus Textilien fertigt. Dann
ist eben das Material authentisch, die Textilien müssen es deshalb noch
lange nicht sein. Sicherlich gibt es etliche Gewandnäher, die vom Schnitt
her authentische Mittelalterkleidung anfertigen, aber das Material wird es
nicht sein. Und so weiter.
So müssen wir erkennen, dass wir, was auch immer wir im Mittelalterhobby
machen, stets Kompromisse eingehen und von den Gegebenheiten der Jetztzeit
ausgehen. Daraus ergeben sich jeweils andere Zugänge zum Hobby und andere
Aspekte von "authentisch". Jeder dieser Aspekte hat seine Berechtigung,
keiner ist besser oder schlechter.
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