| Auch während der halben Stunde, die den Männern
als Mittagspause vergönnt ist, unterhalten sie sich über den Bau. Es geht um Winkelberechnungen,
aber auch um die allzu häufigen Unfälle bei der Arbeit. Erst vor kurzem sind in
einer französischen Kathedrale die Gewölbe gleich zweimal ein- gestürzt und haben
sich in einem Münster während des Gottesdienstes Steine von der Decke gelöst.
Johannes, das jüngste Mitglied der Bauhütte, hat diese Neuigkeiten mitgebracht
und wird natürlich nach den anderen Bauhütten und deren Meistern befragt, denen
solche Fehler unterliefen. Wie schon häufig endet die Diskussion mit der strittigen
Frage, ob von den Arkaden des Kirchenschiffs ein Schub ausgehen kann, der so stark
in die Waagrechte wirkt, daß er unbedingt durch Strebebogen abgefangen werden
muß ein Problem, das in dieser Zeit viele Baumeister bewegt. Die Männer der Bauhütte,
bei der Johannes nach etlichen Jahren harter Ausbildung und ebenso langen Jahren
der Wanderschaft durch halb Europa Aufnahme gefunden hat, bilden eine verschworene
Gemeinschaft. Ihr ganzes Denken und Handeln ist auf ein einziges
Ziel gerichtet, den Bau des neuen Gotteshauses im Stil der Zeit: mit himmelwärts
ragenden, hoch aufstrebenden Spitzbogen, mit Kreuzrippengewölben und großzügig
mit buntem Glas ausgestatteten Fensterflächen oder Fensterrosen über den Portalen,
mit feingliedrigen figürlichen Plastiken und kunstvoll geschnitzten Kanzeln. Dazu
braucht es viele berufene Leute, die ihr Handwerk verstehen. Selbstverständlich
steht über allem der Rat der Stadt, der den Neubau zum Lobpreis Gottes beschlossen
hat. Die Ratsherren haben für den Bau beträchtliche Gelder, größtenteils Spenden,
zur Verfügung gestellt und sich dafür aus- gesprochen, den erfahrenen Baumeister
Matthäus als Verantwortlichen mit der Planung und der Ausführung des Baus zu betrauen.
Der Magistrat ist nach wie vor davon überzeugt, mit Meister Matthäus einen guten
Griff getan zu haben. Es gab anfangs zwar einige Widerstände gegen ihn, weil er
sich ausbedungen hatte, zwischenzeitlich auch für andere Städte Aufträge wahrnehmen
zu dürfen. Doch er stellte den Ratsherren ein überzeugendes Modell ihres neuen
Doms vor und lieferte eine genaue Kostenaufstellung, die ihnen seriös erschienen
war. Er konnte sie sogar davon überzeugen, mit den Steinmetzen lieber Tageslöhne
statt Stückzahllöhne zu vereinbaren, auch wenn dadurch zu befürchten stand, daß
die Arbeiter versuchen würden, die Beendigung ihrer Tätigkeit hinauszuzögern.
Auf der anderen Seite hoffte man, auf diese Weise eine bessere Qualität zu erreichen.
Meister Matthäus versteht tatsächlich sein Geschäft. Früher hat er jahrelang als
Maurer in einer Bauhütte gearbeitet. Für ihn bedeutet jeder neue Auftrag eine
Herausforderung. Selbstbewußt, aber nicht überheblich leitet er die Arbeiten.
Johannes sitzt in einer langen Reihe mit den anderen Steinmetzen und traktiert
mit kräftigen, geübten und gleichmäßigen Schlägen mit dem Zweispitz den roh gebrochenen
Stein. Er muß dabei nicht nur auf saubere Kanten, die mit der Lotwaage nach- geprüft
werden, sondern auch auf die genaue Einhaltung der vom Meister vorgegebenen Maße
achten. Die Tätigkeit ist anstrengend. Aber um kein Gut der Welt möchte er mit
den Männern tauschen, die die schweren Quader aus den Schiffen aus- laden und
unter vielen Mühen auf Schlitten zur Bauhütte schaffen. Auch die Männer, die mit
vorgespannten Ochsen arbeiten, müssen selber kräftig zupacken. Nicht weit von
Johannes entfernt sind Maurergehilfen dabei, gebrannten und gelöschten Kalk mit
Sand zu vermengen und den so gewonnenen Mörtel in flachen Bütten auf der Schulter
über wacklige, schmale Gerüste zu den Maurern hochzutragen. Johannes wagt es kaum,
ihnen mit den Augen zu folgen; mehr als einmal ist er trotz seiner jungen Jahre
schon Zeuge schlimmer Unfälle am Bau geworden. Auch die Maurer hoch droben auf
einem der beiden Türme des Westwerks beneidet er nicht. Zur Zeit sind Zimmerleute
noch damit beschäftigt, den Dachstuhl zu errichten, auf dem in wenigen Tagen ein
Kran erstellt wer- den soll, um die Steine und Eisenteile dann besser nach oben
bringen zu können. Meister Matthäus hat sich für einen großen Lastenaufzug entschieden.
Bisher genügten die üblichen Ausleger mit Rollen, über die man an Seilen die fertig
behauenen Steine hochzieht. Doch in der nun erreichten Höhe, insbesondere zum
Einzug der Gewölbe, verlangt Matthäus von seinen Zirnmerleuten, einen Kran mit
Laufrad auf- zubauen. In ihm sollen mindestens zwei Windeknechte dann durch ständiges
Treten die Trommel drehen, auf der das Tragseil aufgewickelt wird. Doch nachdem
jetzt die Mauern des Langhauses und die Pfeiler endlich nach großer Verspätung
hochgezogen sind, kommen die Zimmerleute mit der Arbeit kaum nach. Sie sind vollauf
damit beschäftigt, den Dachstuhl zu vollenden. Mehrere tausend Bäume haben sie
während der vergangenen Wochen dafür zugehauen, zu Balken und Brettei zersägt
und verzapft. Immer wieder fordern sie von den Schmieden, die ihrerseits unablässig
mit der Herstellung von Zugbänder Mauerankern und natürlich auch Nägel. ausgelastet
sind, neue Sägeblätter. Johannes fühlt sich wohl in der hiesige Bauhütte. Natürlich
wird er keine Reichtü mer anhäufen können, aber für ihn ist wichtig, daß die Bauhütte
nicht nur die lange Arbeitszeit von täglich 17 Stunden, sonder auch die Ruhezeiten
fest einhält und die der Sonntag sowie die zahlreichen kirchlichen Festtage grundsätzlich
arbeitsfrei sind. Im Krankheitsfall springt die Bauhütte mit einer finanziellen
Unterstützung ein, mit deren Rückzahlung er sich nach seiner Genesung Zeit lassen
kann. Auch für den Todesfall ist vorgesorgt. Der Meister hat ihm zugesichert,
die Kosten für sein Begräbnis und für die Seelengottesdienste zu übernehmen. Als
verantwortlicher Leiter der Bauhütte ist Matthäus ständig um die Sicherheit der
Mitarbeiter bemüht. Er setzt sich für die Verbesserung der Gerüste ein, ermahnt
die Steinmetzen immer wieder, sich in luftiger Höhe festzubinden, und rät vielfach
dazu, Schutzmasken aus feinem Drahtgeflecht zum Schutz der Augen zu tragen. Johannes
will in jedem Fall in dieser Bauhütte bleiben, auch wenn er weiß, daß die Arbeiten
noch viele Jahre dauern werden und er selber die Vollendung des Doms vielleicht
gar nicht mehr erleben wird.
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