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Schrift und Sprache des Mittelalters

Die Geschichte der deutschen Sprache beginnt im 8. Jahrhundert. Um die Germanenstämme zum Christentum zu bekehren mußten die christlichen Lehren verkündet werden. Latein war die Sprache der Kirche, doch sie mußte die Laien in der Volkssprache ansprechen. So ist im Grunde jeder mittelalterliche deutsche Schrifttext ein Vermittlungsversuch zwischen mündlicher Volkssprache und schriftlicher lateinischer Klerikersprache.
Kennzeichnend für das Deutsche ist dessen Zweiteilung in Hochdeutsch und Niederdeutsch. Vor der neuhochdeutschen Schriftsprache unterscheidet man drei Sprachperioden, wobei Alt-, Mittel-, und Neu- die zeitliche, -hoch- und -nieder- die räumliche und -deutsch die sprachliche Komponente meinen:

Die zeitliche und räumliche Gliederung des Althochdeutschen ist recht schwierig, da es nur punktuell überliefert ist. Auch "das" Mittelhochdeutsche ist noch keine überregionale Einheitssprache, sondern ein Sammelbegriff für eine Vielfalt geschriebener Dialekte. Jedoch sind die gesprochenen Mundarten und auch die adeligen Umgangssprachen viel differenzierter und uns daher nicht zugänglich. Das "klassische" Mittelhochdeutsch ist primär eine Literatursprache, nämlich die Kunstsprache der höfischen Dichter.

Die drei große Sprachlandschaften im deutschsprachigen Raum des Mittelalters sind:

  1. Oberdeutsch
    Alemannisch (Südbaden, Schweiz, Elsaß, Süd-Würtemberg, Vorarlberg, zw. Schwarzwald und Lech)
    Bairisch (Tirol, Kärnten, Steiermark, Ober- und Niederbayern, Ober- und Niederösterreich, Oberpfalz)
  2. Mitteldeutsch
    Westmitteldeutsch (Mittelfränkisch (Köln-Trier), Oberfränkisch (u.a. Rheinfränkisch (Pfälzisch, Hessisch))
    Ostmitteldeutsch (Thüringisch, Obersächsisch-Nordböhmisch, Schlesisch; Deutscher Orden in Preußen)
  3. Niederdeutsch
    Mittelniederländisch (aus Altniederfränkisch auf Grundlage der Dialekte von Flandern und Brabant)
    Mittelniederdeutsch (mit West-, Ostfälischen u. Nordniedersächsischen aus Altsächsisch hervorgegangen)

Das Niederdeutsche hat sich als Schriftsprache nicht neben dem Hochdeutschen behaupten können. In ihrer neueren Periode nähert sich die deutsche Sprache immer mehr der Gleichsetzung von Deutsch und Hochdeutsch.

Abschließend noch zwei Beispiele aus dem Mittelhochdeutschen mit Übersetzung.

Auszug aus dem "Deutschenspiegel", einem Rechtsbuch des 13. Jahrhunderts *: (Dsp. 283 § 3)
Der man ist auch vormunt sînes wîbes zehant als si im getriuwet ist. Daz wîp ist auch des mannes genôzinne zehant als si an sîn bette trit, nâch des mannes tôde ist si ledich von des mannes rehte.    Der Mann ist auch Vormund seiner Frau, sobald sie ihm angetraut ist. Die Frau ist ebenso des Mannes Standesgenossin, sobald sie sich in sein Bett begibt; nach des Mannes Tode ist sie frei vom Recht des Mannes.

Passage aus dem "Iwein" des Artusromans aus dem 12. Jahrhundert:

geselle, behüetet daz enzît

daz ir iht in ir schulden sît

die des werdent gezigen

daz sî sich durch ir wîp verligen.

kêrt ez niht allez an gemach;

als dem hern Êrecke geschach,

der sich ouch alsô manegen tac

durch vrouwen Ênîten verlac.

wan daz er sichs erholte

sît als ein rîter solte,

sô waere vervarn sîn êre.

der minnete ze sêre.

Freund, seht Euch beizeiten vor,

daß Ihr nicht mit jenen schuldig werdet,

die dessen bezichtigt werden,

daß sie sich wegen ihrer Frau verliegen **.

Denkt nicht nur an Bequemlichkeit,

wie es Herrn Erec geschah,

der sich auch viele Tage

wegen Frau Enite verlegen hatte.

Hätte er es nicht wieder gutgemacht

seither, wie es sich für einen Ritter gehört,

so wäre seine Ehre verloren gewesen.

Der war allzusehr der Liebe verfallen.

* Buchstaben mit einem Zirkumflex ^ sind lang auszusprechen;
** hier = vernachlässigen


Quelle: "Mittelhochdeutsch" von Hilkart Weddige, H. C. Beck Verlag