Sonstiges Bürgerhaus

REDEWENDUNGEN, DIE MAN SCHON IM MITTELALTER KANNTE

Von Thomas von Gleni

Fast täglich werden wir mit Redewendungen konfrontiert, ohne daß wir uns über ihre Herkunft oder eigentliche Bedeutung Gedanken machen. Bei einigen Redensarten ist die Ableitung oder die zeitliche Entstehung ungewiß, und fast immer sind sie älter als ihre erste schriftliche Erwähnung. Es gibt heutzutage jedoch noch viele Redewendungen, die in gleicher oder ähnlicher Form bereits im Mittelalter bekannt waren oder in dieser Zeit entstanden sind.

Was sind nun Redewendungen? Sie sind keine Sprichwörter, deren deutlichstes Merkmal der abgeschlossene Satz ist (Wie man in den Wald ruft, so schallt es auch zurück). Genausowenig sind sie Wahrwörter (So jung kommen wir nicht mehr zusammen) oder Gemeinplätze (Genug ist genug). Allen diesen anderen Konstruktionen ist eine gewisse Verständlichkeit gemein, die die Redewendungen vermissen lassen. In Redewendungen sind grammatikalische Fehler akzeptiert, Wortruinen und inhaltliche Verbindungen sind hier oft zu finden, die in der "normalen" Sprache völlig nichtssagend sind.


"jemandem das Wasser (nicht) reichen können"
jmd. in Tüchtigkeit und Erfolg (nicht) gleich sein

Bekanntlich wurde im Mittelalter nicht mit Besteck gegessen, sondern mit den bloßen Fingern. Um hierbei den untersten Anforderungen der Hygiene zu entsprechen, wurde vor und nach dem Essen eine Schale Wasser gereicht, um den Gästen das Waschen der Finger zu ermöglichen. Freilich wurde dies nur in vornehmen Häusern so gehalten. Und in vielen Erzählungen über ebendiese Essen bei vornehmer Herrschaft, etwa bei Hofe, wird das so genannte "wazzer nemen" erwähnt. Derjenige, der das Wasser den Gästen reichen "darf", ist ein Untergebener des Hausherrn. Wenn man also nicht einmal wert genug ist, das Wasser reichen zu dürfen, dann ist man so weit vom Standard der Gäste entfernt, daß "man diesen nicht das Wasser reichen kann." Diese übertragene Bedeutung wurde vor allem auch durch das Zitat in Goethes "Faust" bekannt: "Aber ist eine im ganzen Land, / Die meiner trauten Gretel gleicht, / Die meiner Schwester das Wasser reicht?"

"jemandem einen Korb geben"
jmd. Heiratsantrag ablehnen
jmd. etwas ablehnen

Dies entspricht einem alten volkstümlichen Motiv, dem Hochziehen des Freiers in einem Korb, der aus dem Fenster der Angebeteten heruntergelassen wurde. War der Freier unerwünscht, wurde ein Korb mit lockerem Boden heruntergelassen. Dieser brach unter dem Gewicht des Freiers durch. Der durch eine derart "bodenlose" Gemeinheit durchgefallene Liebhaber war auch bei der Bevölkerung dann "unten durch". Eine andere Variante der Abweisung bestand darin, den Korb mit dem Freier auf halber Höhe des Hauses "hängen zu lassen". Diese mittelalterlichen Bräuche waren im 17. Jh. bereits nicht mehr bekannt, so daß die Wendung auch den allgemeinen Sinn eines negativen Bescheids erhalten konnte.

"da brat mir aber einer einen Storch!"
da bin ich aber sehr erstaunt!

Nach einer biblischen Speisevorschrift (3. Mose 11) darf der Storch (ebenso wie die Fledermaus oder der Reiher) nicht gegessen werden. Dies übertrug sich auf das Mittelalter, zudem der Storch abergläubische Verehrung genoß und sein Fleisch als ungenießbar galt. Nur scherzhaft wird der Storch daher in der Literatur der Renaissance (ab 14. Jh.) gelegentlich als Leckerbissen genannt. Der gebratene Storch ist somit das Sinnbild des nie Geschehenen und unerhört Neuen.

"nach Jahr und Tag"
nach geraumer Zeit

Diese Wendung hat ihren Ursprung in einer alten Rechtsformel, die der Jahresfrist noch einen Tag hinzufügte. Ursprünglich verwies die Formel auf eine Frist von einem Jahr, sechs Wochen und drei Tagen, da das Landgericht zu Zeiten Karls des Großen (747-814 n.Chr.) alle sechs Wochen für drei Tage tagte. Die Einspruchszeit verjährte genau nach dieser Frist und das Urteil war nicht mehr anfechtbar.


Nebenbei sei noch der Grund für die häufige Erwähnung Martin Luthers genannt, der keineswegs die schöpferische Gabe hatte, Redewendungen zu erfinden, aber der sehr wohl die Fähigkeit hatte, dem Volk genau aufs Maul zu schauen. Was er dabei entdeckte, verwendete er entweder in seinen Schriften, um es dem Volk verständlich zu machen, oder aber er dokumentierte es separat, wobei beiderlei für uns als Quelle sehr aufschlußreich ist.


"jedes Wort auf die Goldwaage legen"
jedes Wort sorgfältig planen/überlegen

Die Redensart findet sich bereits seit der Antike in der Rhetorik, wo sie von Verro und Cicero (röm. Schriftsteller) gebraucht wurde. Luther hat eine Bibelstelle (Sirach 21,27,28,29) mit der Wendung übersetzt: "Du wägest dein Gold und Silber ein; warum wägest Du nicht auch Deine Worte auf der Goldwaage?" Diese Stelle hat entscheidend zum Eindringen der Redensart in die Umgangssprache beigetragen, in der sie seit dem 16. Jh. oft gebraucht wird.


"jemanden matt setzen"
jmd. ungefährlich machen / ausschalten

"Matt" ist ein Ausdruck aus dem Schachspiel und geht auf den persischen Ausspruch "schah mate" (der König ist tot) zurück. Zusammen mit dem Spiel ist der Ausdruck im 12. Jh. in die romanischen Sprachen und in das Deutsche gekommen. Seit dem 13. Jh. existieren einige Bedeutungserweiterungen, die sich alle auf Erschöpfung des Geistes oder des Körpers beziehen. Im visuellen Bereich wird der Mangel an Glanz als "matt" bezeichnet.


"das Wort / der Bissen bleibt jmd. im Halse stecken"
1. verstummen vor Schreck
2. vor Schreck nicht mehr weiteressen

Im altgermanischen Recht gab es ein Gottesurteil, das darin bestand, daß dem Verurteilten ein trockener Bissen in den Mund gelegt wurde, den er schlucken mußte. Blieb der Bissen im Hals stecken, dann war der Angeklagte schuldig. Gottesurteile dieser Art sind bis ins 14. Jh. hinein belegt.


"das Zeitliche segnen"
sterben

Das "Zeitliche" und die "Zeitlichkeit" sind schon sehr alte Begriffe für die vergängliche Welt. Von ihr nimmt der Sterbende Abschied, indem er Gottes Segen für sich herbeiwünscht. Der letzte Wunsch eines Sterbenden wird für sehr wirkungsvoll gehalten, und so ist der Segen, den er ausspricht, das Beste, was er für seine Hinterbliebenen und die Welt tun kann. Einige dafür früher verwendete Segenssprüche sind noch erhalten, wie der folgende, der aus dem 17. Jh. überliefert ist: "Nun sieht mich kein Mensch nimmermehr, Gott gesegn euch alle, wo ihr seyt! Gott gesegn mit alle Wollustbarkeit! Gott gesegn mein Herren und Gemahl! Gott gesegn euch, Berg und Tal!"


"in den sauren Apfel beißen müssen"
etwas Unangenehmes tun müssen

Die erste Erwähnung dieser Wendung beziehungsweise dieses Bildes findet sich bei Luther, aber man kann davon ausgehen, daß es sich hierbei um eine wesentlich ältere Redewendung handelt.


"Katz und Maus spielen mit jemandem"
jmd. im Unklaren lassen

Dies bezieht sich auf das Spiel der Katze mit der Maus. Die Katze ist natürlich viel stärker, aber trotzdem läßt sie ihr Opfer, die Maus, noch scheinbar entkommen, um sie schließlich doch zu töten. Auch Luther verwendet eine verwandte Wendung: "Der Katze Spiel ist der Mäuse Tod."


"mit Engelszungen reden"
eindringlich und betörend reden

In der Bibelübersetzung Luthers heißt es im ersten Korintherbrief (13, 1): "Wenn ich mit Menschen und Engelszungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle."



Übrigens: der „Sachsenspiegel", der im Zusammenhang mit einigen Redewendungen erwähnt wird, ist das älteste und bedeutendste deutsche Rechtsbuch. Es wurde in den zwanziger Jahren des 13. Jh. geschrieben.


"mit Haut und Haar"
ganz und gar

Es handelt sich wie bei vielen anderen Stabreimen um eine sehr alte Wendung. Sie ist zum ersten Mal im „Sachsenspiegel" belegt und wurde dort als juristische Formel verwendet. Im Sachsenspiegel wurde die Formel auch als Synonym für „Leben" verwendet.


"es ist hohe / höchste Zeit"
wir müssen uns sehr beeilen

Die Wendung verwendet das Bild eines räumlichen Extrempunktes (im Sinne von Gipfel), um damit eine „Anhäufung" bereits verstrichener Zeit zu versinnbildlichen. Da aber das Adjektiv „hoch" auch eine Wertung im Rang eines Vorgangs oder einer Person ausdrückt, unterschied man im Mittelalter vier „hohe Zeiten" im Jahr: Weihnachten, Ostern, Pfingsten und Allerheiligen. Erst im 15. Jh. ist der Begriff „Hochzeit / Hohe Zeit" im Sinne von Vermählung entstanden.


"einer Sache ein Mäntelchen umhängen"
etwas Negatives als harmlos/einwandfrei darstellen

Der Mantel als Symbol des Verhüllenden und Beschützenden hat sich auch in der alten Rechtsauffassung niedergeschlagen. Nach den Rechtsvorschriften des Sachsenspiegels konnten uneheliche Kinder nachträglich dadurch legitimiert werden, daß sie während der Trauung unter dem Mantel der Braut getragen wurden. Sie wurden dadurch den ehelichen Kindern völlig gleichgestellt.


"unter Zähneklappern"
1. zittern vor Angst, 2. zittern vor Kälte

Die Übersetzung „Zähneklappern" für „Furcht" wurde von Luther verwendet, als er schrieb: „In der Hölle wird Heulen und Zähneklappern sein" (Matth. 8, 12). Heute findet man in den Übersetzungen das weniger passende „Zähneknirschen", das eigentlich die Bedeutung „Unwilligkeit" hat.

"ein notwendiges Übel"
eine unvermeidbare negative Sache / Angelegenheit

Die Wendung ist seit der Antike belegt und bezieht sich meist auf die Frau oder das Heiraten. Schon der griechische Komödiendichter Menander (342 – 293 v. Chr.) schrieb: „Heiraten ist, wenn man es bei Licht besieht, ein Übel, aber ein notwendiges Übel." Auch bei Luther finden wir die Bemerkung: „Ein Weib sei ein nötiges Übel und kein Haus ohne solch Übel.", die unter anderem von Lessing aufgegriffen wurde.

"Fersengeld geben"
fliehen, davonrennen

Fersengeld ist seit dem 13. Jh. belegt und wird gelegentlich mit dem alten Wort „Färse" in Verbindung gebracht (Färse = junge Kuh). Der Sachsenspiegel kennt „versen penninge" als Abgabe bei der Ehescheidung. Im allgemeineren Sinn ist die Wendung seit dem Mittelalter bekannt.


"etwas nicht aus dem Boden stampfen können"
etwas nicht schaffen können

Das feste Aufstampfen ist ein uralter magischer Brauch, der noch heute bei magischen Ritualen üblich ist. Die dabei angeblich bestehende Möglichkeit, Dinge herbeizaubern zu können, hat schon in der Antike zu Redensarten wie der obigen geführt (vgl.: Plutarch, Pompeius, Kap. 57).



In dieser Ausgabe werden einige Redensarten vorgestellt, deren Herkunft auf den ersten Blick eindeutig zu sein scheint, doch manchmal steckt etwas ganz anderes dahinter. So kann es vorkommen, daß Begriffe heute eine andere Bedeutung haben oder einem anderen Gegenstand zugeordnet sind, als noch vor ein paar hundert Jahren.


"das Heft in der Hand haben"
die Macht haben, die Leitung haben

Das Heft war ursprünglich die Halterung oder der Griff eines Gerätes. Im engeren Sinne bezeichnet es den Griff eines Schwertes, woraus sich allgemein ein Begriff für Gewalt und Macht im Sinne der Redensart durchsetzte. Über den Aspekt der Halterung bildete sich im 18. Jh. die heute gebräuchlichste Bedeutung des Wortes eine Anzahl gebundener Papierbögen aus, die mit der Redensart nichts mehr zu tun hat.


"Moos haben"
Geld haben, reich sein

Moos für Geld geht auf das hebräische Wort für Münze (ma'oth) zurück. Ursprünglich wurde es nur im Rotwelsch, einer Gaunersprache ab dem 13. Jh., verwendet. Erst später wurde es dann in die Studentensprache übernommen.


"etwas aus dem Stegreif sprechen / vortragen / dichten"
unvorbereitet sein, etwas spontan machen

Steg-reif, nicht "Steh-greif", ist die ältere Bezeichnung für den Steigbügel und bedeutet eigentlich Reif/Ring zum besteigen des Pferdes. Die Redensart bezieht sich auf den eiligen Reiter, der schnell etwas erledigt oder zu sich nimmt, ohne abzusteigen. Die Stegreifdichtung war seit der Antike verbreitet und auch in der Skalden- und Spielmannsepik (Skaldenepik = altnordische Dichtkunst) gepflegt worden. Besonders in Volksdichtung wurden Spielformen bevorzugt, in denen der Schauspieler den Text seiner eigenen oder der Stimmung des Publikums entsprechend variieren konnte. Die allmählich als Verwilderung der Theatersitten empfundene Stegreifdichtung wurde durch die Theaterreform Gottscheds im 18. Jh. abgeschafft und in Österreich aus Gründen der Zensur 1752 sogar verboten. Die freie Improvisation als Kunstform ist seither mehr oder weniger auf das Kasperltheater und das Kabarett beschränkt. Auch die Stegreifrede, eine alte rhetorische Kunst, wird nicht mehr gelehrt, sondern den mehr oder weniger ausgeprägten rhetorischen Begabungen des Einzelnen überlassen.


"einen Zahn zulegen"
etwas schneller tun

In den Burgküchen hingen die großen Töpfe an gezackten, einem Sägeblatt ähnliche Eisenschienen, mit denen man die Höhe der Töpfe über dem Feuer regulieren konnte. Wenn man also früher einen Zahn zulegte, hieß das, den Topf näher ans Feuer hängen, um die Speisen schneller zu garen.


"etwas auf die Hohe Kante legen"
Geld sparen

Die wohlhabenden Burgbewohner hatten meist ein Bett mit einem Himmel, also einem Dach aus Stoff. Dieser Himmel sollte eigentlich verhindern, daß herabfallendes Ungeziefer im Bett landet, doch dieses Dach wurde auch als Ablage für die Wertsachen vor dem Schlafengehen genutzt.


"jemanden in die Schranken weisen"
jmd. zurecht weisen

Als Schranke wurde im Mittelalter bei Turnieren die Bahn bezeichnet, in der ein Ritter beim Lanzengestech zu reiten hatte. Die einzelnen Bahnen wurden durch eine Absperrung voneinander getrennt, um einen Zusammenstoß der Pferde zu verhindern. Wenn ein Ritter in die Schranken gewiesen wurde, so hat man ihm lediglich seine Kampfbahn zugeteilt, die er aber unter keinen Umständen verlassen durfte. Sobald heute jemand seine "Bahn" verläßt, d. h. sich daneben benimmt, so wird er von anderen in die Schranken gewiesen.


"sich verzetteln"
seine Kräfte gleichzeitig zu vielen Dingen widmen und deshalb nicht vorankommen

Im Althochdeutschen bedeutete zetten so viel wie ausbreiten, verstreuen. Daraus entstand verzetteln im Sinne von nutzlos ausbreiten. Zette(l)n war auch ein Fachwort aus der Weberei, so daß sich das heute verwendete anzetteln erklären läßt als: beginnen, ein Gewebe zu weben. Beide Verben haben also nichts mit dem Zettel zu tun, den wir verwenden, um darauf Notizen zu machen. Dieses Wort kommt vielmehr von dem mittellateinischen cedula. Es gelangte als Zeddel Anfang des 14. Jh. ins Deutsche und ist daher weit jünger als die Wurzel von verzetteln.


"Glück haben"
ein unerwartetes günstiges Ereignis erleben

Das erst seit dem 12. Jh. nachweisbare Wort Glück hängt über Lücke und Loch mit der Idee des offenen Ausgangs zusammen. Über die neutralen Elemente Schicksal und Zufall hat es sich erst später zur heutigen Dominanz eines günstigen Ausgangs verdichtet. Neben dem Zufall sind dann auch der persönliche Erfolg, die Fähigkeit, das Können getreten, so daß jemand, der sein Glück macht, persönlich verantwortenden Erfolg verbuchen kann.


"platzen vor Neid"
außerordentlich neidisch sein

Diese Redensart war schon in der Antike gebräuchlich und geht zurück auf eine Fabel des Phaedrus (röm. Fabeldichter, 1. Jh. n. Chr., freigelassener Sklave), in welcher sich der eitle Frosch mit dem Ochsen messen will. Dazu bläst er sich auf, bis er platzt.


"jemanden auf frischer Tat ertappen"
jemanden bei einem verbotenen Tun ertappen

Das von tun abgeleitete Substantiv Tat beschreibt alles das, was wirklich geschieht. Tat steht damit im Gegensatz zu Wort, Wille, Vorsatz oder Rat. Frisch bedeutet im Sinne dieser Redensart neu, gerade erst geschehen oder in einem Bild: noch brennend, analog zu dem lateinischen Lehnausdruck in flagranti (von flagrantia = Glut). Die Wendung ist bereits im 12. Jh. belegt, wobei übrigens zunächst der Ehebruch gemeint war.


"die Katze im Sack kaufen"
etwas kaufen, ohne es gesehen zu haben

Bereits im Volksbuch Till Eulenspiegel (soll um 1300-1350 n. Chr. gelebt haben) wird der Schwank erzählt, daß die Katze im Sack, als angeblicher Hase, gekauft wurde. Da die Schwänke des Till Eulenspiegel ihre Pointe meistens aus der wortwörtlichen Befolgung von Redensarten beziehen, muß diese Wendung bereits wesentlich älter sein.


"sich Asche auf's Haupt streuen"
etwas bereuen

Im frühesten Altertum gab es den Brauch, sich in Trauerzeiten die Asche der verstorbenen Verwandten auf Kopf und Gewänder zu streuen, im so seiner Trauer entsprechenden Ausdruck zu verleihen. Diese Tradition hat sich im heutigen Aschenkreuz erhalten, jenes Kreuz, das der Priester in der römisch-katholischen Kirche an Aschermittwoch austeilt. Aber schon im Buch Hiob (Altes Testament) wird die Wendung als Ausdruck für Reue zeigen verwendet.


"von Tuten und Blasen keine Ahnung haben"
nicht das Geringste von etwas verstehen

Tuten und Blasen waren die Hauptaufgaben des Nachtwächters, eine der untersten Berufsgruppen im Mittelalter. Wer nicht einmal für diese Aufgaben befähigt war, mußte besonders dumm sein. Die Redensart ist seit dem 16. Jh. belegt, aber wohl wesentlich älter.


"wo drückt der Schuh?"(umgangssprachlich)
welchen Kummer hast du?

Das redensartliche Bild wird schon im Altertum gebraucht. Plutarch (griech. Philosoph, 1. Jh. n. Chr.) erzählt in seiner Beschreibung des Lebens von Paulus Aemilius, daß dieser von seinen Freunden vorwurfsvoll gefragt worden sei, warum er sich von seiner schönen und treuen Frau habe scheiden lassen. Aemilius antwortete, indem er auf seinen neuen Schuh zeigte, mit den Worten: „Auch dieser Schuh ist schön und neu, aber niemand sieht, wo er mich drückt.“


"Perlen vor die Säue werfen"(umgangssprachlich)
wertvolle Dinge an Menschen verschwenden, die sie nicht zu schätzen wissen

Diese Redewendung ist biblischen Ursprungs und geht auf Matthäus 7,6 zurück: „Ihr sollt das Heilige nicht den Hunden geben, und eure Perlen nicht vor die Säue werfen...“



.Ich hoffe, daß ihr nicht eure Fahne nach dem Winde dreht, sondern allen die Hölle heiß macht, die zwar Stein und Bein schwören, nur das Beste tun zu wollen, die aber nicht deutsch mit euch reden. Dann würde ich vor euch den Hut ziehen.


"die Fahne nach dem Wind drehen"
wankelmütig in seinen Entscheidungen sein

Vorläufer der seit dem 16. Jh. belegten Wendung ist die Redensart den Mantel nach dem Winde kehren. Sie taucht bereits in der mittelalterlichen Spruchsammlung auf, die unter dem Namen Spervogels überliefert ist (um 1200): "man sol den Mantel keren als das weter gat." In Gottfrieds Tristan und Isolde (um 1210) heißt es ganz ähnlich: "Man sol den mantel kehren als die winde sint gewant."


"jemand die Hölle heiß machen"
jemand streng ermahnen, zur Arbeit anhalten, jemand zusetzen

Die Hölle wird als Ort des Feuers beschrieben, wo Pech und Schwefel brennen. Auch die Hitze, Flammen und die Glut sind sprichwörtlich weit verbreitet. Schon bei Luther findet sich der Ausdruck jemand die Hölle heiß machen, allerdings mit einem starken theologischen Bezug. Erst Goethe verwendet dann die Wendung in der Bedeutung von Bedrängung.


"Stein und Bein schwören"
besonders nachdrücklich schwören

Die Wendung ist seit dem frühen 16. Jh. belegt, und zwar bei Hans Sachs. Sie ist vielfach auf alte Rechtsbräuche zurückgeführt worden. So soll der Stein, den man beim Schwur berührt, einem heidnischen heiligen Stein und später dem Altarstein entsprechen, Bein (Gebein) den Reliquien eines Heiligen. Letzteres ist seit dem 6. Jh. im Lex Allemannorum und auch im Parzival (um 1200) belegt. Die Kombination von Stein und Bein beim Schwur hätte dann durch die Berücksichtigung heidnischer und christlicher Schwurbräuche eine verdoppelnde Intensivierung bedeutet. Diese Deutung ist aber wegen des späten Erscheinens der Redewendung und durch das Fehlen der Präposition (bei oder auf Stein und Bein schwören, ähnlich wie in der Formel beim Barte des Propheten) umstritten. Stein und Bein tauchen nämlich schon weit früher formelhaft verbunden auf, etwa in der ersten Hälfte des 13. Jh. bei dem schwäbischen Dichter Freidank: "Die Zunge hat kein Bein / und bricht doch Stein und Bein." Diese Wendung tadelt die böse Zunge und geht auf ein lateinisches Vorbild zurück (osse caret lingua, secat os tamen ipsa maligna). Stein und Bein stammen also wahrscheinlich nicht aus dem Bereich des Rechtswesens, sondern sind als Sinnbilder der Härte und Bruchfestigkeit allgemein zur Verstärkung einer Aussage oder eines sprachlichen Bildes genutzt worden.


"mit jemand deutsch reden"
jemand klar und offen die Meinung sagen

Diese Redensart ist seit dem 15. Jh. bekannt und verwendet das Wort deutsch noch in seiner ursprünglichen Bedeutung, nämlich verständlich oder besser volkstümlich. Damit war zur Zeit Karls des Großen bereits eine Abgrenzung gegenüber den romanischen Sprachen, besonders aber gegenüber dem Lateinischen verknüpft. Dies gilt auch für das späte Mittelalter und die frühe Neuzeit, in der Latein als Gelehrtensprache weitergelebt hat und dem Volk unverständlich war. Diese Abgrenzung lebt auch in den Ausdrücken Angler- und Jägerlatein weiter.


"vor jemand den Hut ziehen"
große Achtung vor jemand haben

Das Abnehmen des Hutes ist seit dem 13. Jh. als Grußgebärde gelegt. Damals war es eine Rangfrage, wer vor wem den Hut zog. Heutzutage ist es eine reine Grußformalität, die nicht mehr auf die Rangunterschiede verweist.


"jemand gewogen sein"
jemandem Freund sein

Die Waage ist das Sinnbild für gerechten Ausgleich und die Unparteilichkeit. Wenn sich diese Waage, bildlich gesprochen, auf die Seite einer Person neigt, dann bedeutet dies, daß diese Person zusätzliche positive Aspekte in die Waagschale werfen kann. Eine andere Deutung der Wendung geht in die Richtung, daß man sich vorstellt, gefühlsmäßig ausgeglichen zu sein, das heißt nicht für die eine oder die andere Person auszuschlagen. Dieses übermittelte Bild der charakterlichen und moralischen Bewertung ist uralt. Man kann es auch schon im Alten Testament, in "Menetekel" finden ( Buch Daniel 5, 25 – 27): "Eine geheimnisvolle Hand hatte an die Wand des Palastes des Königs Belsazar die Worte > Mene Tekel < geschrieben. Keiner der Weisen des Königs konnte diese deuten, bis auf Daniel. Seine Deutung war: Mene, das ist: Gott hat dein Reich gezählt und vollendet...., Tekel, das ist: man hat dich in einer Waage gewogen und zu leicht gefunden."

So bleibt mir auch diesmal gewogen, Euer Thomas von Gleni


"in den Wind reden / sprechen"
jmd. versuchen zu überreden, aber ohne Erfolg

Diese Wendung ist eine alte rhetorische und poetische Formel, die schon bei Ovid (röm. Dichter, 43 v. Chr. - 18 n. Chr.) und Lukrez (röm. Dichter, 97 v. Chr. - 55 n. Chr.) zu finden ist. Luther hat die antike Formel wieder entdeckt und sie verwendet, um eine Stelle des ersten Korintherbriefes zu übersetzen. Dadurch wurde die Formel auch wieder populär. Überhaupt hat die Wendung in den Wind dieselbe Bedeutung wie ein Schlag ins Wasser, nämlich die Sinn- und Nutzlosigkeit.


"das Gras wachsen hören"
sehr sensibel sein - gut informiert sein

Die Redensart ist seit dem 15. Jh. nachweisbar und wird seit einiger Zeit abschätzig auf überkluge Personen bezogen. Der Aspekt der Weisheit und der Informiertheit taucht erst Mitte des 17. Jh. auf.


"wie Pech und Schwefel zusammenhalten"
in einer Meinung unzertrennlich sein, zusammenhalten

Pech und Schwefel stellen eine Verbindung dar, die besonders lange und intensiv brennt. Vor allem in der Bibelsprache und in mittelalterlichen Vorstellungen von der Hölle spielen die beiden Stoffe daher eine große Rolle.


"etwas an die große Glocke hängen"
eine vertrauliche Information öffentlich verbreiten, eine Sache aufbauschen

Die Glocke rief im Mittelalter zu Gerichtsversammlungen. Dort wurden private Fehden dann öffentlich ausgetragen und gelegentlich auch aufgebauscht. Wer die große Glocke läutet, wusste um diese Konsequenz und nahm sie in Kauf.


"Berge versetzen"
fast Unmögliches erreichen

Die Wendung tritt in vielen Bibelstellen zu Tage und bezieht sich stets darauf, dass man mit Glauben Berge versetzen kann (Matth. 17, 20; Mark. 11, 23). Im deutschen Sprachraum wurde die Wendung erst durch Luthers Bibelübersetzung bekannt.


"aus einer Mücke einen Elefanten machen"
etwas sehr stark übertreiben, etwas aufbauschen

Diese Wendung stammt bereits aus der griechischen Antike und wurde im Anschluss daran von Erasmus von Rotterdam (um 1466 - 1536) latinisiert. Das rhetorisch-stilistische Mittel, das der Wendung zugrunde liegt, ist der extreme Kontrast.


"etwas an den Tag bringen"
offen legen, bekannt machen, enthüllen

Das Unbekannte wird immer mit dem im Dunkeln Liegenden verglichen bzw. dargestellt, wo hingegen das Bekannte als das am Licht (des Tages, der Sonne) Befindliche gesehen wird. Bekannt ist vor allem die Variante die Sonne bringt es an den Tag, die als Kehrreim in einem Gedicht von Adalbert von Chamisso (1781 - 1838) wiederkehrt: Ein Meister Nikolas wird durch die Strahlen der Sonne an ein Verbrechen erinnert, das er einst beging. Er beichtet die Tat seiner neugierigen Frau, die das Geheimnis aber preisgibt. Das Gedicht endet mit den Strophen: "Die Raben ziehen krächzend zumal / nach dem Hochgericht, zu halten ihr Mahl. / Wen flechten sie auf das Rad zur Stund? / Was hat er getan? Wie ward es kund? / Die Sonne bracht es an den Tag." Das vermittelte Bild ist aber wesentlich älter und schon in der Bibel (Lukas 12, 3) und anderen antiken Aussprüchen angelegt.


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