Handwerkliches
Handelshof

Ich "stricke" mir ein Kettenhemd
(von Heinrich von Hohenfels)

Erst einmal etwas allgemeines über das Kettenhemd, auch Ringelpanzer genannt.

Das Kettenhemd wurde über Jahrhunderte hin getragen. Es wurde von den Kelten entwickelt, die Römer hatten sich diese Form der Panzerung dann von diesen abgeschaut. Sogar noch im 16. Jahrhundert wurden Kettenhemden unter dem Plattenpanzer getragen.

Bis zum 11. Jahrhundert mußte jeder Ring einzeln geschmiedet werden. Erst mit der Entwicklung des Drahtziehens konnte man die Ringe aus Eisendraht herstellen. Die Enden der Ringe wurden zugeschmiedet oder waren flachgeklopft, mit einem kleinen Loch versehen und wurden zugenietet. Das Anfertigen von Kettenhemden war im Mittelalter ein eigenständiger Beruf, so ein Mann wurde Sarwürger oder auch Sarwürker genannt. Der Begriff setzt sich zusammen aus "Sar" (für Draht) und "würgen" bzw. "würken", was soviel wie "wirken" bedeutet, was wiederum "flechten" oder "weben" heissen kann (ein Gewebe nennt man auch ein "Gewirk"). Ein Sarwürger ist also ein "Drahtflechter" oder "Drahtweber".

Ein Kettenhemd besteht je nach Ausführung aus 25 000 bis 40 000 Ringen. Für eine Kettenhaube benötigt man ca. 5 – 6 000 Ringe.Die von mir verwendeten Ringe sind aus NIRO-Federstahl. Dieser ist so hart, daß sich die Ringe nicht von alleine aufbiegen. Man kann die Ringe auch nicht per Hand verbiegen, darauf sollte man achten, wenn man sich selbst Ringe herstellen möchte. Der Aussendurchmesser beträgt 10 mm, die Dicke etwas mehr als 1 mm. Das müßte ungefähr hinkommen mit der Ringgröße, wie man sie im 12. und 13. Jhr. verwendet hat. Im 10. und 11. Jhr. waren die Ringe wohl etwas größer. In späteren Jahrhunderten wurden Ringe verwendet, die einen Durchmesser von kleiner als 8 mm hatten. Die Federstahlringe, die ich verwende sind gekauft. Man hat hierbei zwar einen Materialwert von ein paar Hundert Mark, die Ringe lassen sich aber gut verarbeiten, rosten nicht und sind etwas leichter als Ringe aus anderem Federstahl.

Für Leute, die sich Ringe selbst machen wollen, hier die Theorie:

Man benötigt eine Bohrmaschine, die man langsam laufen lassen kann, ein Rundeisen, das so dick ist wie der gewünschte Innendurchmesser der Ringe. In das Rundeisen sollte man ein Loch bohren, das so dick ist wie die Dicke des Drahtes. Man steckt nun den Draht durch das Loch im Eisen und wickelt den Draht auf dem Eisen auf. Danach trennt man diese "Feder" an einer Seite auf und erhält so offene Ringe. Bei dieser Arbeit sollte man am besten eine Schutzbrille tragen, um zu verhindern, daß evtl. abspringende Eisenstücke ins Auge fliegen.

Für ein Kettenhemd braucht man so an die 30 000 Ringe. Zum Zubiegen benutze ich zwei Kombizangen. Am Anfang biegt man sich am besten erst einmal etliche Ringe zu. Diese Ringe werden dann später miteinander verknüpft. Ein Ring hält immer vier andere Ringe fest, deshalb nennt man dieses Muster "4 in 1". Bei dem Muster "6 in 1" hält dann ein Ring sechs andere zusammen. Dieses Muster benötigt viel mehr Ringe, man erhält aber ein dichteres Kettengeflecht. Allerdings ziehen sich die Ringe bei dem Muster "4 in1" so eng aneinander, daß dieses Muster ausreicht. Zuerst macht man sich eine Kette aus drei Reihen. Die Ringe der oberen und unteren Reihe liegen hierbei in der einen Richtung, wobei die Ringe der mittleren, zusammenhaltenden Reihe in die andere Richtung liegen. Am Anfang dieser Kette nimmt man vier geschlossene Ringe, hängt diese in einen offenen Ring ein und biegt diesen zu. Jetzt legt man die Ringe so hin, daß 2 Ringe oben und 2 Ringe unten in der gleichen Richtung liegen. Jetzt nimmt man einen offenen Ring, fädelt 2 geschlossene drauf und hängt diesen Ring bei 2 der anderen ein.

Siehe folgende Bilder.

Man macht jetzt immer so weiter, bis man eine lange Kette hat. Diese Kette sollte so lang sein, wie die Breite eines passenden T-Shirts. Man sollte dabei darauf achten, daß die Kette nicht lang gezogen ist. Beim fertigen Kettenhemd ziehen sich die Reihen durch das Eigengewicht der Ringe zusammen. Also kommt man bei Größe XL auf ungefähr 80 Ringe in einer Reihe. Als Maß für die Anzahl der Ringe in einer Reihe, kann man auch nehmen, daß 7 Ringe eine Länge von ungefähr 4 cm ergeben. Um besser arbeiten zu können, kann man sich auch erstmal eine Kette mit einer Länge von 40 Ringen machen. Hat man zwei solcher Ketten gemacht, verbindet man die beiden Ketten miteinander.
Nun macht man eine weitere Kette und fügt diese wieder an die andere dran.

Eine andere Methode das Kettengeflecht herzustellen ist folgende:
Nachdem man die erste Kette gemacht hat, nimmt man einen offenen Ring hängt zwei geschlossene dran und verbindet sie mit den 2 ersten Ringen der unteren Reihe. Nun geht man hin und hängt einen geschlossenen Ring auf einen offenen und verknüpft ihn mit 3 Ringen, die schon im Geflecht sind. (2 Ringe der oberen Reihe und ein Ring der neuen Reihe.) Jetzt geht es immer so weiter, bis man die Reihe voll hat. Die nächste Reihe beginnt man wieder mit zwei Ringen, die an die ersten zwei Ringe angehängt werden.

Auf dem folgenden Bild sieht man gut,
wie sich das Kettengeflecht verkürzt,
die beiden Stücke sind gleich groß (40 Ringe in einer Reihe).
Jetzt läßt man die Fläche immer größer werden. Ist die Vorderseite des T-Shirts bedeckt, läßt man eine Aussparung für den Hals. Hier muß man halt mal probieren, wie viele Ringe man weg läßt. Danach geht es immer so weiter, bis der Rücken des T-Shirts bedeckt ist.
Will man sich ein Kettenhemd mit kurzen Armen machen, kann man diese im gleichen Muster machen, wie die des Hemdes. Man verbreitert das Hemd also an der Schulter um so viele Ringe, wie man die Arme lang haben will. Am Ende werden dann erst die Seiten des Hemdes geschlossen.
Hat man allerdings vor, einen Kettenpanzer mit langen Armen zu machen, empfiehlt es sich die Arme als enger werdende Röhre anzufertigen. Das heißt, die Ringe liegen in der gleichen Richtung wie am Rumpf des Hemdes und der Ärmel liegt genau so an. Man erhält hierbei zwar eine Art Naht an der Stelle, wo der Ärmel angesetzt wird, so eine Naht kann man allerdings auch auf manchen mittelalterlichen Zeichnungen sehen.

Falls sich jetzt jemand die Frage stellt, wie lasse ich die Ärmel enger bzw. weiter werden, hier die Antwort:
Man verwendet dort, wo man eine Änderung in der Breite haben möchte, ein Muster "5 in 1".
Das heißt, arbeitet man mit zwei fertigen Ketten, verbindet man an einer oder zwei Stellen die Ketten nicht damit, daß ein Ring zwei der einen und zwei der anderen Reihe festhält, sondern man verbindet 3 Ringe der einen Reihe mit 2 der anderen Reihe. Die andere Variante wäre man hängt zwischen zwei Ringe einen zusätzlichen Ring an, hat somit an dieser Stelle ein "5 in 1 Muster" und erreicht dadurch, daß die nächste Reihe, die man anhängt, um einen Ring breiter ist. Hat man nun eine Fläche, die immer breiter wird, hängt man diese an den Rumpf des Kettenhemdes. Hierbei entsteht die schon erwähnte "Naht", da Ringe miteinander verbunden werden, die ja in unterschiedlicher Richtung liegen. Am Schluß werden dann die Seiten des Hemdes und der Ärmel geschlossen. Hat einen die Sucht dann so gepackt wie mich, kann man sich dann noch ein paar Kettenbeinlinge oder Panzerstrümpfe genannt, anfertigen, gleiche Arbeitsweise wie bei den Ärmeln, man braucht nur fast nochmal so viele Ringe wie für das ganze Kettenhemd.

Wenn man erst mal angefangen hat, kann man nicht mehr damit aufhören, man wird richtig süchtig danach. Dies soll davon kommen, daß durch die monotone Arbeit Stoffe im Körper frei gesetzt werden, wie sie sonst nur bei Marathonläufern ausgeschüttet werden. Und diese Stoffe eine Art Sucht hervorrufen. Deshalb sollte man darauf aufpassen, das man es nicht übertreibt. Es drohen Sehnenscheidenentzündung und Streit mit dem Lebenspartner.

"Sarwürger Heinrich" (Heiko Walther)


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