Flugblatt Nr. 1 (zweiseitig gedrucktes A5-Blatt; 1999):
Esperanto wurde 1887 von Dr. L. L. Zamenhof, einem im russisch beherrschten Teil Polens lebenden jüdischen Augenarzt, als neutrale internationale Sprache vorgeschlagen. Er wollte eine leicht erlernbare, regelmäßige Sprache entwickeln und mit Gleichgesinnten erproben, die später als internationale Zweitsprache für alle eingeführt werden sollte. Eine neutrale, allen Menschen gleichermaßen gehörende Sprache hielt er nicht nur für eine praktische Sache, sondern auch für einen Faktor des Friedens.
Einen Durchbruch hat Esperanto schon geschafft: es wurde eine generationsübergreifende lebende Sprache, die Hunderttausende in aller Welt gelernt haben, die nur teilweise in Verbänden organisiert sind. Der Esperanto-Weltbund (UEA=Universala Esperanto-Asocio) hat Mitglieder in 120 Ländern. Der kleinere SAT (Sennacieca Asocio Tutmonda=Nationenunabhängiger Weltbund) sammelt u.a. linkspolitisch, gewerkschaftlich und ökologisch aktive Esperanto-Sprecher. Esperanto stellt seine Gebrauchsfähigkeit ständig unter Beweis. Es erweist seinen Sprechern viele praktische Dienste.
Die weltweite Dominanz einiger Sprachen beruht wesentlich auf der Macht der hinter ihnen stehenden Staaten. Mitglieder nichtprivilegierter Sprachgemeinschaften kommunizieren bergauf, wenn sie international gezwungenermaßen eine oder mehrere Hegemonialsprachen gebrauchen, die sie meist schlechter beherrschen als ihre Muttersprache.
Der internationale Gebrauch von einigen Nationalsprachen verzerrt Kulturaustausch und Informationsflüsse zugunsten bestimmter Sprachgemeinschaften, genauer gesagt, zugunsten ihrer wirtschaftlichen, politischen und meinungsbestimmenden Eliten. Die gegenwärtige Vorrangstellung des Englischen ist eine Hauptbedingung für die Eroberung der Weltmärkte durch Erzeugnisse der US-amerikanischen Kulturindustrie. Eine neutrale, leichter erlernbare Sprache könnte Ausgleich schaffen.
Manche nehmen das Sprachproblem schicksalsergeben hin und manche leben gern mit ihm, weil ihre eigenen Fremdsprachenkenntnisse karrierefördernd oder prestigeträchtig sind. Vor allem aber haben sich die herrschenden Klassen vieler Länder gut im status quo eingerichtet. Es liegt nämlich in ihrem Interesse, daß die Masse der Lohnabhängigen und überhaupt die meisten Bevölkerungsschichten einsprachig oder nur begrenzt fremdsprachenkundig bleiben, da diese dann weniger Zugang zu Meinungen und Informationen aus dem Ausland finden, die nicht durch den Filter der von ihnen dominierten Medien hindurchgegangen sind, sowie sie sich weniger mit Ihresgleichen im Ausland direkt austauschen können.
Esperanto ist egalitär. Es soll ermöglichen, daß breite Bevölkerungsschichten in allen Ländern sich über sprachliche und politische Grenzen hinweg unmittelbar verständigen. Englisch, von vielen als die Weltsprache angesehen, leistet dies nicht einmal in der kleinen Gruppe der relativ reichen Länder mit ausgebautem Schulwesen.
Der Gebrauch von Nationalsprachen im internationalen Rahmen ist kostspielig. Allein die EG muß jährlich Milliarden DM dafür aufwenden. Ähnlich die Situation bei der UNO und anderen internationalen Organisationen. Seine Benutzer sehen in Esperanto ein Hilfsmittel zur demokratischen Austragung von internationalen Konflikten und ein Mittel kommunikativer Gleichberechtigung.
Esperanto kann in etwa einem Drittel der Zeit erlernt werden, die man für einige häufig gelernten Fremdsprachen braucht. Es hat eine phonemische (ein Laut=eine Buchstabe) Schrift und eine sehr regelmäßige Grammatik. Sein Lautbild ist auf Internationalität angelegt. Gesprochenes Esperanto klingt etwa wie Spanisch oder Italienisch.
Esperanto ist eine agglutinierende Sprache, bei der umfangreiche Teile des Wortschatzes aus kleineren Elementen zusammengesetzt werden. So verringert sich die Zahl der lexikalischen Elemente, die extra gelernt werden müssen. Der Wortschatz entspricht dem Prinzip einer möglichst hohen internationalen Bekanntheit.
Eine für alle Zwecke taugliche Sprache kann nur in einem kollektiven Prozeß entstehen. Seit fast 100 Jahren finden Kongresse und Begegnungen statt, bei denen Esperanto gesprochen wird. Es gibt Zehntausende von Büchern und mehrere hundert regelmäßig erscheinende, meist kleinere Zeitschriften auf Esperanto. Esperanto wird häufig alltägliche Familiensprache bei Paaren unterschiedlicher Herkunft (und ihren Kindern).
Esperanto entwickelt sich fort – wie andere Sprachen – durch lexikalische Entlehnung und Begriffsbildung aus vorhandenen sprachlichen Mitteln, ohne dabei seine relative Einfachheit zu verlieren.
Die Sprechergemeinschaft in Europa ist stabil und ist in einigen außereuropäischen Ländern stark gewachsen (China, Iran, Afrika). Esperanto hat auch mehr Anerkennung gefunden als allgemein bekannt ist, auch wenn diese für ihre weltweite Durchsetzung als zweite Sprache für alle bei weitem nicht ausreicht. In einer Resolution hat die UNESCO 1954 die durch Esperanto erreichten Ergebnisse auf dem Gebiet des internationalen Austausches und der Annäherung der Völker anerkannt. Der Esperanto-Weltbund UEA arbeitet seitdem zusammen mit anderen nichtstaatlichen Organisationen in verschiedenen Arbeitsgruppen der UNESCO mit. Diese bekräftigte 1985 den einmal eingenommenen Standpunkt und empfahl, das Sprachproblem und Esperanto an Schulen und Hochschulen der Mitgliedsländer verstärkt zu behandeln.
Vor einigen Jahren verlangten 47 EG-Parlamentarier eine Untersuchung über die Eignung von Esperanto als Sprache für die Europäische Gemeinschaft. Einige Länder lassen Esperanto für den Schulunterricht zu. Die Universität Budapest hat eine Esperanto-Abteilung, und andere Hochschulen bieten Lehrveranstaltungen in und über Esperanto an, beispielsweise die Universität Saarbrücken. Örtliche Stellen geben touristisches Informationsmaterial auf Esperanto heraus und tägliche Esperanto-Sendungen sind auf Kurzwelle bzw. per Satellit zu empfangen.
Langfristig fördert die dichter werdende Vernetzung der Welt eine stärkere Wahrnehmung des internationalen Sprachproblems. Die Chancen des Esperanto werden sowohl vom Ausmaß der praktizierten internationalen Zusammenarbeit wie vom öffentlichen Druck abhängen, der in vielen Ländern ausgeübt werden muß, und der sich nur in einem politischen Klima entfalten kann, in dem radikaldemokratische und internationalistische, sowie weltpolitisch und innergesellschaftlich egalitäre Bestrebungen kräftiger als derzeit wirksam werden. Der praktische Gebrauch von Esperanto soll heute schon ein entsprechendes Klima antizipieren.
Viele haben durch Esperanto bei geringem Lernaufwand weltumspannende Kontaktmöglichkeiten erschlossen. Manche machen in Fachverbänden, Ortsgruppen, Landesverbänden oder internationalen Organisationen mit. Die meisten Esperanto-Sprecher betonen den praktischen Aspekt mehr als den politischen: sie benutzen ihre Sprachkenntnisse auf Reisen, indem sie mit Bekannten Kontakt aufnehmen bzw. durch eines der Adressenverzeichnisse Kontakt knüpfen, z.B. durch den Pasporta Servo, in dem 906 Personen aus 72 Ländern enthalten sind, die andere reisende oder Urlaub machende Esperanto-Sprecher für eine begrenzte Zeit beherbergen. Über das ganze Jahr finden Dutzende von internationalen Treffen, Tagungen und Freizeitaktivitäten statt, die sich häufig mit aktuellen gesellschafts- und kulturpolitischen Fragen beschäftigen.
weitere Information: Esperanto-Centro Berlin, Falkstr. 25, 12053 Berlin, Tel.: (030) 687 31 30, auch im WWW:
Flugblatt Nr. 2 (zweiseitig gedrucktes A5-Blatt; 1999)
SAT (Sennacieca Asocio Tutmonda, d.h. etwa: Nationenunabhängiger Weltbund) ist eine ArbeiterInnenorganisation allgemein linker Ausrichtung, deren gemeinsamer Nenner der Antinationalismus ist. Sie wurde 1922 in Prag gegründet, eine Zeit, in der eine revolutionäre Stimmung in vielen europäischen Ländern herrschte. Die Gründung hing u.a. mit dem Erlebnis der nationalistischen Kehrtwende und dem Kriegstreiben der sozialdemokratischen Parteien zusammen: die Mitglieder der SAT begriffen, daß es nicht ausreicht, den Internationalismus zu loben aber weiterhin im Saft einer Nation zu schmoren. Auch den sowjetischen Internationalismus erkannten viele von ihnen früh als hegemonistischer Machtanspruch der Kommunistischen Partei. Im Nationalismus erkannten sie die Religion des modernen Staates, die eine der wenigen Religionen ist, die vom Menschen fordert, sogar sein Leben zu opfern.
Das monatliche Organ von SAT heißt Sennaciulo (Der Nationslose), wobei Nation im Sinne von Nationalstaat gemeint ist, nicht im Sinne von ethnischer Zugehörigkeit, die ja jedeR hat. Es gibt eine Reihe anderer Veröffentlichungen, z.B. die jährlich erscheinende Theoriezeitschrift Sennacieca Revuo, die Bulletins der aktiven SAT-Fraktionen (AnarchistInnen, Grüne u.a.) oder die Rundbriefe der Arbeiter-Esperanto-Ligen in den einzelnen Sprachgebieten. Interne Arbeitssprache der SAT ist ausschließlich Esperanto, obwohl die Rundbriefe der Arbeiter- Esperanto-Ligen z.T. in den jeweiligen Landessprachen verfaßt sind.
Die SAT erreichte ihren Höhepunkt in den Jahren 1929-30. Damals hatte sie 6524 Mitglieder an 1574 Orten in 42 Ländern. Die Verfolgungen der 30er Jahre (in Deutschland, Japan, der Sowjetunion usw.) sowie der Zweite Weltkrieg haben vielen SAT-Mitgliedern das Leben gekostet. Die Forcierung des Englischen als Hegemonialsprache nach dem 2. Weltkrieg hat die Position des Esperanto geschwächt und die Erholung der Arbeiter-Esperanto-Bewegung erschwert.
Heute hat die SAT knapp 2.000 Mitglieder, wovon etwa ein Sechstel in Frankreich lebt. Andere Länder mit einer relativ hohen Mitgliederzahl sind Rußland, die Ukraine, Bulgarien, die Niederlanden und Japan. Nach wie vor gibt es kaum Mitglieder in Afrika (nur in 3 Ländern). Die Zusammensetzung der Mitgliedschaft ändert sich derzeit rasch, weil die Sterbefälle alter Mitglieder sich in West- und Mitteleuropa konzentrieren, während neue Mitglieder in den ehemaligen Sowjet-republiken und China hinzukommen. Dies hat weitreichende negative Folgen für die Finanzen, da die Mitglieder im Osten sich viel weniger an Beiträgen leisten können. Nach wie vor gibt es viele Doppelmitgliedschaften, d.h. SAT-Mitglieder sind auch Mitglied in Organisationen der bürgerlichen (auch neutral genannten) Esperanto-Bewegung, weil diese wesentlich größer ist und viele Vorteile zu bieten hat. Die SAT hat ihren Sitz in Paris, wo es auch eine bezahlte Bürokraft gibt. Hier erscheint das monatliche Organ Sennaciulo.
Die Veränderungen in der Altersstruktur und Zahlungsfähigkeit der Mitglieder gehen auch mit Verschiebungen im ideologischen Bereich einher. Die Bedeutung von Klassenkampf wird z.B. zunehmend in Frage gestellt, insbesondere von den jüngeren Mitgliedern. Die Anziehungskraft der SAT im Osten hängt mit einigen Faktoren zusammen. Erstens, haftet der SAT in den östlichen Ländern zum Teil das romantische Image einer oppositionellen Organisation an, weil sie dort bis Ende der 80er Jahre nicht offen arbeiten durfte. Damit hängt zusammen, daß sie in diesen Ländern nicht von Wendehälsen getragen wird, wie dies bei der bürgerlichen (früher systemtreuen) Esperanto-Bewegung teilweise der Fall ist. Ein weiterer Grund dürfte derjenige sein, daß die bürgerliche Esperanto-Bewegung in manchen Ländern von nationalistisch eingestellten Kräften beeinflußt wird. Dies drängt moderate Leute in Richtung SAT ab. Die SAT scheint sich zur Zeit mehr und mehr hin zu einem amorphen Sammelbecken progressiver EsperantistInnen zu entwickeln. Bei den Umwälzungen und der massiver Verelendung in Osteuropa bleibt noch zu hoffen, daß die SAT eine den Umständen entsprechend kämpferische Linie einschlägt und das glänzende Verständigungsmittel Esperanto den antikapitalistischen Kräften zur Verfügung stellt. Trotz ihrer zahlenmäßigen Schwäche und aller anderen Mängel, beweist die SAT immer wieder, daß sie mit Esperanto in der Lage ist, den dringend notwendigen übernationalen Austausch zwischen arbeitenden Menschen zu fördern. Dies ist eine Grundvoraussetzung für eine internationale revolutionäre Bewegung.
1. Unter dem Namen Sennacieca Asocio Tutmonda wurde eine Vereinigung mit den folgenden Zielen gegründet:
a) die internationale Sprache ESPERANTO für die Klassenziele der weltweiten Arbeiterschaft zu nutzen;
b) so gut und so würdig wie möglich die gegenseitigen Beziehungen der Mitglieder zu fördern, um in ihnen einen starken Sinn für die menschliche Solidarität zu schaffen;
c) die Mitglieder so zu unterrichten, zu bilden und aufzuklären, daß sie die fähigsten und besten sog. Internationalisten werden;
d) in den Beziehungen zu anderssprachigen Organisationen, die analoge Ziele wie die SAT verfolgen, als Vermittler zu dienen;
e) vermittelnd und unterstützend bei der Schaffung einer Esperanto-Literatur zu wirken, die sowohl aus Übersetzungen als auch aus Originaltexten besteht, und die die Ziele unserer Vereinigung widerspiegelt.
Da SAT keine parteipolitische, sondern nur eine bildende, aufklärende und kulturelle Organisation ist, sollten die Mitglieder Verständnis und Toleranz den politischen und philosophischen Schulen oder Systemen, auf die sich die verschiedenen klassenkämpferischen Arbeiterparteien und Gewerkschaftsbewegungen gründen, entgegenbringen. Durch den Vergleich von Fakten und Ideen, sowie durch freie Diskussion will SAT bei ihren Mitgliedern die Dogmatisierung der politischen Lehren, die sie in ihrer jeweiligen Umgebung erhalten, unmöglich machen.
Kurz gesagt, SAT setzt sich das Ziel, langfristig durch die weltweite Anwendung einer rationell durchdachten Sprache (Esperanto) die Schaffung rationell denkender Geister zu fördern, die fähig sind, Ideen, Thesen und Tendenzen gut zu vergleichen, richtig zu verstehen und auszuwerten, die daher auch fähig sind, selbständig den Weg zu wählen, den sie für den direktesten oder begehbarsten halten, um die Klasse zu befreien und die Menschheit zu einer möglichst hohen Stufe der Zivilisation und Kultur hinzuführen.
weitere Information: Gary Mickle, Brüsseler Str. 6, 13353 Berlin, Tel.: (030) 453 96 47
Flugblatt Nr. 3 (zweiseitig gedrucktes A4-Blatt; Mai 2001)
Esperanto wurde 1887 von Dr. L. L. Zamenhof, einem im (heute polnischen) westlichen Teil des russischen Reiches lebenden jüdischen Augenarzt, als neutrale internationale Sprache vorgeschlagen. Er wollte eine leicht erlernbare, regelmäßige Sprache entwickeln und mit Gleichgesinnten erproben, die später als internationale Zweitsprache für alle eingeführt werden sollte. Eine solche Sprache wird heute meist als "Plansprache" (manchmal auch als "Welthilfssprache") bezeichnnet. Sie ist neutral in dem Sinne, dass sie nicht an ein bestimmtes Land oder an eine Volksgruppe gebunden ist. Die weltweite Einführung einer Sprache, die allen Menschen gleichermaßen gehört, hielt er nicht nur für eine praktische Sache, sondern auch für einen Beitrag zur Konfliktlinderung und zum Frieden.
Einen beachtlichen Durchbruch hat Esperanto schon geschafft: es wurde eine generationsübergreifende lebende Sprache, die Hunderttausende in aller Welt gelernt haben. Sie sind teilweise in Verbänden organisiert. Der Esperanto-Weltbund UEA (Universala Esperanto-Asocio) hat 19 170 Mitglieder in 119 Ländern (1999). Der kleinere Nationenunabhängige Weltbund SAT (Sennacieca Asocio Tutmonda) hat ca. 950 Mitglieder. Er sammelt u.a. linkspolitisch, gewerkschaftlich und ökologisch aktive Esperanto-Sprecher. Esperanto stellt seine Gebrauchsfähigkeit ständig unter Beweis. Es erweist seinen Sprechern auch viele praktische Dienste.
Seit etwa zwei Jahrzehnten streiten Esperantosprechende darüber, ob die klassische Zielvorstellung der weltweiten Einführung des Esperanto als Hauptmedium der internationalen Kommunikation ("Weltverkehrssprache") heute noch realistisch ist. Manche Erneuerungswillige glauben das nicht und weisen stattdessen auf den kulturellen und ideellen Wert hin, der Esperanto bereits heute für seine freiwillige Anwendergemeinschaft hat. Befürworter der alten Forderung machen geltend, dass künftige Ereignisse nicht so einfach vorherzusagen seien, und dass eine wirklich zufriedenstellende Lösung des weltweiten Sprachproblems durch eine ethnische Sprache nicht einmal möglich sei, da sich die hierdurch benachteiligten Völker mit ihrer Diskriminierung nicht abfinden würden.
Die weltweite Dominanz einiger Sprachen beruht im wesentlichen auf der Macht der hinter ihnen stehenden Staaten. Mitglieder nichtprivilegierter Sprachgemeinschaften kommunizieren "bergauf", wenn sie international gezwungenermaßen eine oder mehrere Hegemonialsprachen gebrauchen, die sie meist schlechter beherrschen als ihre Muttersprache.
Der internationale Gebrauch von einigen Nationalsprachen verzerrt Kulturaustausch und Informationsfluss zugunsten bestimmter Sprachgemeinschaften, genauer gesagt, zugunsten ihrer wirtschaftlichen, politischen und meinungsbestimmenden Eliten. Die gegenwärtige Vorrangstellung des Englischen ist eine Hauptbedingung für die Erschaffung einer zentralisierten, weltweit operierenden Massenbewusstseinsindustrie und die Eroberung der Weltmärkte durch US-amerikanische Unterhaltungsware. Eine Weltkultur "von unten" hat es dagegen schwer, wenn das von den Massen nicht oder unzulänglich beherrschte Englische die Vermittlerrolle einnimmt. Eine neutrale, leichter erlernbare Sprache könnte einen weitaus ausgeglicheneren internationalen Kulturaustausch ermöglichen.
Manche nehmen das Sprachproblem schicksalsergeben hin und manchen ist es gewiss recht, weil ihre eigenen Fremdsprachenkenntnisse karrierefördernd oder prestigeträchtig sind. Vor allem aber haben sich die herrschenden Klassen vieler Länder gut im status quo eingerichtet. Es liegt nämlich in ihrem Interesse, dass die Masse der Lohnabhängigen und überhaupt die meisten Bevölkerungsschichten einsprachig oder nur begrenzt fremdsprachenkundig bleiben, da diese dann weniger Zugang zu Meinungen und Informationen aus dem Ausland finden, die nicht durch den Filter der von ihnen dominierten Medien hindurchgegangen sind. Auch der direkte Austausch mit ihresgleichen im Ausland wird so behindert.
Esperanto ist von der Konzeption her egalitär. Es sollte ermöglichen, dass breite Bevölkerungsschichten in allen Ländern sich über sprachliche und politische Grenzen hinweg unmittelbar verständigen. Englisch, von vielen als die Weltsprache angesehen, leistet dies nicht einmal in der kleinen Gruppe der relativ reichen Länder mit ausgebautem Schulwesen.
Der Gebrauch von Nationalsprachen im internationalen Rahmen ist kostspielig. Allein die EU muß jährlich Milliarden Euro dafür aufwenden. Ähnlich ist die Situation bei der UNO und anderen internationalen Organisationen.
Anhänger der klassischen Forderung nach weltweiter Einführung des Esperanto sehen in ihm ein potentielles Hilfsmittel zur demokratischen Austragung von internationalen Konflikten. Alle, auch Anhänger der neueren Strömung, sehen in ihm ein Mittel kommunikativer Gleichberechtigung.
Im Milieu der betont antinationalistischen Arbeiter-Esperanto-Bewegung stellte Eŭgeno Lanti, Mitgründer des SAT, bereits vor dem 2. Weltkrieg den "Anationalismus" – eine Lehre von der Entnationalisierung der Welt – vor. Nach seiner Hypothese entsteht gerade durch die Praxis des Esperanto eine Keimzelle einer künftigen anationalen (anational = frei von nationalem bzw. ethnischem Bezug) Weltkultur. Er verbreitete den betont kosmopolitischen Anationalismus unter Arbeiter-Esperantisten. Diese forderte er auf, sich von nationalen Kämpfen fernzuhalten und den Klassenkampf voranzutreiben.
Unter den Gruppierungen der proletarischen Esperanto-Bewegung besaßen die Anationalisten mancherorts ein in der allgemeinen Arbeiterbewegung wahrnehmbares eigenes Profil. Vorstellungen von einer "Graswurzelglobalisierung" finden auch heute Anklang. Manche – z.T. im SAT organisierte – Esperantosprechende treten dem wieder erstarkenden Kult der Ethnizität, der nationalen Identität u.s.w. entgegen. Leider gibt es auch Esperantosprechende, die ethnizistischen und differentialistischen Auffassungen anhängen.
Die Sprechergemeinschaft in Europa ist stabil und in einigen außereuropäischen Gebieten (China, Iran, Afrika) stark gewachsen. Esperanto hat mehr Anerkennung gefunden als allgemein bekannt ist, auch wenn diese für ihre weltweite Durchsetzung als zweite Sprache für alle bei weitem nicht ausreicht. In einer Resolution hat die UNESCO 1954 einige der "durch Esperanto erreichten Ergebnisse auf dem Gebiet des internationalen Austausches und der Annäherung der Völker" anerkannt. Seitdem arbeitet der Esperanto-Weltbund UEA mit anderen nichtstaatlichen Organisationen in verschiedenen Arbeitsgruppen der UNESCO zusammen. Diese bekräftigte 1985 den früher eingenommenen Standpunkt und empfahl, das Sprachproblem und Esperanto an Schulen und Hochschulen der Mitgliedsländer verstärkt zu behandeln.
Hin und wieder verlangen EU-Parlamentarier die Untersuchung der Eignung von Esperanto als Sprache für die Europäische Gemeinschaft. Einige Länder lassen Esperanto für den Schulunterricht zu und manche Hochschulen bieten Lehrveranstaltungen in und über Esperanto an, beispielsweise die Universitäten Budapest und Poznań. Auch an der Berliner Humboldt-Universität finden regelmäßig Vorlesungen über Interlinguistik und Esperantologie statt. Örtliche Stellen geben touristisches Informationsmaterial auf Esperanto heraus und tägliche Esperanto-Sendungen sind auf Kurzwelle bzw. per Satellit zu empfangen.
Etwaige Chancen des Esperanto auf eine weltweite Rolle hängen vom Ausmaß der allgemein praktizierten internationalen Zusammenarbeit sowie vom öffentlichen Druck ab, der in vielen Ländern ausgeübt wird, und der sich nur in einem politischen Klima entfalten kann, in dem radikaldemokratische, internationalistische und egalitäre Bestrebungen weitaus kräftiger als derzeit wirksam werden.
Ungeachtet der Ungewissheit einer möglichen "Durchsetzung" des Esperanto, erweist sich die Sprache jahrzehntelang als lebensfähig und für immer wieder neue Anhänger attraktiv.
Esperanto kann in etwa einem Drittel der Zeit erlernt werden, die man etwa für Englisch oder Französisch braucht. Es hat eine phonemische Schrift (ein Laut = eine Buchstabe) und eine sehr regelmäßige Grammatik. Sein Lautbild ist auf Internationalität angelegt. Gesprochenes Esperanto klingt etwa wie Spanisch oder Italienisch.
Esperanto ist eine agglutinierende Sprache, bei der umfangreiche Teile des Wortschatzes aus kleineren Elementen zusammengesetzt werden. So verringert sich die Zahl der lexikalischen Elemente, die extra gelernt werden müssen. Der Wortschatz entspricht dem Prinzip einer möglichst hohen internationalen Bekanntheit.
Eine für alle Zwecke taugliche Sprache kann nur in einem kollektiven Prozess entstehen. Seit fast 100 Jahren finden Kongresse und Begegnungen statt, bei denen Esperanto gesprochen wird. Es gibt zehntausende von Büchern und mehrere hundert regelmäßig erscheinende, meist kleinere Zeitschriften auf Esperanto. Esperanto ist häufig alltägliche Familiensprache bei Paaren unterschiedlicher Herkunft (und ihren Kindern).
Esperanto entwickelt sich fort – wie andere Sprachen – durch lexikalische Entlehnung und Begriffsbildung aus vorhandenen sprachlichen Mitteln, ohne dabei seine relative Einfachheit einzubüßen.
| La spirita kontaktiĝo inter la diverslandaj proletoj fakte okazas nur pere de poliglotaj intelektuloj. Tial la agado de SAT, celanta kunigi, intimigi senpere la laborulojn tutmondajn, estas esence revolucia. | Die geistige Auseinandersetzung zwischen den Proletariern der verschiedenen Länder findet eigentlich nur durch die Vermittlung polyglotter Intellektueller statt. Darum ist die Tätigkeit der SAT, die darauf abzielt, die Arbeiter der ganzen Welt unmittelbar zusammenzubringen, revolutionär im ihrem Wesen. |
Eŭgeno Lanti: Pensoj
Viele haben sich durch Esperanto bei geringem Lernaufwand weltumspannende Kontaktmöglichkeiten erschlossen. Manche machen in Fachverbänden, Ortsgruppen, Landesverbänden oder internationalen Organisationen mit. Die meisten Esperanto-Sprecher betonen den praktischen Aspekt mehr als den politischen: sie benutzen ihre Sprachkenntnisse auf Reisen und mit Freunden und Bekannten. Kontakte lassen sich durch eines der Adressenverzeichnisse knüpfen, z.B. durch den Pasporta Servo, in dem 1161 Personen aus 80 Ländern aufgeführt sind, die andere reisende oder Urlaub machende Esperanto-Sprecher für eine begrenzte Zeit beherbergen. šber das ganze Jahr finden Dutzende von internationalen Treffen, Tagungen und Freizeitaktivitäten statt, die sich häufig mit aktuellen gesellschafts- und kulturpolitischen Fragen beschäftigen.
[V.i.S.d.P.: Gary Mickle]
Esperanto-Centro Berlin, Falkstr. 25, 12055 Berlin, Tel.: 687 31 30, E-mail: lv PUNKTO berlin CXE esperanto PUNKTO de
Esperanto in Deutschland: http://www.esperanto.de
Esperanto in Berlin: http://www.esperanto.de/org/lv.berlin/
Maldekstra Forumo Berlino / Linkes Forum Berlin: http://home.germany.net/101/121591/mfb/index.html
Universala Esperanto-Asocio (UEA): http://www.uea.org
Sennacieca Asocio Tutmonda / Nationenunabhängiger Weltbund (SAT): http://www.multimania.com/satesperanto/