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Maldekstra Forumo Berlino: Broschüren


info-serio Nr. 2

Dieser Text ist eine leicht abgeänderte deutsche Version der französischen Broschüre Espéranto: une autre idée de la communication, une haute idée de la communication (SAT-Amikaro, 67, avenue Gambetta, F-75020 Paris), die von Wilhelm Luttermann übersetzt und von Mitgliedern des Maldekstra Forumo Berlin und des Freien Esperanto-Bundes bearbeitet wurde.

Eine andere Kommunikationsidee: Esperanto

Die Welt braucht eine nationenunabhängige Sprache

Die Notwendigkeit, gar die Unausweichlichkeit einer solchen Sprache wird immer deutlicher, je mehr die Beziehungen und Interdependenzen der Länder, ihr Handel und Wandel zunehmen. Englisch hat im internationalen Verkehr Latein und Französisch abgelöst. Das ist aber ein Zustand, der die überwältigende, nicht-englischsprachige Mehrheit der Völker benachteiligt. Es handelt sich um 92% der Menschheit.

Mehrere Generationen wurden bei uns nicht nur unter sachlich-rationalen Gesichtspunkten für das Englischlernen gewonnen, sondern mit allen Mitteln der Medienbeeinflussung für Kultur und Lebensweise, Musik und Moden (auch Denkmoden) der englischsprachigen Länder und damit einhergehend für deren Sprache eingenommen. Ein Heer von Lehrern hat sich darangemacht, der jeweils jungen Generation mit einer breiten Auswahl von Lehrmethoden Englisch einzutrichtern. Die schier endlose Mühsal ist gar nicht zu ermessen, die dafür aufgebracht werden mußte und wird. Gleich ab Kriegsende war durch die Anwesenheit englischsprachiger Besatzungstruppen bzw. Verbündeter eine für diese Sprache besonders günstige Situation gegeben. Hinzu kommt der Umstand, daß Englisch gerade für Deutsche und Sprecher anderer germanischer Sprachen wegen der engen Sprachverwandtschaft leichter zu lernen ist als für andere. Aber trotz all dem bleibt es für die meisten, die sechs bis neun Jahre für das Englischlernen aufgebracht haben, eine nur ansatzweise verfügbare Sprache.

Das unbestreitbare Bedürfnis nach einer gemeinsamen Sprache für alle Völker der Erde kann die maßlosen Privilegien nicht rechtfertigen, die sich zur Zeit einige Nationen zum Nachteil von über 9/10 der Menschheit anmaßen. Die gegenwärtige Situation ruft zwangsläufig Forderungen nach Gleichberechtigung anderer Sprachen hervor – denen in internationalen Organisationen regelmäßig stattgegeben werden müssen. Das Ergebnis ist ein heilloses Sprachenwirrwarr.

Trotz der Unmenge an Zeit, Geld und sonstigen Mitteln, die wegen der weltweit verfolgten, dennoch nie durchdachten Politik des Unterrichts einiger privilegierter Sprachen verschlungen werden, sieht die Bilanz schlimm aus. Nämlich so, daß anschließend die erbärmlichen Ergebnisse dieses Unterrichts – eher schlecht als recht – durch kostspielige Scheinlösungen ausgeglichen werden müssen, die zudem umständlich, unbequem, einengend und diskriminierend sind: Übersetzungs- und Dolmetscherdienste, vielsprachige Bürokratie, teures Gerät.

Der praktische und kulturelle Wert mehrerer von überforderten und unmotivierten Schülern schlecht gelernter Sprachen steht in keinem angemessenen Verhältnis zum Aufwand, den die Schüler und ihre Lehrer – und nicht zuletzt auch die Steuerzahler erbringen.

Der größte Teil der Summe, die im Bildungsetat für den Fremdsprachenunterricht aufgebracht wird, wird auf diese Weise seinem eigentlichen Zweck entfremdet – infolge einer kopflosen Sprachenpolitik, die zwar aus kurzer Sicht “pragmatisch” erscheint, aber jeder weiteren Vernunft entbehrt.

Statt auf eine Lösung zu setzen, die direkte und gleichrangige Kommunikation ermöglicht, wird auf Teillösungen gesetzt, die Abhängigkeit, reduzierte Kommunikation, sprachliche und kulturelle Entfremdung, Unterlegenheit, Verzicht auf Beredsamkeit und Überzeugungskraft bedeuten. Es wird, kurz gesagt, auf Diskriminierung gesetzt.

In internationalen Organisationen geht die Aufrechterhaltung einer immer schwerfälligeren vielsprachigen Bürokratie auf Kosten der Qualität und Schnelligkeit der Kommunikation, der Forschung, der Verwirklichung vordringlicher Vorhaben. Institutionen wie die Welt-Gesundheits-Organisation WHO verschieben oder streichen lebenswichtige Projekte, nur um dem sprachlich-kulturellen Narzißmus und den hegemonialen Ansprüchen einiger Mächte gerecht zu werden. Kein Wunder, daß die politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Auswirkungen dieses sprachlichen Chaos unerfreulich sind. Sie münden in mangelnder Verständigung, in Egoismus und Einkapselung der Völker, sowie Lahmlegung ihres Solidaritätspotentials. Die Sprachmauer fesselt die Entwicklung des kulturellen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Austausches, den freien Verkehr von Informationen und Gedanken, den sozialen Fortschritt. Sie begünstigt die ideologische Verdummung der Völker und das Ausnutzen von nationalen und rassistischen Vorurteilen, und sie verstärkt politische und religiöse Fanatismen. Sie schafft und unterhält ein Herrscher-Beherrschten-Verhältnis, ein Hindernis für die Verbrüderung der Völker. Die Sprachmauer gefährdet den Frieden und die Sicherheit aller.

In den kapitalistischen Industrieländern wachsen seit Jahren die innergesellschaftlichen Widersprüche. Die Gegensätze zwischen Arm und Reich, Macht und Machtlosigkeit treten immer stärker hervor. Mit der Verteilung von Bildungsgütern sieht es nicht anders aus: der aufwendige Fremdsprachenunterricht steht einer Ausdehnung des Analphabetentums gegenüber.

In der Dritten Welt, wo das Problem des Analphabetismus an erster Stelle steht, zusammen mit Krankheiten, Elend und Hunger, verschlingt der Unterricht der hegemonialen und vorgeblich internationalen Sprachen einen riesigen Anteil des Bildungsetats, auf Kosten der einheimischen Sprachen. Er verschlingt Energien, die anderswo nutzbringender verausgabt würden. Er verstärkt die Unterstützungsempfänger-Mentalität, die Entfremdung und Abhängigkeit gegenüber den Mächten, deren Sprachen unterrichtet und in den internationalen Beziehungen verwendet werden.

Das Problem der Sprachen und der sprachlichen Kommunikation ist also ein sehr bedeutendes, denn die Lösung aller anderen Weltprobleme hängt von der Qualität der Kommunikation ab. Während Europa seine Einheit in der Vielfalt sucht, am Vorabend des dritten Jahrtausends und in einer Zeit rasanter Entwicklung der Ost-West- und Nord-Süd-Beziehungen, muß der Zugang zu einer unmittelbaren und selbstbestimmten Kommunikation, die frei von Ungleichheit und Diskriminierung ist, als ein Menschenrecht gelten, als eine vorrangige Zielsetzung von gleichem Rang wie das Recht auf Wissen.

Daher muß sich jeder dieses Rechts bemächtigen können, ohne darauf warten zu müssen, daß es offiziell anerkannt wird oder zu seinen Gunsten staatliche Maßnahmen eingeleitet oder Mittel bewilligt werden.

Eine andere Kommunikationsidee

Die einzig gerechte und zufriedenstellende Alternative zu den jetzigen Zuständen ist die Annahme einer Sprache, die frei von jeglicher Verbindung zu einem bestimmten Land ist, d.h. einer nationenunabhängigen Sprache. Diese Sprache muß außerdem einige wichtige linguistische Merkmale aufweisen: Genauigkeit und Geschmeidigkeit, das höchstmögliche Maß an lexikalischer Internationalität, eine Phonologie und Struktur, die mit einer Vielzahl von anderen Sprachen übereinstimmen, eine – vom Standpunkt der ethnischen Sprachen aus gesehen – leichte Zugänglichkeit, und zwar für jedes beliebige Volk. Sie muß große Regelmäßigkeit aufweisen (volkstümlich gesagt: sie muß “logisch” sein) und sich für moderne Techniken der Kommunikation und Informationsverarbeitung eignen (Datenverarbeitung, maschinelle Übersetzung usw.). Sie muß sich auch in umfangreicher praktischer Anwendung bewährt haben. Die internationale Sprache Esperanto, die über ein Jahrhundert existiert, ist die einzige, die all diesen Anforderungen wirklich gerecht wird.

Geschichtlicher Überblick

1887 erschien in Warschau ein bescheidenes Büchlein des Dr. L. L. Zamenhof (1859-1917) in russischer Sprache mit dem Titel Internationale Sprache. Das Pseudonym “Doktoro Esperanto”, das der Autor zunächst verwendet hatte, wurde später, von ihm unbeabsichtigt, zum Namen dieser Sprache.

Die “russische Periode” endete 1895 abrupt, nachdem die einzige Esperanto-Zeitschrift einen Artikel von Tolstoj veröffentlicht hatte, woraufhin sie durch die zaristische Zensur verboten wurde. Es folgte die “schwedische” und dann die “französische Periode” mit dem ersten Esperanto-Weltkongreß (1905 in Boulogne-sur-Mer mit 688 Teilnehmern aus 20 Ländern). 1905 gründete der Anarchist und Gelehrte Paul Berthelot die heute noch erscheinende Zeitschrift Esperanto. 1908 gründete Hector Hodler den Universala Esperanto-Asocio (UEA = Esperanto-Weltbund).

Bis zum ersten Weltkrieg konnte sich die Internationale Sprache von Frankreich aus in die Welt ausbreiten, vor allem nach Japan und China. In Prag entstand 1921 auf Anregung von Eugène Adam (Lanti) eine esperantosprachige Bewegung mit emanzipatorischer Zielsetzung und mit nationenunabhängiger Struktur: die Sennacieca Asocio Tutmonda (SAT = Nationenunabhängiger Weltbund), der erheblich dazu beigetragen hat, der Sprache eine sozio-kulturelle Basis zu verschaffen.

Eine erneute Blütezeit dauerte je nach Bedingungen in den verschiedenen Ländern 10 bis 15 Jahre. Aber das Heraufkommen totalitärer und kriegerischer Regimes, das zum zweiten Weltkrieg und anschließend zum kalten Krieg führte, zerschlug diesen Neuaufschwung für mehrere Jahrzehnte. Der Expansionismus des Anglo-Amerikanischen lief auf Hochtouren, mit dem Ergebnis, daß Esperanto weniger beachtet wurde.

Erst 1954, dann erneut 1985, erkannte die UNESCO-Vollversammlung den Wert des Esperanto für den internationalen intellektuellen Austausch an, wobei sie Empfehlungen verabschiedete, die die Staaten aufforderten, Studienprogramme für Esperanto auszuarbeiten, und die nichtstaatlichen Organisationen aufrief, die Möglichkeiten zu untersuchen, diese Sprache zu benutzen.

Seine Vitalität hat Esperanto in einem Jahrhundert literarischen Schaffens, der sprachlichen Bereicherung, vor allem aber in direkter Kommunikation bewiesen. Ohne diese Vitalität hätte es wohl kaum die Hindernisse überwinden können, an denen es wahrlich nicht fehlte: Trägheit, Vorurteile, Tabus, Verleumdung, Bosheit, Bücherverbrennungen und Verfolgungen unter verschiedenen Diktaturen, Obskurantismus scheindemokratischer oder vorgeblich liberaler Regimes, zwei Weltkriege und ihre Folgen, der kalte Krieg, sprachliche Entfremdung durch das Englische und blinde Hingabe ihm gegenüber.

Esperanto ist heute eine in der ganzen Menschheitsgeschichte einzigartige sprachliche Erscheinung. Daß es lebendige Wirklichkeit geworden ist, daß es an Kraft und Ansehen zunimmt, geht auf das Konto der Willenskraft mehrerer Generationen von Pionieren aller Berufe, aller sozialen Schichten, Rassen, Völker und Nationen, verschiedener politischer, philosophischer und religiöser Überzeugungen, die alle in ihrer jeweiligen Umgebung die Idee der internationalen Sprache voranbrachten.

Wie das Telephon, das anfangs wegen der begrenzten Zahl anwählbarer Anschlüsse kaum Nachfrage fand, so ist auch die internationale Sprache sehr schnell aus dem Stadium des Experimentierens herausgewachsen und hat eine achtbare Stellung unter den in der internationalen Kommunikation gebräuchlichen Sprachen erworben.

Auch wenn es noch viel zu tun gibt, bevor sie als Sprache internationaler Kommunikation weltweit allgemein eingeführt wird, so erweist sie ihren Sprechern jetzt schon echte Dienste und befriedigt vielfältige Bedürfnisse.

Eine hochwertige Kommunikationsidee

Abgesehen von seinen praktischen Qualitäten ist Esperanto das geeignetste Kommunikationsmittel, um das Bewußtsein auf eine gerechtere und solidarischere Welt hinzuorientieren, eine Welt des sozialen Fortschritts und der gerechten Verteilung von Produktionsmitteln und Gütern, eine friedliche Welt. Und dies ist nicht der geringste seiner Vorteile.

Durch ihre Eigenschaften und Bestimmung ist Esperanto vor allem berufen, die Kommunikation zwischen Menschen verschiedener Sprache zu fördern und zu erleichtern. Für genau diese Rolle wurde es entworfen, und für diese Rolle ist es besser als jede andere Sprache geeignet, denn:

Esperanto im Unterricht

Esperanto wird sowohl in informellen Kursen wie in öffentlichen Bildungseinrichtungen unterrichtet. Die folgenden Angaben beziehen sich nur auf öffentliche Bildungseinrichtungen, also nur einen kleinen Teil der Einrichtungen, in denen Kurse durchgeführt werden. Esperanto-Unterricht findet statt:

Wo auch immer pädagogische Experimente gemacht wurden, ganz gleich auf welchem Niveau, haben sie stets zu ermutigenden, positiven Ergebnissen geführt: England, Belgien (Saint-Gérard), Deutschland, Schweiz (unter Kontrolle des bekannten Erziehungswissenschaftlers und Pädagogen Pierre Bovet), Finnland, Ungarn, Neuseeland, USA. Jüngste Erfahrungen in Frankreich (Gesamtschule in Villefranche-sur-Saône, Rhône und La Force in der Dordogne) haben die Ergebnisse vorangegangener Versuche nur bestätigt.

Die relative Lernleichtigkeit des Esperanto ist noch nicht umfassend erforscht worden. Die vorhandenen vergleichenden Untersuchugen, sowie Schätzwerte von Esperantosprechenden, deuten darauf hin, daß es drei- bis zehnmal schneller zu lernen ist als die bei uns am meisten gelernten Fremdsprachen. Personen mit fremdsprachlicher Erfahrung können passive Grundkenntnisse in etwa 20 Stunden erwerben, aktive in etwa 50 Stunden. Natürlich handelt es sich dabei nur um elementares Wissen.

Wer verwendet die Internationale Sprache?

Das Interesse an Esperanto wächst in einer Zeit, in der die Folgen des Sprachenwirrwarrs zunehmend sichtbar werden. Fortwährend wächst die Liste der Organisationen, die sich für Esperanto einsetzen oder es verwenden, selbst wenn es sich mitunter noch um begrenzte Anwendungsbereiche handelt: UNO, UNESCO, WHO (Weltgesundheitsorganisation), WTO (Welthandelsorganisation), Außenministerien (Norwegen, Niederlande); Industriefirmen, Kooperativen (Ungarn, Bulgarien); internationale Messen und Handelskammern (Barcelona, Leipzig, Bar-le-Duc); Eisenbahnverwaltungen (Norwegen, Dänemark, Deutschland, Ungarn); Fremdenverkehrsbüros (Australien, Tschechien usw.); wissenschaftliche Organisationen und Publikationen (Weltföderation der Wissenschaftler, Internationale Akademie der Wissenschaften San Marino, Internationale Komenius-Akademie, Wissenschaftliche und Technische Abteilung der Akademie der Wissenschaften Chinas, Ethnographisches Museum Torun, die Zeitschrift “Entomotaxonomia” u.a.m.); politische Parteien und verschiedene Bewegungen: Ökologen, Weltfonds der Solidarität gegen den Hunger, Weltbürger, Kooperatives Institut der Modernen Schule (ICEM, Verband für Freinet-Pädagogik), Pazifistischer Bund Frankreich, Naturfreunde, die Lehrlingsmühle, Pfadfinder, Rotarier usw. Im September 1993 hat der Kongreß der Schriftstellervereinigung PEN das Esperanto-PEN-Zentrum (der esperantosprachigen Schriftsteller) als Mitgliedsverband und Esperanto somit indirekt als Literatursprache anerkannt.

Esperanto liegt einem der zehn weltweit fortgeschrittensten, wirtschaftlichsten und leistungsfähigsten Systemen zur automatischen Übersetzung als “Brückensprache” zugrunde: DLT (=Distributed Language Translation), die in den Niederlanden von der Firma BSO entwickelt wurde.

Mehr und mehr staatliche und private Rundfunkstationen bringen Sendungen in oder über Esperanto, die z.T. weltweit auf Kurzwelle bzw. im Satellitendirektempfang zu hören sind: Polen, China, Italien, der Vatikan, Österreich, Bosnien und Herzegowina, Estland, Litauen, Kuba, Brasilien – nicht gerechnet die zahlreichen Sender minderer Reichweite in Ungarn, Spanien, Schweden, Frankreich, Australien und Neuseeland (Lokalsender). Es gibt auch ein sehr aktives Netz von Esperanto-Rundfunkamateuren. All das bestätigt, daß es ein hinreichend großes esperantosprachiges Publikum gibt, das den praktischen Gebrauch dieser Sprache im Rundfunk und in anderen Bereichen des Lebens zu rechtfertigen.

Was Esperanto an praktischen Möglichkeiten bietet

Als lebende, funktionale Sprache ermöglicht Esperanto, Kontakte und Beziehungen mit Menschen aus nahen oder fernen Ländern aller Kontinente zu knüpfen, freundschaftshalber, zu Forschungs- und Austauschzwecken oder zwecks Verwirklichung gemeinsamer Projekte. In Klubs und lokalen oder regionalen Gruppen, in verschiedensten Organisationen – fachlich spezialisiert oder nicht, mit oder ohne gesellschaftskritische Zielsetzungen, seien es nationale, internationale oder auch “nationenunabhängige” – aus Esperanto kann jeder, der diese Sprache spricht, Nutzen ziehen, ganz nach eigenem Geschmack und eigenen Wünschen, Neigungen, Zielen und Vorhaben.

Wer Mitglied in einem der großen Weltverbände wird, erhält ein Adressenverzeichnis, mit dessen Hilfe Kontakt zu anderen Mitgliedern aufgenommen werden kann, ob in Kiew oder Toronto, Tokio oder Zagreb, Helsinki oder Rio de Janeiro, Kinshasa oder Wellington, oder selbst an Orten, die man im Atlas vergeblich sucht.

Außerdem veröffentlicht die Esperanto-Presse (über 100 Zeitungen und Zeitschriften) zahlreiche Annoncen. Über 250 Kongresse und überregionale Begegnungen jährlich bieten Gelegenheit, verschiedene Kulturen, Länder und interessante Ideen zu entdecken, vielfache und direkte Kontakte zu knüpfen, alles Mögliche zu finden, mitunter auch den passenden Partner!

Sprachliche Aspekte

Esperanto entspricht strukturell dem Typ einer agglutinierenden Sprache, wie Japanisch, Türkisch, Ungarisch, Finnisch, u.s.w. Die Unveränderbarkeit seiner Grundelemente ergibt aber auch eine Ähnlichkeit zu den isolierenden Sprachen (wie dem Chinesischen). Wörter werden durch Verknüpfung von Grundelementen, die als solche erkennbar bleiben, gebildet (das Wesensmerkmal einer agglutinierenden Sprache). Diese Grundelemente stammen im wesentlichen aus den flektierenden Sprachen der indoeuropäischen Gruppe (Latein mit seinen Tochtersprachen, vor allem Französisch und Italienisch, 75%; germanische Sprachen, vor allem Englisch und Deutsch, 20%; Griechisch, slawische Sprachen u.a. 5%). Es wäre übertrieben zu behaupten, daß Esperanto in jeder Hinsicht leicht sei, denn immerhin handelt es sich um eine Sprache, die gelernt werden will; aber dieses sprachtypologische Gleichgewicht zwischen den Strukturmerkmalen des Wortschatzes einerseits, und Abstammung des Wortschatzes andererseits, trägt mit dazu bei, daß diese Sprache erheblich leichter als alle anderen zu erlernen ist, für welches Volk auch immer. Welche Schwierigkeiten Esperanto nicht bereithält, läßt sich aus folgender Übersicht über einige seiner sprachlichen Eigenschaften ersehen:

So sind also Behauptungen, es handle sich um ein “Sprachengemisch” oder sei “aus dem Nichts erschaffen”, irreführend. Es handelt sich vielmehr vor allem um eine systematisch durchgeführte Synthese leistungsfähiger Elemente der hauptsächlichen Sprachtypen.

Esperanto ist eine lebende, d.h. eine sich entwickelnde Sprache. Die vereinfachende Aussage, daß Zamenhof die Sprache geschaffen hat, bezieht sich auf ihre Entstehung und soll nicht dahingehend mißdeutet werden, daß er ihren Gesamtbestand festgelegt hätte, die in diesem Fall ziemlich ärmlich und veraltet sein müßte. Dieser Bestand (Wortschatz, Redewendungen, Konnotationen, usw.) wird vielmehrständig durch den alltäglichen mündlichen und schriftlichen Gebrauch bereichert. An diesem Sprachgebrauchsind Zehntausende recht unterschiedlicher – in ethnischer, soziologischer, weltanschaulicher, beruflicher und sonstiger Hinsicht – Menschen beteiligt, die Wege suchen und finden, um den verschiedensten, für ihre Lebenspraxis relevanten Sachverhalten sprachlich Ausdruck zu verleihen.

Die Internationale Sprache lernen, kennen und verbreiten

Die meisten örtlichen Esperanto-Gruppen auf der Welt sind Landesverbänden angeschlossen, die ihrerseits Sektionen der Universala Esperanto-Asocio (UEA) sind, dem Esperanto-Weltbund, darunter auch die Esperanto-Liga Berlin. Dem parteipolitisch und religiös neutralen Weltbund sind verschiedene weltanschaulich neutrale und weltanschauungsgebundene Fachverbände mehr oder weniger eng angeschlossen: “neutrale” wären beispielsweise die Internationale Esperanto-Fachgruppe für Handel und Wirtschaft oder die Vereinigung der Eisenbahner-Esperantisten – um sie alle aufzuzählen, reicht hier der Platz nicht. Ebenso nicht für all die weltanschaulich gebundenen Vereinigungen, darunter verschiedene christliche Konfessionen, praktisch alle Religionen, aber auch die Atheisten.

Bemerkenswert ist hier gerade der Sennacieca Asocio Tutmonda (SAT), der “Nationenunabhängige Weltbund”, der in der Tradition der Arbeiter-Esperanto-Bewegung steht und sich ganz besonders an diejenigen wendet, die in dieser Sprache keinen Selbstzweck sehen und auch nicht nur ein wirksames und praktisches Kommunikationsmittel, sondern vor allem ein mächtiges Werkzeug weltweiter Reflexion und Emanzipation, unverzichtbar für die Herausbildung einer Welt des Friedens in Zusammenarbeit und des sozialen Fortschritts in Freiheit.

Alle, die an diesen Aktivitäten interessiert sind, können dem SAT beitreten, um ihre eigenen Handlungsmöglichkeiten oder auch die Handlungsmöglichkeiten von Nicht-Esperanto-Organisationen, in denen sie tätig sind, über Ländergrenzen hinweg auszudehnen. Darum ist es ganz natürlich, daß SAT und ihre Ländersektionen Treffpunkt für zahlreiche Personen aus ganz verschiedenen Milieus und politischen Strömungen sind: in Erziehungswesen und Gewerkschaften Tätige, Sozialisten, Anarchisten und Libertäre, Weltbürger und Nationalismusgegner, Anhänger von Umweltschutz-, Menschenrechts- und Friedensbewegungen usw.

In einer Zeit, in der das vereinigte Europa Wirklichkeit wird und in der die rasche Entwicklung der Nord-Süd-und Ost-West-Beziehungen Kontakte über Grenzen hinweg vervielfacht, sind viele Organisation durch die Sprachmauer behindert. Die Internationale Sprache Esperanto, die 1985 von der Generalversammlung der UNESCO erneut Anerkennung fand, wäre bei entsprechender Verbreitung ein Mittel, um sich in kurzer Zeit und bei geringen Kosten aus dem Elend der bisherigen Scheinlösungen zu befreien, die ungenau, unbequem, kostspielig und diskriminierend sind.

Verschiedene Mittel werden vom Freien Esperanto-Bund (der deutschen SAT-Sektion, auch unter dem Kürzel LEA/G bekannt) angewandt, um den Zugang zu dieser entwickelten Form von Kommunikation zu erschließen, die Esperanto bietet:

SAT führt jedes Jahr einen Kongreß durch, jedesmal in einer anderen Stadt.

Schon jetzt

Sie können jederzeit anfangen, Esperanto zu lernen. Aus Büchern, Broschüren und Dokumentationen können Sie auch seine Ursprünge kennenlernen, seinen Initiator, seine Geschichte und Quellen, seine sprachlichen Aspekte, seine Literatur, seine Entwicklung, potentiellen und aktuellen Möglichkeiten, Leistungsmöglichkeiten und Perspektiven: das Thema ist erheblich breiter, als Sie sich vorstellen. Die vorliegende Broschüre liefert einige grundlegende Informationen, mit denen wir Lesern die sprachlichen Kommunikationsprobleme und die von Esperanto angebotene Lösung näherbringen wollen. Sie können weitere Exemplare bei uns bestellen oder uns die Adressen von weiteren Interessierten zukommen lassen.

Haben Sie es einmal kennengelernt, sind Sie in der Lage, falls Sie wollen, in Ihrer Umgebung zu informieren und gegebenfalls auf Vorurteile und Einwände zu antworten, die vielfach auftauchen.

Denjenigen, die einen tieferen Einblick wünschen oder die sich für Sprachwissenschaft interessieren, empfiehlt SAT den Band von Pierre Janton: Einführung in die Esperantologie, 2. Auflage, Georg Olms Verlag, Hildesheim 1993.

SAT wünscht Ihnen viel Freude bei der Entdeckung, beim Lernen und Gebrauch dieser jungen und vielvermögenden Sprache.

Eine erste Lektion

Alphabet und Aussprache

[Anm. zu diesem HTML-Text: Esperanto besitzt einige Sonderzeichen, die hier entsprechend dem Unicode-Standard UTF-8 kodiert sind. Bei den betreffenden Zeichen handelt es sich um Buchstaben mit diakritischem Überzeichen, u.zw. c, g, h, j oder s mit Zirkumflex, und u mit halbrundem Überzeichen. Ältere Browser bzw. die mit älteren Windows-Versionen gelieferten Fonts unterstützen diesen Standard nicht oder erst nach einigen Verrichtungen des Benutzers. Mehr Information hierzu...]

A B C Ĉ D E F G Ĝ H Ĥ I J Ĵ K L M N O P R S Ŝ T U Ŭ V Z
a b c ĉ d e f g ĝ h ĥ i j ĵ k l m n o p r s ŝ t u ŭ v z

Die Buchstaben werden mit Ausnahme der folgenden wie im Deutschen ausgesprochen. Jeder Buchstabe wird einzeln ausgesprochen, d.h. es fehlen Buchstabenverbindungen, die einen einzelnen Laut wiedergeben – wie “ch” oder “sch” im Deutschen – und Nasalverbindungen (-ng- wird also nicht wie deutsches “ng” in “Hang”, sondern wie “n-g” in “ungern” ausgesprochen).

Vokale

amittellang, zwischen dem kurzen und langen deutchen “a”
eoffen wie in “Fest, hell”: tre (sehr), veni (kommen)
imittellang, zwischen dem kurzen und langen deutschen “i”
ooffen wie in “Holz”: homo (Mensch), povi (können)
umittellang, zwischen dem kurzen und langen deutschen “u”
ajwie deutsch “ei”: kaj (und)
ojwie deutsch “eu” in “Heu”: homoj (Menschen)
wie deutsch “au” in “Sau”: (oder), ankaŭ (auch)
ejwie deutsch “äi”: plej (am meisten)

Konsonanten

c“ts” (wie “Zar”; “Zoll”): celo (Ziel), facila (leicht); wird nie als “k” ausgesprochen
ĉ“tsch” (wie in “Tscheche”): ĉe (bei), voĉo (Stimme)
ĝ(stimmhaftes) “dsch” (wie in “Dschungel”, “Gin”): loĝi (wohnen)
ĥwie “ch” im deutschen “ach”: ĥaoso (Chaos), ĥoro (Chor)
ĵ(stimmhaftes) “sch” (wie in “Jalousie”): ĵaluzo (Eifersucht)
rgerolltes Zungespitzen-r wird von den meisten Sprechern vorgezogen
swie “ß”, immer scharf, stimmlos (wie in “Fuß”, “lassen”): insulo (Insel)
ŝwie “sch” in “scharf”: ŝipo (Schiff), ŝati (mögen)
ŭwie englisch “w” in “window”: ŭato (Watt [elektrische Einheit])
vwie deutsch “w” in “Wasser”: varma (warm), verda (grün)
z(stimmhaft) wie deutsch “s” in “Riese”: viziti (besuchen)

Doppelbuchstaben werden immer doppelt ausgesprochen: opinii (meinen) = opini-i; metroo (U-Bahn) = metro-o.

Betont wird (natürlich außer bei einsilbigen Wörtern) immer die vorletzte Silbe, also: Fleksebla kaj estetika, preciza kaj vivanta, Esperanto estas la plej facile kaj rapide lernebla lingvo.

Artikel und Wortbildung

Es gibt nur einen Artikel, den bestimmten, der unveränderlich ist: la. Beispiel: la bona frukto = das gute Stück Obst (die gute Frucht), bela floro = eine schöne Blume.

Die Bildung des Substantivs, des Adjektivs und des abgeleiteten Adverbs geschieht durch Anfügung einer besonderen grammatischen Endung, z.B. für den Wortstamm praktik:

ofür das Substantiv: praktiko = Praxis
afür das Adjektiv: praktika = praktisch
efür das Adverb: praktike = auf praktische Art und Weise, praktisch

Die Wortstämme sind untereinander oder mit den Affixen (Vor- oder Nachsilben) kombinierbar, die es ermöglichen, wenn sie einmal gelernt worden sind, eine Vielzahl von Wörtern mit feststehender Bedeutung zu bilden, und zwar durch einfache logische Kombination; Beispiel:

Esperanto hat eine sehr funktionale Struktur, und man sollte sich von Anfang an gerade mit dieser vertraut machen, um sofort die Bausteine zu erkennen, aus denen sich jedes Wort zusammensetzt:

sunoSonne
lumoLicht
varmoWärme
makuloFleck
horloĝoUhr

aus denen die folgenden, leicht erkennbaren Wörter abgeleitet sind:
sunlumo, sunvarmo, sunmakulo, sunhorloĝo, aber auch sunsistemo, sunmotoro, sunenergio usw.

Die Endung j kennzeichnet den Plural von Substantiven und Adjektiven:
inteligentaj knaboj = intelligente Jungen.

Das Femininum der Substantive (solcher, die lebende Wesen bezeichnen) wird durch Anfügen des Suffixes in gebildet. Das Adjektiv trägt diese Kennzeichnung nicht. Die Kategorie des rein grammatischen Geschlechts gibt es nicht:

kuzoCousinkuzinoCousine
patroVaterpatrinoMutter
ŝafoSchaf (männl./weibl.)ŝafinoSchaf (weibl.)

Das bloße Präfix mal ersetzt allein ganze Wörterbücher von Antonymen (Gegensatz-Begriffen).

honestaehrlichmalhonesta unehrlich
amiliebenmalamihassen
ĝojefreudigmalĝojetraurig
venkoSiegmalvenkoNiederlage

Für die Konjugation, die bei den meisten Sprachen jahrelanges Studium erfordert, braucht man in Esperanto nur einige Minuten, um auf die gleiche oder sogar eine höhere Sprachsicherheit zu kommen. Jedes Verb im Infinitiv endet mit i.

Endung der einfachen Zeiten

asPräsens
isVergangenheit
osZukunft
usKonditional
uImperativ und Konjunktiv

Beispiel: Präsens Indikativ des Verbs iri (gehen)

mi irasich gehe
vi irasdu gehst, ihr geht
li (ŝi, oni) iraser (sie, man) geht
ni iraswir gehen
ili irassie gehen

Dieser kurze Abriß läßt ahnen, in welchem Maße die grammatische, strukturelle und phonetische Komplexität der ethnischen Sprachen die schnelle Beherrschung und den freien, klaren und genauen Ausdruck des Gedankens behindern.

Umso mehr vermag Esperanto, das keine überflüssigen Schwierigkeiten hat, die kompliziertesten Gedanken und die subtilsten Nuancen auszudrücken. Welche sprachliche Vorbildung und Herkunft der Esperanto-Lernende auch immer hat, diese Sprache verschafft ihm schneller als jede andere den Zugang zu qualitativ hochwertiger Kommunikation.

Einige Wörter

Substantive

bovoRind
domoHaus
fabrikoFabrik
infanoKind
instruistoLehrer
kursoKurs
leporoHase
libroBuch
porkoSchwein
studentoStudent
tabloTisch

Adjektive

grandagroß
interesainteressant
pezaschwer (von Gewicht)
rondarund
utilanützlich

verschiedene Wörter

alzu, hin
ĉu (leitet Frage ein)
devon
enin
hieraŭgestern
jesja
kajund
lader, die, das, die (Pl.)
nenicht, nein
sedaber
morgaŭmorgen

Verben (im Infinitiv)

brilischeinen
laboriarbeiten
okazistattfinden
parolisprechen
skribischreiben

Übungen

Geben Sie, auf Deutsch und in Esperanto, den weiblichen Namen folgender Substantive an: Rind, Schwein, Hase.

Übersetzung ins Deutsche: La libro estas interesa. La tablo estas ronda, granda, sed malpeza. Hieraŭ la suno brilis. Morgaŭ la infanoj iros al la lernejo. La instruisto parolas, la infanoj skribas. Esperanto-kursoj okazas en la teknika lernejo kaj en la universitato.

Übersetzung ins Esperanto: Die Bücher sind nützlich. Die Sonne ist warm. Sind Sie Student? Arbeitet er morgen in der Fabrik? Das Haus ist schön, aber klein.

Esperanto-Information:

Freier Esperanto-Bund
c/o Jiri Proskovec
Heimbaustr. 10
DE-44143 Dortmund
Tel.: (0231) 55 12 11

(in Berlin:)
Esperanto-Centro
Falkstr. 25
DE-12053 Berlin
Tel.: (030) 687 31 30

[entspricht Ausgabe 2.1 / 1999]


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