Extra-Tipp
24. Dezember 2005


Der Immerather Dom muss dem Braunkohlebagger weichen

Abschied von der Heimat: Weihnachtsmesse mit gemischten Gefühlen

Pfarrgemeinderatsvorstand Theo Küppers und die stellvertretende Kirchenvorstandsvorsitzende Marlies Bereit berichten über den Abschied der Menschen von ihrer Kirche, die den Krieg überstand, nicht aber den Braunkohlenabbau.

Auch der einmalige, doppeltürmige Dom St. Lambertus in Erkelenz-Immerath muss dem Tagebau Garzweiler II weichen.1.gif (807 Byte)Erkelenz (cry). Marlies Bereit, stellvertretende Kirchenvorstandsvorsitzende, ringt nach Worten: „Sprachlosigkeit ist das einzige, was vorherrscht, wenn man sich vor Augen führt, was hier im Gebiet des Braunkohletagebaus Garzweiler II zwischen 2006 und 2017 passiert.“ Ihr Blick fällt auf die Immerather Kirche, die wegen ihres einzigartigen, in der Erkelenzer Börde weithin sichtbaren Doppelturms im neoromanischen Stil stets nur „Der Immerather Dom“ genannt wird. Doch dieser Dom, der den 2. Weltkrieg überstanden hat, den die Menschen stets als Mittelpunkt ihrer Gemeinde gesehen haben und der ihnen seit mehr als 100 Jahren in schweren wie in guten Zeiten Zufluchtsstätte war, wird den Braunkohle-Baggern zum Opfer fallen. „Abriss wie eine alte Fabrikhalle. Dieser Gedanke tut weh. Besonders in der Weihnachtszeit, wo wir die Geburt Jesu Christi feiern, haben wir im Hinterkopf, dass wir sein Haus abreißen müssen“, so Marlies Bereit. Und Pfarrgemeinderatsvorstand Theo Küppers fügt hinzu: „Die Bewohner der Dörfer Immerath, Pesch und Lützerath stehen Weihnachten 2005 am Scheideweg. Vielleicht wird es das letzte Weihnachten, was wir alle gemeinsam in unserem Dom feiern. Denn schon am 1. Januar 2006 ist der erste Spatenstich für den neuen Ort. Ob das Dorf danach noch zusammenhält, ist fraglich. Schon jetzt haben Gastwirtschaften geschlossen, und der Bäcker im Ort backt nur noch auf Bestellung. Ansonsten bleiben die Rolladen geschlossen. Auch die Dorfgemeinschaft und die Vereine brechen schon jetzt auseinander. Viele Bewohner orientieren sich schon anderweitig.“

Theo Küppers und Marlies Bereit sind sich bewusst, dass der Braunkohletagebau kommen wird. Darum ist es ihnen ein Anliegen zu zeigen, was hier für die Braunkohle geopfert wird. Bei einem Rundgang durch den Immerather Dom erzählt sie: „Der Abschied von unserem Dom fällt den Menschen besonders schwer. Die Ursprünge dieser Kirche gehen bis ins 13. Jahrhundert zurück. In seiner heutigen Form - mit den zwei je 40 Ein Blick ins Kircheninnere: auch hier offenbart sich dem Besucher die Einzigartigkeit des Doms.1.gif (807 Byte)Meter hohen Türmen - wurde er 1892 fertiggestellt. Die Menschen sind eng mit der Kirche verbunden. Waren sie es doch, die die beträchtlichen Artillerieschäden im 2. Weltkrieg ausbesserten und immer wieder durch Spenden und Sammlungen dazu beitrugen, dass der Dom einem Gotteshaus würdig war.“ Beim Rundgang durch das Gotteshaus lenkt Marlies Bereit den Blick auf die kunstvollen Glasfenster. „Es befinden sich sehr schöne Glasbilder von Ernst Jansen-Winkeln aus dem Jahr 1952 in der Kirche: Im Chor die Ornamentfenster und in den Seitenchören St. Agatha und St. Nikolaus. Im Seitenschiff findet sich zudem eine schöne Darstellung eines Engels, der der heiligen Barbara die Kommunion bringt. In den Eingängen zur Kirche finden sich kleine Darstellungen aus dem 19. Jahrhundert.“ Imposant sind auch die großen Altäre sowie die Kreuzigungsszene.

Auf die Frage, was mit all diesen wertvollen, teilweise sogar unter Denkmalschutz stehenden Objekten geschieht, zuckt Marlies Bereit nachdenklich die Schultern: „Auf Grund der finanziellen Situation des Bistums, des Priestermangels und auf Grund Pfarrgemeinderatsvorstand Theo Küppers und die stellvertretende Kirchenvorstandsvorsitzende Marlies Bereit vor dem kunstvollen Portal der Pfarrkirche. Fotos: Crynen1.gif (807 Byte)der Tatsache, dass das neue Dorf sehr viel kleiner wird als die jetzige Pfarre, wird es keinen Kirchenneubau geben: Sicherlich werden wir einige Stücke in die geplante Kapelle mitnehmen. Aber die großen Altäre oder gar die riesigen Fensterbilder passen dort nicht rein. So wird wohl - wie schon in anderen Fällen - die Kirchenausstattung an arme Kirchengemeinden irgendwo in der Welt verschenkt oder irgendwo im Bistum eingelagert.“

Der Gedanke daran macht alle Betroffenen traurig. Der Dom war Symbol unserer Heimat: Wenn er nicht mehr ist, verlieren wir unseren Mittelpunkt. Mit dieser Aussicht feiern wir nun Weihnachten“, so Marlies Bereit nachdenklich.