Worum geht es ?
Ziel dieses Projektes war der Bau eines Verstärkers für elektrische Gitarren mit einer Leistung von ca. 100 Watt. Da die heute übliche kostengünstige Transistorbauweise diverse klangliche Nachteile hat, sollte der Verstärker in der "guten alten" Röhrentechnik aufgebaut werden. Um eine Vielzahl von Klangmöglichkeiten zu bieten, muss der Verstärker mehrkanalig sein, um zwischen diversen Grundsounds umschalten zu können. Ich habe mich aus diesen Gründen für das Vorbild des Mesa/Boogie Dual Recifiers entschieden, der in Pentaluma/Kalifornien hergestellt wird. Dieser Verstärker ist durchgehend in Röhrentechnik aufgebaut und bietet drei Kanäle mit den unterschiedlichen Grundsounds "green" für clean, "orange" für leicht angezerrt sowie "red" für das volle Brett, wie die Metaller-Fraktion sagen würde.
Womit hat es angefangen ?
Angefangen hat alles mit einem alten Carlsbro PA 100 Verstärker aus den Sechzigern, den ich defekt bei e-bay ersteigert habe. Dieser Verstärker arbeitete genau wie der Rectifier mit 4 Endstufenröhren vom Typ EL34 und sechs Vorstufenröhren vom Typ ECC83/12AX7. Damit war er die ideale Basis für mein Projekt. Das Metall-Chassis, sämtliche Trafos wie Netztrafo, Ausgangsübertrager und Netzdrossel, das Holzgehäuse sowie diverse Kleinteile wie Röhrensockel konnten direkt übernommen werden.

Bild 1 : Das Metall-Chassis des alten Carlsbro PA 100 Verstärkers
Was kam dann ?
Ein ganz großer Fehler. Ich habe mir das Schaltbild des (damals noch zweikanaligen) Rectifiers besorgt und es in die Demoversion des Layout-Programms CADSoft Eagle 4.09r2 eingegeben. Daraus wurden drei Platinen für Netzteil, Vorstufe und Endstufe designed und geätzt. Diese Platinen wurden bestückt und anstelle der Hauptplatine des alten Carlsbros eingebaut. Das ganze hat soweit funktioniert, doch leider musste ich feststellen, dass die Platinenbauweise für diesen Zweck völlig ungeeignet ist. Zum einen hatte ich extreme Probleme mit Störungen wie Brummen und Rauschen, und zum anderen wollte ich nachträglich noch einen Effektweg und den dritten Kanal nachrüsten, was völlig unmöglich war. Deshalb ein guter Rat an alle Nachbauwilligen : Nehmt Lötleisten und vergesst die Platinen. So ist man wesentlich flexibler und kann nachträglich mal schnell was ändern und ausprobieren, wenn es zu unvorhergesehenen Problemen kommt.
Der zweite Versuch...
Ich habe mich also hingesetzt und die erste Version wieder komplett zerlegt. Die zweite Version war dann völlig neu. Der Aufbau erfolgte nun auf Lötleisten und der Amp war von Anfang an dreikanalig aufgebaut. Dabei stammt die Clean-Sektion im Wesentlichen aus dem Mark III , Orange- und Red-Kanal wurden aus dem ersten Rectifier-Modell übernommen. Hinzu gekommen ist auch ein Einschleifweg für Effektgeräte, der über eine eigene Doppeltriode vom Typ ECC83/12AX7 betrieben wird.
Die Technik
Wie bereits erwähnt ist der Amp dreikanalig aufgebaut. Das Signal der Gitarre gelangt von der Klinkenbuchse auf das Gitter der ersten Röhre vom Typ ECC83/12AX7. Danach teilt sich der Signalpfad auf in die Clean-Sektion mit einer separaten Röhre sowie die Verzerrer-Sektion mit zwei Röhren, wobei sich der Verzerrer-Pfad nochmal unterteilt in den "orange"-Kanal und den "red"-Kanal. Hier werden allerdings nur die Potis für Klangregelung, Gain und Master umgeschaltet, die Röhren werden von beiden Kanälen gemeinsam genutzt. Hinter den Masterpotis werden alle drei Signalpfade wieder zusammengeführt und durchlaufen erst den Effektweg, dann die Phasenumkehrstufe und zuletzt die Endstufe. Die Endstufe kann sowohl mit 4 x EL34 oder mit 4 x 6L6GC Endstufenröhren bestückt werden. Im Gegensatz zum original Rectifier verwende ich kein "Fixed BIAS", sondern kann die Röhrenvorspannung über ein Poti und einen Meßwiderstand manuell einstellen.
Die Kanalumschaltung erfolgt nicht mehr wie bei der ersten Version mit Relais, sondern mit optischen Schaltern. Diese Schalter bestehen aus einem LDR (=Light Dependent Resistor) vom Typ A1060 sowie einer superhellen gelben LED, die in schwarzem Schrumpfschlauch verpackt sind. Der LDR hat bei völliger Dunkelheit einen Widerstand von >20MOhm. Wird er von einer Lichtquelle mit einer Wellenlänge von ca. 600nm angestrahlt, sinkt sein Widerstand auf etwa 400 Ohm ab. Dieser Vorgang geschieht sanft ohne Sprünge innerhalb einiger Sekundenbruchteile, wodurch ein unerwünschtes Umschaltknacken verhindert wird.

Bild 2 : Optischer Schalter Marke Eigenbau
Auf den nachfolgenden Fotos kann man gut das Innenleben des Verstärkers und den Lötleistenaufbau erkennen. Die Fotos sind auf eine Größe von 640x480 Pixeln verkleinert, durch anklicken erhält man das Bild in voller Größe, um einzelne Details erkennen zu können.
Aufgrund der Brummprobleme der ersten Version wurde die Masseführung komplett überarbeitet. Es gibt nur noch zwei Sternpunkte am Chassis. Alle Potigehäuse und Klinkenbuchsen sind gegenüber dem Chassis durch Pappe isoliert. Dadurch sollen Brummschleifen verhindert werden. Für längere signalführende Leitungen wird abgeschirmtes Kabel verwendet.

Bild 3 : Innenleben des Verstärkers

Bild 4 : Nochmal Innenleben des Verstärkers...

Bild 5 : Das Verstärker-Chassis von oben
Auf dem nachfolgenden Bild hat man einen guten Blick auf die Rückseite des Verstärkers. Dort befinden sich in der Mitte die zwei Regler "Send-Level" und "Mix" und dazwischen die Ein- und Ausgangsbuchsen für den Effektweg.

Bild 6 : Das Verstärker-Chassis mit Blick auf die Rückseite
Der fertige Verstärker
Und nun zum wichtigsten : Dem fertigen Amp. Auf den Bildern 7 und 8 ist die Aufteilung der Kanäle sehr gut zu erkennen. Für jeden Kanal gibt es einen Block aus sechs Reglern, mit denen sich Gain, Presence und Master (obere Reihe) sowie Bass, Middle und Treble (untere Reihe) regeln lassen. Getrennt sind die einzelnen Blöcke jeweils durch eine LED in der Farbe des Kanals (green, orange, red) und einen Schalter zur Kanalumschaltung. Die beiden einzelnen Regler rechts sind für Solo (noch nicht verdrahtet) und Overall-Master.
Die Box ist ebenfalls ein Eigenbau nach dem Vorbild einer Marshall 1960er, die mit zwei 12" Marshall Rola Celestions aus den 60ern bestückt ist.

Bild 7 : Der fertige Verstärker mit Box

Bild 8 : Frontansicht des Verstärkers (für besseren "Einblick" ohne Riffelblech)

Bild 9 : Die fertige Front mit Aluminium - Riffelblech

Bild 10 : Der Fußschalter, ebenfalls Marke Eigenbau
Der Klang
Um es kurz zu machen : Ich bin begeistert. Nachdem ich einige Zeit mit verschiedenen Röhrentypen und Herstellern herum experimentiert habe, denke ich jetzt, die ideale Kombination gefunden zu haben. Für die Eingangsröhre, den Clean-Kanal, den Effektweg und die Phasenumkehr verwende ich die ECC83 von Electro Harmonix. Diese Röhre scheint einen sehr linearen Frequenzgang zu haben und klingt glasklar. Für die Verzerrersektion ist diese Röhre allerdings nicht geeignet, mir ist sie da zu "dünn" und klingt nicht nach Mesa. Deshalb verwende ich an dieser Stelle die Sovtek 12AX7WA, die Mesa unter anderem Namen auch verbaut. Sie ist weniger transparent, sondern eher etwas matschig, aber gerade das macht den Sound der Rectifier aus. Als Endstufenröhren verwende ich die 6L6WXT+ von Sovtek. Auch diese Röhren kommen unter anderem Namen im Original zum Einsatz.
Was kostet der Spaß ?
Sicherheitshinweis
Aufgrund der vielen Nachfragen möchte ich an dieser Stelle noch auf etwas wichtiges hinweisen : Diese Seite wendet sich ausdrücklich an erfahrene Fachleute, die sich mit den Gefahren des elektrischen Stromes auskennen. Anfängern rate ich dringend von der Nachahmung eines solchen Projektes ab. Die hohen Spannungen von bis zu 500V verbunden mit den hohen Strömen etwa beim Entladen der Netzteil-Elkos können ernsthafte und sogar lebensbedrohliche Verletzungen verursachen !! Diese Seite ist nicht als Anleitung zum Bau eines Verstärkers gedacht und ich übernehme keine Haftung für Schäden, die aus der Nachahmung dieses Projektes entstehen.