Bremen
Das Bremer Wappen
Der Bremer Schlüssel ist in
seinen Ursprüngen ein Himmelsschlüssel. Das bekannte Attribut des Apostels
Petrus wird hergeleitet aus dem Bibelwort: »Ich will Dir des Himmelreiches
Schlüssel geben« (Matth. 16, Vers 19). Auf dem zusammen mit dem neuen
Stadtsiegel 1366 in Gebrauch genommenen kleineren Sekretsiegel sieht man Petrus,
den Schutzpatron des Bremer Domes, thronend und unter seinen Füßen einen
Wappenschild mit einem gotischen Schlüssel - der älteste Nachweis für das
Stadtwappen. Der Schlüssel Petri ist der Bremer Schlüssel geworden.
Als
Schildhalter finden sich im Spätmittelalter zwei Engel, die im 16. Jahrhundert
zwei Löwen Platz machen. Die Löwen waren anfangs durchweg dem Schild zugewandt.
Vom 17. Jahrhundert an wurde es dann üblich, sie »widersehend«, das heißt mit
abgewendeten Häuptern, darzustellen. Die Farben Rot und Silber (oder Weiß), die
schon das Wandbild von 1532 in der oberen Rathaushalle überliefert, sind die
Farben des Alten Reichs, die auch z. B. von den alten Reichsstädten Frankfurt,
Hamburg und Lübeck im Wappen geführt werden. Als Krönung des Schildes findet
sich von der Mitte des 16. Jahrhunderts an ein Engelkopf mit Flügeln, so zum
Beispiel auf dem Herdentorwappen von 1562. Nach Erlangung der Reichsfreiheit
1646 trat an diese Stelle die fünfzinkige Fürstenkrone; sie erscheint erstmalig
auf den Münzen von 1650. In der Mitte des 18. Jahrhunderts hatte das Bremer
Wappen mit Konsole, Krone und Schildhaltern die Entwicklung zur heutigen
Erscheinungsform im wesentlichen abgeschlossen.
Das prunkvolle
Flaggenwappen, das der Präsident des Senats im Siegel führt, hat eine besondere
Entwicklung genommen. Der aus einem gekrönten, mit Helmdecke versehenen Helm
wachsende Löwe, der in den Vorderpranken nochmals einen Schlüssel hält, taucht
erstmals als Zierstück um 1618 auf bremischen Münzen auf. Wegen des unklaren
Erscheinungsbildes ließ man bald wieder davon ab. 1651 erging sogar ein
Senatsbeschluss, der sich gegen diese Darstellungsform aussprach - ohne Erfolg.
Das barocke Zierstück hat sich behauptet und am Ende des 19. Jahrhunderts als
Flaggenwappen den offiziellen Segen erhalten.
Die folgende auszugsweise
wiedergegebene Wappenverordnung von 1891 bildet bis heute die Grundlage für Form
und Aussehen der bremischen Staatswappen. Der Senat ordnet an: § 1. Das große
bremische Wappen wird gebildet durch einen schräg nach rechts aufgerichteten,
mit dem Barte linkshin gewandten silbernen Schlüssel gothischer Form in einem
roten Schilde. Auf dem Schilde ruht eine goldene Krone, welche über dem mit
Edelsteinen geschmückten Reife fünf (sichtbare) Zinken in Blattform zeigt. Der
Schild ruht auf einer Konsole oder auf einem bandartigen Fußgestell und wird von
zwei aufgerichteten rückwärts schauenden Löwen mit den Vorderpranken gehalten.
Das mittlere Wappen wird gebildet durch den gleichen Schlüssel im roten, mit der
goldenen Krone gekrönten Schilde. Das kleine Wappen wird lediglich durch den
gleichen Schlüssel ohne Schild gebildet.
§ 6. Die Staatsflagge ist von
Rot und Weiß mindestens achtmal gestreift und längs des Flaggenstocks mit der
den Streifen entsprechenden Zahl abwechselnd roter und weißer Würfel in zwei
Reihen gesäumt. Die Zahl der roten und die der weißen Streifen soll stets eine
gerade sein. In der Mitte hat die Flagge ein viereckiges weißes Feld, in
welchem, falls sie mindestens zwölfmal gestreift ist, das in § 1 geschilderte
große Wappen dargestellt ist, jedoch mit der Abänderung, dass an Stelle der
Krone ein gekrönter Helm mit rot und weißer Helmdecke tritt; die Helmzier bildet
ein nach rechts gewandter wachsender Löwe, der mit den Pranken den
Wappenschlüssel, den Bart nach links gekehrt, senkrecht hält. Wenn die Flagge
nur achtmal gestreift ist, so erhält das Mittelfeld das in § 1 geschilderte
mittlere Wappen. Rechts und links sind im heraldischen Sinne, d.h. vom
Standpunkte des Schildhalters aus zu verstehen.
Die Flaggen der im
Staatsdienste stehenden Schiffe führen außer dem Wappen in der obern rechten
Ecke einen aufrecht stehenden blauen Anker.
Beschlossen Bremen in der
Versammlung des Senats am 13. und bekannt gemacht am 17. November 1891.
Bremen seit 1945 Die Freie Hansestadt Bremen, bestehend aus den Städten
Bremen und Bremerhaven, ist das kleinste Bundesland der Bundesrepublik
Deutschland. Nicht ohne Stolz verweisen die Bremerinnen und Bremer bei vielen
Gelegenheiten auf ihre traditionsreiche, immer wieder angefeindete und bedrohte
Selbständigkeit, für die der Bremer Schlüssel ein Symbol ist. Bremen - der
Schlüssel zur Welt.
Das sah 1945 zu Ende des Zweiten Weltkrieges und des
nationalsozialistischen Dritten Reiches ganz anders aus. Bremen, die ehrwürdige
Handels- und Hafenstadt an der Weser, lag in Schutt und Trümmern. Die
Selbständigkeit war der Stadt während der Nazi-Herrschaft aberkannt worden;
Bremen wurde Oldenburg unterstellt und vom dortigen Gauleiter regiert.
Am 27. April 1945 zogen britische Truppen in Bremen ein. Mehr als 170
Luftangriffe hatten die Stadt zu 62 Prozent zerstört, die Hafenanlagen, das Herz
Bremens, sogar zu 90 Prozent. 280000 Menschen »lebten« noch in der Stadt, die im
Jahre 1939 450000 Einwohner gezählt hatte. Diese 280000 Menschen hausten zur
»Stunde Null« in Ruinen und Notunterkünften, zusätzlich noch in ihrem Wohn- und
Lebensraum beengt durch den Zuzug Tausender von Flüchtlingen. Die Versorgungs-
und Ernährungslage war katastrophal, große Teile der Bevölkerung litten unter
Unterernährung.
Bereits Ende April 1945 hatten die Amerikaner Kontakt
mit Wilhelm Kaisen, dem sozialdemokratischen Senator für das Wohlfahrtswesen von
1928 bis 1933, aufgenommen, der die zwölf Jahre der braunen Diktatur auf einer
Siedlerstelle am Rande Bremens als Kleinlandwirt überlebt hatte. Schon am 6.
Juni wurde Kaisen wieder in sein ehemaliges Amt eingesetzt; am 1. August 1945
übertrug ihm die amerikanische Militärregierung das Amt des Bürgermeisters und
Präsidenten des Senats. Trotz der verzweifelten Situation gingen Kaisen und
seine Mitstreiter mit Energie und Zuversicht an das Werk des Wiederaufbaus.
Der Senat, der aus von der Militärregierung ernannten Sozialdemokraten,
Bürgerlich-Liberalen und Kommunisten zusammengesetzt war, stand vor einer schier
unlösbaren Aufgabe. Wilhelm Kaisen gelang es aber immer wieder, die Menschen aus
ihrer Verzweiflung aufzurütteln, sie mitzureißen und sie zur Mitarbeit zu
bewegen. So entstand Bremen langsam neu. Im April 1946 wurde eine erste
Bürgerschaft, das bremische Parlament, ernannt; bereits im Oktober fand die
erste Bürgerschaftswahl, wenn auch vorerst nur für die Stadt Bremen, statt.
Seitdem waren und sind die Sozialdemokraten in Bremen die prägende politische
Kraft, bis 1965 mit Wilhelm Kaisen an der Spitze, der nach der ersten freien
Bürgerschaftswahl am 12. Oktober 1947 eine Koalitionsregierung mit der FDP
gebildet hatte.
Neben der Verbesserung der Versorgung für die
Bevölkerung stand damals die Sicherung der Eigenstaatlichkeit Bremens für Kaisen
mit an erster Stelle. Dies Ziel wurde erreicht: Am 21. Januar 1947 rief der
amerikanische Militärgouverneur, General Joseph T. McNarney, das Land Bremen
aus, zu dem die Städte Bremen und Wesermünde gehörten. Kurze Zeit später wurde
die Stadt Wesermünde in Bremerhaven umbenannt.
Bremens Häfen wurden
alsbald instandgesetzt, weil die Amerikaner die stadtbremischen Häfen für ihre
Nachschublieferungen nutzen wollten. Allmählich besserten sich die Verhältnisse
für die Menschen, die wieder neuen Mut gewannen, unterstützt durch den
Marshallplan und die Währungsreform. In zähen Verhandlungen konnte Kaisen in den
folgenden Jahren erreichen, dass nicht nur die Demontage der bremischen Werften
beendet wurde, sondern sogar wieder mit dem Neubau von Schiffen in Bremen
begonnen werden durfte.
Nachdem der Senat am 21. Oktober 1947 die
»Landesverfassung der Freien Hansestadt Bremen« verkündet hatte, war der erste
Abschnitt des staatlichen Wiederaufbaus Bremens abgeschlossen. Gleichzeitig
hatten die Bremer schon damit begonnen, ihre zerbombte Stadt neu zu errichten.
Als erstes wurde der Bremer Westen, das Stadtgebiet rund um den Hafen, das bei
einem Angriff im August 1944 beinahe dem Boden gleichgemacht worden war, wieder
bebaut. Später folgten andere Stadtteile; ganz neue Stadtgebiete und
Trabantenstädte, die für Tausende menschenwürdige Wohnungen boten, entstanden in
einem grandiosen Kraftakt.
Wilhelm Kaisen setzte in seiner
Regierungszeit auch bei absoluten Mehrheiten der Sozialdemokratie immer wieder
einen Koalitionssenat durch, von 1951 bis 1959 mit FDP und CDU, seit 1959 nur
noch mit der FDP, die 1971 noch vor der Bürgerschaftswahl dieses
Regierungsbündnis aber wegen gravierender Meinungsunterschiede über die Gründung
der Universität Bremen aufgekündigt hatte. Seitdem regieren in Bremen die
Sozialdemokraten allein. Kaisen trat am 17. Juli 1965 von seinem Amt zurück.
Sein Nachfolger wurde der langjährige Bildungssenator Willy Dehnkamp, der 1967
von Hans Koschnick abgelöst wurde. Dieser wiederum legte im Sommer 1985 seine
Ämter nieder. Neuer Bürgermeister und Präsident des Senats wurde der bisherige
Vorsitzende der SPDBürgerschaftsfraktion, Klaus Wedemeier.
In diesen
mehr als 40 Jahren hat sich in Bremen viel verändert. Das Bundesland Bremen hat
sich zu einem modernen sozialen Gemeinwesen entwickelt, in dem sich das von
Wilhelm Kaisen beschworene Bündnis von »Arbeiterschaft und Kaufmannschaft«, wenn
auch nicht unumstritten und problemlos, zu seiner Zeit bewährt hat. Liberalität,
Weltoffenheit und ein dem Fortschritt gegenüber aufgeschlossenes
Traditionsbewusstsein prägen Land und Leute. Nur so war es möglich, dass die
vielfältigen und tiefgreifenden Veränderungsprozesse in Bremen verhältnismäßig
gut bewältigt werden konnten.
Zu Beginn der fünfziger Jahre war die
Wirtschaftsstruktur des Landes auf Handel, Hafen, Schiffbau und Fischwirtschaft
- mit Schwerpunkt in Bremerhaven - ausgerichtet. Hinzu kamen im Laufe der
nächsten Jahre Flugzeug- und Automobilbau sowie die Ansiedlung eines
Stahlwerkes, der sogenannten »Hütte am Meer«. Bremen bot viele Arbeitsplätze,
und die bremischen Politiker waren bereit, in die städtische Infrastruktur zu
investieren. Theater, Stadthalle, Freizeitangebote, soziale Dienstleistungen,
Bildung - in diese Bereiche gab das Land Geld, war auch bereit, sich dafür zu
verschulden.
1961 brach mit dem Borgward-Konzern die bremische
Automobilindustrie zusammen. Zwar gelang es, die dort arbeitslos gewordenen
Beschäftigten zum größten Teil wieder in Arbeit zu bringen, doch deutete sich
schon an, dass Bremens Wirtschaftsstruktur breiter werden musste. Die
Wirtschaftskrise, die Mitte der sechziger Jahre auch die Bundesrepublik
Deutschland erfasst hatte, sorgte für eine turbulente Zeit. Arbeitslosigkeit
griff um sich, Studentenunruhen und Außerparlamentarische Opposition machten von
sich reden, die rechtsradikale Nationaldemokratische Partei zog in das Bremer
Landesparlament ein. In Bonn wurde aus CDU/CSU und SPD die Große Koalition
gebildet, während sich in Bremens regierender Sozialdemokratie der
Generationenwandel vollzog. Eine neue Nachwuchsriege bildete sich heran und
brachte neue Ideen in die SPD wie in die Bremische Bürgerschaft.
Die
seit vielen Jahren betriebene Gründung einer Bremer Universität wurde im Herbst
1971 vollzogen. Um diese Hochschule hatte es viele Auseinandersetzungen gegeben,
die schließlich in dem Vorwurf gipfelten, in Bremen werde eine »rote
Kaderschmiede« geplant. Mit diesem Vorurteil hat man in Bremen lange leben
müssen; inzwischen ist die Universität zu einem integrierten Bestandteil Bremens
geworden, von dem wichtige positive Anregungen ausgehen.
Weltwirtschaftliche Probleme haben Bremen seit Mitte der siebziger Jahre
schwer belastet, zumal das Bundesland einen überdurchschnittlich hohen Anteil an
Krisenbranchen aufwies. Nur zum Teil konnte dem durch die Förderung einer
modernen Luftfahrt- und die Ansiedlung einer hochentwickelten Raumfahrtindustrie
begegnet werden. Seit Ende der siebziger Jahre gibt es in Bremen auch wieder
einen Automobilbau, als der Daimler-Benz-Konzern hier sein großes Zweigwerk
errichtete. Dem stand auf der anderen Seite jedoch der Niedergang anderer
Wirtschaftszweige gegenüber. So gerieten unter anderem Fischwirtschaft, die
Stahlbranche und der Schiffbau in bedrohliche Existenznöte. Massenentlassungen
und entsprechende soziale Kosten waren die Folge.
Bremen bemühte sich
zwar, durch staatliche Zuschüsse und Subventionen, durch staatliche Verschuldung
und Beteiligungen, einen weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verhindern,
doch konnte dies nur ansatzweise erreicht werden. Die spektakuläre Schließung
der traditionsreichen A.G. »Weser« -Werft durch den Krupp-Konzern wenige Tage
vor der Bürgerschaftswahl im September 1983 machte deutlich, dass staatliches
Handeln dort seine Grenze hat, wo privatwirtschaftliche Entscheidungskompetenzen
ausschlaggebend sind. Entgegen der Vermutung, dass dieses Ereignis der
Werftenschließung Stimmenverluste für die SPD bei der Wahl nach sich ziehen
würde, legte die Partei mit Hans Koschnick als Spitzenkandidat noch zu und baute
die absolute Mehrheit im Landesparlament weiter aus.
Im Sommer 1985
wurde Klaus Wedemeier nach Koschnicks Rücktritt und einer intensiven
parteiinternen Kandidatenauseinandersetzung neuer Regierungschef des Landes
Bremen. Angesichts der schwierigen Lage Bremens setzte Wedemeier fortan die
Schwerpunkte »Haushaltssanierung« und »Politikgestaltung trotz finanzieller
Einschränkungen« an die erste Stelle. Mit Erfolg vertrat er als Präsident des
Senats die Bremer Interessen vor dem Bundesverfassungsgericht im Verfahren um
die Neuordnung des Länderfinanzausgleichs.
Mit der Ansiedlung und dem
Ausbau zukunftsträchtiger Wirtschaftszweige vor allem des High-Tech-Bereiches
wie Luft- und Raumfahrtindustrie, moderner Automobilbau, Mikroelektronik und
Umwelttechnologie, aber auch Meerestechnik, sowie der Bündelung verschiedener
Kapazitäten dieser Ausrichtung ist Bremen nunmehr dabei, sich zu einem
Technik-Zentrum des Nordens zu entwickeln.
Die Universität Bremen,
ergänzt durch die anderen Hochschulen des Bundeslandes, hat mit ihrem
qualifizierten und leistungsfähigen Wissenschaftspotential diesen Trend
tatkräftig mit unterstützt und dazu beigetragen, traditionelle Berührungsängste
zwischen Industrie und Wissenschaftsbetrieb zu verringern. Insbesondere in den
Forschungsgebieten Produktionstechnik, marine Geowissenschaften, Weltraum- und
Umweltforschung ergibt sich ein hohes Transferpotential zur gewerblichen
Wirtschaft.
Gleichzeitig aber bemüht sich das Land Bremen, seine
besondere maritime Funktion und Tradition zu bewahren. Die bremischen Häfen sind
nach wie vor von großer Bedeutung, nicht nur für Bremen, sondern für die gesamte
Bundesrepublik Deutschland. Bundesweit verdanken rund 300000 Beschäftigte ihre
Tätigkeit den modernen Universalhäfen in Bremen und Bremerhaven, in die zwischen
1950 und 1984 mehr als vier Milliarden DM öffentliche Mittel investiert wurden.
»Buten und binnen, wagen und winnen« - draußen und drinnen, wagen und
gewinnen -, getreu diesem althergebrachten Bremer Motto bemüht man sich im
ZweiStädte-Bundesland an der Weser um die Verbindung von Alt und Neu, ist der
Tradition verpflichtet und dem Fortschritt gegenüber aufgeschlossen.
Quelle:
Michael Scherer