Hessen
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Der hessische Löwe
Im Gesetz über die Hoheitszeichen des Landes Hessen vom 4. August 1948 heißt es im Paragraph 1: »Das Landeswappen zeigt im blauen Schilde einen neunmal silbern und rot geteilten steigenden Löwen mit goldenen Krallen.« Der Löwe ist das häufigste Wappenbild überhaupt. Wie nun hat er den Weg in unsere Wappen gefunden?

Hessen ist bis 1247 nur der westliche Teil der Landgrafschaft Thüringen, und tatsächlich ist der hessische Löwe der der Landgrafen von Thüringen. Er wird nach dem Aussterben der Thüringer Landgrafen von beiden Landgrafschaften, Thüringen und Hessen - sicher als Zeichen des Anspruchs auf die ganze ungeteilte alte Landgrafschaft - weitergeführt. Landgraf Ludwig III. von Thüringen führt 1182 auf seinem Reiterspiegel zum erstenmal einen Löwen im Schild, der wohl von Anfang an rotweiß gestreift war. Diese rot-weiße Streifung ist wahrscheinlich mainzischen Ursprungs, denn die Landgrafen von Thüringen waren Erzmarschälle des Erzbischofs von Mainz. Seit der Trennung von Thüringen bleibt der rot-weiße Löwe im blauen Schild Hessens Wappenbild. Dabei ist die Zahl der Teilungen nebensächlich; er kommt von drei- bis elfmal geteilt vor, und erst im 19. und 20. Jahrhundert wurde die Zahl der Teilungen amtlich festgelegt.

Im Zeichen dieses hessischen Löwen geht nun die hessische Geschichte vor sich: vom landgräflichen Wappen wird er zum Landeswappen. Beide Hessen führen ihn nach der unglückseligen Landesteilung von 1568 weiter, die sie im Dreißigjährigen Krieg auf die verschiedenen Seiten führen sollte - ein Bruderkrieg unter Fahnen mit dem hessischen Löwen. Hessen-Darmstadt gab seinen Löwen 1808 ein Schwert in die Pranke, der kurhessische Löwe führte nach der Annexion von 1866 nur noch ein Schattendasein im großen preußischen Wappen. Der Volksstaat Hessen nahm 1920 den hessischen Löwen ohne Krone und Schwert als Staatswappen an, ebenso 1946 das neue Land Hessen.

Hans-Enno Korri+


Hessen im Kurzportrait 740 Jahre Hessen!
Eine respektable Genealogie! Die 24jährige Herzogin Sophie von Brabant, Tochter der hl. Elisabeth und des Thüringer Landgrafen Ludwig IV., proklamiert 1248 in Marburg ihren vierjährigen Sohn Heinrich, das »Kind von Brabant« genannt, zum Herrn von Hessen. Als Heinrich 1. wird er der Stammvater des Hauses Hessen und der erste Landgraf der in diesem Jahr gegründeten, territorial selbständigen Landgrafschaft Hessen. Mit ihm, 1292 in den Fürstenstand erhoben, wird das Landgrafenhaus eindeutig zur weltlichen hessischen Führungsmacht vor allen anderen hessischen Grafengeschlechtem.

Die herausgehobene Rolle Hessens im Reformationsjahrhundert personalisiert sich in Landgraf Philipp dem Großmütigen, eigentlich dem Hochgemuten, mächtiger Streiter für die evangelische Sache und Gegenspieler von Kaiser Karl V. Eine zeitweilig bedeutende Figur in der Reichspolitik, unter ihm (Regierungszeit 1518-1567) gewinnt das ungeteilte Hessen Geltung als »politischer Schwerpunkt im westlichen Mitteldeutschland«. Nach dem Tode Philipps erfolgt 1568 die Teilung Hessens. Vier Söhne, vier Linien: Hessen-Kassel, Hessen-Darmstadt, Hessen-Rheinfels und Hessen-Marburg. Die beiden letzteren erlöschen bereits 1583 und 1604. Diese folgenschwere Erb- und Landesteilung schwächt entscheidend das politische Gewicht Hessens für Jahrhunderte und bildet unter Einschluß scharfer territorialer Machtkämpfe im Laufe der Zeit einen vielfältigen Dualismus zwischen Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt heraus, der praktisch erst 400 Jahre später durch die Staatsgründung von 1945 überwunden werden sollte.

Zu Beginn des 19.Jahrhunderts ändert sich das Bild der hessischen Landkarte wesentlich. Die Gründe liegen im Reichsdeputationshauptschluß von 1803 und in der napoleonischen Zeit. Der Gebietszuwachs der großen fürstlichen Territorien ist beträchtlich. Hessen gliedert sich jetzt im wesentlichen in das 1803 von der Landgrafschaft zum Kurfürstentum erhobene Hessen-Kassel, in das 1806 Großherzogtum gewordene Hessen-Darmstadt und in das im gleichen Jahr gegründete Herzogtum Nassau, gebildet aus den Fürstentümern Nassau-Weilburg. Nassau-Usingen (mit Wiesbaden-Biebrich als Residenz und Wiesbaden als Sitz der Zentralverwaltung seit 1744 und, wenn man so will, als früher Vorläufer Wiesbadens als späterer Hauptstadt Hessens) und den rechtsrheinischen Besitzungen von Kurmainz und Kurtrier.

Napoleonische Willkür schafft ebenso bizarre wie kurzlebige Gebietsveränderungen. So gehört Frankfurt als Ergebnis der Rheinbundakte von 1806 bis 1810 zum Fürstprimatialstaat unter dem Mainzer Fürstprimas Dalberg und wird 1810 bis 1813 Großherzogtum, gebildet aus Frankfurt, Wetzlar, Aschaffenburg, Fulda und Hanau. Kurhessen, das im Gegensatz zu Hessen-Darmstadt dem Rheinbund nicht beitritt, verliert seine Selbständigkeit und kommt zum neugebildeten Königreich Westfalen (1807-1813) mit Kassel als Hauptstadt. Auf Schloß Wilhelmshöhe - Symbol geschichtlicher Epochen - residiert Napoleons jüngster Bruder Jeröme. Napoleons Niederlage 1813 führt zu entsprechenden .

Korrekturen: Auflösung des Königreiches Westfalen, Wiederherstellung Kurhessens, das 1816 den größten Teil des Fürstbistums Fulda erhält, dafür dem Herzogtum Nassau die territorial bedeutende Grafschaft Katzenelnbogen abtritt, Auflösung des Großherzogtums Frankfurt. Die Stadt selbst wird wieder Freie Stadt und bleibt es bis 1866. Wichtig der Territorialgewinn für das Großherzogtum Darmstadt durch die ehemals geistlichen linksrheinischen Gebiete mit den Städten Mainz und Worms, die 1945 bei der hessischen Staatsgründung als »Rheinhessen« an Rheinland-Pfalz abgetreten werden.

1866 ist nach 1248 und 1568 im Abstand von jeweils rund 300jahren das dritte Datum von großem Gewicht in Hessens früherer Geschichte. Nunmehr agiert Preußen auf hessischer Bühne. Weil Kurhessen, Nassau und Frankfurt im preußisch-österreichischen Kriege Gegner Preußens sind, fallen sie 1866 kurzerhand an Preußen, den Sieger. 1867 werden die Regierungsbezirke Kassel, im wesentlichen das ehemalige Kurfürstentum Hessen, und Wiesbaden, das ehemalige Herzogtum Nassau, Frankfurt am Main und Hessen-Homburg, gebildet und 1868 zur neuen preußischen Provinz Hessen-Nassau vereinigt. Kassel als Provinzialhauptstadt wird Sitz des Oberpräsidenten. Die Auflösung des Kurfürstentums Hessen ist in ihrer Bedeutung gleichrangig mit der Loslösung Hessens von den Thüringer Landgrafen im 13. und der Teilung der Landgrafschaft im 16.Jahrhundert. Das Großherzogtum Darmstadt, obschon auch Verbündeter Österreichs, kann seine staatliche Selbständigkeit wahren.

1918 wird aus ihm der Volksstaat Hessen mit Darmstadt als Sitz von Regierung und Landtag. Der Volksstaat wird 1933 in Hessen umbenannt, sein Landtag wird 1934 aufgelöst. Jedes politische Eigenleben Hessens hört auf. 1944 wird die 1868 gebildete preußische Provinz Hessen-Nassau in die Provinzen Kurhessen, bestehend aus dem Regierungsbezirk Kassel, und Nassau, bestehend aus dem Regierungsbezirk Wiesbaden, geteilt.

Die hessische Staatsgründung 1945 - auf Plänen aus den Jahren 1920 und 1928 fußend, die aber am Widerstand Preußens scheiterten - erweist sich unbestritten als eine der glücklichsten und durchdachtesten Entscheidungen amerikanischer Besatzungspolitik. Das Gebot politischer Vernunft und verwaltungsmäßiger Notwendigkeit berücksichtigt sinnvoll geschichtliche, geographische und wirtschaftliche Zusammenhänge. Die alten, weitgehend dvnastischen Gebietseinteilungen Hessens werden als sinnlose historische Überreste beseitigt. Das neue hessische Staatsgebiet ist mit Ausnahme der durch französischen Einfluß an das Land Rheinland-Pfalz abgetretenen früheren hessischen Gebietsteile territorial geschlossen. Es umfaßt die ehemals preußischen Provinzen Kurhessen und Nassau, die Provinzen Starkenburg, Oberhessen sowie die rechtsrheinischen Teile der Provinz Rheinhessen des ehemaligen Volksstaates Hessen. Vier nassauisehe Landkreise und das linksrheinische Rheinhessen mit Worms, Mainz und Bingen kommen zum neugebildeten Land Rheinland-Pfalz.

Aber auch diese kluge Entscheidung der Amerikaner hat Hessen noch keinen gemeinsamen Volkscharakter geschenkt. Den Begriff des hessischen Volksstammes gibt es nicht, somit auch keine spezifisch hessische Sprache. »Was in Hessen gesprochen wird«, so Rudolf Krämer-Badoni, sachkundiger Autor von »Deutschland - deine Hessen«, »gehört zur Übergangszone des fränkischen Mitteldeutseh. Es ist eine harte Sprechweise ohne Gesang, ohne Modulation, ohne Charme. Die Freude an der Sprache besteht in der Härte des Tons.«

Hessen, mit 21114 Quadratkilometern und rund 5,5 Millionen Einwohnern das fünftgrößte Bundesland, ist in die Regierungsbezirke Kassel, Gießen und Darmstadt gegliedert. Frucht seiner umfassenden und wie überall dem Meinungsstreit unterliegenden kommunalen Gebietsreform sind heute 426 Gemeinden, darunter die fünf kreisfreien Großstädte Frankfurt am Main, Wiesbaden, Kassel, Darmstadt und Offenbach, und 21 Landkreise. Vorher waren es rund 2 700 Gemeinden mit neun kreisfreien Städten und 39 Landkreisen. Zu den erheblichen Unterschieden in der Wirtschaftskraft des Landes zwischen dem Süden und dem Norden treten quasi in ergänzender Kommentierung die der Bevölkerungsdichte. Kommen im Regierungsbezirk Darmstadt als dem Gebiet gebündelter hessischer Wirtschaftskraft 456 Einwohner auf einen Quadratkilometer, so sind es im Regierungsbezirk Kassel nur 142; im Regierungsbezirk Darmstadt gibt es nur einen Landkreis mit einer Bevölkerungsdichte unter 200 Einwohnern, im Regierungsbezirk Kassel liegen sie mit Ausnahme der Stadt Kassel alle, zum Teil erheblich, darunter.

Hessen, von der Weser und Diemel im Norden und Nordwesten bis zum Neckar im Süden. von der Werra im Nordosten bis zum Rhein im Südwesten reichend und zur DDR eine gemeinsame Grenze von 270 Kilometern aufweisend, ist geographisch und verkehrswirtschaftlich Mitte - von der Bundesrepublik, von Europa. Diese außerordentliche Gunst der Lage ist sein volkswirtschaftliches Kapital. Hessen ist ein Land von herausragender Wirtschaftskraft. Seine Rohstoffarmut verhinderte im Gegensatz zum Ruhrgebiet die Entstehung von Monostrukturen mit den heute bekannten negativen Folgen. Freilich darf das unterentwickelte und schwankende Wirtschaftspotential in einigen Regionen des Landes nicht verschwiegen werden. Die Hessen wirtschaftlich besonders hart treffenden Auswirkungen der deutschen Teilung können zwar gemildert, aber nicht aufgehoben werden und machen trotz aller Anstrengungen das starke Süd-Nord-Gefälle in der wirtschaftlichen Leistungskraft des Landes, ablesbar auch an den differierenden hessischen Arbeitslosenquoten, nicht ausgleichbar. Gleichwohl darf sich Hessen dank der Eigendynamik und Ertragskraft des Rhein-Main-Gebietes mit dem deutschen Wirtschafts- und Finanzmagneten Frankfurt als Zentrum zu den wirtschaftlich stabilsten und steuerstärksten Ländern der Bundesrepublik Deutschland zählen.

Hessen wird vom Süden dominiert. Seine Kraftströme fließen hier im Ballungszentrum Rhein-Main mit den Städten Frankfurt, Offenbach, Hanau, Rüsselsheim, Darmstadt, auch die «geistige Hauptstadt« des Landes, und Wiesbaden. In dieser nach dem Ruhrgebiet größten Industriekonzentration arbeitet mehr als die Hälfte aller in der Industrie des Landes Beschäftigten, wohnt ein Drittel de~ hessischen Bevölkerung, ruht das Schwergewicht der hessischen Wirtschaft und wird der weitaus größte Teil der hessischen Steuerkraft erwirtschaftet.

War Frankfurt in der zweiten Hälfte des 19. und in der ersten des 20. Jahrhunderts aus politischen Gründen in seiner wirtschaftlichen Bedeutung eindeutig in den Schatten Berlins geraten, so tritt nach 1945 in einem auch heute noch andauernden und beispiellosen Prozeß die große Umkehr zum Mittelpunkt der deutschen Geldwirtschaft, zu einem der bedeutendsten europäischen Geschäftszentren und Handels- wie Messeplätze mit ständig wachsender Verflechtung in die Entwicklung des europäischen Gemeinsamen Marktes ein. Der Rhein-Main-Flughafen in seiner überragenden nationalen und internationalen Bedeutung - eine «Stadt« mit über 200 Firmen und 35 000 Beschäftigten - ist längst nicht mehr nur ein verkehrswirtschaftliches Symbol für Hessen als Land der Mitte, sondern als Land hoher wirtschaftlicher Attraktivität.

Weitere Impressionen aus Hessens Industrielandschaft:
Kassels industrielles Gesicht prägen primär die Thyssen-Henschel-Werke (Maschinenbau und Transporttechnik) und das Volkswagenwerk im nahen Baunatal. Charakteristikum des Kasseler Industriebezirks ist nicht Geschlossenheit wie im Süden, sondern industrielle Auflockerung im nahen und weiteren Umfeld der Stadt. Nordhessens bedeutendste Industrie mit örtlicher Rohstoffbasis sind Kaliförderung und Braunkohlenabbau. Hessens Anteil an der Kaligewinnung in der Bundesrepublik beträgt rund die Hälfte. Hessens Bergbau, kaum eine nennenswerte Rolle im öffentlichen Bewußtsein spielend, hat immerhin noch rund 6 000 Beschäftigte. Fulda, der Industriestandort Osthessehs und sein Zentrum für Handel und Dienstleistungen, hat Kautschuk-, Textil- und Bekleidungsindustrie.

Das Lahn-Dill-Gebiet, dritte hessische Industriezone, war bis Mitte des 19. Jahrhunderts durch seine Eisenerzvorkommen ein Versorgungszentrum des deutschen Marktes. Als Standort der ältesten hessischen Urproduktion ist das heute nur noch Vergangenheit. Aber noch immer hat hier die hessische Eisen- und Stahlerzeugung ihren Boden. Metallverarbeitung und Gießerei-Industrie sind in diesem Wirtschaftsraum ebenso zuhause wie die optische und feinmechanische Industrie Hessens. Die Leitzwerke in Wetzlar haben Weltruf. Weltgeltung haben auch, um den notwendigerweise nur flüchtigen Streifzug durch Hessens Industrie zu beschließen, die Marburger Behringwerke, die Offenbacher Leder-waren-, die Hanauer Goldwaren- und die bis 1945 in Leipzig und jetzt in Frankfurt ansässige Rauchwarenindustrie. Der Großteil der deutschen Sektproduktion ist in Wiesbaden und im Rheingau, der wesentlichste Teil der deutschen Nuklearindustrie ist in und um Hanau ansässig. Nicht zur Industrie, aber unverzichtbar zur Registratur hessischen Ruhmes gehört der Rheingauer Rieslingwein. Nicht wenige seiner Lagen haben Weltruf.

Die «Großen Vier« in der hessischen Industrie sind die chemisch-pharmazeutische Industrie, die fast ausschließlich in Südhessen und in Frankfurt mit dem Pharma-Giganten Hoechst in größter Verdichtung angesiedelt ist; der Maschinenbau mit seiner Dominanz des spezialisierten Klein- und Mittelbetriebes; der Fahrzeugbau mit Kassel und Baunatal als nordhessischem und Rüsselsheim (Opel) als südhessischem Zentrum und die elektrotechnisch-elektronische Industrie mit ihrem starken Wachstum. Chemie und Pharmazie machen allein ein Drittel des gesamten Auslandsumsatzes der hessischen Industrie aus. Mehr als 25 Prozent des hessischen Industrieumsatzes entfallen auf diesen Wirtschaftszweig, dem nach Umsatz, Exportanteil und Zahl der Beschäftigten unter allen Industriezweigen der erste Rang zukommt. Diese Fakten weisen Hessen als bedeutendes Industrieland mit stark exportintensiver Prägung aus, dessen Wirtschaftsstruktur mit gegebenen Einschränkungen eine im allgemeinen gesunde Ausgewogenheit und Vielfalt aufweist. Industrie, Handwerk, Handel und Landwirtschaft finden sich alles in allem in einer glücklichen Synthese.

Hessische Politik, in Vergangenheit und Gegenwart nicht selten Objekt nationalen Interesses, weist im Rückblick als zentrales Charakteristikum eine über 4ojährige ungebrochene Macht- und Regierungsdauer der SPD auf. Ihre landes- wie kommunalpolitische Omnipotenz ist jahrzehntelang hessische Wahlnormalität. Das Ungleichgewicht zwischen SPD und CDU als den beiden rivalisierenden Potenzen hessischer Politik ist bis Anfang der siebziger Jahre groß bis erdrückend.

Die wesentlichsten Gründe für die außergewöhnliche Regierungskontinuität der hessischen SPD: Der hessische Wähler zeigt durchgehend von 1950 bis 1983 eine geschärfte Sensibilität für die Herstellung eines gewissen Machtausgleiches der Parteien zwischen Bund und Land. Starke bis totale Einflüsse der Bundespolitik (Wahl 1982) auf hessische Landtagswahlen jeweils zugunsten der in Bonn oppositionellen Partei(en) sind evident. Die Landtagswahl von 1987 bildet eine erste und signifikante Ausnahme.

Die hessische Sozialdemokratie unter Führung und Impulsgebung Georg August Zinns (Ministerpräsident 1951-1969) weist für viele Wähler akzeptable Leistungen einer beispielhaften Reform- und Gesellschaftspolitik auf. Die populäre Vaterfigur Zinns als integrierende und parteipolitische Enge sprengende Kraft und Persönlichkeit mit staatsmännischem Habitus wird immer mehr zur personalisierten Wahlgewinn-Garantie.

Selbst eine fühlbare Schwächung der sozialdemokratischen Position führt deshalb nicht zum Machtverlust und Regierungswechsel, weil Hessens FDP mit ihrer Linksöffnung und Annäherung an die SPD 1970-1982 mit ihr koaliert.

Die in ihrem Ausmaß spektakulären Wahlerfolge der hessischen CDU von 1970 und vor allem 1974 wie die der Kommunalwahlen von 1977 und 1981 verändern dann die politische Landschaft Hessens tiefgreifend. Alfred Dregger als Urheber und Beweger einer harten Konfrontationsstrategie macht in diesem Jahrzehnt der ausgebrochenen scharfen Polarisierung und Ideologisierung eine in Hessen jahrzehntelang «unterernährte« CDU für neun Jahre (1974-1983) zur stärksten Partei und verändert damit das politische Klima Hessens nachhaltig.

Das sollte sich fortsetzen. 1982 beschließt die hessische FDP, die Koalition mit der SPD zu kündigen und durch eine Koalitionsaussage zugunsten der CDU zu ersetzen. Eine Operation mit zu großem Risiko, denn die Liberalen verlieren in der nachfolgenden dramatischen Septemberwahl für ein Jahr ihre parlamentarische Existenz.

Der Ausgang der Landtagswahl vom September 1983 ist für die SPD zwar sehr erfolgreich, läßt sie aber auf einen Koalitionspartner angewiesen sein. Es kommt unter erheblichen Erschwernissen zu verschiedenen Formen der parlamentarischen Zusammenarbeit mit der Partei der Grünen, die seit 1982 im Landtag vertreten ist. Die zuletzt bestehende Regierungskoalition aus SPD und Grünen - das erste Bündnis seiner Art in der Bundesrepublik - bricht im Februar 1987 wegen unterschiedlicher Auffassungen zu der in Hanau angesiedelten Nuklearindustrie auseinander.

Das Ergebnis der vorgezogenen Landtagswahl von 1987 führt in der über vierzigjährigen Nachkriegsgeschichte Hessens zur Bildung einer ersten christdemokratischliberalen Regierung. Seit 1991 regiert wieder eine Koalition aus SPD und Grünen.

Die Demokratie lebt vom Wechsel. Ein nun auch für Hessen selbstverständlich gewordener Vorgang, den seine Bürger und Wähler jetzt als Bestandteil einer praktizierten demokratischen Lebensform erfahren.

Quelle:
Herbert Lige