Thüringen
Das Landeswappen des Freistaats
Thüringen:
Spiegel der Geschichte
Am
10.Januar 1991 beschloss der Thüringer Landtag das Gesetz über die
Hoheitszeichen Thüringens. Demnach zeigt das thüringische Landeswappen in Blau
einen goldgekrönten und bewehrten, achtfach von Rot und Silber quergestreiften
Löwen, umgeben von acht silbernen Sternen. Bei der Neugestaltung des Wappens
galt es, sowohl historische Wurzeln als auch zeitgenössische Erfordernisse zu
berücksichtigen. Darüber hinaus sollte ein Symbol für die gewachsene
thüringische Identität und Geschichte gefunden werden. So griff man auf den
Löwen der Landgrafen von Thüringen zurück. Dies ergab sich aus der
herausragenden Bedeutung, die die Landgrafschaft in der thüringischen Geschichte
hatte. 1130 erhielt das Haus der Ludowinger - so genannt, weil die meisten der
männlichen Mitglieder den Namen Ludwig führten - durch Kaiser Lothar III. von
Supplinburg die Landgrafschaft Thüringen zum Lehen. Die kulturellen Leistungen
der Ludowinger sind heute noch bekannt.
Sagenumwoben ist die Gründung
der Wartburg bei Eisenach durch Ludwig ll. im 11.jahrhundert. Auf der Wartburg
soll auch der »Sängerkrieg« stattgefunden haben. Mit Heinrich von Ofterdingen,
Wolfram von Eschenbach und Meister Klingsor werden als Teilnehmer die
wichtigsten Dichter mittelhochdeutscher Sprache genannt. Dass ein solches
Treffen, das wahrscheinlich niemals stattgefunden hat, auf die Wartburg verlegt
wurde, zeigt, welch hohes Ansehen die thüringischen Landgrafen auf kulturellem
Gebiet hatten. Ebenfalls noch heute bekannt ist die Landgräfin Elisabeth (1207
bis 1231), die sich in Eisenach und später in Marburg der Pflege der Armen und
Bedürftigen widmete.
Ü:berregionale Bedeutung erlangte Thüringen erst
wieder mit der Reformation. Fürsten aus Thüringen unterstützten die neue Lehre
maßgeblich und halfen, sie zu verbreiten. 1521/22 gewährte Kurfürst Friedrich
III., der Weise, Martin Luther auf der Wartburg Zuflucht. Luther nutzte den
Aufenthalt, um das Neue Testament, das bis dahin lediglich in lateinischer oder
in griechischer Sprache vorlag, ins Deutsche zu übersetzen.
Thüringen
war eines der Zentren des Bauernkrieges im Reich, denn der Aufstand der Bauern
war eng mit der geistigen Aufbruchstimmung während der Reformation verbunden.
Sowohl der thüringische Adel als auch Luther distanzierten sich aber schnell von
den Forderungen der Bauern. Die Aufständischen - von Thomas Müntzer geführt -
wurden 1525 in einem blutigen Gemetzel bei Frankenhausen vom fürstlichen Heer
geschlagen. Mehr als 5 000 Bauern sollen diesem Massaker zum Opfer gefallen
sein.
Dynastische und erbrechtliche Konflikte wurden in Thüringen
weitaus seltener kriegerisch als durch die Aufteilung des jeweiligen
Herrschaftsgebietes gelöst. Um 1700 lag der Höhepunkt staatlicher
Zersplitterung. Es bestanden in Thüringen zehn Herzogtümer, zehn Herrschaften,
vier Grafschaften, zum Erzbistum Mainz gehörten Erfurt und Teile des
Eichsfeldes, selbständig waren die Freien Reichsstädte Mühlhausen und
Nordhausen.
Diese aus heutiger Sicht wenig überschaubare Staats- und
Teilungsgeschichte Thüringens war bis etwa 1800 keine ungewöhnliche Erscheinung
im Deutschen Reich. Das Gebiet, das wir heute als Thüringen bezeichnen, bestand
um 1850 aus dem Großherzogtum Sachsen-WeimarEisenach, dem Herzogtum
Sachsen-Meiningen, dem Herzogtum Sachsen-Altenburg, dem Herzogtum Sachsen-Coburg
und Gotha, dem Fürstentum SchwarzburgRudolstadt, dem Fürstentum
Schwarzburg-Sondershausen, dem Fürstentum Reuß älterer Linie, dem Fürstentum
Reuß jüngerer Linie. 1802/14 fielen Erfurt und das Eichsfeld sowie Mühlhausen
und Nordhausen an Preußen. Weiterhin konnte Preußen 1815 Gebiete (Suhl,
Schleusingen, Langensalza u. a.) erwerben, die ursprünglich zu dem mit Napoleon
verbündeten Königreich Sachsen gehört hatten. Der Kreis Schmalkalden gehörte bis
1866 zum Kurfürstentum Hessen, bevor er ebenfalls an Preußen fiel.
Obwohl die thüringischen Staaten auf ihrer Souveranität bestanden,
schufen sie aber auch gemeinsame Behörden und Einrichtungen. 1558 wurde die
Universität Jena feierlich eröffnet, die über Jahrhunderte gemeinsamer Besitz
der ernestinischen Einzelstaaten blieb und die sich bewusst als protestantisch
geprägte Lehr- und Forschungsanstalt verstand.
Der Kleinstaaterei
standen interessante und zum Teil einzigartige kulturelle Leistungen gegenüber.
Herzog Ernst der Fromme von Sachsen-Gotha und Altenburg (1601 bis 1675) gelang
mit dem Schulmethodus Andreas Reyhers 1642 eine bahnbrechende Reform des
Schulwesens. Hier wurde der Schulbesuch für alle Mädchen und Jungen im Herzogtum
- erstmals in Deutschland - zwingend vorgeschrieben. Europäische Bedeutung
erlangte das Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach. Herzog Carl August gelang es,
Weimar und Jena zu literarischen und philosophischen Zentren Europas zu machen.
Mit Friedrich Schiller, Johann Wolfgang Goethe und Johann Gottfried Herder
arbeiteten die wichtigsten Literaten des ausgehenden 18. und frühen
19.Jahrhunderts an einer Kunstrichtung, die man später die »Weimarer Klassik«
nannte. Aber nicht nur in Weimar florierten Kunst und Kultur, auch an anderen
Fürstenhöfen umgaben sich die Regierenden mit Künstlern und Philosophen oder
nahmen am künstlerischen Leben selbst teil. Herzog Georg II. von
Sachsen-Meiningen spielte Theater und reiste mit seiner Truppe durch ganz
Europa. Seinem künstlerischen Konzept nach sollte sich die Regie und die Form
der Aufführung an dem gespielten Stück und an den Absichten des Autors
orientieren.
Humanismus und Reformation führten zu einem
wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung, der sich in einer ebenso dichten
wie vielfältigen Struktur zeigte. In Thüringen waren sowohl kulturelle als auch
wirtschaftliche Ballungszentren unbekannt; es herrschte eine ausgeglichene
Struktur als Folge der Kleinstaaterei vor. Auch wenn heute Jena und Weimar am
bekanntesten sind, so blieben literarische, moralische und intellektuelle
Bewegungen nicht nur auf diese Städte beschränkt. Es entstanden viele kleine,
untereinander verbundene kulturelle Zentren, die weniger von kleinstaatlicher
Enge als von Offenheit nach außen geprägt waren. So wirkten Ende des 18. und
Anfang des 19.Jahrhunderts die Pädagogen, Philanthropen und Sozialreformer
Salzmann und GutsMuths in Schnepfenthal, Nonne in Hildburghausen, Falk in Weimar
und Fröbel in Keilhau und Blankenburg. Bedeutende Verleger ließen sich in Weimar
(Bertuch), Jena (Frommann), Gotha (Perthes), Altenburg (Brockhaus) und
Hildburghausen (Meyer) nieder.
Thüringen wurde in den 1830er und 40er
Jahren an Zollvereine und das frühe deutsche Eisenbahnnetz angeschlossen und im
19.Jahrhundert zu einer der führenden deutschen Industrieregionen mit
ausgedehnten Exportbeziehungen. In Jena entstand seit den 1870er Jahren ein vor
allem von Ernst Abbe geprägtes, weltweit einzigartiges industrielles,
wissenschaftliches, kulturelles und sozialreformerisches Innovationszentrum der
Feinmechanik/Optik (Zeiss, Schott). Die thüringischen Kleinstaaten überlebten
die europäische Neuordnung unter Napoleon und die deutsche unter Bismarck
(1866/71) weitgehend unbeschadet. Auch wenn die Fürsten in Meiningen und Greiz
der deutschen Reichseinigung ablehnend gegenüberstanden, so trieb doch die
meisten Fürsten die Sorge um ihre Existenz in einen stabilen Staatenbund, den
die Reichsgründung versprach.
Die Jahre 1871 bis 1918 waren von
politischer Stabilität geprägt, aber auch wirtschaftlich konnte Thüringen von
der Reichseinheit profitieren. Die vorwiegend klein- und mittelständischen
Handwerks- sowie Industrieunternehmen nahmen einen Teil der in der
Landwirtschaft aufgrund von Rationalisierungsmaßnahmen freigesetzten
Arbeitskräfte auf. Der Lebensstandard der Bevölkerung stieg langsam, aber
kontinuierlich.
Revolutionäre Veränderungen traten erst im Jahr 1918
ein. Auch in den verschiedenen thüringischen Staaten kam es zu Unruhen in der
Bevölkerung, die im Sturz der regierenden Fürsten gipfelten. Allerdings fiel die
Absetzung meist wenig spektakulär - mit Ausnahme in Gotha - aus. Durchweg
dankten die Fürsten formell ab und übergaben die Regierungsgeschäfte an
sozialdemokratische oder an bürgerlich-sozialdemokratische Regierungen. Mit
diesem Einschnitt war der Weg für eine grundsätzliche Landesreform geebnet, die
schon seit dem 19.Jahrhundert immer wieder gefordert worden war.
Zur
Diskussion standen ein «kleinthüringischer« Zusammenschluss ohne die preußischen
Gebiete und der dazugehörenden Stadt Erfurt oder eine «großthüringische« Lösung,
die auch das zu Preußen gehörende Land einbezog. Nach heftigen Debatten wurde
das Land Thüringen ohne Einbeziehung preußischer Territorien geschaffen. Zum
1.Mai 1920 schlossen sich folgende Staaten zum Freistaat Thüringen zusammen:
Freistaat Sachsen-Weimar-Eisenach, Freistaat Sachsen-Meiningen, Freistaat
Sachsen-Altenburg, Freistaat Gotha, Freistaat Schwarzburg-Rudolstadt, Freistaat
Schwarzburg-Sondershausen, Volksstaat Reuß (ab 1919 als Union der beiden
reußischen Landesteile). Coburg schloss sich nach einem Volksentscheid Bayern
an.
Erstmals war es in der Geschichte Thüringens zu einer weitgehenden
territorialen Einheit gekommen. Am 20.Juni 1920 fanden die ersten Landtagswahlen
statt, die eine knappe Mehrheit der bürgerlichen Parteien gegenüber SPD und USPD
erbrachten. Doch am 10. November 1920 wurde Arnold Paulssen zum Vorsitzenden des
Staatsministeriums, bestehend aus einer Koalition der SPD mit der bürgerlichen
DDP (Deutsche Demokratische Partei), gewählt. Mit diesem Schritt stellte sich
auch die Frage nach einem angemessenen Wappen für das Land. In einem
Gesetzentwurf vom 18.Januar 1921 schlug die Landesregierung als Wappen sieben
silberne Sterne auf rotem Grund vor. Dies sollte das Symbol der Vereinigung der
sieben Staaten im Land Thüringen sein. Aber auch auf den Löwen der Landgrafen
von Thüringen wurde zurückgegriffen. Er sollte «halbiert« (heraldisch: wachsend)
auf den Schild aufgesetzt werden. Letztere Ergänzung fand aber im Landtag keine
Mehrheit. Im Gesetz vom 7. April 1921 hieß es:» Das Wappen des Landes Thüringen
bilden sieben silberne Sterne auf rotem Grund.«
Das Land Thüringen
teilte das politische Geschick der Weimarer Republik. Wirtschaftliche Krisen und
die damit verbundenen sozialen Spannungen sowie heftige politische Konflikte,
vor allem der Kapp-Putsch und die Reichseingriffe von 1920 und 1923, bestimmten
das öffentliche Leben. Auf Landesebene kam keine breite regierungsfähige
politische Mehrheit zustande. Die Koalitionsregierungen Arnold Paulssen (aus
DDP, SPD) und August Fröhlich (aus SPD, USPD, später KPD) scheiterten. In den
Landtagswahlen vom Februar 1924 errangen die rechtsextremen »völkischen« Gruppen
einen beträchtlichen Wahlerfolg. Eine Parteienkoalition unter dem Namen
»Thüringer Ordnungsbund« hielt als einzige die vorgesehene dreijährige
Legislaturperiode durch. Die Landespolitik trug aber stark restaurative Züge.
Das Bauhaus wurde aus Weimar vertrieben und musste sich in Dessau ansiedeln. In
dieser Atmosphäre konnte die NSDAP ihren Stimmenanteil bei den Landtagswahlen
immer weiter steigern: 1930 trat sie mit zwei Vertretern in die vom
Landbundpolitiker Erwin Baum geführte Landesregierung ein. Wilhelm Frick (ab
1933 Reichsinnenminister) besetzte das Ressort des Innen- und des
Volksbildungsministers. Im Juli 1932 kam es wiederum zu vorgezogenen
Landtagswahlen, die zu einer Koalitionsregierung zwischen NSDAP und Thüringer
Landbund führten. Zum leitenden Staatsminister wurde Fritz Sauckel gewählt.
Die Nationalsozialisten wollten ihr neues Regime auch optisch unter
Beweis stellen, und so schufen sie ein neues Landeswappen, das das sächsische
Rautenkranzwappen der ernestinischen Länder, den kaiserlichen Doppeladler der
Schwarzburger, den reußischen Löwen, die Henneberger Henne vereinte, belegt mit
dem achtfach von Silber und Rot quergestreiften Löwen in Blau, der ein goldenes
Hakenkreuz darbrachte. Das neue, ideologisierte Wappen wurde auch spöttisch
«Thüringer Tiergarten« genannt.
Die Herrschaft der Nationalsozialisten
in Thüringen zeichnete sich wie im übrigen Deutschland durch Einschüchterung und
Terror gegenüber andersdenkenden Menschen aus. Fritz Sauckel bestimmte als
Gauleiter, Reichsstatthalter (1933), Reichsverteidigungskommissar (1939) und
schließlich als Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz im Reich (1942)
das politische Leben. Zwar engte die NS-Führung in Berlin die landespolitischen
Kompetenzen stark ein. Durch das Gesetz über den Neuaufbau des Reiches vom
30.Januar 1934 wurde der zuvor gleichgeschaltete Landtag aufgelöst und wurden
alle Hoheitsrechte des Landes auf das Reich übertragen. Die Landesbehörden
wurden damit zum Vollzugsorgan der Berliner Ministerien. Aber um so mehr wuchsen
durch den Ausbau der Reichs- und Kriegsverwaltung die regionalen
Aktionsmöglichkeiten skrupelloser NSFunktionäre vom Schlage Sauckels.
Der wirtschaftliche Aufschwung in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre
wurde vorwiegend von der Nachfrage der hitlerschen Aufrüstung getragen. Große
Teile der thüringischen Industrie produzierten für den Wehrmachtsbedarf.
Militärisch genutzt werden sollten auch die Autobahnen Berlin - München -
Breslau - Frankfurt, die durch Thüringen führten, aber nicht ganz vollendet
wurden. 1937 wurden die ersten Gefangenen ins Konzentrationslager Buchenwald bei
Weimar eingeliefert, wo Menschen willkürlich gequält und ermordet wurden. Zu
einer starken Erweiterung der Zwangsarbeit kam es ab 1943, als Teile der
kriegswirtschaftlichen Produktion in die Mitte Deutschlands verlegt wurden, weil
hier die Produktionsstandorte vor alliierten Bombenangriffen sicherer waren.
Vorrang hatte der Bau von Stollensystemen bei Nordhausen und Kahla durch
Gefangene, wo Raketenwaffen und Jagdflugzeuge produziert wurden. Ohne Rücksicht
auf das Leben der eingesetzten Gefangenen aus den Konzentrationslagern wurden in
kurzer Zeit die Erdarbeiten fertiggestellt. Kriegshandlungen fanden in Thüringen
kaum statt, allerdings wurden u. a. die Städte Nordhausen und Gera gegen Ende
des Krieges schwer von alliierten Luftangriffen getroffen.
Nach der
Befreiung Thüringens durch die Amerikaner Mitte April 1945 sollte ein
demokratischer Neubeginn im Land erfolgen. Schon 1944 waren die preußische
Provinz Sachsen geteilt und der Regierungsbezirk Erfurt sowie der Kreis
Schmalkalden faktisch als selbständige Provinz Fritz Sauckel übertragen worden.
1945 wurden diese Gebiete auch juristisch ins Land Thüringen eingegliedert.
Damit war die wichtigste Voraussetzung geschaffen, um alle Territorien
einheitlich zusammenzufassen. Der von den Amerikanern eingesetzte
Regierungspräsident Hermann Brill sprach sich zunächst für die Ü:bernahme des
thüringischen Wappens aus Weimarer Zeit aus. Nach dem Einmarsch der Roten Armee
und dem damit verbundenen vertragsgemäßen amerikanischen Rückzug wurde Rudolf
Paul durch die Sowjetische Militäradministration als Ministerpräsident
eingesetzt. Im August 1945 erschien das Gesetz, das das neue Wappen Thüringens
benannte: Ein in der Urzeichnung goldener Löwe umgeben von nun acht silbernen
Sternen. Der achte Stern stand für das preußische Erfurt. 1950 wurde Erfurt
erstmals in der Geschichte Hauptstadt Thüringens.
In der »Ä:ra Paul«
(1945/47) ging das Land Thüringen in vieler Hinsicht rechtsstaatliche, von der
Sowjetischen Besatzungszone insgesamt abweichende Reformwege, unterhielt auch
enge zonenübergreifende Kontakte vor allem nach Hessen, Bayern und in die
britische Zone. Doch unterbanden die Besatzungsmacht und die Berliner
SED-Führung all diese Ansätze. Der Ministerpräsident floh 1947 in die
amerikanische Zone. Im Oktober 1946 erreichte die SED gemeinsam mit der von ihr
beherrschten »Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe« bei den Landtagswahlen
die Mehrheit der Sitze. Im Wahlkampf hatte die Sowjetische Militäradministration
in Thüringen (SMATh) die SED massiv bei der Zuteilung von Druckpapier und bei
den Veranstaltungsorten bevorzugt. Schon am 20Dezember 1946 verkündete der
Landtag eine neue Verfassung für das Land Thüringen. Das Landesparlament aber
war von Anfang an einem starken Kompetenzverlust ausgesetzt. Alle wichtigen
Entscheidungen trafen in Berlin die Sowjetische Militäradministration, die
Deutsche Wirtschaftskommission (DWK) und später die DDR-Bürokratie. Der
Landespolitik blieb lediglich, die Beschlüsse zu billigen und auszuführen. Als
Konsequenz dieser Entmachtung wurde das Land Thüringen im Rahmen des »Aufbaus
des Sozialismus«, wie es die SED nannte, 1952 in drei Bezirke unterteilt:
Erfurt, Gera, Suhl. Mit dieser Auflösung wurde auch das Wappen abgeschafft. Die
Verstaatlichung der Industrie, die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft und
die Ü:berwachung der Bevölkerung sowie die Unterdrückung andersdenkender
Menschen fiel weitgehend in die Jahre, in denen Thüringen de facto nicht mehr
existierte.
Eine Forderung der Demonstranten des Jahres 1989 war unter
anderem die Wiedereinrichtung eines Landes Thüringen und die damit verbundene
Auflösung der Bezirke. Diesem Wunsch kam man mit dem Ländereinführungsgesetz vom
22.Juli 1990 entgegen. Am 14. Oktober1990 wurde das Bundesland Thüringen durch
die Zusammenlegung der Bezirksterritorien Erfurt, Gera und Suhl, zuzüglich der
Kreise Altenburg, Artern und Schmölln neu gebildet. Am gleichen Tag fand die
erste Wahl zum Thüringer Landtag mit einer Wahlbeteiligung von 71,69 Prozent
statt. Der Landtag konstituierte sich in seiner ersten Sitzung am 25. Oktober
1990. Heute umfasst der Freistaat Thüringen 16 175 Quadratkilometer. Die
Bevölkerungszahl betrug am 31.Dezember 1992 2 546 000 Einwohner. Die wichtigsten
Städte sind Erfurt (203 000 Einwohner), Gera (125000), Jena (100000), Weimar
(59000), Suhl (53 000) und Gotha (53 000). Bekannt ist Thüringen auch durch
seine reizvolle Landschaft, vor allem den Thüringer Wald. Nach wie vor ist
Thüringen eine Region, die sich durch Klein- und Mittelbetriebe auszeichnet, es
gibt lediglich einige Großunternehmen in Jena, Erfurt, Eisenach. Mit der
Verfassung des Freistaats Thüringen vom 25. Oktober 1993 hat der Thüringer
Landtag der Bevölkerung ein Gesetz vorgelegt, das am 16. Oktober 1994 von der
thüringischen Bevölkerung in einem Plebiszit bestätigt wurde.
Literatur:
Geschichte Thüringens. Hrsg. Hans
Patze, Walter Schlesinger. 6 Bde. Köln na. 1967-1984. - Kleinstaaten und Kultur
in Thüringen vom 16. bis 20.Jahrhundert. Hrsg. Jürgen John. Weimar u. a. 1994. -
Peter Heß. Das Thüringer Landeswappen. (Thüringen: Blätter zur Landeskunde). 3.
verb. Aufl. Arnstadt 1993. - Ulrich Heß, Geschichte Thüringens 1866-1914, Weimar
1991. - Schriften zur Geschichte des Parlamentarismus in Thüringen. Heft 1-3.
Jena 1992/93.