Gunnar Berndsen an der Augustinerschule in Friedberg 
Gunnar Berndsen unterrichtete in den 80er Jahren des vergangenen
Jahrhunderts evangelische Religion an der Augustinerschule in
Friedberg. In der ersten Zeit seiner Arbeit an der Schule wohnte
er noch in Marburg, in den letzten Jahren als Schulpfarrer kam er
von Frankfurt aus zu seinem Arbeitsplatz. Er trennte den Schulort
Friedberg von seinen Lebensorten, suchte eine anregende Lebens-
umgebung und hat sich nie nur auf das Leben in der überschaubaren
Kleinstadt und die pädagogische Arbeit eingelassen. Gleichwohl hat
ihn die Arbeit in der Schule begeistert, sie beanspruchte einen Groß-
teil seiner Lebenszeit.
Gunnar Berndsen unterrichtete in allen Altersstufen, Unterrichtsstunden
wurden zu Ereignissen, denen der Lehrer mit Wortgewalt und Charisma
seinen Stempel aufdrückte. Gunnars Auftreten vor Schülern
konnte jedem Jugendlichen in Klassen oder Kursen den Eindruck
vermitteln, sich im direkten Gespräch mit dem Lehrer zu befinden.
Schlafsaal-Atmosphäre herrschte in seinen Religionsstunden gewiss
nicht. Gemeinsam mit Schülern und Schülerinnen der Oberstufe
stellte Gunnar Berndsen vor der Gesamtkonferenz der Schule den Antrag,
Religion zum Leistungsfach in der Oberstufe zu machen. Darin zeigt
sich, dass er die Bedeutung seines Faches sehr hoch schätzte und
gleichzeitig von der Zustimmung und vom Interesse seines Auditoriums
getragen war. Dem Antrag der Religion wurde zwar nicht zugestimmt,
Religion wurde nicht zum Leistungsfach. Gunnar Berndsen wurden die
Kraft und die Fähigkeit, ausreichend viele Schüler für
einen Leistungskurs zu gewinnen und für die Theologie zu
begeistern, zugetraut. Sein singuläres Engagement schien dem
Kollegium allerdings als Basis für die Einführung eines neuen
Leistungsfaches für zu schmal.
Für einige Jahre war Gunnar Vertrauenslehrer an der
Augustinerschule, Schüler und Schülerinnen wählten ihn
mit großer Mehrheit zu ihrer Vertrauensperson, als Schlichter im
Hinblick auf Konflikte mit Lehrern wie Schulleitung. Gunnar war ein
integrer Gesprächspartner für alle Konfliktparteien, er
wahrte Vertraulichkeit, Gerüchteküchen brodelten ohne seine
Beteiligung. Gunnar nahm als Begleiter an mehreren Klassenfahrten teil.
Unter anderem fuhr er mit Tutorengruppen nach Rom. Seit seiner
Studienzeit war ihm Rom vertraut, er brachte die Steine der Stadt
für die Jugendlichen zum Sprechen. Seine durch das Leben in
Italien geschulte Gestik, sein nachdrücklich gesprochenes
Italienisch ließen ihn zum Vermittler des Römischen werden.
Die Zeit von Gunnar Berndsen als Lehrer lässt sich nicht ohne sein
begeistertes und begeisterndes Wirken für das Schultheater denken.
Gunnar machte dem Theater an der Augustinerschule buchstäblich
Beine. Seine Inszenierungen lebten von der Bewegung. Er zeigte den
jugendlichen Akteuren, dass und wie Körper sprechen.
Laienschauspieler neigen dazu, Texte aufzusagen, Gunnars Truppe sagte
sich immer selbst mit auf. Selbst der Verkauf von Eintrittskarten
für die Aufführung von Theaterstücken an der Schule
wurde von Gunnar verändert. Es ärgerte ihn maßlos, wenn
schüchterne Schüler an die Tür von Klassenräumen
klopften und zögernd-schläfrig fragten, ob jemand eine
Theaterkarte kaufen wolle. Gunnars Schauspieler kamen mit der Trommel,
priesen Bänkelsängern gleich ihr Stück und betrieben
Werbung für ihre Arbeit. Auch hierin verdeutlichte er den
Jugendlichen, dass man nichts nur halb machen kann. Er selbst leistete
immer ganze Arbeit, war in den Theaterinszenierungen außer sich
bei sich. Die Körpersprache, die er Schülern abverlangte, war
Teil seiner Anweisungen, er spielte vor, belebte, trieb an.
Als Gunnar Lehrer war, war der Samstag noch regulärer
Unterrichtstag. Nach solchen Schulsamstagen fanden sich einige
Kolleginnen und Kollegen, die wie Gunnar in Frankfurt wohnten, darunter
die Verfasserin des Textes, zu gemeinsamen Mittagessen zusammen. Man
kochte und aß ausgiebig. Wenn Gunnar an der Reihe war, fehlte nie
der 5-Liter-Kanister Olivenöl. Das Italienische war nicht nur in
seine Gestik und seinen Tonfall, es war auch in seine Kochkunst
eingewandert. Von den gemeinsamen Mittagessen, im Sommer häufig in
Uwes und Gunnars Garten im Nordend, ist der Autorin noch in Erinnerung,
dass auch Gunnars Liebe zum Eis italienische Dimensionen besaß.
Wie seine Liebe zum Debattieren, während des Mittagessens wurden
der Kern der Faszination, Lust und Unlust, Motive des Handelns und
viele andere Themen diskutiert.
Zu einem letzten Besuch an der Augustinerschule kamen Gunnar und Renate
aus Afrika. Vor verschiedenen Klassen berichteten sie über ihre
Arbeit in der Mission. Gunnar stand als eindringlicher Redner vor den
Schülern. Er sprach mit Begeisterung über seine Arbeit, gab
sachlich Auskunft und vermittelte seinen Zuhörern den Eindruck,
dass vor ihnen jemand steht, der genau das tut, was er für richtig
und wichtig hält.
Edith Fabinyi, Bad Vilbel
|