Gunnar Berndsen an der Augustinerschule in Friedberg                             1986

Gunnar Berndsen unterrichtete in den 80er Jahren des vergangenen
Jahrhunderts evangelische Religion an der Augustinerschule in
Friedberg. In der ersten Zeit seiner Arbeit an der Schule wohnte
er noch in Marburg, in den letzten Jahren als Schulpfarrer kam er
von Frankfurt aus zu seinem Arbeitsplatz. Er trennte den Schulort
Friedberg von seinen Lebensorten, suchte eine anregende Lebens-
umgebung und hat sich nie nur auf das Leben in der überschaubaren
Kleinstadt und die pädagogische Arbeit eingelassen. Gleichwohl hat
ihn die Arbeit in der Schule begeistert, sie beanspruchte einen Groß-
teil seiner Lebenszeit.

Gunnar Berndsen unterrichtete in allen Altersstufen, Unterrichtsstunden wurden zu Ereignissen, denen der Lehrer mit Wortgewalt und Charisma seinen Stempel aufdrückte. Gunnars Auftreten vor Schülern konnte jedem Jugendlichen in Klassen oder Kursen den Eindruck vermitteln, sich im direkten Gespräch mit dem Lehrer zu befinden. Schlafsaal-Atmosphäre herrschte in seinen Religionsstunden gewiss nicht. Gemeinsam mit Schülern und Schülerinnen der Oberstufe stellte Gunnar Berndsen vor der Gesamtkonferenz der Schule den Antrag, Religion zum Leistungsfach in der Oberstufe zu machen. Darin zeigt sich, dass er die Bedeutung seines Faches sehr hoch schätzte und gleichzeitig von der Zustimmung und vom Interesse seines Auditoriums getragen war. Dem Antrag der Religion wurde zwar nicht zugestimmt, Religion wurde nicht zum Leistungsfach. Gunnar Berndsen wurden die Kraft und die Fähigkeit, ausreichend viele Schüler für einen Leistungskurs zu gewinnen und für die Theologie zu begeistern, zugetraut. Sein singuläres Engagement schien dem Kollegium allerdings als Basis für die Einführung eines neuen Leistungsfaches für zu schmal.

Für einige Jahre war Gunnar Vertrauenslehrer an der Augustinerschule, Schüler und Schülerinnen wählten ihn mit großer Mehrheit zu ihrer Vertrauensperson, als Schlichter im Hinblick auf Konflikte mit Lehrern wie Schulleitung. Gunnar war ein integrer Gesprächspartner für alle Konfliktparteien, er wahrte Vertraulichkeit, Gerüchteküchen brodelten ohne seine Beteiligung. Gunnar nahm als Begleiter an mehreren Klassenfahrten teil. Unter anderem fuhr er mit Tutorengruppen nach Rom. Seit seiner Studienzeit war ihm Rom vertraut, er brachte die Steine der Stadt für die Jugendlichen zum Sprechen. Seine durch das Leben in Italien geschulte Gestik, sein nachdrücklich gesprochenes Italienisch ließen ihn zum Vermittler des Römischen werden.

Die Zeit von Gunnar Berndsen als Lehrer lässt sich nicht ohne sein begeistertes und begeisterndes Wirken für das Schultheater denken. Gunnar machte dem Theater an der Augustinerschule buchstäblich Beine. Seine Inszenierungen lebten von der Bewegung. Er zeigte den jugendlichen Akteuren, dass und wie Körper sprechen. Laienschauspieler neigen dazu, Texte aufzusagen, Gunnars Truppe sagte sich immer selbst mit auf. Selbst der Verkauf von Eintrittskarten für die Aufführung von Theaterstücken an der Schule wurde von Gunnar verändert. Es ärgerte ihn maßlos, wenn schüchterne Schüler an die Tür von Klassenräumen klopften und zögernd-schläfrig fragten, ob jemand eine Theaterkarte kaufen wolle. Gunnars Schauspieler kamen mit der Trommel, priesen Bänkelsängern gleich ihr Stück und betrieben Werbung für ihre Arbeit. Auch hierin verdeutlichte er den Jugendlichen, dass man nichts nur halb machen kann. Er selbst leistete immer ganze Arbeit, war in den Theaterinszenierungen außer sich bei sich. Die Körpersprache, die er Schülern abverlangte, war Teil seiner Anweisungen, er spielte vor, belebte, trieb an.

Als Gunnar Lehrer war, war der Samstag noch regulärer Unterrichtstag. Nach solchen Schulsamstagen fanden sich einige Kolleginnen und Kollegen, die wie Gunnar in Frankfurt wohnten, darunter die Verfasserin des Textes, zu gemeinsamen Mittagessen zusammen. Man kochte und aß ausgiebig. Wenn Gunnar an der Reihe war, fehlte nie der 5-Liter-Kanister Olivenöl. Das Italienische war nicht nur in seine Gestik und seinen Tonfall, es war auch in seine Kochkunst eingewandert. Von den gemeinsamen Mittagessen, im Sommer häufig in Uwes und Gunnars Garten im Nordend, ist der Autorin noch in Erinnerung, dass auch Gunnars Liebe zum Eis italienische Dimensionen besaß. Wie seine Liebe zum Debattieren, während des Mittagessens wurden der Kern der Faszination, Lust und Unlust, Motive des Handelns und viele andere Themen diskutiert.

Zu einem letzten Besuch an der Augustinerschule kamen Gunnar und Renate aus Afrika. Vor verschiedenen Klassen berichteten sie über ihre Arbeit in der Mission. Gunnar stand als eindringlicher Redner vor den Schülern. Er sprach mit Begeisterung über seine Arbeit, gab sachlich Auskunft und vermittelte seinen Zuhörern den Eindruck, dass vor ihnen jemand steht, der genau das tut, was er für richtig und wichtig hält.

Edith Fabinyi, Bad Vilbel           



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