MIT GUNNAR BERNDSEN IM BIBLIODRAMA-PROJEKT
Ich hatte mit Gunnar Berndsen, der in der Anfangszeit unserer
gemeinsamen Arbeit Schulpfarrer an der Augustinerschule war, seit
1986 Kontakt, denn mein Mann Thomas war 1985 an derselben Schule
eingestellt worden. Da wir zwei kleine Kinder hatten, hatte
ich Erziehungszeit und setzte mein Religionslehrerstudium fort.
Nach meinem Abschluss 1989 kam ich dann auch an die Schule und
wir wurden Religionslehrerkollegen.
In dieser Eigenschaft haben wir für Schülerinnen und
Schüler der Oberstufe dreimal an einem Wochenende
Reflexionstage durchgeführt, die im Wesentlichen
Bibliodrama-Wochenenden waren.
Hierfür gab es jeweils einen finanziellen Zuschuss für
die Teilnehmer vom Amt für Jugendarbeit der EKHN. Gunnar
hatte diese Arbeit, glaube ich, auch schon vorher angefangen,
indem er eine Gottesdienstgruppe an der Schule gründete, die
Schulgottesdienste plante und gemeinsam vorbereitete und auch dort
schon Elemente seiner Bibliodrama- Ausbildung bei Prof. Marcel Martin
in Marburg einsetzte.
Wir beschäftigten uns:
28.05.-3 1.05.1990 in Hohensolms auf der Ev. Jugendburg in der
Projektwoche mit
Gen 22, 1-14: „ Abrahams Versuchung"
13.09.
- 15.09.1991 in Hohensolms auf der Ev. Jugendburg mit
Lk 7, 36 - 50 „Jesu Salbung durch die Sünderin"
29.05
.-3 1.05.1992 in Höchst/Odenwald im Ev. Jugendzentrum
Kloster Höchst mit
Lk 15,11-32 "Der verlorene Sohn"
11.12.
- 13.12.1992 in Hohensolms auf der Ev. Jugendburg mit
Lk 2, 1-20 Weihnachten
Mit 17 Personen waren wir ein gutes Team. Zu dem letzten
Bibliodramaprojekt luden Christine Börstler, Shirin Emani und
Julia Eisenberg ein, da Gunnars Arbeit an der Dreikönigsgemeinde
und meine Arbeit mit Hausbau und vier Kindern (mittlerweile) kaum noch
freie Kapazitäten ließen. So war es das natürliche Ende
dieser Arbeit. Doch die Wochenenden waren immer sehr intensiv und die
Schülerinnen und Schüler haben nach eigenen Angaben sehr
davon profitiert. Der Ablauf war im Wesentlichen immer der gleiche:
Wir suchten einen wunderschönen großen Tagungsraum", um dort
für Körperübungen, Arbeits- und Ruhephasen genügend
Platz zu haben. Im „Heuboden" der Ev. Jugendburg hatten wir
ideale Bedingungen. Nur aus Termingründen wichen wir beim zweiten
Mal nach Höchst aus.
Beim Bibliodrama handelt es sich um ein erfahrungsbezogenes Lernen; so
haben wir Geschichten gewählt, die dies gewährleisten. Bei
der ersten Geschichte kam es uns darauf an, das Thema „sich
Fremdem öffnen" im Sinne von initiativ werden, sich
verschließen, dicht machen. Dies war als Bearbeitungsthema
seitens der Schüler gewünscht worden. Es sollte erfahrbar
werden, dass nur Liebe erfahren und empfangen werden kann, wenn man
sich öffnet und bereit ist, sich auch in unbekannte Situationen zu
begeben.
Um die Schülerinnen und Schüler aus ihrem Alltagsgeschehen
herauszulösen und einzustimmen, wurde mit meditativen Elementen
und Entspannungstechniken wie Yoga gearbeitet. Den Abschluss jeder
Arbeitsphase bildete ein Rundgespräch, wo diejenigen, die aktiv
Situationen gespielt hatten ihre Erfahrungen erzählten und die
Zuschauenden Rückmeldungen geben konnten. Die Arbeit war so
anregend und gesprächsfördernd, dass noch in den Abend hinein
und in den Pausen miteinander um die eigene Position im Leben und im
Glauben „gerungen" wurde.
Da es in Hohensolms die Möglichkeit der Teilselbstverpflegung gab,
konnten sogar die Mahlzeiten frei gewählt werden und ein
„Diakonisches Frühstück" und Küchendienste
durchgeführt werden, was den Zusammenhalt der Gruppe weiter
förderte.
Ich weiß aus Schülerberichten der letzten Jahre, wie
prägend Gunnar für sie als Schulpfarrer in dieser Arbeit
gewesen ist.
Ich empfand Gunnar immer als einen Mann mit Charisma. Er hat seine
Gaben bewusst genutzt, war aber nicht eingebildet darauf, wie toll er
sei. Er konnte immer klare Einschätzungen und Entscheidungen
treffen und diese auch begründen. Dafür und für seine
Schaffenskraft habe ich ihn immer bewundert. Er hat in seinem Leben
ungeheuer viel bewirkt.
In Schülernachgesprächen hat er sich nie um Antworten
gedrückt, wenn sie Orientierung suchten. Aber er hat auch Fragen
offen gelassen, wenn ihm die Frage wichtiger erschien als die Antwort.
Er war ein Mann voller Hingabe, Hingabe an das, was er für wichtig
hielt, Arbeitsvollzüge, Gespräche, Menschen. Er hörte
intensiv zu und wendete sich immer dem zu, was gerade anstand.
Last but not least - er konnte überzeugend spielen!
Als Bibliodramaleiter hat er mich fasziniert, er hatte ein sicheres
Gespür dafür, wo die spannenden Leerstellen im Text und im
Leben sind, die es zu füllen gilt.
Ich möchte auch noch auf seinen Mut hinweisen, der übertrug
sich dann auch, wenn er ihn anderen zumutete. Sie wuchsen dann
förmlich über ihn hinaus.
Ich bin dankbar, dass ich mit ihm zusammen arbeiten durfte.
Christa Boiselle, Friedberg
|