Erinnerungen an Gunnar Berndsen
Was Kirche für die Bürgergesellschaft tun kann
Eine Erinnerung an Gunnars Einmischungen
in die kirchliche sozialethische Diskussion 1984/85
1984 hat die Evangelische Studentengemeinde in der Bundesrepublik
Deutschland und Berlin (West) zusammen mit vielen anderen Gruppen und
Einzelpersonen zum 50jährigen Jubiläum der Barmer
Bekenntnissynode von 1934 mit ihrer berühmten "Barmer
Theologischen Erklärung" eine große Christen-Versammlung mit
dem Thema »Barmen 1984 - Bekenntnis zu Jesus
Christus -
Widerstand und Befreiung« in Wuppertal veranstaltet.
Im Arbeitsbuch mit dem Titel »Kirche im Kapitalismus« zur
Dokumentation der Versammlung habe ich damals (als theologischer
Referent in der Bundesgeschäftsstelle der ESG war ich
gewissermaßen der "Sekretär" der Versammlung) geschrieben:
»Das vielfach verschleierte, im Grunde ungebrochene Dasein der
Kirche für den Kapitalismus war mit Sicherheit einer der
Hauptgründe für die Aktualität von Barmen 1934 im
Jubiläumsjahr "50 Jahre danach". 1934 ist in Barmen dem Versuch
ein bekenntnismäßiger Riegel vorgeschoben worden, die Kirche
von innen heraus für den nationalsozialistischen Staat zu
funktionalisieren. Die Selbstfunktionalisierung der Kirche als ein
Stabilisierungsfaktor der "freiheitlich-demokratischen" Gesellschaft
der Bundesrepublik ist durch das Selbst-Bewußtsein von Barmen
(und Dahlem) und der Bruderschaften nicht verhindert worden. Diese
Selbstfunktionalisierung aber steht heute zur Disposition. Wie sollte
auch bei 30 Millionen Hungertoten im Jahr, bei einer in rasanter
Geschwindigkeit auf eine ökologische oder militärisch-atomare
Katastrophe zusteuernden Gesellschaft eine Stabilisationsfunktion
positiv besetzt werden können?»
Der Horizont war weit gesteckt - heute würden wir sagen: auf die
Probleme der Globalisierung. Markiert war das im zentralen
Einführungsreferat der Versammlung durch Franz Hinkelammert,
Wirtschaftswissenschaftler und Direktor des ökumenischen
Forschungsinstitutes DIE in San Jose/Costa Rica, »Die politische
Strategie des "totalen Marktes", ihre Theologisierung und unsere
Antwort». Für Europa war es neu, was Hinkelammert an der
Theologisierung der neoliberalen Wirtschaftspraxis in den USA
vorstellte. Mit dem Siegeszug der neoliberalen Ökonomie auf dem
Globus wurde aber auch in Europa immer deutlicher, dass
Wirtschaftsfragen Glaubensfragen sind und die Sozialethik ihre
Zentrierung auf das Kirche-Staat-Verhältnis von 1934 ausweiten
muss auf das Dreieck Kirche-Politik-Ökonomie.
Gunnar Berndsen, zum damaligen Zeitpunkt Gemeindepfarrer in Frankfurt,
hat an der Versammlung 1984 als Teilnehmer in der Sektion mitgewirkt,
in der gerade diese Ausweitung in den Blick zu nehmen war, in der
Sektion V "Christengemeinde und Bürgergemeinde". Im Rückblick
auf die Versammlung steckte ihm immer noch zu viel vom alten Gestus,
die politische Verantwortung der Kirche und der Christen darin zu
sehen, mit Barmen 1934 den Staat an seine Aufgaben zu erinnern,
für Recht und Frieden zu sorgen und damit von einem distanzierten
Verhältnis zwischen Staat und Kirche auszugehen, in den
Diskussionen dieser Sektion. Er meldete sich deshalb mit einer
schriftlichen Kritik am Einleitungsreferat dieser Sektion zu Wort, an
den Ausführungen des Theologen Wolfgang Schweitzer »Die
politische Verantwortung der christlichen Gemeinde« - mit einer
Reaktion von Wolfgang Schweitzer und einer nochmaligen Reaktion von
Gunnar.
Im Zentrum von Gunnars Argumentation steht die These, dass die Kirche
selbst ein staatlicher Apparat ist und deshalb ein wortgewaltiges
Auftreten gegenüber dem Staat immer durch den Widerspruch zur
kirchlichen Praxis der Teilhabe an staatlichen Funktionen
unglaubwürdig erscheinen muss. Nicht neues Bekennen sei deshalb
die angesagte Praxis, sondern eine analytische Selbstbesinnung auf ihre
eigene Rolle in der Gesellschaft der Bundesrepublik und eine daraus
folgende Praxis der »Transformation« eines staatlichen
Apparats hin zur Bürgerdemokratie.
Ein Jahr später hat Gunnar auf einem der Barmer Versammlung und
ihrem Arbeitsbuch folgenden ESG-Kongress »Kirche im
Kapitalismus« in Essen seinen Ansatz weiter ausgeführt. Hier
hat er noch deutlicher zu erkennen gegeben, wo sein eigener
sozialethischer und politiktheoretischer Ansatz seine Wurzeln hat.
Gunnar hat Ende der 70er Jahre in Rom bei den Waldensern studiert und
sich hier mit der politischen Theoriebildung in Italien sehr gut
vertraut gemacht. Dort stieß er auf den unorthodoxen Marxisten
Antonio Gramsci, der ein sehr modernes Bild politischer Herrschaft
entworfen hat, in dem die ökonomische Macht sich nicht einfach nur
auf einen zentralen Staat stützt, sondern der Staat mit einer
Fülle vorgelagerter Institutionen (von den Bildungsinstitutionen
über die Kirchen bis hin zu den Familien und Vereinen) für
eine kulturelle Hegemonie sorgt, die sein reibungsloses Funktionieren
sichern. In seiner Kritik an Strategien, wortgewaltig die herrschende
Politik und Ökonomie zu kritisieren (ohne Folgen für die
alltägliche kirchliche Praxis) oder Widerstand in kleinen Gruppen
an den Rändern der Kirche zu organisieren, richtet Gunnar den
kritischen Blick darauf, was Haupt- und Ehrenamtliche in ihrer
alltäglichen Praxis für den Kampf um eine neue kulturelle
Hegemonie der direkten Demokratie, der Kollektivität auf der Basis
von Freiheit und Selbstentfaltung und der Sinnhaftigkeit der
produktiven Tätigkeiten tun können. Heute würden wir
seine politische Perspektive mit dem Begriff der
Bürgergesellschaft fassen, für die Gunnar in seinem Text von
1985 die Utopie des Jeremia in Anspruch nimmt, nach der Kirche nicht
mehr meint, die ganze Welt belehren zu müssen über das wahre
Leben, sondern in der »keiner mehr den anderen, keiner mehr
seinen Bruder belehren und sprechen (wird): "Erkennet denHerrn!",
sondern sie mich alle erkennen (werden), klein und groß" (Jer.
31,33f).
Warum lohnt es sich heute, Gunnars Artikel von 1984 und 1985 noch einmal nachzulesen?
Gramscis Ansatz ist heute popularisiert über seinen Begriff der
"Zivilgesellschaft", mit der er die für kulturelle Hegemonie
sorgenden Institutionen meinte. Über den Zwischenschritt der
Oppositionsbewegungen in den realsozialistischen Ländern in den
80er Jahren, die mit dem Begriff der "Zivilgesellschaft" ihren
politischen Anspruch im Gegenüber zur staatlich-diktatorischen
Macht formulieren konnten, steht er heute eindeutig positiv für
die Welt der Nichtregierungsorganisationen. Auch Kirche ordnet sich
gern gesellschaftspolitisch in die Zivilgesellschaft ein, aber es wird
wenig erinnert, dass diese Selbsteinordnung eine selbstkritische Sicht
auf ihre immer noch zugleich bestehende Rolle als staatlicher Apparat
(in dem weiten Gramscischen Sinn) einschließt. Wer heute die
politischen Reden des Ratsvorsitzenden der EKD, Bischof Wolfgang Huber,
verstehen will, wie er der Regierung insgesamt assistiert auf dem Weg
der sozialstaatlichen Reformen, obwohl er ihr an Einzelpunkten sehr
kritisch sozialethisch ins Gewissen redet, dem kann Gunnars
analytischer Ansatz das Verständnis aufschließen.
Und die Schweitzer-Berndsen-Debatte aus Barmen? Im 70.
Jubiläumsjahr von Barmen 1934 hat die Zeitschrift "Junge.Kirche"
ein Schwerpunktheft mit dem Thema »Wirtschaft(en) für das
Leben« (Heft 4/2004) herausgebracht. Darin ist einerseits ein
Artikel von Ulrich Duchrow zu finden über die 24.
Generalversammlung des Reformierten Weltbundes unter der
Überschrift "Ein neues Barmen", in dem Duchrow vom Erfolg auch
seiner eigenen ökumenischen, sich häufig auf Hinkelammert
beziehenden Arbeit für einen Prozess des Bekennens gegen die
Vergötzung des Marktes berichten kann: »Als Frucht von 15
Jahren harter Arbeit, aber gleichzeitig als unverfügbares und
unerwartetes Geschenk ist es dem Reformierten Weltbund (RWB) bei seiner
Generalversammlung in Accra (30.7. bis 12.8.2004) gelungen, im Kontext
des globalisierten neoliberalen Kapitalismus ein Bekenntnis abzulegen,
das ausdrücklich in Analogie zur Barmer Theologischen
Erklärung von vor 70 Jahren im Kontext des Nationalsozialismus
formuliert ist.«
Im selben Heft ist auch ein Artikel zu finden »Neoliberale
Wirtschaftsordnung als Bekenntnisfrage?«. In ihm bekennt die
Kasseler Pastorin und Beauftrage für den Kirchlichen
Entwicklungsdienst Ruth Güttler: »Die neoliberale
Wirtschaftsordnung als Bekenntnisfrage zu betrachten, halte ich von
meinem Erfahrungshintergrund her für kontraproduktiv. Was nicht
heißt, dass die derzeitigen globalen wirtschaftlichen
Entwicklungen nicht den Kern kirchlicher Verkündigung und Ethik
betreffen.«
Die Kontroverse von 1984/85 ist in diesen beiden Artikeln so
präsent, als ob keine zwanzig Jahre dazwischen lägen.
Güttlers entscheidendes Argument gegen die Produktivität der
Bekenntnisfrage ist der Hinweis auf das reale gesellschaftliche
Eingebundensein der Kirche, das heute allerdings in den
Zusammenhängen der staatlichen und der kirchlichen Finanzkrise
eine neue Evidenz erhalten hat: »Viele Gremien in den Kirchen
sind fast vollständig mit den Fragen des Strukturwandels und dem
Kampf um den Erhalt ihrer jeweiligen Strukturen und Arbeitsbereiche
beschäftigt. Das ist einerseits verständlich, andererseits
findet fast gar keine Auseinandersetzung darüber statt, dass der
Strukturwandel ja auch durch die Kopplung der Kirchen an ein
fragwürdiges System bedingt ist, das auf endlosen Wachstum und
stetig wachsenden Profit aufbaut, also auf einer Ideologie, die wir in
unseren Predigten oft in Frage stellen. Wir leben faktisch immer noch
von einem System, das wir eigentlich von unserer christlichen
Überzeugung her fragwürdig finden. Hier gerät Kirche in
einen Systemkonflikt.« Aus ihm herauszukommen ist für
Güttler nicht eine Frage des Gewinnens theologischer Debatten,
sondern eine des »Weges der kleinen Schritte und machmal auch der
Kompromisse«. Denn: »An ihrer Praxis entscheidet sich
letztlich, zu wem sich die Kirche bekennt.«
Auch Duchrow muss am Ende seines Artikels eingestehen, dass der
erfreuliche Prozess des Bekennens mit den deutschsprachigen
reformierten Kirchen in einen unerfreulichen Streit um Worte
geführt hat. Es geht um deren Weigerung, das englische "reject"
mit dem deutschen "wir verwerfen" von Barmen 1934 zu übersetzen.
Sie setzten in der offiziellen Übersetzung das schwächere
"wir sagen Nein zu..." durch. Mit dem analytischen Instrumentarium von
1984/85 läßt sich der Übersetzungsstreit lesen als
Vermeidungsstrategie, sich mit dem Bekenntnis von Accra in einen
Systembruch begeben zu müssen, für den in der Alltagspraxis
noch gar nichts vorbereitet ist. Auf der argumentativen Ebene, auf der
Duchrow nun weiter eine Kontroverse führen möchte, spricht
alles für ihn, aber auf der Ebene der praktischen Vernunft zeugen
die Übersetzungsprobleme wenigstens indirekt vom Bemühen um
Ehrlichkeit.
Beide Artikel verweisen also aufeinander und bedürfen einander.
Die Fragen, die sich jeweils aufwerfen, führen zurück zu den
analytischen Ansätzen, die Gunnar 1984/85 präsentiert hat.
Von hier aus ließe sich ein Weg aus der aktuellen Kontroverse
finden.
Hans-Gerhard Klatt
Zu meiner Person: Wie Gunnar habe ich in Tübingen Theologie
studiert, allerdings ein wenig zeitversetzt (ich von 1973-1976). So
kennen wir uns nicht aus dem Studium, sondern aus der
hochschulpolitischen Arbeit im Sozialistischen Zentrum Tübingen
(bis 1979 habe ich in Tübingen noch mein Diplom in
Sozialpädagogik gemacht). Wir haben nach dem Studium den Kontakt
nie verloren. Als Gunnar nach dem Studium nach Marburg ging, engagierte
er sich dort bei den GRÜNEN. Zu dieser Zeit war ich wieder nach
einer kurzen Vikariatsphase in Holzminden in Tübingen/Stuttgart
als theologischer Referent in der Bundesgeschäftsstelle der ESG
(1980-84). 1985 haben wir gemeinsam beim ESG-Kongress in Essen
referiert.
Gegenwärtig leite ich das Evangelische Bildungswerk Bremen und
hatte dort 2002 Gunnar und Renate zu Gast mit zwei
Vortragsveranstaltungen zu ihren Erfahrungen im Umgang mit dem
Fundamentalismus und mit Versöhnungsarbeit in Nigeria.
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