GUNNAR
Von Februar 2000 bis Februar 2003 lebten wir als Familie in Nigeria,
zwei Theologen am Kulp Bible College zum Unterrichten mit drei kleinen
Töchtern.
Gunnar und Renate wohnten nicht weit von uns in Mubi, der nächst
größeren Stadt. So trafen wir uns hin und wieder, mehr bei
uns auf dem Campus des College und weniger bei ihnen in Mubi... wohl
der Kinder wegen.
Mein erstes Bild von Gunnar ist aus Jos, wo auch wir die ersten drei Monate mit Sprachstudien verbrachten.
Eines Tages stand Gunnar auf der Terrasse und kam gleich rein. Er hielt
sich nicht lange auf bei dem Austausch von Höflichkeiten, sondern
kam, typisch Gunnar, gleich zur Sache: Was machen eure Hausa-Studien?
Erst viel später begriff ich, dass das Gunnars Tempo war; er
mochte nicht das Verweilen im Irgendwo, sondern war immer im Jetzt und
dem, was wichtig war. Gunnar schien mir fast immer unglaublich
konzentriert und präsent.
Nebenbei: Hausa beherrschte er wie kein anderer von uns.
Gunnar arbeitete in der Geschwisterkirche von Nigeria (EYN)im Programm
des theologischen Fernstudiums, wir an der Bibelschule - so waren
unsere Arbeitsbereiche sehr unterschiedlich und es gab kaum
Berührungspunkte.
Trotzdem sahen wir uns regelmässig.
Auf Gunnars Anregung hin entstand ein kleiner Bibelabend: in
unregelmässigen Abständen trafen wir uns zu sechst oder acht,
um über einen Bibeltext zu reden, zu disputieren oder zu
miteinander zu beten. Die Abende waren für uns alle ein Gewinn:
Schweizer, Amerikaner/in und Deutsche.
Gunnars Engagement in der EYN blieb nicht auf die rein theologische
Arbeit beschränkt. Die große Sorge um HIV-AIDS zum Beispiel
und die ablehnende Haltung der Kirchenleitung diesem Thema
gegenüber veranlasste Gunnar, sich selbst so viel Wissen
anzueignen, dass er selbst einen ausgezeichneten Vortrag (auf Hausa -
natürlich) auf der Vollversammlung der Pfarrer hielt.
Für dieses unermüdliche Engagement habe ich ihn sehr
bewundert. Sachen, die ihm wichtig vorkamen, verschob er nicht. Und
wenn niemand da war, sie ihm abzunehmen, nahm er sie eben selbst in die
Hand. Obwohl er mit seinem Programm ja eigentlich schon mehr als genug
zu tun hatte, so gründlich und gut er das alles machte.
Unermüdlich, zuweilen rastlos und fast atemlos erschein er mir
oft. Kaum war er bei uns im College im Haus, trank er gern ein
kühles Wasser, erzählte, woher er kam und wohin er ging und
schon war er wieder fort. Selten nahm er sich Zeit für mehr: eine
Tasse Kaffee? Nein Danke, ich muss schon wieder weiter...
Irgendwann kam das Skatspiel am späten Abend bei uns dazu -
endlich mal Gunnar ohne Arbeit, ohne Projekt, ohne Hetze! Gunnar beim
Skat: konzentriert, präsent, klug, geduldig... ohne Bier,
dafür erst mit Cola und gegen später mit Rotwein. Wir
spielten ein paar Stunden und vergaßen miteinander Sorgen,
Ärger, Fragen und Probleme.
Manchmal kamen Gunnar und Renate schon zum Abendbrot und das liebten vor allem unsere Kinder sehr: Besuch!
Nun wäre Gunnar nicht Gunnar, wenn er nicht auch bei den Kindern voll und ganz präsent gewesen wäre. Nach dem
Abendbrot musste es Gunnar sein, der eine Geschichte im dunkelen
Kinderzimmer erzählte und noch heute höre ich Gunnar bellen
oder schnüffeln, poltern und lachen, seine klare Stimme zwischen
den hellen, jauchzenden Kinderstimmen.
Am nächsten Morgen, nach der Skatnacht, richtete ich das
Frühstück - auf Gunnars Wunsch hin: so früh wie
möglich.
Für Gunnar gab es kein Zeitverstreichen lassen, und ein
gemütliches Frühstück passte ihm nicht. Er mahnte zum
Aufbruch - so viel hatte er noch vor, so viel musste noch erledigt
werden... Sein Pensum war immer enorm.
So fiel es ihm auch nicht eben leicht, sich mal für ein paar Tage
frei zu nehmen, es gab immer soviel Wichtiges! Trotzdem kam er im
Dezember 2002 mit auf die Einkehrtage der ausländischen Missionare
und wir genossen Gunnars Einsatz beim Fußball, Volleyball und bei
Diskussionen.
Mein vorletztes Bild von Gunnar ist vom Tag

der
Beerdigung unserer jüngsten Tochter Johanna in Jos. Gunnar wollte
helfen, ihren Sarg zu tragen. Zusammen mit drei anderen Männren
trug er den Sarg über den compound hinauf auf den
Hügel zum Grab unter dem Mangobaum.
Mein letzets Bild von Gunnar ist ein Photo, das er uns schickte, ein
Jahr nach Johannas Tod, Januar 2004. Gunnar hockt an Johannas Grab, in
sich versammelt, ernst und tief der Blick, andächtig sogar auf dem
Papierbild. Er strahlt Ruhe aus.
Um das Grab unserer Tochter hatte er sich zusammen mit Renate
gekümmert, nachdem wir abgereist waren. Immer wieder hatte er die
Initiative ergriffen und in Nigeria versucht, so etwas wie Grabpflege
einzurichten. Was fast unmöglich ist.
Nun bist du gegangen, Gunnar, und wir müssen sehen, wie wir ohne
dich zurecht kommen. Noch kann ich deine Stimme hören, dein Lachen
strahlt mich an, deine Energie, deine Konzentration sind mir noch immer
ganz nah.
Ich beginne zu verstehen, dass du nicht langsamer hast sein
können... Ich verstehe deine Rastlosgkeit, deinen
unermüdlichen Einsatz- so als hättest dugeahnt, dass du
früher gehen würdest.