Gunnar Berndsen und das Theater der Schüler
Gunnar habe ich als Freund in allerbester Erinnerung, auch wenn wir uns
in den letzten Jahren, als er mit seiner Familie in Thüringen und
Afrika weilte, nur selten getroffen haben. Wir haben in dieser Zeit die
wenigen Gelegenheiten jedes Mal zu langen Gesprächen genutzt, uns
sehr gut verstanden - immer in dem Gefühl, später wieder
öfter und intensiver Zeit für einander zu haben. Ich habe
Gunnar lange Zeit als Freund gekannt, aber auch in verschiedenen Rollen
erlebt: Als Pfarrer unserer Gemeinde, als Vater einer Schülerin
meiner Schule und Theater-AG und als Mitglied in der Wohngemeinschaft
einer guten Freundin, die sich bei einem Besuch wunderte, dass Gunnar
und ich uns schon kannten. Kennengelernt habe ich Gunnar aber als
Kollegen aus der Schultheaterszene Ende der 80er Jahre, als er als
Religionslehrer an der Augustinerschule in Friedberg die Theaterarbeit
machte. Über diese Seite seines Engagements möchte ich
berichten.
Er fand dort eine traditionelle Schultheater-AG vor, die seine Kollegin
Hilge leitete, deren letztes Stück meines Wissens Satres "Huis
clos" war. Gunnar griff mit Anne Marie Michel diese Tradition auf und
erarbeitete mit seinen Schülern das Stück "Die Eskalation"
nach einer Erzählung von G. Zwerenz, die 1987 bei den Frankfurter
Schultheatertagen im TAT mit Erfolg gastierte. L'Art pour L'Art war nie
seine Sache, schon diese erste Produktion behandelte allegorisch einen
Familienstreit, der sich zu einem Atomkrieg entwickelt. Die Arbeit der
Theatergruppe stand damit im Gefolge des Ost-West-Konflikts und der
Nachrüstungsdebatten und nahm die gesellschaftskritische
Verantwortung von Theater wahr. Eine noch größere
Anerkennung fand die nächste Inszenierung 1988 mit G. Heidenreichs
"Strafmündig", in dem es um das Schicksal eines kriminellen
Außenseiters in einer feindlichen familiären, schulischen
und sozialen Umgebung geht. Diese Aufführung wurde für das
Hessische Schultheatertreffen 1989 in Eschwege ausgewählt und dort
mit großem Erfolg gezeigt. Gunnar wurde auch Mitglied der LAG
(LandesArbeitsGemeinschaft) für das Darstellende Spiel an den
Schulen Hessens, in deren Zeitschrift zwei Kritiken veröffentlicht
wurden, aus denen ich zitiere: "Eine eindrucksvolle, wenn nicht sogar
die eindrucksvollste Aufführung von Eschwege, für ältere
Schüler allemal. (...) Die Gruppe hat es geschafft, durch ein sehr
intensives Spiel vor allem die jugendlichen Zuschauer zu fesseln. Die
Inszenierung rückte den Zuschauer in die Mitte des Raumes, ordnete
die Spielorte Kommissariat, Elternwohnzimmer, Zimmer der Freundin,
Schule u.a. kreisförmig darum an, so dass man auf Pappkartons
sitzend sich drehend dem Geschehen auf den einzelnen Bühnen folgen
konnte." (F.Müller, LAG-Info 10/89) G.Müller-Droste schrieb
im Info 9/89: "Das Eingekreist-Sein nachempfinden können, dem der
Beschuldigte je länger desto stärker ausgesetzt ist, das war
es vor allem, was die Theatergruppe beim Betrachter erreichen wollte.
Und es gelang. (...) Die Zuschauer waren nach der über
zweistündigen Aufführung betroffen und verunsichert,
stürmischer Applaus und Bravorufe blieben aus. Die meisten Leute
wußten sich nicht so recht zu verhalten. Aber das hatte man ja
wohl auch bezweckt."
1989/90 folgte das Projekt "Aparthical - Die ganz andere Apartheid",
diesmal hatte Gunnar mit seiner Theater-AG ein eigenes Stück
erarbeitet, das bei den Frankfurter Schultheatertagen im TAT
aufgeführt wurde und als Gastspiel z.B. an der Hohen Landesschule
Hanau. Solches HInausgehen aus der Schule ist für
Schultheatergruppen eher ungewöhnlich und zeigt, dass Gunnar es
geschafft hat, nicht nur sein eigenes Engagement in die Theaterarbeit
zu stecken, sondern die Schüler damit auch angesteckt hat. Ich
zitiere einen Bericht der Frankfurter Rundschau vom 22.2.1990: "Zu den
großen Stärken des Stücks gehört die geschickte
Montage verschiedener Ausdrucksmittel und Spielformen, mit denen es den
Schülern gelang, ein nachfühlbar bedrückendes Bild der
Rassentrennung in Südafrika zu entwickeln. Pantomimische Einlagen
wechseln mit Szenen nach Texten von Thomas Gostischa und Bernadette
Mosala, die die schmerzhafte Trennung einer weiß-schwerzen
Freundschaft zweier ehemaliger Studentinnen schildert. (...) In drei
Einzelszenen werden neben der Entwürdigung der SChwarzen auch
andere Aspekte der Apartheid angesprochen: Schlaglichter auf ignorante
Touristen, die Diskriminierung leugnen, feindbildbessene Militärs
und das bundesdeutsche Bankenengagement in Südafrika lassen die
Mitverantwortung für die Apartheid näher rücken - bis
zum hoffnungsvollen Ende, bei dem noch einmal Körpersprache den
Kampf der Schwarzen und ihre Befreiung verheißt."
Gunnar hat mit diesem Stück die Impulse, die ihm die LAG und der
fachliche Austausch mit anderen Schultheater-Spielleitern vermittelt
hatten, in seiner eigenen Weise umgesetzt und erfolgreich angewandt.
Sein Einsatz für die Schultheaterarbeit in Hessen ging sogar noch
darüber hinaus. Ich zitiere aus dem LAG-Info Juli 1990: "1989 gab
es personelle Probleme bei der Betreuung der Licht- und Tonanlagen der
LAG (Verleih, Wartung, Lagerung), die gegen Jahresende dazu
führten, dass die Anlagen nicht mehr zur Verfügung standen.
Gunnar Berndsen hat die Anlage seit Februar 1990 übernommen. Sie
ist ab sofort wieder auszuleihen. (...) Gunnar Berndsen erarbeitet ein
neues Konzept für die Leihgebühren der technischen Anlage und
es gibt geregelte Ausleihzeiten." Gunnar unterstützte unsere LAG
von der Augustinerschule aus sogar länger, als er von dort an die
Carl-SChurz-SChule in Frankfurt wechselte, weil er seine Pfarrerstelle
in der Dreikönigsgemeinde in FFM-Sachsenhausen angetreten
hatte. An der Schurz-Schule beherrschte die Musik die Schulkultur,
anderes schien kaum möglich. Trotzdem schaffte es Gunnar auch
hier, eine Theatergruppe zusammenzustellen und mit harter Arbeit an
einem eher sperrigen Text ein Stück über Columbus und die
Kolonialisierung zu erarbeiten und wieder sehr beeindruckend und
erfolgreich aufzuführen. Er blieb nicht lange an dieser Schule und
in Frankfurt, legte damit aber auch die Grundlage dafür, dass 1994
das bundesweite Schultheaterfestival "Schultheater der Länder"
einen Spielort in der Carl-Schurz-Schule finden konnte. 
Um eine Schultheater-AG zu einer erfolgreichen Aufführung zu
führen, gehört eine geduldige und freundliche,
schülerzugewandte Gruppenleitung, viel Phantasie und
Hartnäckigkeit, große Flexibilität und Wissen um
theatrale Darstellungsmöglichkeiten und -wirkungen sowie ein
starker pädagogischer und künstlerischer Wille, gepaart mit
methodischem Know How und der Bereitschaft, extrem viel Zeit
aufzuwenden. Bei Gunnar kam zu diesen Eigenschaften noch sein
Engagement für die Probleme/Themen, die die Stücke
verhandelten, zu denen er seine Schüler motivieren konnte. Dieses
Engagement hat ihn nicht nur in der Theaterarbeit ausgezeichnet,
sondern kennzeichnet sein gesamtes Leben, soweit ich ihn kennenlernen
konnte.
Er fehlt nicht nur uns.
Joachim Reiss
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