Gunnars Jahr in Rom  an der Facoltà Valdese di Teologia.                                               

Ich lernte Gunnar während meines Theologiestudiums in Tübingen im Winter1976/77 kennen. 

Es war die Zeit der RAF und ihrer jugendlichen Anhänger, gerade hatte ein „Mescalero“        studium
in Göttingen eine „klammheimliche Freude“ über die Ermordung  Generalbundesanwalts Buback empfunden -und wie kleine Lausbuben druckte die Tübinger Fachschaft Evangelische Theologie dieses Göttinger Flugblatt nach und verteilte es. Da  meldete sich Gunnar zu Wort! Präzise, klug und effizient suchte er sofort Kontakt  zu  „linken“ Theologie Studenten, die nicht nur mögliche Bündnispartner sein könnten, sondern auch noch über Zugang zu Vervielfältigungsmöglichkeiten, sprich die Druckmaschine des Fachbereichs, verfügten, denn massenhafte Aufklärung und Information war hier seiner Meinung nach dringend erforderlich. Er fand, was er suchte, in  der Redaktion des „Fluchblatt“ einer kirchenkritischen, „linken“ Studentenzeitung der rheinischen

Theologiestudenten, die in jedem Semester den „Druckerjob“ des Fachbereichs für alle Seminarpapiere ect. besetzten(es gab noch keine PCs!), um  zwischen allen Seminarpapern  auch mal eben Ihre Zeitung drucken zu können. Druckerin in jenen Tagen war ich. Ich war sofort sehr interessiert an Gunnars Idee, ein aufklärerisches „Gegenflugblatt“ zur RAF und ihrer menschenverachtenden „Strategie“ zu verfassen und  bekam innerhalb von 24 Stunden durch Gunnar einen kleinen „Grundkurs“ über Herbert Marcuses wichtigste Gedanken und die Frankfurter Schule. Ich war begeistert, endlich lernte ich, mit klaren analytischen Argumenten gegen etwas Stellung zu beziehen, wogegen ich bisher eher nur gefühlsmäßig in der allgemein emotionalisierten Debatte „mitmischte“. In der Nacht, in der wir unseren Artikel  dann an der Offsetmaschine druckten  , erzählten wir uns dann gegenseitig von unseren Motivationskrisen und Enttäuschungen

innerhalb der  deutschen Universitätstheologie, in der unserer Meinung nach die Frage der Relevanz der Theologischen Überlegungen für das gesellschaftliche, politische, ökonomische und kirchliche Leben nur unzureichend zur Sprache kam. Ich erzählte ihm von meinem Vorhaben,  im kommenden  Jahr in Rom  bei der Waldenser Kirche nach neuen Impulsen und neuer Motivation zu suchen,  und noch in derselben Nacht beschloss Gunnar, mitzukommen!

Im Sommer 77 trafen wir uns dann zunächst an der Uni in Siena zum Italienisch-Lernen, was Gunnar in der ihm eigenen Art, keine Sekunde des Tages ungenutzt für die Intensivierung seiner Sprach- und Landeskenntnisse verstreichen zu lassen, betrieb. In Kaffee-Pausen wurden sofort die italienischen Tageszeitungen studiert, kaum war der Unterricht beendet, begaben wir uns in Siena

auf Erkundungstour der linken politischen Szene, Gunnar machte Adressen ausfindig, sprach Leute an und wir hatten sehr bald zahlreiche Kontakte zu „Lotta continua“, PCI  und linkskulturellen studentischen Gruppen, was nicht nur unseren Sprachkenntnissen sehr zugute kam. Ich erlebte mich damals immer hinter Gunnar durch Siena eilend und profitierte ungemein von seiner nicht enden wollenden Energie und brennendem Interesse für alles, und Gunnar, der vorher noch nie in Italien gewesen war, begeisterte sich für dieses Land.

In Rom ging`s dann  ähnlich weiter. Die Waldenser-Fakultät ist ein großes etwa 100 Jahre altes Haus im Centro storico von Rom, etwa 10Min. vom Vatikan entfernt. Im Erdgeschoss des Hauses befinden sich drei Unterrichtsräume und eine wunderschöne Bibliothek mit kleinem Lesesaal, im ersten und zweiten Stockwerk, das sog. „convitto“ ,die Studentenzimmer, ein gemeinsamer Ess-Saal, Küche und Wirtschafsträume und im dritten und vierten Stockwerk die Wohnungen der vier Professoren der Fakultät, es empfing uns eine recht familiäre Atmosphäre. Das „anno academico“

wird immer mit einem Gottesdienst und anschließendem Mittagessen mit allen Studenten, Professoren, Gemeindegliedern der römischen Gemeinde und Freunden der Fakultät eröffnet, wobei wir als einzige ausländische Studenten  ein Grußwort sprechen sollten. Wir machten nicht nur durch unsere dank Gunnar schon recht  beachtlichen Italienisch-Kenntnisse Eindruck, sondern auch durch

unsere Schilderungen unserer Erfahrungen an den deutschen Theologischen Uni-Fakultäten und den von uns geäußerten Erwartungen, in Rom  ein sinnvolleres Miteinander von Theologie und kirchlichem und gesellschaftlichen Leben zu finden, die zu glaubwürdigerem  Zeugnis des Evangeliums beitrügen, als wir das von uns zu Hause gewohnt seien.

Unsere theologischen Seminare und Vorlesungen  waren dann allerdings sehr von Seiten unserer Professoren an der deutschen Universitäts-Theologie orientiert, der enge persönliche Kontakt untereinander (bei nur 13 Studenten  mit vier Professoren!) und der ganz andere soziale  Kontext

der Waldenser Kirche brachte  jedoch  dennoch ganz andere, intensiv diskutierte Fragestellungen nach kirchlich/theologischem Engagement in der italienischen Gesellschaft auf. Wunderbar waren für Gunnar und mich die zahlreichen Kontakte zwischen Fakultät und Waldenser-Gemeinden, besonders in Süditalien, die uns die ganz andere Wirklichkeit dieser kleinen evangelischen Minderheitskirche  erleben ließ. Es war üblich , dass Studenten der Fakultät sonntags in den Gemeinden vor den Toren Roms den Gottesdienst übernahmen, weil es immer zu wenige Pfarrer gab, um alle Gemeinden zu versorgen und wir beteiligten uns recht bald an diesem Dienst und begleiteten unsere Kommilitonen. Aber auch Besuche aller Studenten mit ein oder zwei Professoren

in einer weiter entfernt liegenden Gemeinde für ein ganzes Wochenende  mit Gemeindevorträgen, Diskussionen zu aktuellen gesellschaftlichen Themen und sonntäglichem Gottesdienst  fanden statt.

Wir wurden jedes Mal mit großer Freude und Herzlichkeit aufgenommen, von den Gemeindegliedern  in der üblichen südeuropäischen Gastfreundschaft bewirtet, uns wurde aber auch mit großer Ernsthaftigkeit und Dankbarkeit zugehört  und über allem lag  eine solche „Glaubensfröhlichkeit“, wie wir das in deutschen Gemeinden nur selten erlebt hatten. Wenn wir dann mit etlichen Litern Olivenöl und selbst gekeltertem Wein, Oliven und Pasta für unsere Fakultätsküche (die italienischen Waldenser Studenten haben alle ein Natural-Stipendium, d.h. Kost und Logis in der Fakultät frei) wieder nach Hause fuhren, dann  war da geistlich und real  eine echte Gemeinschaft erlebbar gewesen, die uns immer wieder beeindruckt hat. Gunnar war dann im Anschluss an unser Studienjahr in den Sommerferien 6 Wochen lang Waldenser Pfarrer in der neapolitanischen Gemeinde  und hat diese Zeit sehr genossen ( dort hat er seine erste Frau  Katharina  kennengelernt!).

Gunnars Leidenschaft galt allerdings in jenem Jahr auch der Erforschung der italienischen Linken, die sich einerseits mit den „brigate rosse“ und der Ermordung Aldo Moros auseinandersetzte und andererseits den „compromesso storico“ der Kommunistischen Partei diskutierte. Bereits nach einer Woche unseres Rom-Aufenthalts besuchte Gunnar die Redaktionsräume der kleinen unabhängigen linken Tageszeitung Italiens „il manifesto“ und stellte sich dort vor. Er lernte dort einen jungen, sehr an Deutschland und der deutschen unabhängigen Linken interessierten  Journalisten kennen, brachte ihn in die Fakultät mit und stellte so für alle einen wichtigen und unsere politischen Diskussionen sehr befördernden Kontakt her. Dieser Journalist gehörte einem Komitee an, das die verzerrte Darstellung von Deutschland in den italienischen Medien korrigieren und verändern wollte. Noch immer geisterte durch die Medien das Bild vom faschistischen Deutschen und einer schrecklichen, alles beherrschenden  Polizei-Bürokratie. Das Komitee veröffentlichte monatlich eine kleine Sammlung von Artikeln über aktuelle politische oder kulturelle Ereignisse in Deutschland. Gunnar und ich  nahmen  an den wöchentlichen Zusammenkünften teil,  schrieben eifrig Artikel und lernten dabei  interessante Persönlichkeiten des römischen journalistischen und kulturellen Lebens kennen.

So erhielten wir auch eine Einladung, mit nach Venedig zu einem internationalen Kongress über das

Verhältnis der westlichen Linken zu den Oppositionellen in den Ländern des Stalinismus  zu fahren. Das war ein eindrückliches Erlebnis, in Zeiten, in denen in Deutschland  sich die Linken noch sehr schwer taten, überhaupt zu diesem Thema  irgendetwas zu sagen (geschweige denn eine klare Kritik

und Ablehnung des Stalinismus zu formulieren),  hatten die italienischen Linken  zahlreiche namhafte Oppositionelle aus   den Ostblock Ländern eingeladen, es wurde informiert , aufgeklärt und zu praktischer Solidarität mit diesen Menschen ermutigt. Gunnar war genauso beeindruckt wie ich. In Venedig haben wir in einem Gästehaus der Waldenser Gemeinde umsonst  übernachten dürfen. und haben Venedig im November-Nebel, frei von Touristen genossen!

Gunnars Gramsci – Studien , die er in Italien begonnen hat, haben ja dann noch sehr intensiv ihren
Niederschlag  in seiner weiteren theologisch/politischen Arbeit in Deutschland gefunden. Auch davon habe ich vieles profitiert, weil er mir immer wieder von seiner Lektüre erzählt hat (gemeinsam an Gramscis Grab stehend).

Ich habe  dieses Studienjahr in Rom sehr genossen, nicht nur wegen der Waldenser Kirche, Rom und Italien, sondern auch weil Gunnar mit mir dort war. Durch sein intellektuelles und politisches Engagement hat er mir manches eröffnet,  das ich alleine nicht  in der Form  wahrgenommen hätte. Nicht zu vergessen natürlich aller Spaß, den wir miteinander hatten, seine leicht zerbeulte, orangefarbene Ente, mit der wir Gott-weiß-wohin gefahren sind und die eines Tages mit einem lauten Knall auf der Strecke Rom_-Napoli ihren Geist aufgegeben hat oder auch sein leidenschaftliches Kochen eines „typisch deutschen Gerichts“ für unsere italienischen Kommilitonen. Das wünschten sie sich an dem Abend, als Gunnars Eltern zu Besuch nach Rom kamen. Also kochte Gunnar Hackbraten für 30 Personen (mit meiner Unterstützung) und  Vater
Berndsen reichte zum Nachtisch deutsche Sahnetorten! Es war ein voller Erfolg!

Auch wenn sich unsere Wege nach seinen Marburger Jahren verloren haben, ich denke voller herzlicher Zuneigung an ihn und weiß ihn im Trost und in der Liebe Gottes geborgen.

 

Elisabeth Töpfer-Pattberg

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