Vikariat 1981-1983
In seiner Vikariatsgemeinde in Nieder-Roden musste Gunnar
wesentliche Teile der Gemeindearbeit völlig eigenverantwortlich
und selbstständig ohne die vorgesehene Unterstützung
übernehmen. Auf der anderen Seite waren wir im Seminar eingebunden
in eine abhängig-kindliche Schulsituation, und da kam es zu
heftigen Konflikten sowohl mit den Professoren als auch untereinander.
Gunnar kämpfte: Er war viel sicherer in seiner praktischen Arbeit
als die meisten von uns, wollte den Dingen auf den Grund gehen und
mischte wahnsinnig engagiert mit in den Kämpfen zwischen dem
"konservativen" und dem "fortschrittlichen" Lager, das natürlich
er anführte. Es ging ihm darum, wirklich tragfähige
theologische Aussagen zu finden und umzusetzen, und er ließ nicht
locker, auch wenn andere der Elan längst verlassen hatte. Ganz
entscheidend durch ihn kam Leben in die reichlich trockene Seminarzeit.
Im Herbst 1982 ging unsere Kursfahrt nach Italien zu
Waldensergemeinden. Gunnar hat die Fahrt organisiert und geleitet, hat
uns Rom gezeigt - jenseits der ausgetretenen Touristenpfade -, hat uns
persönliche Begegnungen mit Theologen ermöglicht, die er
während seines Studiums dort kennengelernt hatte.
Anschließend reisten wir mit Sack und Pack in die Region Bari, wo
wir in Gemeinden, Gennossenschaften, Kooperativen und Familien einen
Einblick in das umfassende Engagement der Waldensergemeinden bekamen.
In Cerignola wohnte die Familie seiner ersten Ehefrau, und dort wurden
wir alle sehr gastfreundlich in Familien aufgenommen. Viele
Gespräche und Begegnungen, die Gunnar organisiert hat, haben uns
diese fremde Glaubens- und Lebenswelt lebendig werden lassen. Es war
einfach schön. Gunnar war der Mittelpunkt, wusste Bescheid, verlor
die Geduld auch dann nicht, wenn zwischen Zügen, Bussen und
Übernachtungsplätzen Gepäck zu transportieren war:
Obwohl selber schwer mit vielen Geschenkpaketen bepackt, schleppte er
die Kolleginnenkoffer...
Sieglinde Eich-Ganske

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