Der Bussard und der Bossard

 Ab nach Hause...

Heissen tun wir fast gleich, Aussehen nicht. Er hat Flügel, ich nur Beine. Ich mag ihn, er mich nicht.

Die Wege, die ich laufe, sind oft dieselben. Das macht nichts, denn ändern tun ja die Gedanken. Und wenn man gedanklich abwesend ist, so vor sich hin trabt, dann erschrickt man doch gewaltig, wenn plötzlich von hinten ein Bussard über einen wegfliegt und man im ersten Moment nicht sicher ist, ob er den Skalp berührt hat oder ob das nur der Luftzug war. Passieren tut das nun seit einigen Jahren, immer von Mai – August, immer von hinten, immer auf derselben Strecke, auf einer Länge von ca. 200 m. Ich kann es mir nur so erklären, dass ich zu nah an seinem Horst vorbeirenne und er versucht mich von seiner Brut wegzuscheuchen. Ich lauf das Wegstück trotzdem noch, schwenke jedoch vorsorglich einen Stecken über dem Kopf, laufe rückwärts und schaff so den nötigen Abstand zwischen mir und dem Vogel. Allerdings ist es schon beängstigend, wenn dieser Vogel mit seiner gewaltigen Spannweite auf einen zugeflogen kommt! Anfangs habe ich Freunden und Bekannten von diesen Zwischenfällen erzählt. Hatte allerdings stets das Gefühl, dass man mir nicht so recht glaubte.

Peinlich wurde es nun diesen Sommer, an einem Sonntagvormittag, als ich auf dem Heimweg wieder die besagte Strecke laufe und den Vogel schlicht vergessen hatte. Plötzlich war er da und ich fand nicht gleich einen passenden Stecken. Was bleibt zu tun – so ganz unbewaffnet. Ich weiss aus Erfahrung, dass er 2 – 3 mal anfliegen wird. Also beginne ich zu schreien und hüpfe gleichzeitig wie ein Verrückter auf der Strasse rum; hoffe, dass ich mir damit den nötigen Respekt verschaffe. Jedenfalls komm ich glimpflich davon und kann dann weiterlaufen.

Nur ein kurzes Stück weiter vorne sehe ich zwei Mädchen, welche auf Baumstämmen sitzen und sich kugeln vor Lachen. Ich ahne Schlimmes. Ich frage sie, ob sie gesehen hätten, wie ich eben von einem Bussard angegriffen worden sei. Diese Frage verstärkte ihre Heiterkeit und ich entnehme aus ihren Antworten, dass sie überhaupt keinen Bussard gesehen hätten. Ich merke, wie ich langsam rote Ohren bekomme und laufe weiter. Mir war plötzlich völlig klar, was da ablief. Die beiden Mädchen hatten aus der Ferne beobachtet, wie ein offensichtlich verwirrter Mensch als Jogger verkleidet, auf der Strasse rumhüpfte und tanzte und die armen Bäume anschrie. Ich konnte mir die Szene sehr gut vorstellen und war froh, dass in diesem Moment niemand sah, wie meine Ohren noch röter wurden.

Es verging noch einige Zeit, bis erste Artikel in der Tagespresse erschienen, welche bestätigten, dass tatsächlich ab und zu Jogger von Bussarden attackiert würden. Seltsamerweise nur Jogger – keine Reiter, keine Biker, keine Wanderer. Wieso das so ist, scheint nicht ganz klar. Spekulationen, es könnte mit der auffälligen Kleidung einen Zusammenhang haben sind jedoch sicher falsch, ebenso eine Behauptung es würden keine Blondhaarigen angegriffen. Wie auch immer, ich weiss jetzt, dass es vorkommt und, dass nicht ich allein davon betroffen bin. Der Vogel meint es also nicht persönlich und so mag ich ihn immer noch. Erleichtert wäre ich allerdings, wenn auch die beiden Mädchen dies wüssten.

Sommer 2001, Toni Bossard

made by Toni Bossard für Passtschon98 ®, im Sommer 2001