Biel 100 km

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Freitag, 16. Juni 2000, Start 22.00 Uhr

Februar:

Der Weg nach Biel beginnt im Kopf. Das ist schon so. Lange bevor die Beine in der Lage sind eine derartige Distanz zu bewältigen, lange bevor man sich diese Distanz auch im Kopf vorstellen kann, da hat dich längst ein Virus befallen, welcher dir in unregelmässigen Abständen einhämmert, dass du diesen Lauf nun unbedingt auch noch machen musst. Das ganze entwickelt sich dann ganz allmählich jedoch unaufhaltsam, zwar glaubt man noch nicht wirklich, dass man auch hinfahren wird, man beginnt jedoch im Freundeskreis bereits darüber zu reden. Und, je mehr man sich mit diesem Gedanken befasst, umso vertrauter wird er einem und plötzlich ist man ernsthaft überzogen, diesen Lauf tatsächlich zu wagen.

In einer zweiten Phase sucht man sich einen passenden Begleiter. Als ideales Opfer kam ich schon bald auf den guten Webbi. Schliesslich hat er mich bereits im vergangenen Jahr in seinem Windschatten auf die Kleine Scheidegg gezogen. Aber eben es kam anders. Der gute Gunter möchte sich das (noch) nicht zumuten. Nach einigen weiteren Fehlversuchen realisierte ich, dass man nicht so einfach einen Partner für einen 100 km Lauf findet. Es gibt nämlich keinen vernünftigen Grund, in einer Nacht 100 km zu laufen - es gibt eigentlich nur Gründe, dies nicht zu tun (Dieser Satz könnte von meiner Frau stammen).

Nur, bei mir hatte sich der Gedanke endgültig, wie eine lausige Zecke in die Gehirnzellen verbissen. Ich war soweit - ich musste - ob ich wollte oder nicht. Und als Biertrinker wissen wir, wenn man muss, dann muss Mann. Basta. Das war im Februar, 4 Monate vor dem Lauf.

 

März:

Etwa zu dieser Zeit fragt mich der Gunter, wie ich eigentlich auf diesen Lauf hin zu Trainieren gedenke. Gute Frage. Mein Gott, ich hab keine Ahnung. Jedenfalls keine grosse. Dass man seine Ausdauer nur mit langen Läufen verbessert war mir schon klar. Passtschon-HP angucken motiviert zwar, reicht jedoch nicht aus. Aber wo nehm ich die Zeit dafür her? Ich hatte bereits angefangen, pro Woche 5 - 6 mal zwischen 60 - 90 Minuten zu Laufen. Nicht lange, da realisierte ich, dass das so auf die Dauer nicht ging. Von überall her kam ich unter Druck. Ich hatte ein Zeitproblem und war gezwungen, mich besser zu organisieren. Konkret: Ohne überall (Familie, Job etc.) allzustark anzuecken konnte es mir gelingen, max. 3 Trainingseinheiten pro Woche unterzubringen. Also entschloss ich mich zu folgendem Konzept:

Dienstag, 1 x 1 ½ h schnelle Einheit
Donnerstag, 1 x 2 h Marathontempo, d.h. 5er Schnitt
Sonntag, 1 x 3 - 4 h Geplantes 100 km-Tempo, d.h. 6er Schnitt

Damit kam ich auf 60 - 70 km pro Woche. Ob das ausreicht? (Zum Zeitpunkt wo ich diese Zeilen schreiben, hab ich noch keine Ahnung. Es muss einfach.)

 

April:

Ich kann die vorgenommen Trainingseinheiten gut einhalten und habe das Gefühl, dass ich auch gut Fortschritte mache, d.h. die Ausdauer verbessert sich stetig. Mitte April hatte ich Gelegenheit, mit einem Biel-Läufer zu sprechen. Der holt mich wieder ziemlich auf die Erde zurück. Er erklärt mir, dass man für Biel keinen zusätzlichen Partner braucht. In Biel ist dein Körper dein Partner. Man sei in einer ständigen Zwiesprache mit ihm und gezwungen, gut auf ihn aufzupassen und ihn nicht zu überfordern. Ein Laufpartner, sogar ein Begleiter auf dem Velo, könnte da mehr Schaden anrichten, als helfen. Man dürfe sich in keiner Phase ziehen lassen oder meinen, mit etwas höherem Tempo sei man schneller im Ziel. Er erklärt mir, dass der 100er eigentlich erst ab km 50 - 60 so richtig beginnt. Zu diesem Zeitpunkt entscheidet sich, ob man überhaupt auf die 100 laufen kann. Auf jeden Fall dürfe man nichts erzwingen. Bei gesundheitlichen Problemen soll man sofort aufgeben. Biel findet jedes Jahr statt.

Ich wurde in diesen Tagen auf einer 20km Trainingsschlaufe von einem heftigen Regen überrascht. Im Nu war ich pflotschnass und die Kälte drang in meine Glieder. In diesem Moment wurde mir klar, dass ein Erfolg in Biel von viel mehr abhängt, als nur von seinem Trainingsstand. Nur schon ein Dauerregen würde das Unternehmen zum Scheitern bringen - selbst wenn dieser warm sein sollte.

 

Mai:

Eigentlich verläuft die Vorbereitung weiter problemlos. Der Frühling ist da und mit ihm auch die Lauffreude. Es ist wunderschön 3 - 4 Stunden über die Jurahöhen und -wälder zu laufen, ohne Hast, ohne Stress. Ich realisiere: Der Weg ist das Ziel. Auch wenn ich am Schluss Biel nicht laufen kann oder sollte, so komme ich zu vielen schönen Trainingsläufen, welche ich ohne das Fernziel "Biel" nicht in diesem Umfang hätte erleben dürfen. Wenn ich allerdings nach 4 Stunden jeweils mit schmerzenden Gelenken nach Hause zurückkehre, frage ich mich schon, wie man dies 12 Stunden lang aushalten soll; und wieso überhaupt. Frisch geduscht, die Beine hoch gelagert, mit einem kühlen Bier in der Hand sieht dann die Sache allerdings nicht mehr so gfürchig aus.

Ja, und wenn es gut läuft und man glaubt, das Ding langsam in Griff zu bekommen, kommt der Hammer. Mich trifft’s in Form einer starken Erkältung und Halsweh. Ich zwinge mich, zu einer Woche Ruhe, denn ich habe keine Zeit, dieses Problem wochenlang mitzuschleppen. Nach 5 Tagen bin ich wieder gesund und ausgeruht. Das Training kann weitergehen.

Und da macht man sich ja auch so seine Gedanken, in welcher Zeit man diese 100 km denn nun zu laufen gedenkt. Je nach Gemüts- und Körperverfassung kommt man dann zu unterschiedlichen Schlüssen:

Abends beim Bier:

Eigentlich könnte ich versuchen die 10 Stunden anzupeilen, d.h. ein 6er-Schnitt.

Nach einem 40 km Trainingslauf, etwas realistischer:

Ich könnte die ersten 50 km in 5 Stunden laufen, dann eine Pause einschalten und ca. 5 Stunden schlafen (Um 3 Uhr morgens durchaus nachvollziehbar). Anschliessend die restlichen 50 km wieder in 5 Stunden laufen. Damit käme ich auf eine Totalzeit von 15 Stunden. So schlecht wäre das ja nicht.

Naja, die Wahrheit wird wohl irgendwo in der Mitte liegen.

 

Juni:

Meine Mutter fragt besorgt, ob ich krank sei; ich hätte so eingefallene Wangen. Mütter sehen das eben. Eigentlich paradox je besser ich in Form komme, umso kränker seh ich offenbar aus. Ein Blick auf die Waage bestätigt, dass ich wieder langsam mein Kampfgewicht erreiche - das Weihnachtsfett und die Ostereier sind geschmolzen. Ein angenehmer Nebeneffekt, ausgelöst mit regelmässigen Läufen von 2 und mehr Stunden.

 

Die "Nacht der Nächte"

Als "Nacht der Nächte" bezeichnen die Bieler diesen Lauf. Und tatsächlich es war eine sagenhafte Nacht: Vollmond - keine Wolke am Himmel - angenehme Lauftemperatur von ca. 12 - 15°. Ich war bereits am Start total begeistert. Es gibt in unseren Breitengraden nur wenige Tage und Nächte an denen man mit Sicherheit sagen kann: Heute wird es nicht regnen. Ich hatte das Glück in so einer Nacht an den Start gehen zu dürfen. Der Vollmond verzauberte die Wälder und Felder mit seinem fahlen Licht und man hatte das Gefühl man laufe durch eine Märchenwelt. In den Dörfern sassen die Leute vor ihren Häusern oder in Gartenwirtschaften feuerten die Läuferinnen und Läufer an und feierten.

Je länger der Lauf jedoch dauerte, umso mehr leerten sich die Gartenwirtschaften und die Stühle und Bänke vor den Häusern standen verlassen. Die Leute hatten sich Schlafen gelegt und es brauchte in diesen Momenten schon einige Kunst, die Lauffreude am Leben zu halten. Man konzentriert sich eben auf andere schöne Dinge: Man denkt an die nächste Verpflegungsstelle, an den feinen Tee, die köstlichen Bananenstücke; man denkt an den Zieleinlauf, realisiert, dass dieser noch mehr als 60 km weit weg liegt und merkt, dass man sich gedanklich in eine Sackgasse begeben hat. Also nochmals von vorn: Man denkt an die nächste Verpflegungsstelle, man denkt an den feinen Tee, die matschigen Bananenstücke, ..... so geht’s offenbar nicht. Also denkt man an etwas anderes, z.B. Sommerferien; am besten an die kommenden, denn die letzten waren ja nicht so schön.

Während eines Laufes steht man ja geistig in einer dauernden Zwiesprache mit seinem Körper. Tausende von Signalen erreichen das Hirn und müssen laufend analysiert und verarbeitet werden. Zunehmende Laufdauer und sich schleichend einnistende Müdigkeit veranlassen die Beine mehr und mehr unerfreuliche Meldungen zu senden. Wichtig ist es in diesem Moment, dass sich das Hirn nicht anstecken lässt und das Gejammer des Körpers nicht allzu ernst nimmt. Sondern viel mehr versucht, positive Meldungen aufzuschnappen, z.B. von den Augen, diese herauszufiltern und stärker gewichtet. Das tönt nun etwas blöd. Darum ein Beispiel aus der Praxis:

Nach km 55 fliessen erste Meldungen, dass es zwischen dem kleinen und nächstgrösseren Zehen des linken Fusses zu Reibereien gekommen ist. Da diese ja nun seit bald 46 Jahren nebeneinander leben und bisher immer gut miteinander ausgekommen sind, wird diese Meldung vorerst nicht beachtet, in der Meinung, die Beiden sollen selber sehen, dass sie wieder miteinander klar kommen. Auf diese Weise beruhigt sich das Geschehen tatsächlich während den nächsten km und irgendwann ist es vorbei. Die Schuldfrage ist zwar nicht gänzlich geklärt; die Beiden haben sich jedoch darauf geeinigt, der Schuh sei an allem schuld. Und damit lässt man es bewenden. Das Hirn nimmt diese positive Meldung mit Genugtuung zur Kenntnis und befiehlt den Beinen einen etwas lockereren Gang einzuschalten. Dies gelingt tatsächlich - einige 100 Meter weit. Dann nehmen die Beine wieder Tempo zurück und weil das Gehirn - mangels weiterer positiver Impulse - nicht insistiert, verfällt man in den alten Trott.

Ein weiteres Problem ist die ungewohnte Laufzeit. Einige Organe sind etwas irritiert und liegen ratlos herum. Sie wissen nicht recht, was sie davon halten sollen. Hört das Geschüttel nun bald auf, kann man endlich die wohlverdiente Nachtruhe antreten? Aktiv zu bleiben bis weit nach Mitternacht kommt zwar ab und zu vor; erinnert allerdings eher an vergangene Zeiten. Dass aber z.B. dem Magen um diese Zeit noch Tee und Banane zugemutet wird ist mehr als komisch. Wenn schon, dann fliessen um diese Zeit in der Regel beruhigendere Säfte durch das Leitungssystem. Das führt nun dazu, dass der Magen dieses ungewohnte Zeug sofort weiterleitet und sich im letzten Auffangbecken ein Druck aufzubauen beginnt. Die empörten Meldungen an das Hirn lassen logischerweise nicht lange auf sich warten und schlussendlich wird der Läufer dazu gezwungen, sich ab und zu an den Strassenrand zu stellen - und das bitte behutsam und leise, damit der Schliessmuskel nicht erwacht.

Die Entscheidung, ob ich das Ding zu Ende laufe oder nicht - das hatte ich mir schon am Start vorgenommen - fälle ich bei km 58. Bei dieser Verpflegungsstelle stehen Busse bereit, welche erschöpfte Läufer nach Biel fahren. Bei km 58 beginnt auch der berüchtigte Ho-Chi-Minh-Pfad. Ein 12 km langer schmaler Pfad, entlang eines Flüsschens, über Wurzeln und Steine, mit Löchern, und das im Dunkeln. Bei der dichten Bewaldung hilft auch der Vollmond nicht. Da braucht man schon eine Taschenlampe. Da ich mich gut fühlte, war für mich klar, dass ich weiter laufe. Als ich dann aber die Busse stehen sah, mit laufenden Motoren und offenen Türen, musste ich mich schon einen Moment überwinden. Immerhin fehlten noch 42 km ins Ziel. Aber eben ich bin nicht nach Biel gekommen um Bus zu fahren ....

Es war schon interessant zu spüren, wie sich Muskeln, Gelenke und weitere Körperteile abwechslungsweise mit Schmerzempfindungen meldeten. Ich hatte mich schon daran gewöhnt, dass diese nach einigen km wieder vergingen und sich dafür ein neues Problemchen meldete. Irgendwann weit hinter km 50, als das "Wohlfühltempo" seinen Namen schon lange verloren hatte, fühlte ich im linken Oberschenkel ein Zwicken, das sich in der Folge verstärkte und, entgegen allen Prognosen, nicht mehr aufhörte. Im Gegenteil, der Muskelschmerz vergrösserte sich zunehmend und das führte dazu, dass ich die letzten 10 km nur noch humpelte.

100 km sind lang, aber irgendwann, bei mir nach 11 h 50 Min. ist es geschafft. Ich erreiche das Ziel in Biel, morgens um 09.50 Uhr. Gerade rechtzeitig, denn die Sonne stand bereits wieder hoch am Himmel und versprach einen heissen Tag. Zielschluss in Biel ist abends um 20 Uhr. Ich fühlte in diesem Moment mit den vielen Läuferinnen und Läufern, welche noch auf der Strecke und der Hitze des Tages ausgesetzt waren.

Nachstehend die 10 km-Zeiten:
1.03
1.06
1.05
1.04
1.08
1.09
1.13
1.13
1.16
1.29

Ja, und dann sagte noch Peter Rupp, dreimaliger Biel-Sieger: "Der 100km-Lauf ist wie das Leben im Zeitraffer. Zuerst geht es gut, der jugendliche Elan und die Unbekümmertheit brechen durch. Die Freude an der Bewegung dominiert, man könnte noch Stricke zerreissen. Bei halber Strecke meldet sich das Mittelalter. Man spürt, dass man nicht mehr der Jüngste ist, man beschäftigt sich mit dem restlichen Leben, bzw. mit der verbleibenden Distanz. Im letzten Drittel spürt dann auch der bestvorbereitete Spitzenläufer die totale Erschöpfung. Das ist vergleichbar mit dem Altwerden. Je näher das Ziel kommt, desto erfüllter betrachtet man das Leben bzw. den Lauf. Wenn dann das beleuchtete Biel, die 99-km-Tafel in Sicht kommen, wenn plötzlich dicht gedrängtes Publikum den Läufer anfeuert, dann erwacht ein starkes Gefühl der Genugtuung, der Befriedigung, der Grösse."

Bleibt am Schluss die Feststellung, dass man dafür ja nicht gleich 100 km laufen müsste, weniger täten es auch, um diese Phasen zu erleben. Aber eben, nicht alles was Mensch tut ist rational erklärbar. Mensch tut’s trotzdem ......

Lupfig, Juni 2000

Toni Bossard

made by Toni Bossard für Passtschon98 ®, im Juni 2000