Jungfrau `99
oder "der Berglauf in Europa"
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Man muß sich das mal vorstellen, da wollen über 6000 an diesem wohl spektakulärsten Marathonlauf in Europa teilnehmen und ich gehöre zu den 3200 Auserwählten, die eine Startkarte erhalten... Okay, ich war gut darauf vorbereitet... Ich wußte genau, daß der erste zuerst mahlt... Aber es ist trotzdem einfach geil, irgendwann Anfang August diese grüne Startkarte vom JM in Händen zu halten. Das ist schließlich nicht irgendein "City-Marathon"... (Sorry), bei dem jeder starten darf.
Die Vorbereitung: Da unser Lauftreff immer viel Spaß beim Laufen hat, kam irgendwann die Idee auf, ein Trainingswochenende in der Schweiz zu machen. Gesagt, getan... Anfang August waren wir schon mal da, im Berner Oberland, einfach zum Spaß haben und ein bisserl zu Laufen. Sieben von acht Teilnehmern und ein paar mehr genossen das Weekend in der Jugendherberge in Bönigen, um die Alpen schon mal ein wenig kennenzulernen.
Meine Planung für diesen wohl wichtigsten Marathon des Jahres bezog einen kleinen Urlaub im Laufgebiet mit ein. D.h. eine Woche vorher anreisen, ein bißchen laufen, radfahren und die Berge genießen. Zum Glück war das Wetter die ganze Woche über super. Wenn es anders gewesen wäre, hätte die Camperei auf dem Zeltplatz in Lauterbrunnen auch ganz schön in die Hose gehen können. Von Sonntag bis Donnerstag war ich dort, danach bin ich umgezogen in ein Apartment in Interlaken- Matten. Mein Programm in dieser Woche sah dann dementsprechend aus: Sonntag Anreise, kleine Strecke joggen, um die Beine in Bewegung zu halten, Montag Radtour mit dem Mountainbike von Lauterbrunnen über Zweilütschinnen und Grindelwald auf die kleine Scheidegg und über Wengen wieder nach Lauterbrunnen, anschließend ein bisserl joggen, Dienstag eine kleine Wanderung im Lauterbrunnental mit Jochen mit anschließendem lockeren joggen, Mittwoch noch mal eine schöne Bergtour: eigentlich wollte ich nur nach Wengen wandern, um Jochen zu besuchen, aber meine Füße konnten in Wengen nicht anhalten und haben mich marschierenderweise auf die kleine Scheidegg getragen. In einer Zeit von 2 Stunden 55 Minuten, Donnerstag Umzug nach Interlaken und ausruhen, Freitag das Übliche am Tag vor dem Marathon: Startunterlagen abholen, Füße hochlegen, essen gehen.
Am wichtigsten bei meinem Wochenprogramm war wohl die Wanderung auf die kleine Scheidegg. Erstens war mir danach klar, daß man diese Strecke in einer Zeit von 2:45 laufender- und marschierender Weise bewältigen kann. Zweitens konnte ich mir noch mal die Strecke einprägen, so daß ich am Samstag gut vorbereitet auf eine "bekannte" Strecke gehen konnte.
Da unser Lauftreff Passtschon98 wirklich ein verrückter Haufen ist, hat sich wieder mal bewahrheitet. Nachdem wir schon in Hamburg teilweise mit Perücken gelaufen sind, stand für den Jungfrau- Marathon ein anderer Gag an. Wir wollten mit Glöckchen an den Schuhen laufen, schließlich haben richtige Bergziegen auch immer was zum Klingeln dabei :-) Leider hat es nur teilweise geklappt, denn der eine oder andere wollte dann doch lieber ohne Glöckchen laufen oder hatte es einfach vergessen. Immerhin waren dann 4 "Klingler" auf der Strecke. Einige Mitläufer waren erstaunt oder verärgert über das andauernde Gebimmel, andere fanden die Idee lustig.
Nun denn, dann war er da, Samstag, der 4. September 1999. Tag des Marathons!
Aufstehen um 5:45 Uhr, frühstücken, sich mental vorbereiten, Klamotten noch mal
überprüfen, letzte Massage (Danke Gabi) und dann um 8:40 Uhr langsam Richtung
Startgelände gehen, Rucksack mit den Klamotten für das Ziel abgeben, etwas dehnen und
ein paar Bilder machen (gemacht bekommen <g>).
Pünktlich um 9:45 erfolgt dann der Startschuß und wir setzen uns in Bewegung, immerhin
waren acht von unserem Lauftreff dabei, dann noch Joachim von Spiridon Frankfurt, einige
andere bekannte Gesichter und last but not least Toni, den ich über das Internet
kennengelernt habe und hier zum ersten Mal persönlich getroffen habe.
Ich wollte zusammen mit Sabine und Jochen das Ding angehen, wir hatten uns einen Schnitt
von 5:15 bis nach Lauterbrunnen vorgenommen, um Kraft für den Anstieg zu sparen. Das hat
auch sehr gut geklappt und wir waren dann bei 1:56 Stunden beim Halbmarathon. Bei Km 26
beginnt dann der erste richtige Anstieg von Lauterbrunnen nach Wengen, 4 Km mit ca. 500
Höhenmetern, die auf einem Wanderweg serpentinenmäßig nach oben gehen. Wir wollten die
Steilstücke wandern, um Kraft zu sparen. Dann waren wir in Wengen und hier ging die Party
richtig los, viele Leute mit riesigen Kuhglocken, diverse Kapellen und jede Menge
Zuschauer treiben uns weiter.
Am Ortsausgang von Wengen oder kurz danach konnte ich leider nicht mehr ganz mit Jochen
und Sabine mithalten, sie entfernten sich langsam aber sicher von mir. Also war ich nun
auf mich allein gestellt und machte genau so weiter, wie ich es mir vorgenommen hatte: die
steilen Stücke zügig wandern und die leichten Anstiege und die flachen Stellen locker
laufen. Denn ganz oben kommt noch was, daß bei diesem Marathon die meiste Kraft kostet.
Überrascht war ich, wieviele ich mit meiner Marschgeschwindigkeit überholen konnte. Ein
Vorteil bei der Abwechslung von Laufen und Wandern ist die unterschiedliche Belastung der
Beinmuskulatur, so daß die Waden nicht so sehr schmerzen wie bei einem normalen flachen
Marathon. Unterwegs leistete ich dann noch einem Laufkollegen erste Hilfe, der mit
Wadenkrämpfen am Boden lag. Es ist eigentlich schade, wieviele Laufkollegen an ihm
vorbeigelaufen sind, ohne zu helfen. Scheiß Egoismus. Stellt Euch mal vor, Ihr liegt da
und keiner hilft Euch. Und auf die paar Sekunden kommt es wirklich nicht an!
Dann kam, was kommen mußte: Kilometer 39, Skistation Wixi, noch mal kurz was trinken und
dann geht's auf das steilste Stück des Marathons. Während dem Trinken sah ich Toni und
wir begrüßten uns per Handschlag. Beim Aufstieg war er immer kurz hinter mir. Ich hatte
mir anscheinend zuviel Kraft aufgehoben, denn ich wäre gerne schneller gelaufen, aber in
dieser Karawane ist ein Überholen nur schwer möglich. Manchmal wich ich auf die Wiese
aus und konnte so noch ein paar Plätze gut machen. Nach diesem Extrem kam die
Eigerendmoräne, die zwar nicht mehr ganz so steil war wie das Stück zuvor, aber auch
hier ist Überholen oder schnelleres Gehen nur schwer möglich, denn man kann nur manchmal
nebeneinander gehen. Auch hier machte ich wieder einige Plätze gut. Dann noch eine kleine
Traverse bis zum höchsten Punkt der Strecke (2320 m). Beim Überqueren stieß ich einen
lauten Schrei aus und machte einen Freudensprung, denn ich wußte genau, daß es jetzt nur
noch bergab geht. Ich schien dem Ziel entgegen zu fliegen, ein kurzer Blick auf meine Uhr
und ich wußte, daß ich unter der Zeit liegen würde, die ich mir vorgenommen hatte (5
Stunden). Ich blickte mich um, um nach Toni Ausschau zu halten. Er war ein paar Meter
hinter mir. Ich lief ein bißchen langsamer, um auf ihn zu warten. Wir liefen dann Arm in
Arm über die Ziellinie bei 2061 m. Geschafft! Überglücklich! Dann wurde noch schnell
ein Zielfoto von mir gemacht, bei dem ich noch mal einen riesigen Freudenschrei ausstieß!

Auf dem Berg
Auf dem Weg zu den Finisher- Shirts und der Medaille begegnete ich dann Gabi,
Achim und Bertram. Gegenseitige Glückwünsche wurden ausgetauscht.
Leider hat es im Ziel geregnet, so daß wir unheimlich lange benötigten, um uns alle zu
finden und zusammen den Siegersekt zu trinken. Jochen hatte sogar Zigarren dabei. Party in
den Bergen bei Regen! Leider ist Toni verlorengegangen, denn er wollte mit uns ein wenig
feiern. Aber wir werden das nachholen bei einem der nächsten Marathons, die demnächst
anstehen.
Als bleibende Eindrücke von diesem Lauf werde ich bestimmt einiges für immer in meinem Gedächtnis behalten. Dieser Marathon ist wirklich etwas ganz Besonderes und ich kann jedem Läufer dieses Ereignis nur empfehlen. Aber geht ihn gut vorbereitet an, sonst hat es wenig Sinn.
Ganz herzlich möchte ich mich bei unseren Supportern bedanken! Als da wären:
Gabi: Massagen vor und nach dem Lauf, Pics, Anfeuerung, Betreuung rundum!
Bertram und Christiane: Anfeuerung, gutes Zureden und den ganzen Rest!
IHR WART EINFACH SUPER!!!
made by Gunter Scheurich ®, im September 1999