Die Jungfrau oder wie ich den Berg schaffte und er mich 13.07.1999
Nach einigen Marathons sollte es 1997 etwas besonderes sein. Die Wahl fiel auf den Jungfrau-Marathon. Vor zwei Jahren war die Zulassung zum Lauf noch relativ einfach. In diesem und bestimmt auch in den nächsten Jahren ist dies schon die erste große Hürde.
Durch Zufall erwischte ich die Ausschreibung für eine Vorbereitungswoche mit Quartier in Wengen. Ich beschloß, diese Gelegenheit zu nutzen, um mich an die Berge zu gewöhnen
(in meiner alten Heimat ist der höchste Berg stolze 67 Meter) und die Strecke kennen- zulernen.
Die nächste Hürde. Wengen ist autofrei. Nur mit der Schmalspurbahn erreichbar. Was brauche ich alles. Laufkleidung für jedes Wetter, Schuhe und Salben/Pflaster für alle möglichen Wehwehchen, die kommen könnten. (Eigentlich bin ich eine Mimose, warum ich mich immer wieder quälen will, weiß ich nicht).
Die Trainingswoche war klasse. Die Laufstrecke wurde in Teilabschnitten bewältigt. Der Veranstalter, Helmut Reitmeir, ein erfahrener Bergläufer und bereits mehrfach beim Jungfrau-Marathon (AK-Siege) erfolgreich, hat das Training sehr individuell gestaltet und viele nüzliche Tips gegeben.
Helmut war sicher, daß ich den Lauf unter 5 Std. schaffen würde. Diese Zahl ließ mich nicht mehr los.
Am Freitag nach Abholung der Startunterlagen waren nur noch Gedanken an den Lauf in mir. Walli, meine Lebensgefährtin, war angekommen. Die Treffpunkte an der Strecke wurden besprochen. Laufzeiten und Fahrplan der Bahn mußten in Einklang gebracht werden.
Jeder, der schon lange Strecken gelaufen ist, weiß, wie wichtig es ist, seine Lieben an den verabredeten Stellen zu sehen und neue Kraft zu schöpfen.
Dann kam der Samstag. Wachsende Unruhe bis zum Start. Den ganzen Tag traumhaftes Wetter. Der Startschuß. Auf Wiedersehen Walli. Die ersten 10 km flach. Zeit für Gespräche. Bloß nicht zu schnell laufen. Die erste Steigung nach Gsteigwiler, noch harmlos. Wilde romantische Lütschine. In Lauterbrunnen das erste Mal Walli. Wie schön. Begeisterte Zuschauer. Halbmarathon. Die Runde durchs Tal. Dann ab km 25 die Wand nach Wengen. Diverse Serpentinen, die nicht enden wollen. Wie gut, das die Strecke in meinem Kopf ist.
Endlich Wengen. Km 30. Genau 3 Std. sind um. Erfreulich, denke ich, für jeden km noch 10 Min. Zeit. Wieder begeisterte Zuschauer. Das zweite und dritte Mal Walli. Nur noch bergan. Mal steil, mal steiler. Laufen ist kaum mehr möglich, selbst Gehen fällt schwer. Doch Landschaft, Gletscher, Aussicht auf Eiger, Mönch und Jungfrau, Anfeuern von Zuschauern und von Mitläufern und die wachsende Zuversicht, es schaffen zu können, treiben mich voran.
Km 39/40 werden zur Tortur. Bergpfad. Auf allen Vieren geht's weiter. Links und rechts Läufer/innen erschöpft im Gras. Dann die Moräne. Ich bin mir sicher, ich schaffe es. Doch was ist das? Ein Dudelsackspieler in Originaltracht kommt entgegen. Welch ein Erlebnis. Eine Träne kullert. Die letzte Verpflegungsstelle wird ignoriert. Nur noch ins Ziel. Kleine Scheidegg in Sicht. Alle Reserven sind verbraucht. Und dann ist es geschafft.
Ein unbeschreibliches Glücksgefühl. 4.49.39 Std., eher nebensächlich. Das vierte und schönste Mal Walli. Der Weg ist das Ziel. Lange bleibe ich erschöpft liegen. Dann begreife ich langsam, was ich geschafft habe. Eine sehr gute Organisation und viele fleißige Hände haben mir geholfen.
Das letzte Jahr mußte ich wg. Krankheit absagen. Dieses Jahr geht es aber wieder los.
Für Passtschon 98 starten Petra sowie Eric, Achim, Gunter und ich. Fans sind in unbegrenz-ter Zahl herzlich eingeladen.
Die Berge im Wallis werden uns alle verzaubern.
Es wird schon irgendwie passen.
Jochen