Thomas Steinle
Anatomie - Physiologie - Pathophysiologie des Läufers
Lehrbuch mit praktischen Beispielen vom Euro-Marathon in Frankfurt am 28.10.01
1. Die Anatomie
Anatomisch gesehen sollte sich der Läufer durch ein regelmäßiges Training auf die Belastungen eines Marathonrennens vorbereiten. "Durch ruhige Dauerläufe werden Sehnen und selbst Knochen gefestigt und dadurch auf härtere Zeiten vorbereitet. Dauerlauf fördert die Vermehrung feinster Gefäße in den beanspruchten Organen (Kapillarisierung), was für die optimale Versorgung und Funktion der Muskulatur, der Lunge, der Haut und anderer Organe unbedingt notwendig ist." (
Steffny H., Pramann U: Fit für den Marathon. Südwest Verlag. S. 38)Nun gut, was das anbetrifft, war ich ja bestens präpariert! Ich war (ja, war!) jung, hatte vor exakt 2 Jahren das Rauchen aufgegeben, lief seit 10 Monaten regelmäßig und steigerte meinen Trainingsumfang in den letzten 12 Wochen vor dem Marathon auf 50-70 km/Woche. Dabei hatte ich auch ein paar Läufe über 22km und 6 Läufe über 30km (danke Lisa, Claudia & Gunter für´s Mitlaufen!) absolviert. Meine Sehnen fühlten sich straffer an, meine Knochendichte nahm zu, mein Haar glänzte, ich hatte feste Nägel und meine Organe bestanden eigentlich nur noch aus Kapillaren! Was sollte da noch schiefgehen??
2. Die Physiologie
Die Physiologie beschäftigt sich mit Themen wie dem Energiehaushalt, dem Wärmehaushalt, dem Wasserhaushalt etc. des Körpers.
"Ein Marathonläufer könnte mit Glykogen allein nur etwa 90 Minuten laufen. Fette werden, da sie in ausreichender Menge vorhanden sind, wie Diesel als Dauerbrennstoff (??) bei geringen bis mittleren Intensitäten eingesetzt. Glykogen hingegen ist der "Superkraftstoff"....
Marathonläufer müssen also neben einem großen Glykogentank auch über einen gut trainierten Fettstoffwechsel verfügen." (
Steffny H., Pramann U: Fit für den Marathon. Südwest Verlag. S. 27)Durch meine langen Läufe war meiner Meinung nach genug Diesel im Tank, das angezapft werden konnte. Mein "Super" hatte ich auch längst in den Muskelzellen angehäuft, und für alle Fälle gab es ja auch noch den schnellen Kick dank Power-Gel (gibt´s eigentlich jemanden, dem das Zeug schmeckt?).
Dass mein Wasserhaushalt gestört ist, weiß jeder, der schon mal mit mir gelaufen ist, aber hier sind wir schon beim Thema ® Pathophysiologie.
3. Die Pathophysiologie
Diese Wissenschaft beschäftigt sich mit denselben Themen wie die Physiologie, nur eben damit, wie es aussieht, wenn etwas nicht so läuft, wie es laufen soll. Und jetzt wird es interessant, denn da habe ich mal eine Menge zu berichten.....
Wie gesagt hatte ich mich gut vorbereitet und das Training im Prinzip am Sonntag vor dem Marathon mit einem 20km Lauf ruhig ausklingen lassen. Gunter schickte mir Zeitpläne, die er für realistisch hielt und die auf eine Endzeit um die 4 Stunden abzielten. Die Zeit war mir eigentlich völlig egal, aber so um die 4 Stunden sollten es dann schon werden! Jawoll!
Am Montag vormittag genoß ich im Büro wieder einmal die Saat, die ich in den letzten Wochen durch winzige Anmerkungen sorgfältig gesät hatte: bewundernde Kommentare über meine Ausdauer, meinen Trainingsfleiß, die enorme sichtbare Stählung meines Körpers durch das aberwitzige Trainingspensum und meine schier übermenschliche mentale Härte (in unserer Firma läuft keiner über 5 km).
Gegen mittag fühlte ich mich nicht so gut, am abend hatte ich Durchfall, nachts kam noch Erbrechen hinzu, ich hatte Schüttelfrost. D.h., mein Energie-, Wasser-, Wärme- und alle anderen Haushalte waren das, was der Pathophysiologe gemeinhin als gestört betrachtet.
Das ganze dauerte bis einschließlich Mittwoch, in dieser Zeit lag ich fast nur. Ich dachte positiv, da ich mir ausrechnete, welchen zeitlichen Vorteil ich durch die in den drei Tagen verlorenen 2,5 kg wohl beim Marathon haben würde.
Am Freitag gings mir besser, ich stopfte mich mittags mit Reis voll und überhörte das Gequatsche meiner ärztlich und sportwissenschaftlich ausgebildeten Kollegen, dass der Körper nach solch einer Infektion mindestens 10 Tage zur Regeneration bräuchte und dass das ein Desaster gäbe blablabla. Rein theoretisches Geschwätz, die haben ja keine Ahnung, was in meinem Hochleistungs-Körper so alles steckt! Dachte ich mir.
Das Rennen
Ich fühlte mich prächtig. Als ich mit dem Shuttle-Bus vom Parkhaus zur Messe fuhr, die ganzen anderen Läufer um mich herum, die Passtschon´ler in der Festhalle- das war schon ein unglaublich gutes Gefühl!
Der Regen kam für mich als Mega-Schwitzer (siehe oben, Stichwort "gestörter Wasserhaushalt") gelegen (ich malte mir dadurch schon Zeiten von unter 3:50 aus!). Aber gemach, gemach. Der Startschuß fiel, und ich hielt mich genau an meine Zeitvorgaben, d.h. auf den ersten 12 km gemütlich im 6´er Schnitt, um dann auf 5:30 zu erhöhen. Endlich laufen! Ich fühlte mich wie ein junger Hengst, den man zu lange eingesperrt hat, wie eine liebestolle Gazelle und was weiß ich für was noch.
Bis km 10.
Dann fühlte ich mich eigentlich nur noch wie ein altersschwacher Brauereigaul.
Es kam plötzlich und traf mich völlig unvorbereitet: Mein Herz raste, ich litt an Schüttelfrost, hatte Bauchkrämpfe und war völlig platt- von einem Moment zum anderen! Ich nahm Tempo raus, hatte jedoch schon Mühe, überhaupt noch einen Schnitt von 6:45 aufrechtzuerhalten. Nichts ging mehr, rein gar nichts. Bei km 15 musste ich die erste Gehpause einlegen, ohne dass es mir hinterher einen Deut besser gegangen wäre. Einziges Ziel: km 20, denn da stand Gunter mit einem trockenen, also wärmenden Ersatzlaufshirt und Verpflegung. Doch wie bis dahin kommen? Laufen-gehen-Laufen-gehen. Zwischendurch überholte mich Joey Kelly und sein Team, was mich beruhigte, da ich dachte, dass ich dann ja bisher nicht so langsam war, bis ich hörte, dass er letzte Woche irgendeinen Ultramarathon absolviert hätte. War mir da auch schon egal, soll der doch machen was er will!
Km 18: Scheiße, wann kommt der Gunter endlich? Gehen. Laufen.
Km 19: Gehen. Laufen.
Km 20: Gunter!!! Wir verstanden uns ohne viele Worte:er sah mich an und fragte nicht, was los sei und warum ich jetzt erst käme. Er sah es.
Nur noch 22,195 km.
Mir war schlecht.
Nächstes Ziel: Lisa, der nächste Passtschon-Support bei km 30. Ich weiß von km 20-25 nicht mehr viel. Es ging immer weiter, mehr als 2 km Laufen (wenn man das so nennen kann) am Stück war nicht drin. Mich überholten Tausende. Irgendwann kam die Station "Rücktransport per Bus", doch in dem wollte ich weiß Gott nicht landen (es sei hiermit an die enorme Erwartungshaltung in meinem Bekannten- und Kollegenkreis erinnert!).
2 km später überholte mich ein Niederländer mit Badeschlappen. Das war der Tiefpunkt.
Und endlich war Lisa zu sehen!!! Ich blieb kurz stehen, berichtete in dünnen Worten das Erlebte und hätte mich am liebsten in die Trinkhalle schräg gegenüber gesetzt, wo gut gelaunte Mittfünfziger den Marathon auf Ihre Weise feierten. Doch dazu war mir zu übel. Und was soll ich sagen: gerade als ich mir überlegte, dass es noch ziemlich weit sei und ich ziemlich fertig war, meinte Lisa, dass sie mich begleitet. Ich sah sie kurz an und dachte mir, dass sie mit Ihren Wanderschuhen und dem Rucksack für mein Tempo genau richtig gekleidet war! Lisa nahm mir als erstes meine Trinkflasche ab, füllte sie an jeder Wasserstation, holte mir an der Tankstelle eine Cola und erzählte mir Gott weiß ich was, so dass wir einen Kilometer nach dem anderen hinter uns ließen. Gunter trafen wir dann bei km 35 wieder. Hier stand auch ein Streckenposten, der mich fragte, ob ich einen Sanitäter bräuchte (kein Witz!), was ich ebenso wie Gunters Bier- dankend ablehnte.
So dahinschlurfend begleitete uns dann noch Bertram und Gunter per Fahrrad auf den letzten Kilometern, bis ich am VanMan bei km 39 vorbeikam, der -von Gunter gebrieft- mich nochmals übers Mikrofon anfeuerte. Das Publikum ging hier super mit, was mir nochmals einen absoluten Kick bis ins Ziel verpasste! Endlich sah ich das Ziel! Ich war zu dem Zeitpunkt in einem vollkommenen Rauschgefühl, habe sogar mein Tempo gesteigert. Als ich -natürlich mit Lisa- durch das Ziel bin, war das der absolute Wahnsinn, ein Gefühl, das man -glaube ich- nie vergisst!!! Lisa, Du warst spitze!
Dass es keine Medaillen mehr gab, war mir scheissegal.
Die Zeit: 5:00:10.
Viel wichtiger: ich bin durchgekommen! ICH HAB´S GESCHAFFT!!!
Bereits 1h später ging es mir schon wieder prächtig, auch heute, also einen Tag danach, habe ich zwar leichten Muskelkater, mehr aber nicht.
Außer bei Lisa und Gunter muss ich mich natürlich bei vielen Leuten bedanken:
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Bei Herbert Steffny für sein Buch.-
Bei dem verrückten Langhaarigen, der bei ca. km 25 mit seinen überdimensionalen Boxen mit Jethro Tull sich und mich nochmals gepusht hat.-
Bei der jungen Dame, die mir bei km 24 das Bölts-Zitat auf ein Plakat gepinselt vor die Nase hielt: "Quäl Dich, Du Sau!"-
Bei der älteren Dame, die mir aus Ihrem Garten heraus bei km 26 ihre eigenen Bananen angeboten hat. War echt gut!-
Bei allen notorischen Lügnern, auf der ganzen Strecke verteilt, die ständig schrien: "Das sieht ja guuut aus!!! Jetzt hast es ja bald (und das schon ab km 15!)!!" Obwohl ich wusste, dass Ihr lügt wie gedruckt, hat es trotzdem geholfen!Danke!!
made by Thomas ®, im Oktober 2001