Bericht vom New York-Marathon 2000
Von Philipp Wehnelt, München
für Passtschon98
Ich kann nur sagen, ein absolut beeindruckendes Erlebnis, erstens die Stadt selbst und dann natürlich der Marathon.
Start erst um 10:50 Uhr auf Staten Island, trotzdem schon Abfahrt vom Hotel um 7:30 Uhr bei frischen 5°C mit sehr starken Windböen. Startgelände unmittelbar am Fuß der Verrazano Bridge in einem Army Fort. Gott sei Dank ist man vorher drauf hingewiesen worden, Wegwerfklamotten mitzunehmen, da man seine Tüte schon 2h vor dem Start abgeben muss. So hat man ausgiebig Zeit sich warm zu machen, die längste Pinkelrinne der Welt zu besuchen (ca. 250m lang, ein Spaßvogel hat dann dort eine Plastikente runterschwimmen lassen), oder ausgiebig zu frühstücken mit Bagels, Bananen, Joghurt, Corn Flakes und jeder Menge Getränke.
Vor dem Start wird noch schnell die US Nationalhymne von irgend 'nem Johnny vorgesungen dann gehts mit Kanonenschuss los. Durch meine Zeit vom Paris-Marathon (3:27h) bin ich ziemlich weit vorne eingeteilt und schon nach einer Minute über die Startlinie gelaufen. Der Wind ist so stark, dass ich sogar meine Mütze abnehmen und meine Startnummer festhalten muss. Das ging echt gut los. Ziemliche Steigung die Brücke hoch, dann aber runter in die Häuserschluchten, was den Wind erträglich macht.
Die folgenden 15 Kilometer geht es durch Brooklyn mit zumeist abfallender Strecke. Fantastische Stimmung durch das anscheinend hauptsächlich hispanische Viertel. Lauter "Mexico, Mexico" Rufe, und haufenweise lateinamerikanische Musik, Samba, Merengue usw. Zwischendrin auch mal durch ein jüdisches Viertel, wo alle im Sonntagsanzug an der Strecke stehen, aber keiner angefeuert wird - eigenartiger Kontrast. Gegen Ende der Brooklyn Strecke kommt die 2. Brücke, aber erheblich kleiner und gut zu nehmen. Kurz durch Queens, den Halbmarathon in 1:38h genommen und dann auf die Queensboro Bridge. Langer Anstieg, einsam und wieder windig. Die Brücken haben es echt in sich in New York.
Dann aber heißt es abtauchen in Manhattan, die Strecke nach der Einsamkeit der Brücke nun schwarz vor Menschen. Riesenstimmung und du wirst wie von einer Wolke getragen. Jetzt ist die Strecke einfach, immer nur geradeaus die nächsten 6-7 Kilometer und leicht wellig geht's in die Bronx. Komischerweise gibt es beim NYC Marathon nichts zu essen, nur bei Meile 18 "Power Gel", das allerdings dann in Massen. Viele Zuschauer (2 Mio. an der Strecke) haben aber auf eigene Faust Bananen, Orangen, Kekse, Lutscher (!) und Bonbons (!) gekauft und verteilen diese an die Läufer, so ist das also auch kein Problem.
Über Brücke Nr.3, komisches Eisengitter mit Teppich belegt, aber unangenehm zu laufen, beginnt der Schlenker durch Harlem. Hab aber kaum etwas von diesem Stadtteil mitbekommen, war wohl mehr mit mir selbst beschäftigt. Langsam wird's zäher, wir nähern uns km30. Über Brücke Nr. 4 wieder zurück nach Manhattan und auf in Richtung Central Park. Dieser ist kurz nach km35 erreicht und jetzt geht fast der härteste Teil los. Immer wieder lange Steigungen und kurze "Abfahrten". Komischerweise ist hier die Zuschauerbeteiligung nicht mehr so intensiv, aber vielleicht ist man einfach durch Brooklyn und den Anfang in Manhattan verwöhnt (oder auch nur zu kaputt um das zu merken). Noch mal raus aus dem Park, eine lange Steigung hinauf und ab geht's ins Ziel bei wirklich wunderschöner Herbststimmung. Es ist echt geschafft, ich würde mich am liebsten hinlegen und nicht mehr aufstehen. Aber nix da, Medaille abholen und dann noch mal 3km weiterschleppen, in Decke einwickeln, Essen abholen und nach 15min beim LKW Wechselklamotten abholen. Letztendlich habe ich dann als 2963. "gefinished" bei etwas mehr als 30.000 Teilnehmern.
Summa summarum der beste Marathon, den ich je erlebt habe mit einem fantastischen Publikum in einer beeindruckenden Stadt.
made by Philipp ®, im November 2000