1. Pharaonenrennen in Ägypten über 100 km

Ab nach Hause...

Eine Kombination aus Sport, Kultur und Tradition

"Hier ist der Start, dort das Ziel.
Dazwischen mußt Du Laufen."
Emil Zatopek

Bei meinem 1. Lauf über 100 km in Biel dieses Jahres fiel Paul, mein Laufmentor, der mich einst zum Marathon brachte, und mir die Ausschreibung für das 1. Pharaonenrennen über 100 km in Ägypten in die Hände. Das eine Rennen noch nicht begonnen liebäugelte ich bereits mit der Idee, daran teilzunehmen. Fasziniert davon, ein für mich noch unbekanntes Land mit seinen Menschen und seiner Kultur in Verbindung mit der Wiederauflage eines über 2500 Jahre alten Laufes kennenzulernen.

Gemäß einer mit Hieroglyphen versehenen Stele (schmale Steinplatte), die 1977 bei Ausgrabungen gefunden wurde, hat dieser Lauf erstmalig 690 - 665 vor Christus stattgefunden. Pharao Taharqa soll für seine Soldaten diesen Lauf über in etwa 100 km von Sakkara zur Oase Fayoum veranstaltet haben. Um dieses Andenken wieder mit Leben zu erfüllen, dabei Sport, Kultur, Tradition und Tourismus zum gegenseitigen Vorteil zu verbinden, wurde das 1. Pharaonenrennen ins Leben gerufen, das am 9. November 2001 seine Premiere hatte. Der Streckenverlauf (AIMS vermessen) wurde dem historischen Vorbild nachempfunden. Er führte von der Stufenpyramide in Sakkara an der Dahshur Pyramide vorbei, verlief viele Kilometer an einem Bewässerungskanal im Niltal entlang zur Medum Pyramide, von dort durch die Wüste an der Oase Fayoum vorbei zur Hawara Pyramide als Zielpunkt. Die Strecke war fast gänzlich asphaltiert.

Nach 2 interessanten, ereignisreichen aber auch anstrengenden Besichtigungstagen in Kairo und Umgebung war es dann soweit. Morgens um 3:30 klingelte der Wecker, ich lag jedoch bereits mit wachen Augen im Bett. In Ruhe wollte ich mich ankleiden und alle Vorbereitungen treffen. 4:15 Frühstück im Hotel mit reichhaltigem Frühstücksbuffet, 5:00 Transfer zum Startpunkt.

Gelaufen werden konnte sowohl als Einzelläufer als auch in Staffeln mit bis zu 5 Personen. 25 Einzelläufer und 13 Teams waren gemeldet, von denen jedoch nicht alle antraten. Vielleicht aufgrund der politischen Lage in Afghanistan, die auch meine Frau Ingrid und mich im Vorfeld der Reise belasteten. Vor Ort stellten sich unsere Befürchtungen als gänzlich unbegründet heraus. Ganz im Gegenteil wurden wir auch abseits der zur Zeit recht schmalen Touristenströme in kleinen Teehäusern herzlich empfangen und erlebten unser sprachliches Unvermögen als größtes Hindernis den Kontakt mit den Einheimischen zu vertiefen. So kamen ca. 20 Einzelläufer, davon Ingeborg Urbach aus Köln als einzige Frau, und 50 Staffelläufer/innen zusammen. Eine für die Veranstalter enttäuschend geringe Zahl, hatten sie doch mit erheblich mehr Interesse gerechnet. Die deutschen Teilnehmer überwogen bei weitem, allein 14 bei den Einzelstartern. Jedem Einzelläufer sowie jeder Staffel standen ein geräumiges Begleitfahrzeug mit ausreichend Wasser, Bananen und Fahrer zur Verfügung, indem auch Begleitpersonen bequem Platz fanden. Paul und ich beschlossen als Einzelläufer zusammen zu bleiben und uns ein Fahrzeug zu teilen, in dem auch unsere Begleiterinnen Gabi und Ingrid Platz nahmen.

Der Start, weches Flair, 6:00 morgens, Sonnenaufgang, der Himmel färbt sich rot. Direkt vor der Stufenpyramide in Sakkara, der Startbogen, aufglühend in den ersten Sonnenstrahlen, der Startschuß, los geht’s.

Vorgenommen hatte ich mir für die ersten 50 km einen Schnitt von 6:30 / km. Nach 3,3 km der erste Kontrollpunkt, 6:06 / km, zu schnell. Aber es lief so gut, die noch angenehm kühle Temperatur, der rote Sonnenball im Dust zusammen mit den schemenhaften Dattelpalmen, also weiter so. Bis auf eine kleine Wendeschleife zur Dahshur Pyramide, um exakt auf die 100 km zu kommen, verlief die Strecke bis km 70 durch das grüne Niltal an einem Bewässerungskanal entlang. Rechts und links Felder, Dattelpalmen, Eukalyptusbäume, gelegentlich kleine Ortschaften. In den Ortschaften war jeder Läufer sofort von einer Kinderschar umringt. Für sie und auch die anderen Dorfbewohner ein unverständliches Erlebnis, steht für die meisten doch das Überleben in kärglichen Verhältnissen im Vordergrund. Dennoch viele Hallo-Rufe und zumeist ein freundliches, offenes Lächeln auf den Gesichtern, das mir wohl tut und mich für diese Menschen spontan einnimmt. Habe ich erstmal einem Kind die Hand abgeklatscht, dessen Gesicht ob dieser Geste erstrahlt, verlieren die anderen ihre Scheu, laufen neben mir, zum Teil erstaunlich lange, her und strecken mir auch ihre Hände entgegen. Ansonsten erfolgt ein sich ständig wiederholendes Spiel, das mich auf Dauer doch ermüdet. "What is your name?", "My name is Günter and what is your name?", Achmed, Mohammed, .............. Und wieder von vorne, da es ansonsten mit Verständnismöglichkeiten auf beiden Seiten hapert.

Später erklangen in einzelnen Ortschaften auch andere Töne: money, money, money, das nervte, wenn auch aufgrund der ärmlichen Verhältnisse verständlich. Als mir jedoch ein Stein an den Kopf flog war die gute Laune erstmal dahin, auch wenn es nicht sonderlich weh tat. Auch die anderen Läufer berichteten von vereinzelten Steinwürfen. Zu betonen ist, daß dies wenige Ausnahmen gewesen sind. Nachdem ich meinen Ärger lautstark Luft gemacht hatte, waren alle sehr erschrocken und weitere Vorfälle blieben aus. Mit nachlassenden Kräften wurde ich einsilbiger, versuchte mich mehr auf das Laufen zu konzentrieren. Ingrid verlies jetzt in den Ortschaften das Begleitfahrzeug und versuchte mich abzuschirmen. Wir baten die Läufer begleitende Polizei auf die Kinder einzuwirken, wenn es zu arg wurde. Einderseits schade, ist man ja Botschafter seiner eigenen Kultur, andererseits mußte ich bei dieser Distanz versuchen ein Gleichgewicht zwischen Kontakt zu den Einheimischen, Kräfteverbrauch und Konzentration zu finden.

Bei einer kleinen Gehpause ein Gespräch, das mich berührte:

"In which religion do you belief?"

"I believe in God who, may be, is also your God. God loves all the people, he loves you and me?"

Er strahlte, die Antwort schien ihm gefallen zu haben, bedankte sich und bog ab.

Später wurden Ortschaften immer seltener, landwirtschaftliche Nutzfläche überwog. Rechter Hand war gelegentlich die Wüste zu sehen, das fruchtbare Land entlang des Nils ist schmal. Nach ca. 5:15 Stunden hatten Paul und ich die ersten 50 km hinter uns gebracht. Meine Muskulatur im linken Oberschenkel war bereits verhärtet, eine gekonnte Massage von Ingrid verschaffte etwas Linderung. Bei km 60 war ich erschöpft und schlug Paul vor, den Rest der Strecke als 2er Staffel zu bewältigen, er lehnte ab. Am Straßenrand traff ich auf einen Schweizer in seinem Begleitfahrzeug, der aufgegeben hatte. Seine Batterien seien leer, wie er sagte, die restlichen 40 km zu weit. Allerdings hatte er eine unglaubliche Kostbarkeit im Wagen, eine Kühlbox mit Cola, göttlich. Zwischenzeitlich hatte sich nämlich der morgendliche Dunst gänzlich verzogen , die Sonne schaute mit ca. 30° von einem strahlendblauem Himmel auf uns herab. Der Flüssigkeitsverlust beim Laufen war groß und dennoch ging mit das laue Wasser aus unserem Begleitfahrzeug kaum noch die Kehle hinunter. Und dann DIESE Cola, ein Juwel, KÖSTLICH. Vielen herzlichen Dank an den unbekannten Schweizer an dieser Stelle. Ab km 60 ging es nur noch ums Durchkommen, ums Überleben. Paul und ich schleppten uns in 5 km Etappen dahin (alle 5 km war die zurückgelegte Entfernung auf den Asphalt gemalt).

Ab km 70 bis ins Ziel begann das große Wüstenerlebnis, die Laufstrecke führt auf einer asphaltierten Straße in die Wüste hinaus, an der Medum Pyramide vorbei. Gegenüber ein vom Sand teilweise zugewehter Friedhof, zerfallene aber auch neu angelegte Gräber. Die Toten werden nicht im kostbaren Ackerland, sondern in der unfruchtbaren Wüste bestattet. Bei km 75 dann Endzeitstimmung. Die Straße übersät von totgefahrenen Hunden, in allen Stadien der Verwesung. Sie wollten oder kamen von der großen Mülldeponie am Straßenrand auf der Suche nach Nahrung und wurden von den vorbeirasenden Fahrzeugen erfaßt, die im Dunkeln nur mit Standlicht oder gänzlich ohne Licht heranbrausen und nur bei Verdacht auf Gegenverkehr kurz aufblenden. Stinkende Dunstschwaden wehten herüber. Mit langen Stangen stocherten Kinder in den Müllbergen herum, auf der Suche nach Verwertbarem. Was tue ich hier überhaupt?

Bei km 75 kam der Einbruch für Paul. Aus einer 5 Minuten Pause im Begleitfahrzeug wurden 10, ich lief langsam wieder los, hat die Pause meine Beinmuskeln doch unangenehm steif werden lassen. Jetzt ging es nur noch im Wechsel zwischen Gehen und Laufen voran. Die angepeilten 11:30 Stunden waren nur noch Makulatur, mehrfach dachte ich ans Aufgeben, aber hin und wieder ein aufmunterndes Wort von Ingrid, dem einen oder anderen Mitläufer, Du schaffst es, sowie das Zugeständnis des Veranstalter das Zeitlimit von 12 Stunden aufzuheben, genügten, immer wieder ein paar km hinter mir zu lassen. Gegenüber anderen Läufern verhielt ich mich ebenso, nur noch xx km, das schaffst Du, so kurz vor dem Ziel etc..

Trotz aller Erschöpfung konnte ich den raschen Sonnenuntergang, den rötlich eingefärbten Himmel mit der Oase Fayoum im Hintergrund in mich aufnehmen, dann fiel die Dunkelheit über die restlichen Läufer hernieder. Paul war inzwischen 2 km hinter mir und holte nicht mehr auf. Das wurde in der Dunkelheit zum Problem für uns und unser Begleitfahrzeug, das jetzt zwischen uns hin und her pendelte. Auch nicht ganz ungefährlich, hatte die Straße doch Löcher und gab es Abbrüche am Straßenrand, sowie wegen den vorbeibrasenden, zum Teil unbeleuchteten Fahrzeugen. Bei km 92 beschloß ich daher im Begleitfahrzeug so lange zu warten, bis Paul wieder aufgeschlossen hatte. Er benötigte gut 15 Minuten und war danach nicht mehr in der Lage weiter zu laufen. Obwohl der stärkere Läufer von uns beiden war er anscheinend gesundheitlich stark angeschlagen (daheim lag er dann mit Durchfall im Bett). Ich schaffte es nach der Pause nicht mehr mit meinen schmerzenden Beinen richtig anzulaufen. Vom Mitleid überwältigt ob des Häufchen Elend im Scheinwerferlicht sprang Ingrid aus dem Auto und schleppte mich mit Power-Walking bis in Ziel, das ich als 12ter und letzter Einzelläufer nach 13:31:24 Stunden glücklich erreichte.

Noch Tage dannach plagte mich ein Muskelkater, wie ich ihn nur von meinem 1. Marathon her kannte. Ohne es genau zu wissen glaube ich, daß nicht die Strecke, sondern die Geschwindigkeit tötet. Für meinen Trainingszustand und die herrschenden Verhältnisse bin ich die ersten 50 km zu schnell angegangen, was sich hinterher bitter rächte.

Aber dennoch, ein unvergeßliches Erlebnis dieser Lauf mit seinen Höhen und Tiefen, Sonnenauf- und -untergang, die zahlreichen Kinder, die vielen offenen, lächelnden Gesichter, dieser eine Steinwurf, die Cola des Schweizer, Endzeit an der Mülldeponie, Ingrid, der Engel aus dem Begleitfahrzeug. Dank gebührt Gasser Riad für die Verwirklichung der Idee vor Ort, Roland Winkler aus Berlin, der über alle maßen engagiert für die Strecken- und Lauforganisation verantwortlich zeichnete, Christel Schemel von der Reisezeit, die uns mütterlich zur Seite stand und, und, und ......

Ich wünsche diesem Lauf in Zukunft größerem Zuspruch, auf daß er sich dauerhaft etabliert und viele Läufer/innen findet, die mit Offen- und Gelassenheit auf das berechtigte Interesse der Bevölkerung vor Ort eingehen. Wichtig für die Akzeptanz vor Ort war sicherlich, daß bei den Einzelläufern der einzig teilnehmende Ägypter Mahmud Ali Dehais in 8:35:20 Stunden gewann (sein 1. 100 km Lauf), der so sehr auf eine Einladung nach Europa hofft, um sich weiter verbessern zu können, sowie die ägyptische Staffel.

Alf Shukran - Maasalama - Tausend Dank - Auf Wiedersehen

Günter Böhnke

made by Günter Böhnke für Passtschon98 ®, im November 2001