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Ab nach Hause...

Das ist die Bezeichnung für meinen bisher längsten Lauf und eine Verrücktheit, die sich nur Amerikaner ausdenken können. Mit 6 Leuten verbringen wir den ganzen Freitag im Auto, um von San Diego, Ca. ins Grand Canyon Village zu fahren. Schon das ist für meine deutschen Augen natürlich ein Erlebnis, denn es sieht hier so aus wie in den Western Filmen. Trotzdem gibt es auch hier ganz normale Bussarde und Wildschweine und jede Menge Fast - Food Stops.

Samstag war es dann so weit. Schon um 4:30 klingelte der Wecker und um 5:30 standen wir oben am Südrand des Canyon (2091m hoch) bei –4grad Celsius im Dunkeln. Nur gut, dass ich das vorher nicht so genau gewusst hatte, aber jetzt war es so weit. Mit Taschenlampe und Handschuhen ging es auf dem South Kaibab Trail hinab in den Canyon. Bei 6 Leuten ist das eine langwierige Sache, bis alle ein gemeinsames Tempo gefunden haben, bis alle Taschenlampen auch wirklich funktionieren und bis sich alle genug an und ausgezogen haben. (Ihr wisst ja, das Geduld bei sowas nicht gerade meine Stärke ist). Dafür wurden wir jetzt mit einem langgestreckten Sonnenaufgang verwöhnt. Vom ersten Morgengrauen über orangebunte Bänder am Himmel bis zu den ersten Strahlen – es war beeindruckend. Dazu kam, dass man anhand des Sandes unter den Füßen und der Felswände neben sich die einzelnen Zeit-Stufen des Canyons erleben konnte. Nach einigen Photostops waren wir um 6:30 unten an der Brücke und schon bald an der Phantom Ranch (732m). Dort wurden neben Bananen und Snickers auch die ersten Peanut Butter and Jelly Sandwiches verputzt. Unsere 3 Herren hatten sich scheinbar unerschöpfliche Rucksäcke aufgeladen – quälten sich aber alle mit Knieproblemen nach dem doch etwas steilen bergab Gehopse. Ich hatte mir zwar auch 3 Liter Wasser und Gatorade aufgeladen (da im Winter viele Wasserstellen abgestellt werden) aber zum Glück keine Knieprobleme und so musste ich am Cottonwood Campground wieder ¼ h warten, bis die anderen kamen. Da die Sonne in diesem Canyon noch nicht reinschien, war das eine kühle Angelegenheit und so beschlossen wir, dass ich mit einem Autoschlüssel versehen, doch einfach mein Tempo laufen sollte. Zunächst versperrte mir ein Hirsch den Weg, weil er zu seinen Weibern unten an den Fluss wollte und ich ihm auf meinem Trail in die Quere kam. Dann aber gab es kein Halten mehr. Nach der Roaring Springs Hut war ich auf der Sonnenseite und konnte endlich auch die lange Hose ausziehen. Allerdings wurde es jetzt auch wieder steil, so dass Wandern angesagt war. Wieder gab es beeindruckende Ausblicke und immer wieder fragte ich mich, wo es überhaupt einen Ausweg aus dem Canyon geben kann, bis der Weg sich irgendwie doch immer höher wand und mich um 11:45 endlich den Parkplatz am NorthRim (2516m) erreichen ließ.

Damit hatte auch ich mir ein Sandwich verdient. Skeptisch blickte ich den Brocken der ‘extra chunky peanutbutter’ entgegen, aber erstaunlicher weise haben sie mich auf dem Rückweg nicht belästigt. Auf den Besucher-Info-Tafeln war die Entdeckung dieses Weges beschrieben und der Hinweis, man sollte nicht an einem Tag versuchen in den Canyon hinab und wieder raus zu steigen (zu anstrengend). Nur gut, dass die Ranger nicht wußten, was wir auf unseren Fahnen stehen hatten. Pünktlich zur Mittagsstunde lief ich wieder los und begegnete schon bald den anderen, die mir über 20min verteilt entgegen kamen und alle fragten, wann man den endlich oben sei. Ich war von der Gegend ganz trunken und hüpfte munter den Weg hinab. Die ganze Welt hätte ich umarmen können und dann diese roten Felswände, und die grünen Tannen und unter mir die rauschende Quelle und irgendwo ganz unten der Bright Angel Creek. Nicht nötig zu schreiben, dass auch das ein Ende fand. Irgendwo zwischen Roaring Springs und Cottonwood wird das Gefälle merklich flacher und so musste ich wieder mehr Laufen anstatt zu bremsen. Es drängte mich auf Klo und Durst machte sich bemerkbar. Also bei den Cottonwoods eine Pause einschieben, den Wassersack auffüllen, Pinkeln und den ersten PowerBar essen – eher reinschieben, den lecker find ich die nicht gerade, aber es hat geholfen und so wurden auch die Meilen bis zur PhantomRanch (ein stetiges bergab, was ich 1999 schon mal mit Mia gelaufen war) wieder zum Genuss. Hier gab es auch wieder mehr Wanderer, so dass ich schon mal angesprochen wurde und stolz erzählen konnte, von wo ich gerade kam. An der Ranch wurde das zweite Erdnussbutterbrot verputzt und Wasser nachgetankt, schließlich lag noch ein langer Anstieg vor mir. Um 3 überquerte ich die Hängebrücke, nachdem ich mich an 3 weiteren Hirschkühen vorbei gemogelt hatte, und dann ging es langsam aber stetig wandernd bergan. Ich wollte möglichst viel Strecke schaffen, solange es noch hell war. Nach 2h für den Abstieg sollte ich mit 4h für den Rückweg rechnen, hatte Mike mir noch mit auf den Weg gegeben. Die letzten Bergabwanderer, die mir entgegen kamen fragten auch besorgt, ob ich eine Taschenlampe hätte. Meine langen Laufsachen waren so klein verpackt, dass sie denken mussten, ich würde eher erfrieren, als oben anzukommen. Aber egal. Ein ‘elk’ (was auch immer das für eine Ziege/Schaf/Reh sein mag) war direkt neben dem Weg schon beim Abendessen. Für mich gab es jede Stunde einen Powerbar (ekelig diese Dinger). Meine vom Laufen müden Beine waren nun am Hang wieder verlässliche Wandergesellen. Nach 1 ¾ h begannen Dämmerung und Sonnenuntergang, so dass eine Schicht nach der anderen wieder angezogen wurde. Als es dunkel war, kam die Taschenlampe zum Einsatz und die Handschuhe und eine ganz schmale Mondsichel. Jetzt weiter oben im Canyon gab es heftige Windböen, die mich schon mal vom schmalen Trail pusten wollten, aber irgendwie habe ich es doch geschafft und schon nach 2 ¾ h war ich oben.

Wie? Das war schon alles? Übermütig und froh stieg ich nach 13 ¼ h ins Auto, verkrümelte mich in meinem Schlafsack und wartete Stunden auf die anderen. Als echte Amerikaner waren die nicht so im Training, hatten ihre Knieprobleme und mussten ja auch ständig Essenspausen einlegen. Trotzdem Hut ab vor deren Leistung. Waren sie ja viel länger unterwegs als ich und auch viel länger im Dunkeln. Die Phantom Ranch hatten sie erst um ½ 6 verlassen, da war ich schon fast oben.

made by Sabine W. ®, im November 2001