Der Sahara Marathon: Lauf aus dem Vergessen
1. Einleitung
2. Die Politik
3. Wir Menschen
4. Der Lauf
5. Schluß
1. Einleitung
Der Sahara Marathon ist ein Wohltätigkeitslauf, der auf friedliche Weise die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit - wieder - auf eine seit nunmehr 26 Jahren ungelöste Flüchtlingsproblematik lenken soll.
Vor 26 Jahren flohen über 100.000 Sahrauis, verfolgt von Bombardements der marokkanischen Luftwaffe, die schätzungsweise 25.000 den Tod brachten, in den Süden Algeriens, nachdem Spanien seine Rolle als Kolonialmacht in der Westsahara aufgab und Marokko das Land besetzte. Algerien gewährte ihnen Asyl im Südosten von Tindouf, einer kargen Wüstenlandschaft, wo sie in 4 Flüchtlingslagern - Smara, Auserd, Dahkla, El Aaiún - , von den Sahrauis benannt nach Städten ihrer Heimat, untergebracht wurden. Heute werden in den 4 Lagern schätzungsweise 170.000 Sahrauis, überwiegend Kinder, von der UNO sowie medico international und anderen Hilfsorganisationen mit dem Notwendigsten versorgt, wobei die Bereitschaft zur Unterstützung nach so langer Zeit abnimmt.
Unmittelbar soll durch mit dem Sahara Marathon verbundene Initiativen die Ernährung, medizinische Versorgung und Ausbildung der Kinder verbessert werden. Die Hoffnung, die von diesem außergewöhnlichen Lauf ausgeht, besteht letztendlich jedoch darin, die dort lebenden Sahrauis auf der Basis bestehender UN-Resolutionen in ihrem Streben nach Freiheit, Frieden und Selbstbestimmung unterstützen zu können und zu verhindern, daß Ziele mit Gewalt erreicht werden.
Der Sahara Marathon fand am 25.02.2002 zum zweiten Male, nach 2001, statt. Circa 400 Teilnehmer aus aller Welt nahmen daran teil, wobei Deutschland mit ungefähr 140 Teilnehmern am stärksten vertreten war.
2. Die Politik
"Wir sind kein Stück Kuchen sondern ein Land" skandierten hunderte von Sahrauis in Smara, einem Flüchtlingslager in Südwestalgerien nahe Tindouf, anläßlich des erstmaligen Besuches des algerischen Präsidenten Bouteflika zum 26. Jahrestag (27.02.2002) an dem die Widerstandsbewegung Polisario die Demokratische Arabische Republik Sahara (RASD) nach dem Abzug der letzten spanischen Truppen proklamierte. Der Ruf bezieht sich auf einen Vorschlag die Westsahara zwischen Marokko und den Sahrauis aufzuteilen, den der ehemaligen amerikanischen Außenministers Baker, im Auftrag der UNO, unter anderem gemacht hat, um eine seit über 10 Jahren verschleppte Lösung des Problems endlich herbeizuführen. Dabei besteht, basierend auf einem UN-Friedensplan, der ein Referendum über die Unabhängigkeit der Westsahara zum Inhalt hat, seit 1991 ein Waffenstillstand zwischen Marokko und der Polisario. Die Abhaltung des Referendums ist jedoch immer wieder durch Einsprüche und für die Sahrauis unannehmbaren Bedingungen seitens Marokko hinausgezögert worden. Marokko möchte zwar Frieden, eine Unabhängigkeit der Westsahara jedoch verhindern, ist doch die Westsahara , was seine Bodenschätze betrifft (vor allem Phosphat, zudem werden größere Erdölvorkommen vermutet), ein reiches Land. Marokko unterhält zudem gute Beziehungen zu europäischen Ländern sowie insbesondere den USA. So stellt sich die Frage wer in einer vorwiegend von Machtpolitik und wirtschaftlichen Interessen geprägten Welt einem kleinen, mittellosen Volk aktiv zur Seite steht, das nichts vorzuweisen hat, als im Recht zu sein.
Der Besuch des algerischen Präsidenten werteten die Sahrauis als einen Akt der Solidarität. Die Schlagzeile der algerischen Tageszeitung LEXPRESSION am nächsten Tag lautete: ALGÉRIE-MAROC CEST LA CRISE! (Untertitel: La visite du Président Bouteflika à la localité de Smara, spécialement dans le camps de réfugiés sahraouis à loccasion du 26e anniversaire de la RASD, sonne comme une suite de la réponse véhémente dAlger à Rabat qui annonce une crise sans précédent au Maghreb.) In der deutschen Presse blieb dieser Vorgang weitgehend unbeachtet.
3. Wir Menschen
Der Zielsetzung des Sahara Marathon folgend findet im Gegensatz zu anderen Wüstenläufen wie z.B. dem Marathon des Sables ein enger Kontakt zwischen Läufer/innen und den dort Lebenden statt. Die Teilnehmer sind jeweils zu fünft oder sechst bei Gastfamilien untergebracht, werden von diesen betreut und schlafen in deren Zelten oder Lehmhütten. Spanische Sprachkenntnisse sind dabei von Vorteil, lernen und sprechen doch insbesondere die sahrauischen Kinder, neben ihrer Muttersprache, ebenfalls spanisch. Ansonsten muß eine mehr oder weniger ausgefeilte Mimik und Gestik verbunden mit einer Portion Unbekümmertheit ausreichen.
Gastfreundschaft ist in der Tradition noch fest verankert. Dazu gehört auch die Teezeremonie, in deren Verlauf, während die Zeit dahingleitet, 3 Aufgüsse gereicht werden. Hierbei werden bereits Kulturunterschiede deutlich, sind wir als "westliche Hektiker" nicht ohne weiteres gewohnt dem Ablauf ganz beizuwohnen ohne uns abzuwenden und andere oder zusätzliche Aktivitäten zu entfalten. Wir werden noch mit Ringen und Armketten beschenkt, die Frauen erhalten einheimische Gewänder, später färben sich auch ihre Hände und Füße mit Henna, aufgebracht von der Gastmutter.
Die Familien werden vorab mit den Dingen versorgt, die notwendig sind, uns zu bewirten. Dies beschränkt sich im wesentlichen auf ein einfaches aber ausreichendes Frühstück mit Brot, Butter, Marmelade und Kaffee. Mittags und abends nehmen die Teilnehmer am Sahara Marathon das Essen gemeinsam in einem großen Versammlungssaal ein, nicht wie noch im Jahr zuvor bei den einzelnen Gastfamilien. Unser kleiner, treuer Führer Abdu-Abdut, Sohn der Gastmutter, bringt uns dorthin, damit wir in dem uns noch verwirrend strukturlos erscheinenden Lager nicht verlaufen, steht für uns kaum unterscheidbar Hütte an Hütte, Zelt an Zelt, gedacht als kurzfristiges Provisorium für über 40.000 Sahrauis allein in Smara, das bereits 26 Jahre andauert. Am Eingang des Saales dann der Schmerz, wir müssen unseren Begleiter zurücklassen, die Wachen am Eingang lassen keine Ausnahmen zu. Wie wirkt es auf ihn? Was denkt er sich dabei? Ausgesperrte Bevölkerung während wir speisen.
Am Abend nach unserem Ankunftstag warten wir ca. 1 Stunde vor dem noch geschlossenen Speisesaal. Das sind wir nicht gewohnt, Unmut steigt empor, der Magen knurrt. Der Bürgermeister von Smara Herr Abdelkader Taleb Omar möchte uns willkommen heißen und hat sich verspätet. Endlich werden wir eingelassen, die Tische sind gedeckt - aber man bittet uns aus Höflichkeit gegenüber dem Bürgermeister zu warten. Vergeblich, der Überlebensinstinkt triumphiert, essen, bevor vielleicht die anderen alles vertilgt haben. Der Bürgermeister nimmt in seiner Rede die Situation auf: Hätten wir die Wartezeit nicht auch nutzen können, uns Gedanken über die Situation der Menschen vor Ort zu machen? Sie warten seit 26 Jahren auf ihre Rückkehr in die Heimat. Was ist da für uns 1 Stunde? Als was empfinde ich mich, bin ich Gast, Tourist oder Pauschaltourist mit Anspruch auf minutengenauen Ablauf des Programms? Suche ich nicht neue Erfahrungen, ein wenig Abenteuer, die Stille der Wüste? Der Abend klingt versöhnlich mit traditionellen Tänzen und Liedern aus.
Unsere Gastfamilien gehören im Lager zu den "wohlhabenden" Familien. Zelt oder Hütte sind mit Teppichen ausgelegt, es findet sich ein kleiner Schrank, eine Uhr an der Wand. Sie besitzen zudem eine eigene Toilette, eine niedrige Lehmhütte mit Wellblechdach und einem Loch im Boden. Unsere Gastfamilien gehören somit nicht zu den wirklich Bedürftigen im Lager, aber diesen Minimum an Komfort benötigen wir, um uns wohl zu fühlen. Wasser ist jedoch auch hier kostbar. Es wird mit Kanistern von im Lager verteilt aufgestellten Behältern geholt, die per Tankwagen befüllt werden. Eine kleine Kanne, eine Plastikschüssel, eine Handvoll Wasser reichen für Gesicht, Nacken und zum Zähneputzen.
Unsere Gastfamilie erhält von uns Geschenke, Kleidung, vor allem Nahrungsmittel. Da wir recht viel mitgebracht haben, zudem zu sechst sind, gehen unsere Frauen Ingrid und Kerstin in Begleitung eines einheimischen Lehrers zu bedürftigen Familien, eine ans Herz gehende Erfahrung. Aber dazu bedarf es zu allererst der Überwindung von Gefühlen des Unbehagens, der Unsicherheit, der Angst. Sie verlassen die ärmsten Hütten nicht, ohne zumindest eine kleine Gegengabe oder Tee gereicht bekommen zu haben, was nicht abgelehnt werden darf.
Dennoch, Schenken, so erscheint mir, will auch gekonnt sein. Wie weit ist es vom Geschenk zur Forderung? Werden Geschenke bei aller Nächstenliebe wahllos, ohne Gegenleistung verteilt, wird dies schnell auch zukünftig erwartet. Die Folge des eigenen Fehlverhaltens ist, daß gebettelt wird, was einen dann selber wiederum auf die Nerven geht und abschreckt. Caramelo, caramelo, Bonbon, Bonbon schallt es uns immer wieder auf dem von den Teilnehmern am meisten begangenen Weg zum zentralen Sammelplatz in den Ohren, etwas abseits verschwindet dieses Rufen, scheue, zurückhaltende, freundliche Neugier ist, was uns dort begleitet. Hier erscheinen mir zukünftig tiefergehende Gedanken hinsichtlich "Hilfe nur zur Selbsthilfe", "keine Gabe ohne Gegenleistung" und, damit verbunden, eine bessere Vorbereitung der Teilnehmer von Vorteil. Für Anregungen und Hinweise diesbezüglich bin ich sehr dankbar.
Am meisten Freude machen mir die Kinder, ihre scheue Neugier am Anfang, später ihre Unbekümmertheit und ihr Lachen. Wir haben viel Spaß miteinander, Händeklatschen, Tanzen, gegenseitiges Verkleiden, Zeichnen, es gehört so wenig dazu, glücklich zu sein.
Und zuletzt habe ich mich dann doch noch geärgert. Zwei von uns, die stark an Durchfall, Fieber und Kreislaufproblemen litten, wurde beim Transport ihres Gepäckes zur Abfahrtstelle nicht vom 22-jährigen Sohn der Gastfamilie unterstützt, auch die Mutter sagte kein Wort, jedoch der kleine Sohn, unser treuer Begleiter der vergangenen Tage Abdu-Abdut, half beim Tragen des Handgepäcks.
4. Der Lauf
Am Montag morgen um 9:00 wurde der 2. Sahara Marathon in Smara mit ca. 200 Teilnehmern gestartet. Weitere 200 Teilnehmer verteilten sich auf die zusätzlich angebotenen Distanzen über 5 und 10 km sowie über die Halbmarathon Distanz. Sie wurden vorab mit LKWs zu ihren jeweiligen Startplätzen gebracht. Der Marathon selbst verbindet 3 der 4 Flüchtlingslager: Start in Smara, Halbdistanz und Start Halbmarathon in Auserd, Ziel für alle in El Aaiún.
Da es morgens noch recht frisch ist, waren wir zumeist mit Trainingsanzügen bekleidet, die wir vor dem Start den Zuschauern als Geschenk übergaben. Unter deren Jubel erfolgte dann der Start, die Frauen trieben uns mit den so typischen, trillernden Zungenlauten in die Wüste hinaus. Nur kurz ging es über eine asphaltierte Straße, dann lag nur noch Geröllwüste vor unseren Füßen, gut zu laufen, nicht zu sandig, allerdings auch kein großartiges Dünenerlebnis. Sanddünen konnten wir dann am Abend vor unserem Rückflug inklusive Sonnenuntergang bei einem kleinen Ausflug genießen. Für die nicht an der Spitze laufenden stellte sich gleich zu Beginn ein richtiges Wüstenerlebnis ein. Kein Wasser an den Versorgungsstellen, die etwa alle 2,5 km vorhanden waren. Immer wieder wurden wir an die nächste verwiesen. Die sahrauischen Streckenposten hatten es mit den ersten zu gut gemeint, ihnen ganze Wasserflaschen von 1,5 l in die Hand gedrückt, die diese gar nicht brauchten. Teilweise wurde das Wasser bei zunehmender Hitze über die Köpfe gegossen oder auch einfach weggeworfen, ein undenkbarer Vorgang für Wüstenbewohner. Wasser war für die hinten laufenden knapp bis Auserd, danach hatten die Organisatoren die Versorgung im Griff. In Auserd wieder Zungentrillern und Anfeuerungsrufe corre, corre, lauf, lauf, abklatschen von Kinderhänden. Danach wieder Wüste, die Markierungen waren nicht mehr nötig, es ging immer den leeren Plastikflaschen nach. Schlimm diese Vermüllung der Wüste durch uns Läufer. Gäbe es Pfand auf Plastikflaschen, die Wüste wäre leer. Zukünftig wird es sicher reichen, wenn jeder Läufer einen Laufgürtel mit eigener Flasche mitführt, die an den Versorgungsstellen immer nur aufgefüllt wird und die Sahrauis zudem entsprechend instruiert werden.
Ab Mittag dann die Hitze, sie forderte ihren Tribut von uns Läufer. Wadenkrämpfe und Kreislaufprobleme nahmen zu. Ich selber mußte ab km 35 Teilstrecken wegen Kreislaufprobleme gehen, trotz eigener Wasserflasche anscheinend zu wenig getrunken, vielleicht auch beginnender Sonnenstich. Besonders beim Zieleinlauf brachen Läufer/innen zusammen, wurden jedoch umgehend ärztlich versorgt und erholten sich rasch. Am Ziel gab es sogar Duschen, welch ein Luxus.
Wer hätte allerdings gedacht, daß der Rücktransport die eigentliche Herausforderung für uns darstellte? Jeweils 40-50 von uns saßen auf Pritschen längs der Fahrtrichtung auf der Ladefläche von LKWs. Wir wurden durchgerüttelt, durchgeschüttelt, vollführten Sprünge in wilder Abfolge, obwohl die LKWs für die 40 km von El Aaiún 1,5 Stunden benötigten. Für manche von uns eine endlos lange Zeit, unterbrochen von kurzen Zwischenstops, wenn die Übelkeit allzu sehr hochkroch und nach Entleerung des Magens in nicht üblicher Form verlangte.
Aber kein Muskelkater am nächsten Morgen. Dieses Rütteln und Schütteln hatte für Beine und Körper anscheinend die wohltuende Wirkung einer gelungenen Ganzkörpermassage.
5. Schluß
"Die Sahara ist der Garten Allahs, aus dem dieser alles überflüssige menschliche und tierische Leben entfernt hat, damit es einen Ort gebe, wo er in Frieden wandeln könne." Arabisches Sprichwort.
So erscheint auch der Läufer überflüssig - wenn es da nicht die Sahrauis gäbe, die Kinder und ihr Lachen, der Garten Allahs, das Laufen an sich. Ich habe viel gelernt, unvergeßliche Eindrücke gesammelt, dafür danke ich den Sahrauis und den hingebungsvollen deutschen Veranstalter Ulrike und Dr. Holger Finkernagel von ganzem Herzen. Aktiv sein, etwas bewegen, dabei Fehler machen, so ist das Leben; die nichts tun, machen keine Fehler, aber im eigentlichen Sinne leben sie auch nicht mehr.
Maaßlama, Auf Wiedersehen ich bin beim nächsten Mal wieder dabei.
Informationen zum Sahara Marathon im Web: www.saharamarathon.com
Ergebnislisten: www.teamsoft-sportzeit.de
Günter Böhnke
made by Günter Böhnke für Passtschon98 ®, im März 2002