Ab nach Hause...
Swiss Jura Marathon 2000

oder

323 Kilometer in 7 Tagen

Tobias   

Erlebt und aufgeschrieben von Tobias Goltsche im Juli 2000

tobigo@t-online.de

 

Vorbereitung

Mit ca. 2100 Kilometern im Gepäck bin ich in Genf am 1.7.2000 angekommen. Am 16.6.2000 bin ich als letzte große Herausforderung den "Hunderter" in Biel gelaufen.

 

Anreise nach Genf am Samstag, den 1. Juli 2000

Beim Einstieg in die Crossair Maschine in Tempelhof fällt mir meine Nike Uhr vom Arm, der Steg, der das Armband hält ist defekt. Na, wenn das so weiter geht ???

Tolle Sicht aus dem Flugzeug auf den Bieler See und Genf. Um 11:30 Uhr Ankunft in Genf.

Alles spricht französisch, ein Araber zeigt mir den Bus Richtung Bahnhof. Direkt aus dem Bus falle ich in ein Uhrengeschäft, wo für 2 Franken die Uhr wieder funktionsfähig gemacht wurde. Es ist sehr heiß in Genf (28°). Um ca. 15:00 Uhr gehe ich zur Haltestelle von Bus 3, an der schon auffällig viele Leute mit Rucksäcken, Koffern und Laufschuhen stehen. Einige Gesichter sind mir bekannt. Ankunft in der Cafeteria beim Universitätsgelände, wo alle Teilnehmer sich einschreiben müssen. Jeder bekommt ein Hemd, Magnesium, eine Tasche, eine Tube Sportsalbe und natürlich die Startnummer.

Um 20:30 werden alle LäuferInnen durch OK-Chef Urs Schübach begrüßt.

Wir schlafen in der ersten Nacht in einer sehr großen Zivilschutzanlage (wie in Biel).

Morgen werden wir mit Bussen zum Genfer See gebracht, wo um 8:00 Uhr der Start zum 10. Swiss Jura Marathon ist.

 

1. Tag: Sonntag, 02.07.2000,Genf – St. Cergue 45 Km +1200m/-534 m

5:15 aufstehen, duschen, frühstücken,Toilette und Koffer packen. Vor der Zivilschutzanlage steht ein großer LKW, auf den sämtliche Gepäckstücke der Teilnehmer per Container geladen werden. Um 7:30 werden wir alle mit Bussen zum Genfer See gefahren.

Direkt vor dem "Barschel Hotel " ist der Start. Nach Startkontrolle und einem Becher Rivella- Marathon werden wir um 8:00 auf die Reise geschickt. Heute sollen es 34 ° warm werden !!!

Die Strecke um den Genfer See ist sehr schön (viele Villen und Parks), dann geht es durch nette kleine "französische" Dörfer, durch einen Wald direkt an einem Bach entlang.

Plötzlich stehen zwei Dobermänner vor mir, und ich muß meinen Lauf unterbrechen, eine Frau erzählt aus dem Unterholz auf französisch "die spielen nur und tun nix". Nun geht es über Felder und schöne Wiesen. In der Nähe scheint eine Rennstrecke zu sein, da immer wieder der Motorenlärm von Motorrädern zu hören ist. Es wird immer heißer, und ich fange innerlich an zu zweifeln, ob das alles so richtig war mit meiner Entscheidung den Swiss Jura Marathon zu laufen. Nach 30 Kilometern geht es stark bergauf, die ersten Kühe und Bergwanderer fragen, wo wir hinwollen, " nach Basel ! "Was ??? " Nach schwierigem

Bergablauf bin ich reichlich erschöpft und nach 5:47 in St. Cergue.

Die Unterkunft ist sehr schön. Vor dem Abendessen wird ein Taping Seminar von der Firma Beiersdorf durchgeführt. Nach dem Essen Rangverkündigung, Verlosung von je 100 sfr für fünf Teilnehmer, und wer noch will kann Fußball gucken: EM Italien-Frankreich.

Ich bin müde und gehe um 21:00 Uhr schlafen.

 

2. Tag: Montag, 03.07.200, St. Cergue - Valorbe 47km +730m/-1021m

Nachts Gewitter und es regnet in Strömen. Um 9:00 Uhr Start, der Regen hört auf, aber die Wiesen und Wege sind naß und rutschig. Es geht sofort brutal bergauf. Es ist kühl, und heute habe ich mein Puma-Hemd vom Fernsehturmlauf 1998 an. Als ich nach 30 Km zum Lac de Joux (ein großer See) komme, bricht ein Gewitter los. Irgendwie komme ich um den See, und dann geht’s es noch 7 Kilometer bergab nach Vallorbe. Mit 6:04 bin ich noch im Runner- Limit. Mein rechter Fuß schmerzt, was wohl am Schuh (Asics) liegt. Nach der Rangliste bin ich auf Platz 76. Das Abendessen findet in einem Kirchensaal statt. Peter Gschwend empfiehlt für den nächsten Tag rutschfeste Schuhe. Habe am linken Fuß eine blauen Zehnagel. Morgen

folgt die sogenannte Königsetappe. Meine Uhr ist schon wieder kaputt.

  

3. Tag: Dienstag, 04.07.2000, Valorbe – Fleurier 37km +1380m/-1389m

Wieder Gewitter die ganze Nacht, Regen, was anziehen ? Bleibe bei halblang oben und kurz unten. Eine Viertelstunde vor dem Start repariert mir ein Uhrmacher meine Uhr wieder für 2 sfr. Um 9:00 Uhr Start, und es geht gleich bergauf. Nach ca. einer Stunde habe ich den Rhythmus gefunden.Ich singe: " Stark wie noch nie, stark wie noch nie ...... " und bin bester Laune.

Bergauf super, bergab mit Problemen wie auch in Davos. Die Leute, die ich bergauf überhole stellen mich beim Bergablaufen. Die Anstiege zum Le Suchet und zum Le Chasseron haben Bergwandercharakter, denn Laufen kann man hier nicht mehr ! Man muß ganz genau aufpassen, wo der Fuß aufgesetzt wird. Beim Bergauf zum Le Chasseron mache ich Bekanntschaft mit einem Stromdraht (Viehzaun). Die Wege über die Wiesen sind teilweise durch Kühe verstellt. Kurz nachdem ich den Chasseron erreicht habe, bricht ein Unwetter aus, so wie in Davos 1998. Nun geht’s bergab nach Fleurier, teilweise nur auf dem Hintern rutschend, komme ich mit 5:41 in Fleurier an. Heute haben wir Unterkunft in einer großen

Eishalle.

 

4. Tag: Mittwoch, 05.07.2000, Fleurier – La Chaux-de-Fonds 42km +1028m/-773m

Das Wetter ist schön, ca. 20 bis 25 Grad Sonne. Beim Filmwechsel geht die Kamera nicht mehr. Start in Fleurier und schon bin ich Letzter! Nach ca. 15 flachen Kilometern habe ich viele Plätze gutgemacht, aber nun geht es fürchterlich hoch. Auf der Bergpassage repariere ich meine Kamera erfolgreich. Es folgen Bergpfade mit Absturzgefahr, Davos ist ein Witz dagegen. Viel Zeit geht drauf. Es läuft heute ganz gut. Kurz vor dem Ziel in La Chaux-de-Fonds sitzen Peter Gschwendt und ein paar andere Läufer in einer Kneipe und klatschen Beifall, als ich komme. Mit 5:45 und damit Platz 71. La chaux de Fonds bedeutet: Auf Kalk gebaut. Der Jura besteht aus Kalkstein.

 

5. Tag: Donnerstag, 06.07.2000, La Chaux-de-Fonds – Biel 53 km +1340m/-1890m

Heute ist ein schwerer Tag, es ist sehr warm (30°), und es geht auf den 1607 m hohen Chasseral. Fast bin ich letzter.Vom Chasseral habe ich einen herrlicher Blick zum Mont Blanc, und Eiger, Mönch und Jungfrau sind auch zu erkennen. Auf dem Chasseral macht ein Fotograf ein Foto von jedem Teilnehmer, das für die Urkunde bestimmt sein soll. In Biel angekommen, geht es um die ganze Stadt herum Richtung See und dann noch mal steil viele Treppen hinunter, ein paar Meter und endlich nach 7:28 im Ziel. Übernachtung in schöner Turnhalle auf harten Matratzen. Es ist sehr heiß in Biel. Nachts ziehen Gewitter auf, und laut Wetterbericht soll der Sommer vorerst unterbrochen sein.

 

6. Tag: Freitag, 07.07.2000, Biel –Balsthal 49 km +1634m/-1590m

Regen zum Start. Die Strecke in Biel beginnt mit einem schwierigen Anstieg. 22 Kilometer geht es nun ständig aufwärts. Schöner Blick auf Biel. Sehr schwierige Bergpfade, teilweise mit Absturzgefahr! Nach 20 Kilometern wird das Wetter besser. Schwieriger Abstieg nach Balsthal , 7:38. Toller Empfang im Ziel. Ich bin Runner und darf Runner bleiben !!!

 

7. und letzterTag: Samstag, 08.07.2000, Balsthal – Basel 50 km +1100 m/-1330m

Wecken um 4:30 Uhr. Nach Morgentoilette und Frühstück Start bei leichtem Regen um 7:00 Uhr in Balsthal vor dem Feuerwehrhaus. Sofort nach ein paar Metern geht’s wieder in die Berge. Nach 10 Kilometern sind wir in der dicksten Waschküche. Es regnet, und ich friere. Handschuhe und Jacke werden angezogen. Heute läuft es nicht so gut. Irgendwie fehlt die Motivation. Nach 30 Kilometern wird das Wetter besser. Irgendwann werde ich von der Spitzengruppe, die um 9:00 Uhr gestartet ist, überholt. Peter Gschwendt grüßt, trotzdem er platt ist, mit einem freundlichen "Hallo". In den Bergen war es sehr rutschig und schlammig, was zu einzelnen Stürzen führte. Nachdem wir die Berge langsam verlassen haben, kommen wir durch ein Kirschanbaugebiet. Nach einigen Kostproben erreiche ich den vorletzten Verpflegungspunkt, wo es auch Salzstangen gibt. Pablo, unser schneller Peruaner, soll verletzt ausgestiegen sein. Der Rhein nähert sich, wie lange noch ? Endlich geht’s es in die Stadt, noch ein paar Meter, und ich sehe das Ziel auf dem Barfüsser Platz. Kleine Show beim Einlauf und Beifall für Startnummer 125. Hurra, der Wald- und Wiesenläufer Tobias Goltsche hat die Wahnsinnsstrecke von 323 Kilometer durch den Schweizer Jura geschafft !!! Anschließend Dusche und mit der Tram zum Restaurant Magd. Ein Ratsmitglied der Stadt Basel hält an die Läufer eine Begrüßungsrede. Nach dem Essen beginnt Urs Schübach mit der Siegerehrung. Ich als 66. Runner werde mit Baseler Leckerli, einer Reebok-Tasche und als Höhepunkt einer extra für den Lauf gefertigten Schweizer Taschenuhr belohnt. Anschließend herzliche Verabschiedung.

 

Gedanken danach

Swiss Jura Marathon noch mal laufen ? Alleine nicht, einmal reicht, und ich hatte auch viel Glück mit den Knochen und dem Wetter. Als Team oder Gruppe vielleicht in zwei Jahren ? Die Gemeinschaft mit den Läufern war einmalig, Unterkunft und Essen entsprachen dem normalen Jugendherbergsstandard. Ohropax und Schlafbrille sind unbedingt zu empfehlen. Übrigens: eine Sammlung für den armen Pablo aus Peru ergab unter uns Läufern eine Summe von 1300 Schweizer Franken. Damit will Pablo, der laufende Bauer aus Peru, sich in seinem Heimatland eine Existenz aufbauen. Ich habe ca 4 Kilo Gewicht verloren, in der Woche nach dem Lauf habe ich einen sehr großen Hunger verspürt. Beim ersten Lauf nach dem Swiss Jura Marathon wurde mir schwindelig. Jetzt nach einer Woche geht es mir sehr gut und irgendwie fehlt mir was!

E N D E

made by Tobias Goltsche für Passtschon98