Swiss Alpine Davos

oder

Die alpine Herausforderung (K30) für eine Laufanfängerin und Nordlicht ohne Bergerfahrung

Ab nach Hause...

Die Nacht vor dem Lauf stellt sich mir im Halbschlaf (oder im Traum?) immer wieder die Frage, ob ich es wohl schaffen werde über die Zügenschluchtbrücke, das Wiesner Viadukt, zu laufen. Es handelt sich dabei um ein Eisenbahnviadukt, das nachträglich um einen schmalen Holzfußweg erweitert wurde. Am Tag vor dem Lauf sagte mir ein Läufer in der Rätischen Bahn, dass zwischen den Holzlatten Spalten seien, durch die man unter sich die gesamte Tiefe der Schlucht sehe. Einer nicht schwindelfreien Flachländerin wie mir erscheint die Herausforderung, die Schlucht auf diesem Weg zu überqueren, größer als die dagegen fast lächerlich anmutenden 30 km. Die Sichtspalten stellen auch die zu überwindenden Höhenmeter in der Lauf-Vornacht in den Schatten.

Um 6 Uhr morgens nach dem Weckerklingeln treten Fragen dieser Art in den Hintergrund. Nun soll es einfach nur noch losgehen. Gespannte Erwartung! Nico nimmt das Läuferbuffet bei Coop, dem Hauptsponsor, in Anspruch. Es ist schon ab 5 Uhr (!) geöffnet. Ich frühstücke in aller Ruhe und trinke bewusst viel. 30°C sind vorausgesagt. Da kann nur viel Flüssigkeit helfen – und meine neue atmungsaktive, weiße Laufcappi von Asics, die ich am Tag zuvor extra im Davoser Kongreßzentrum erstanden habe.

In ganz Davos scheint es fast nur noch Läufer in Laufsachen auf dem Weg zum Davoser Sportstadion zu geben. Und wie viele! Eine tolle Atmosphäre in diesem anders ganz als erwartet sonst doch sehr provinziellen Kaff! All die entschlossenen Läufergesichter verleihen Davos heute morgen den richtigen Glanz. Ehrfürchtig bewundere ich die roten Nummern, für deren Träger heute ein besonderer Ehrentag ist. Jeder für sich darf die wirklich besondere Herausforderung annehmen, 78 km z.t. in hochalpinem Gelände mit über 2300 Höhenmeter im Aufstieg zu laufen. In Europa gibt es keinen höheren und wohl auch kaum schwierigeren Lauf.

Unsere 30 km sind dagegen fast nicht der Rede wert. Bösartigerweise nenne ich den K30 den Lauf der "Fußkranken". Dabei ist er natürlich für Alpinluftschnupperer und Laufanfänger wie mich ein idealer Einstiegslauf. Die Ehrfurcht vor der großen Herausforderung des K78, die aber wohl meisterbar ist, gibt mir die Sicherheit, leicht, ohne Probleme anzukommen. Das ist gut.

Kaum stehen wir am Start, da geht es auch schon los. Keiner in unser näheren Umgebung scheint es eilig zu haben. Alle gehen -sich der Distanz bewusst- den Lauf ruhig an. Wie angenehm! Viele unterhalten sich scheinbar entspannt, die ersten pinkeln schon nach wenigen Metern. Sie haben sich an die Aufforderung des Rennarztes vor dem Lauf zu trinken, trinken, trinken offensichtlich gehalten.

Schon nach wenigen Metern fängt meine große neue (!) Wasserflasche an mich elendig zu stören. Sie klopft mir bei jedem Schritt deutlich spürbar –ihre Anwesenheit unterstreichend- gegen das Kreuzbein. Während der gesamten 4,5 km durch Davos frage ich mich, wie lange ich diese Flasche wohl noch ertragen werde, die jetzt schon extrem nervt. Dabei weiß ich doch genau, dass man bei langen Läufen keine Experimente machen darf. Also: nicht nur keine neuen Schuhe oder Klamotten, auch keine neue Wasserflasche! Der Respekt vor der Hitze war stärker als dieses kühle Wissen. Wir werden sehen....

In Davos verabschieden uns trotz der frühen Stunde – es ist kurz nach 8 Uhr -viele Zuschauer an der "Promenade", der Haupt- und fast einzigen, aber trotzdem sonst langweiligen Straße. Heute ist die Straße von Angehörigen und Freunden sowie den Marathonis gesäumt. Sie werden ihren Lauf erst in Bergün um 11.30 Uhr "angehen" und dann gemeinsam mit den K78-ern im Davoser Sportstadion einlaufen.

Ein Läufer ist mit seinem Husky über die 78-er Strecke unterwegs. Der Hund wirkt merkwürdigerweise aber keineswegs laufbegeistert. Der Läufer zieht ihn eher als umgekehrt. Wie wird der arme Hund bloß auf die Hitze reagieren? Werden die beiden finishen?

Ein weiterer Läufer fällt sofort durch seine Ungepflegtheit auf. Sein grauer langer Bart wirkt nikotinverschmutzt - bei einem Läufer eher unwahrscheinlich, aber wer weiß. Zudem wirkt er unausgeglichen. Ständig überholt er uns, fällt dann aber wieder zurück. Kurze Zeit später steht er abseits am Zaun und erbricht einen großen Schwall gelber Flüssigkeit. Ihh, der sollte es doch lieber bleiben lassen. Kurz darauf überholt er uns schon wieder und spuckt dabei ständig vor sich aus – und das in unserer Nähe. Mensch Typ, mach’, dass du wegkommst. Mir dreht sich sonst auch noch gleich der Magen um. Gott sei Dank sehen wir ihn tatsächlich erst am Abend immer noch in den gleichen Klamotten im Stadion wieder. Ob er den Lauf wohl geschafft hat?

Und eine kleine schmale Frau zwischen fünfzig und sechzig zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Sie hat einen bunten sexy Einteiler an, auf dem auch eine rote Startnummer prangt. Mensch, toll. Sie trägt ihre blond gefärbten Haare zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden und hat noch eine alpine Sonnenbrille auf dem Kopf. Außerdem ist sie mit einer Flasche auf dem Rücken für harte Zeiten gerüstet. Ihre sitzt gut! Ich bewundere, wieviel Fitness sie ausstrahlt. Toll, so drahtig, lebenslustig und willensstark läuft sie leicht über den Asphalt. Sie wird locker ankommen!

Meine Beine dagegen fühlen sich an wie aus Blei, ich laufe mich erst ein. Sie sind noch schwer vom Schlaf und der "anspruchsvollen Bergtour" – wie sie im Davoser Gästeprogramm angekündigt war. Vor zwei Tagen habe ich zum ersten Mal einen über 3000 m hohen Gipfel bestiegen und hinterher nur noch das Bedürfnis gehabt mich auszuruhen. Sogar kleinere Lockerungsübungen habe ich deshalb aus dem Programm genommen. Aber es ist ja reichlich Zeit zum Einlaufen, außerdem sind 30 km eh’ nicht weit. Und 900 Höhenmeter geht es bergab- und das natürlich fast von selbst .Ja, irgendwie muss man sich Zustände wie Bleibeine ja positiv wegreden bzw. –denken, oder? An die Höhenmeter im Anstieg denke ich lieber gar nicht.

Die Seitenblicke auf Nico verraten mir, dass er trotz chronischem Trainingsdefizit heute zu allem entschlossen ist. Bei anderen Läufen bin ich anfangs oft gleich schneller gelaufen, und wir sind uns gar nicht mehr begegnet. Aber diesen Urlaubslauf will ich mit ihm zusammen laufen. Werden Nico und ich heute Hand in Hand ins Ziel laufen? Doch, könnte gut sein. Eher scheint er sich heute sogar durch mich bremsen zu lassen. Ich will in diesem unbekannten Terrain aber auf Nummer sicher setzen und nicht über 170 Herzfrequenz gehen. Dann weiß ich einfach, dass es ohne größere Probleme klappen wird. Er dagegen wirkt übermütig und würde wohl gerne alles auf eine Karte setzen wollen, schaut sich aber doch immer wieder wartend zu mir um.

Und schon verlassen wir Davos. Zu meiner Überraschung ist schon der 1. Verpflegungsstand in Sicht und ein großes Schild "5km". Huch, das ging aber rasant. So viel haben wir unbemerkterweise schon überstanden? 1/6 beim Einlaufen? Super, dann kann es jetzt ja losgehen. Passend zum Gedanken geht es nun leicht bergab, mir wachsen kleine Flügel beim hier positiven Abwärtstrend.

Ich laufe Nico ein wenig davon, weiß ja: bald geht es bergauf, dann sehen wir uns wieder. Bergauf ist absolut nicht meine Welt, Nico hat dabei als alter Alpenhase weniger Schwierigkeiten. Aber er ist sofort wieder hinter mir, meckernd: "Na, dann also tschüß!!!!!" "Ja klasse, wo sollte ich denn wohl so schnell hin?" Der Aufstieg zur Lengmatte ist doch schon in Sicht.

Wir laufen jetzt auf einer Dorfstraße, die zwischen grünen Heidiwiesen und –häusern leicht ansteigt. Zuschauer gibt es fast keine mehr. Eine über 90 Jahre alte Bäuerin mit braunem faltigen Gesicht und kernigem Blick schaut dem verrückten Treiben etwas fragend zu. Mein Puls ist hoch, obwohl ich den Schritt verlangsame. Ein paar Kuhglocken sind zu hören. Viele Läufer nehmen sich eine kleine Auszeit und sind zwecks Wasserentsorgung wieder am Straßenrand zu sehen, Läuferinnen übrigens auch. Die sieht man sonst bei Straßenläufen eher nicht. Hier geht es angenehm ungezwungen zu.

Plötzlich reißt der Gurt meiner neuen Wasserflasche. Für 20 SFR habe ich sie erstanden. Ganz schön teuer, wenn sie nicht mal 10km hält. So ’n Mist. Insgeheim freue ich mich natürlich, dass mich dieses nervige Klapperding nicht mehr stört. Endlich fühle ich mich frei. Nun kann der Lauf beginnen. Und passend zum Gedanken geht es auch schon wieder rasant bergab. Das 10 km-Schild lässt mich zur Uhr gucken. 1:01, na ja, für das gemütliche Einlaufen und die erste bewältigte größere Steigung - kleine gab’s ja genug - ganz akzeptabel. Und ein Drittel der Strecke ist schon um!!!!! Schade, die Landschaft ist so schön!

Und schon kreuzen wir erneut die Hauptstrasse. Was, nun beginnt schon der gefürchtete Aufstieg nach Monstein, so schnell? Wenn der bewältigt ist, ist das Gröbste schon geschafft. Die Zeit vergeht wie im Fluge, der Lauf läuft mir davon, so schnell komme ich mit dem Kopf nicht hinter den Beinen her!

Eine Frankfurterin (vom Verein Spiridon – verrät mir ihr Trikot) kämpft sich neben mir die wirklich unverschämt steile Straße hoch. So etwas gibt es bei uns im Norden weit und breit nirgends – der 30 m hohe Pariner Berg, der einigen während des Lübeck-Marathon große Schwierigkeiten bereitet hat, ist das Höchste, was wir zu bieten haben. Ich klage meiner unmittelbaren Weggenossin mein Leid. "Kommst du aus Kiel?", fragt sie daraufhin sofort zurück. Auf meine knappe Antwort (das Sprechen fällt hier verdammt schwer) "Lübeck", erwidert sie postwendend, dass ich dann ja auch den Marathon mitgelaufen sei. "Ja, den Hansemarathon." Schweigen und verwirrte Blicke. Sie meinte natürlich den Lübeck-Marathon, oh super, sogar in Frankfurt ist er schon bekannt. Meine Assoziationskraft verhalf mir bei den Worten "mitgelaufen" und "Marathon" unter erschwerten Anstiegsbedingungen leider nur zu Hamburg. Wie blöd! Der Anstieg verbietet jedes weitere Wort. Nun gehe ich, laufen ist schon nach 20? Metern nicht mehr drin. Das gibt es doch nicht?! Zu meiner Beruhigung gehen fast alle. Außerdem stelle ich fest, dass das Tempo der Geher und Läufer gleich ist. Die wenigen Läufer trippeln mit winzigen Schrittchen voran, während ich mich mit Riesenschritten hochkämpfe. Meine Pulsuhr zeigt beim Hochgehen 175! Huch?!

Viel schneller als erwartet hört die Serpentinen-Supersteigung wieder auf. Wunderbar! Wir kommen in ein Dörfchen, durch das wir bei einer Wanderung von Monstein nach Davos schon einmal gekommen waren. Oh, je, die Wanderung war aber 3 (!) Stunden lang. Nico und ich hatten zwar einen höheren Weg gewählt, aber ein Wandererschild am Wegesrand bestätigt kurz darauf 2 Stunden 45 Minuten. Beim Wandern hatten wir die vorgegebene Zeit zu meiner Verwunderung gar nicht eingehalten. Ich hatte uns schneller als "normale Wanderer" geglaubt. Sind wir aber nicht! Wie lange werden wir nun also brauchen, um in Monstein anzukommen? Diese Frage verunsichert mich total. Soooo schnell laufen wir ja auch nicht, dann werden wir wohl fast zwei Stunden allein bis Monstein brauchen????? Wie furchtbar!!!!! Dieser Lauf zieht sich wohl doch in die Länge? Insgeheim hatte ich mir schon Chancen auf 3:15 h gemacht. Das war wohl naiverweise – ohne Bergkenntnis - verkalkuliert. Ach egal, der Lauf macht doch Spaß.

Zu trinken gibt es auch schon wieder. Die Wasserstelle kommt wie gerufen, genau zur rechten Zeit. Ich bemerke nämlich gerade, dass die Sonne schon richtig anfängt zu brennen. Und das, obwohl es doch noch nicht einmal halb zehn ist! Direkt hinter der Wasserstelle verlassen wir die asphaltierte Straße.

Jetzt beginnen die Wanderwege der Alpen! Zwischen Bäumen geht es angenehm leicht insgesamt nur wenig bergan - im plötzlich recht frischen Schatten. Dieses Stück lässt sich sehr gut laufen. Nach der brutalen Steigung wirken die kleinen Aufs und Ab’s fast wie ebenes Gelände. Man muss sich gut auf die Baumwurzeln und Unebenheiten des Weges konzentrieren. Das macht Spaß. Und plötzlich liegt nach einer kleinen Kurve Monstein vor uns. Waas? Statt der erwarteten anderthalb Stunden, vom Wanderschild aus, haben wir kaum 30 Minuten gebraucht. Dieser Lauf ist voller Überraschungen. Ständig gibt es Unvorhergesehenes!! Wie kann das angehen, dass wir nach 1:40 schon die schwierigsten 15 km hinter uns gebracht haben? Wer hätte das gedacht? Im Waliser Dörfchen Monstein mit seinen dunkelbraunen Holzhäusern und der höchstgelegen Brauerei Europas (1785m) bietet die Verpflegungsstelle außer Wasser das köstliche Schweizer Getränk Rivella mit Milchsäurebakterien an. Lecker! Einen Schwamm mit Wasser drücke ich mir im Gesicht, auf den Schultern und – wie immer - auf dem Kopf aus.

Und nun geht es in wirklich rasanter Fahrt auf wieder asphaltierter Straße steil bergab, viel viel schneller als nach der Lengmatte. Nach den schmalen Wanderwegen ist hier auch plötzlich Platz, um die Flügel zum Runtersegeln richtig auszubreiten. Ich überhole einen nach dem nächsten, 20, 30 (?) Läufer und frage mich , warum alle nur so langsam laufen. Na klar, ich weiß, wegen der Gelenke. Mir macht es aber so einen Spaß die Straße runterzurasen. Ich fühle mich wie ein kleines Kind. Welch ein Hoch! Nico tut es mir nach und überholt mich sogar noch. Sein Hoch scheint noch ausgeprägter. Damit sind wir zwei wilde Überholer! Ein Blick auf die Pulsuhr sagt mir: 180 !!!!! Oh, sogar beim Runterlaufen ?! Eigentlich wollte ich doch auf Nummer sicher bei 170 Herzfrequenz bleiben. Egal, es läuft einfach zu gut. Und nun kann ich Nico ja nicht auch noch beim Runterlaufen bremsen, wo ich vorher doch so getönt habe, bergab super laufen zu können.

Wieder kommen Wanderwege, zwar immer noch bergab, aber der Weg ist jetzt wieder so schmal, dass das Überholen sich nicht mehr ganz so einfach gestaltet. Der richtige Moment muss abgepasst werden, um vorsichtig an zwei, drei Läufern vorbeizulaufen.

Der rasanten Talfahrt wird durch die Hauptstraße ein plötzliches Ende gesetzt. Nach 10 Minuten Abwärtslaufen bei Herzfrequenz 180 und mehr fällt nun das Laufen in der Ebene – mit noch leichter Neigung abwärts- schwer. O.k., o.k., jetzt wird die Quittung kommen. Ein Schild kündigt die 20 km an. 2:07 h haben wir gebraucht und im Vergleich zu den 15 km tatsächlich einige Minuten aufgeholt.

Ein breiter Schotterweg beginnt. Hier wurde früher die Hauptstrasse entlang geführt. Wir laufen durch dunkle Tunnel, die durch Baustellenlampen nur notdürftig erhellt werden. Durch Tunnel mochte ich noch nie laufen, durch so dunkle erst recht nicht. Und prompt stellt sich das erwartete Tief ein. Ich habe richtig Durst, obwohl wir doch gerade erst an der Wasserstelle waren. Ein kleiner Schluck Rivella war eben zu wenig. Ich hätte besser aufpassen müssen und wie gewohnt zwei volle Becher trinken sollen, anstatt mich von der Ankunft in Monstein so überwältigen zu lassen. Nico hat Gott sei Dank noch den alten Gurt dabei und auch noch nichts von dem Wasser angerührt, das ich ihm in die Flaschen gefüllt habe. Köstlich, ich trinke eine ganze Flasche. Es geht gleich etwas besser. Das Wasser nur im Mund zu spüren, tut schon gut. Vorsichtshalber nehme ich die Herzfrequenz auf unter 170 zurück. So ein Tief habe ich bei meinem ersten Ratzeburger Adventslauf schon bei km 12km gehabt, jetzt erst bei km 20? Wir sind so einige Minuten über die alte Hauptstrasse weitergelaufen. Jetzt werden wir wohl noch 8 km haben. Die kriegen wir immer hin.

Über eine kleine Treppe verlassen wir die ehemalige Hauptstrasse. Nun ist ein ganz schmaler Wanderweg unter unseren Füssen. Hier kann niemand überholen. Hoffentlich behindere ich in meinem Schneckentempo niemanden. Aber niemand scheint es eilig zu haben. Viele hohe Bäume versperren jede Aussicht. Es ist ganz gut, dass ich mich hier auf die vielen Baumwurzeln konzentrieren muss.

Nun freue ich mich plötzlich auf das Wiesner Viadukt. Wenn das bewältigt ist, bleiben nämlich nur noch ganz wenige Kilometer nach. Außerdem laufen alle da rüber. Warum sollte nur für mich die Brücke unüberwindbar sein? So’n Quatsch!!! Im Gegenteil, es muss doch ein Erlebnis sein, über so eine Brücke zu laufen!! Und hielt die Strecke nicht drei Herausforderungen für mich parat? Nach der Monsteinsteigung bin ich jetzt bereit, die zweite Herausforderung anzunehmen. Ich werde ohne Angst und vor Schwindelanfällen zusammenzubrechen über das Viadukt laufen. Die lächerlichen Kilometerchen, die dann noch folgen, ist die Bewältigung der 3. Aufgabe. Ich bin mir sicher, ich schaffe sie alle!

Unmittelbar nach diesem Gedankengang taucht der Bahnhof Wiesen hinter den Bäumen auf. Der fürchterlich schmale Wanderweg führt direkt zur winzigen Bahnhofslichtung, ein Dörfchen ist nirgends zu erahnen.

Nico sieht mit Kennerblick, dass gleich ein Zug einfahren wird. Richtig, jetzt sehe ich auch: unser Weg ist durch die geschlossene Schranke versperrt. Nein, anhalten will ich aber nicht, das kann doch nicht wahr sein. Was? Der gerade wiedergewonnene Lauffluss soll wieder unterbrochen werden? Oh bitte nicht! Direkt am Bahnhof ist noch ein Verpflegungsstand. Gerade, als ich im Vorüberlaufen mir schnell einen Müsliriegel greife, geht die Schranke auf. Wir können also doch durchlaufen. Wunderbar.

Aus dem eingefahrenen Zug winken uns die Marathonis zu, die auf dem Weg nach Bergün sind, wo sie in Kürze starten. Sie sind bestimmt ganz aufgeregt, wir haben den Lauf gleich geschafft.

Direkt hinter der Schranke wird der Blick auf das unendlich lang wirkende Viadukt frei, ein imposantes Bauwerk so mitten in den Bergen. Kein bisschen Angst habe ich mehr, genial. Nico fragt noch, ob er vorweg laufen soll. Nein, es geht gut. Ja, toll, super, jetzt toben wir darüber hinweg. Das macht Spaß. Vorsichtshalber blicke ich aber doch lieber auf die Gleise und nach vorn, zum festen Untergrund, wo übrigens auch noch die Fotografen stehen werden. Jeder Teilnehmer wird hier fotografiert. Mir gelingt es sogar – wie man später auf dem Foto sehen wird – mit ganz entspanntem Gesicht an Kamera vorbeizulaufen. Nico lächelt sogar ganz beglückt. Sieht so das Runner’s High auf Gesichtern aus?

Nach der Brücke schaue ich auf die Uhr: 2:41. Wir haben bestimmt schon 26 Kilometer hinter uns. Unter ganz normalen Bedingungen würde ich 30 km noch unter 3 Stunden schaffen. Und auch hier ist es noch einen Versuch wert. Also los! 4 Minuten lang geht es auch gut. Und was kommt dann? Ein nicht zu übersehender und damit mächtig demotivierender Anstieg. Na toll, nein ich will nicht mehr auf bergauf. Ich war gerade so schön im Fluss. Hätte jetzt gut durchpowern können, auch noch länger, aber eins durfte jetzt nicht kommen: die Steigung. Ich verfluche die Berge und denke wehmütig an die flachen Hamburger Straßen. Wie nett ist doch so ein Hansemarathon. Dieser Lauf dagegen ist wirklich nicht "normal".

Dann kommt eine Lichtung, die Sonne scheint auf Heidiwiesen mit bunten Blumen. Es sieht alles wieder freundlicher aus. Auf breiten Feldwegen geht es dann sogar wieder bergab. Na, also, es geht doch wieder ..... bis zur nächsten Steigung. Ich will keinen Anstieg mehr!!!!!!. Überhaupt keinen, auch nicht den kleinsten mehr. Nach dem Viadukt sind wir bestimmt schon drei Kilometer gelaufen. Also ruft das Ziel eigentlich schon. Es kann nicht mehr weit sein.

An einem Brunnen kühlt sich die junge Ärztin, die mit uns vor zwei Tagen an der Gipfeltour teilgenommen hat. Sie wollte eigentlich am Tag zuvor abgereist sein, hat sich aber anscheinend von der Lauffaszination in Davos anstecken lassen. Sie sieht mitgenommen aus. Vor zwei Tagen hat sie auch noch erzählt, dass sie nie weiter als 10 km gelaufen ist. Dafür ist sie aber mächtig gut durchgekommen. Das kann ja kaum sein. Ich klopfe ihr noch schnell anerkennend auf die Schulter: "Mensch toll". Das ist ja wirklich eine super Leistung.

Und direkt hinter der nächsten Kurve taucht plötzlich unter uns Filisur – das nahe Ziel - auf. Nun ist es klar, natürlich kommen wir beide locker ins Ziel! Für mich geht es in rasanter Fahrt bei 182 Herzfrequenz bergab. Nico ist kurz hinter mir. Da der Lauf sowieso gleich vorbei ist, fange ich an zu rennen. Fünf Frauen überrunde ich noch. Der Bahnhof ist in Sicht. Dort war letztes Jahr das Ziel. Gestern erzählte zwar ein Läufer im Zug, dass das Ziel dieses Jahr eventuell weiter ins Dorf runter verlegt wird, weil die Strecke sonst kürzer als 30 km ist. Aber diese Info ignoriere ich jetzt mal, der Lauf ist so oder so gleich zu Ende. Direkt vor einer Gleisunterführung schützt eine Turnmatte die Läufer davor, gegen eine Wand zu laufen. Der bergabführende schnelle Weg macht nämlich plötzlich eine 90° Wende. Wir sind am Bahnhof, also nehme ich nochmal die allerletzte Kraft zusammen und renne, auch noch um die nächste Kurve. Aber weit und breit kein Ziel in Sicht............ Hmm, irgendwann kommt ein winziges 30-km-Schild. Meine Uhr sagt 3:04. Ist doch ganz gut unter diesen Bedingungen. Bin zufrieden, aber wo zum Teufel ist das Ziel?? Weit und breit ist kein Ziel in Sicht. Nun kann ich aber wirklich nicht mehr. Es geht immer weiter bergab ins Dorf. Nico läuft an mir vorbei. Ja, lauf’, ich bin auch gleich da.

Hinter der nächsten Kurve ....... na was kommt? .......... das glaube ich nicht ........ das kann nicht sein..........geht es wieder bergan – mit mir allerdings weiter stetig bergab. Nein, das ist jetzt wohl der Gipfel der Unverforenheit, damit hätte ich beim besten Willen nicht gerechnet, dass es jetzt so kurz vorm Ziel noch bergan gehen kann. Nein, das ist nichts für einen Menschen vom flachen Land. Am Ende meiner Kraft kommt aber auch die Empörung nicht richtig zum Zuge. Nun ist alles egal. Nichts geht mehr, aber ich. Nachdem ich den Endspurt schon verfrüht eingelegt hatte, kann ich jetzt nicht mehr. Sollen sie doch alle laufen. Auch die 5 Frauen, die ich kurz vorher überholt hatte, sind schon lange wieder an mir vorbei. Nico ist auch weg. Nein, mein Lauf ist definitiv beendet, ich will nicht mehr. In aller Ruhe gucke mich gehend ein bisschen um: "Nette historische Schweizer Häuser gibt es hier in Filisur", und realisiere es kaum, dass das Ziel nun doch hinter der nächsten Ecke auftaucht. Anstandshalber setze ich mich noch mal in müde Bewegung. Am Ende des Einlaufkanals drückt mir eine Frau die verpackte Finishermedaille in die Hand. Geschafft !!!!!!! Welch ein Lauf! Absolut irre! Er war so abwechslungsreich, dass er wie im Flug verging.

Und ab zum Rivella-Stand, trinken, trinken, trinken. Wie köstlich erfrischend. Nico steht auch da. Nun wird mir erst richtig bewusst, unter welch gleißender Sonne wir in der Mittagshitze um 11.30 Uhr stehen. Im sparsam gesäten Schatten eines Wurststands ergattern wir die weit und breit letzten zwei Schattenplätze. Während Nico für weiteren Rivella-Nachschub sorgt, packe ich die Finishermedaille aus. Ein großes weißes K 30 prangt unter der Jahreszahl 2001 auf blauem Untergrund. Darüber sind die Davoser Berge zu sehen mit der Aufschrift Swiss Alpine Marathon. Doch, dieses Souvenir haben wir uns echt erarbeitet. Die Medaille gefällt mir. – Und irgendwann werde ich auch die 78-er in Empfang nehmen.

Neben uns höre ich eine Frau sagen: Gut, das ist geschafft, nächstes Jahr laufen wir also den Marathon und in 2 Jahren die 78 Kilometer, oder? Nee, denke ich, der Marathon interessiert mich hier nicht. Dort muss man sofort 20 km steil bergauf laufen – und das ohne vorheriges Warmlaufen wie bei den 30 km. Das ist doch tödlich. Außerdem bleibt es immer "nur" ein Marathon. Nee, irgendwann, natürlich nach mehr als nur zwei Jahren Lauferfahrung will ich den K78 auch mal angehen. Eine unglaubliche Faszination geht von diesem Lauf aus. Aber nächstes Jahr sollte ich mit meiner dann zweijährigen Lauferfahrung erst einmal die 3-Stunden-Marke unterbieten. Ich muss vorsichtig sein, mich nicht zu überfordern !!! (Welch’ weiser Vorsatz!!! Einen Monat nach diesem Lauf kann ich wegen völliger Überlastung in Trainingsvorbereitung für den Berlinmarathon nicht einmal mehr gehen.)

Die Herzfrequenz fällt erst jetzt langsam unter 120. Nico holt weiteren Nachschub. Danke! Ich mag die nächsten 10 Minuten nicht mehr aufstehen. Auf dem Weg zum Duschen sehen wir immer noch K78-Läufer vorbeilaufen. Mein Gott, wann, aber vor allem in welcher Verfassung werden die denn ankommen? Das ist doch mörderisch! Meine Hochachtung gilt allen, die den Mut haben, sich dieser Herausforderung zu stellen.

Nun ist es mittlerweile so heiß, besonders in den qualmenden Schuhen, dass ich dringendst meine Füße von den Schuhen befreien muss. Mein stinkendes Laufhemd muss auch gleich mit aus; ich gehe barfuss und im BH weiter. Egal, ich sage mir, dass das nach so einem Lauf niemanden stören darf. Da hat man doch eine gewisse Narrenfreiheit.

Die "Effekten", wie man die persönlichen Sachen der Läufer in der Schweiz nennt, liegen in einer Schule bereit. Obwohl wir keine Handtücher dabei haben, entscheiden wir uns, trotzdem zu duschen und in der Sonne zu trocknen. Unter den Duschen stehen Männer und Frauen. Niemand stört sich daran. Die Stimmung ist allseits angenehm entspannt.

Kurz darauf steigen wir begleitet von vielen anderen Läufern zum Bahnhof auf – gaaanz langsam. Ein Zug fährt vorbei. Der kurze Gedanke: sollen wir laufen, um ihn noch zu kriegen?, wird schnell verworfen. Ach nö, wir haben alle Zeit der Welt. Der Zug wartet. Wir drängen uns mit vielen andern Läufern in den letzten Fahrradwagon.

Ein junger Kontrolleur steigt noch zu. Er wirkt viel zu nett für seine Aufgabe und verzichtet heute unter den Läufern auch darauf, sie auszuführen. Die Startnummer berechtigt sowieso zur Freifahrt an diesem Tag. Außerdem ist heute allgemeiner Ausnahmezustand in der Landschaft Davos. Leider lassen sich keine Fenster öffnen, die Luft ist sehr schlecht. Ich muss mich auf den Boden setzen, mir wird schwindelig. Eine andere Frau klagt über Durst. Da kann ich ihr wenigstens helfen. Eine Italienerin unterhält sich mit einem Schweizer über den Paris-Marathon. Ansonsten ist es allgemein eher still im Wagon. Diese Zugfahrt ist aufgrund der Hitze und des Sauerstoffmangels eine regelrechte Tortur und wesentlich anstrengender als der gesamte Lauf. Am Bahnhof von Davos kippt einer kurz vorm Halt um. Der Notarzt wird gerufen.

Nach unserem Check-in in dem Hotel "Alte Post" essen wir ein Falafel – Der Hunger ist jetzt riesig. Danach ziehen wir sofort weiter zum Stadion. Die ersten Teamläufer über 78km sind schon da. Ein Team setzt sich aus einem Radfahrer, einem Skater und drei Läufern zusammen.

Kurz vor 14 Uhr läuft der K78-Sieger nach 5:48:17 ein, Lahcen Ahansal, 1971 geb, ein marokkanischer Wüstenläufer(!). Extrembedingungen scheinen also austauschbar. Wenn er gewohnt ist, durch heißen Wüstensand zu laufen, kann er also auch alpine Höhen in der Hitze locker bewältigen. Tosender Applaus für den Sieger. Kinder stehen im Inneren der Bahn und warten auf eine Handberührung. Fast alle Läufer sind nach diesen 78 km noch in der Lage, diesen Kinderwunsch zu erfüllen. Nur ganz wenige Läufer scheinen sie gar nicht mehr nicht zu sehen. Der 2. Sieger kommt nur dreieinhalb Minuten später. Es ist der Titelverteidiger Murzin Grigory, ein Russe, geb. 1970. Als dritter erscheint Mohamad, der zwei Jahre jüngere Bruder des Siegers nach einer weiteren Viertelstunde.

Birgit Lennartz kommt mit einem neuen Rekord nach 6:45:57 ins Ziel. Damit hat sie den 10. Swiss Alpine gewonnen, den achten in Folge. Sie hat es also trotz einiger Verletzungspausen in dieser Saison geschafft. Wahnsinn! Schon kurz nach dem Zieleinlauf gibt sie auf der Tribüne ein Interview. Wie kann man nur nach so einer Wahnsinnsanstrengung noch so überlegt und druckreif sprechen? Sie dankt den Organisatoren und allen Helfern im Hintergrund für den reibungslosen Ablauf dieses wunderschönen Ultras. Kurze Zeit später sehe ich im Vorbeigehen, wie sie massiert wird. Mein neugieriger Blick und mein Innehalten scheinen ihren persönlichen Bodyguard aber zu stören, deshalb bleibt mir nicht die Zeit zu erkennen, wie sie diese Ultra-Herausforderung so schnell meistert. Meine Frage bleibt unbeantwortet.

Jeder einzelne Läufer, der ins Ziel kommt, erntet großen Beifall. Noch nicht einmal bei den letzten Läufern, die abends um 20 Uhr ins Ziel kommen, ist das Publikum müde. Im Gegenteil, alle scheinen sich zu freuen, dass die große Läufergemeinde langsam wieder vollzählig ist. Ziemlich spät trifft noch ein besonders verrückter Ironman ein, Maik Dierhoff aus Braunschweig, dem die alpinen 78 Kilometer als Herausforderung noch nicht ausreichen. Er hat innerhalb der vorgegebenen Zeit von 12 Stunden nicht nur die Keschhütte (2632 m) passiert, sondern noch mal schnell den Piz Kesch (3417m) bestiegen. Unser Bergführer von der Scalettahornbesteigung erzählte uns, dass er einen Läufer während des K78 auf den Kesch führen würde. Ich konnte das nur für einen Scherz halten. Er hat ihn aber tatsächlich erfolgreich über die Kesch-Gletscher begleitet. Dem Keschman hiermit noch mal ein besonderer Glückwunsch!!!

Überall sieht man abends aufgeschlagene, geschundene Knie und Arme und müde Gesichter, aber die zufriedenen und stolzen Gesichter überwiegen ganz eindeutig.

Welch ein unvergesslicher Läufertag in Davos!

made by Susanne Mahlstedt für Passtschon98 ®, im Sept. 2001