Vom Stress- zum Genussläufer

(oder: als die Endorphine in Lauffen "lauf(f)en" lernten)

Erlebnisbericht zum 2. Heilbronner Trollinger-Marathon am 09.06.2002

Exakt 5 Wochen nach meinem 5. Marathon, den ich am 5.5. in Würzburg gelaufen bin, bestritt ich gestern meinen ersten sogenannten "Erlebnismarathon" in Heilbronn, und ich kann euch sagen - es war mein schönster in jeder Hinsicht!

Meine bisherigen Maras standen allesamt unter nur einem Motto: neue PB! Nachdem ich Oktober 2000 meinen ersten Marathon nach nur einem halben Jahr Lauftraining von 0 auf 100 mit der für mich damals sensationellen Zeit von 3:18 gelaufen bin, keimte in mir schnell die fixe Idee auf, möglichst bald die 3h zu "knacken".

Zielgerichtet, ja geradezu verbissen konzentrierte sich mein Training fortan auf das Erreichen dieser magischen "U3", die so viel in Läuferkreisen bedeutet ... Mittlerweile hab ichs ja auch geschafft, meine Bestzeit um 6 Minuten (!) zu toppen, so dass mir nur noch gute 12 Minuten fehlen, in die "Hall of Fame" der U3-Läufer einzutreten.

Seit gestern nun weiss ich, dass es auch noch andere Beweggründe gibt zu laufen als irgendwelchen Spitzenzeiten hinterherzujagen.

Doch - gemach, gemach - von Anfang an:

als ich also vor 5 Wochen einigermaßen frustriert im Marathonzelt von Würzburg meiner gerade verpassten Chance des Erreichens einer neuen Bestzeit hinterhertrauerte, brachte mich Rainer auf den Gedanken, doch auch mal etwas anderes auszuprobieren in Form eines "Trainingsmarathons" - soll heissen, mal einen Marathon zu laufen, dessen Ziel nicht unbedingt die neue PB ist, sondern einfach nur so "just for fun".

Hm, ja schon und schön, wandte ich ein, aaaaaber im September möchte ich ja auch wieder "angreifen" beim Baden-Marathon in Karlsruhe, und so einfach zwischendrin mal einen Mara zu laufen, das konnte ich mir einfach nicht vorstellen - zumal ja die einschlägigen Laufmagazine eher dazu raten, maximal zwei ( einer im Frühjahr und einer im Herbst) zu laufen. Kein Problem, meinte Rainer, bei meiner "Grundlage". Und er brachte mich auch auf die Idee, den Trollinger-Marathon, den er letztes Jahr schon mitgelaufen ist, zu probieren.

Was? Das sind ja nur 5 Wochen zwischendrin?! Und sowieso ist der Heilbronner ja vom Streckenprofil her noch viel schwieriger als alles andere, was ich bisher gelaufen bin, also das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen!

Kurzum: zwei Tage später meldete ich mich für den "2. Heilbronner Trollinger-Marathon" an. Die erste Woche über konnte ich überhaupt nicht trainieren, da ich seltsamerweise nach dem Würzburger einen dermaßen üblen Muskelkater in den Beinen hatte, daß an Training nicht zu denken war. Ich überlegte mir, wie ich mich speziell auf diesen Marathon vorbereiten wollte. Und ihr werdets glauben oder auch nicht: in meinem Hinterköpfchen begann es schon wieder zu arbeiten, ob nicht vielleicht doch eine neue PB drin sein könnte? Aber das Großhirn (die Vernunft?) hat schliesslich über das Kleinhirn (Gier, neue PB, lechz) obsiegt und ich bereitete mich in den verbleibenden 4 Wochen nicht so akribisch vor, wie ich dies sonst vor einem anstehenden Marathon zu tun pflege.

Einen langen 30km-Lauf gönnte ich mir noch Sonntag vor 2 Wochen und das war auch wichtig so, um meine derzeitige Belastbarkeit zu testen. Ansonsten hab ich noch etwas mehr als sonst die Berg/Hügelläufe in mein Training integriert, da ich schon gehörigen Respekt vor den 270 Höhenmetern Differenz hatte, die da in Heilbronn auf mich warteten.

Der 9. Juni rückte näher, die letzte Woche brach an. Schön, jetzt Training flachhalten, kein Stress von aussen und langsam psychisch auf den Tag X hinarbeiten, Du machst das ja nicht zum ersten Mal, Rolf!

Am Mittwoch kündigte sich dann das an, was ich immer befürchtete: eine Erkältung - schluck! Kratzen im Hals, Kopfschmerzen, unwohlsein. Jetzt hats mich also auch erwischt. Kein Wunder, momentan ist Gott und die Welt erkältet und Milliönchen von Bazillen schwirren durch die Lüfte. Hoffentlich "nur" eine normale und keine fiebrige Erkältung! So kurz vorher noch den Rückzieher machen? Kann nicht sein!

Freitag abend hatte mein Sohn Simon (7) ein Fussballturnier. Früher hätte ich mir nie vorstellen können, bei einem Fussballspiel begeistert als Zuschauer dabei zu sein ... aber wenn der eigene Sohn kickt und mit seiner Mannschaft auch noch gut spielt, dann muss man einfach lauthals mitjubeln! Laut-Hals, ojeeeeeeee!

Jedenfalls habe ich den ganzen Samstag über fast keinen Laut mehr herausgebracht, da halfen auch die sonst immer recht erfolgreichen Fisherman's Friend nicht mehr. Na ja, wenigstens lief meine Nase nicht und ich fühlte mich auch sonst körperlich recht fit.

Samstag, 8. Juni:

Samstag/Sonntag waren wir bei Ina und Peter mit Familie in Heilbronn eingeladen, liebe Verwandte. So blieb mir zumindest erspart, Sonntag morgen in aller Herrgottsfrühe nach Heilbronn fahren zu müssen. Startzeit Sonntag morgen war nämlich 8:30 Uhr - früh genug! Peter hatte am Samstag Geburtstag und für Speis und Trank war natürlich reichlich gesorgt.

Pah, 3 Stück Erdbeerkuchen und dann noch jede Menge Kirschen aus dem eigenen Garten - ich hätte früher vor meinen anderen 5 Maras keinen Gedanken dran verschwendet! Hoffentlich würde sich das ein oder andere dann nicht am nächsten Tag rächen ...

Der Trollinger-Marathon ist an diesem Wochenende eingebettet in das "Traubenblütenfest", welches auf dem Gelände "Wertwiese" alle möglichen Festivitäten bietet. Wenn ich nicht genau gewusst hätte, dass am morgigen Sonntag ein Marathon stattfindet, so wäre mir dies am Samstag vermutlich entgangen. Jedenfalls musste ich schon etwas suchen, bis ich das (kleinere) Marathonzelt fand. Die Startunterlagen flugs abgeholt und dann noch schnell schauen, was sonst noch so alles angeboten wird. Das Angebot selbst ist recht dünn, lässt mich aber relativ kalt, da ich ohnehin nichts gezielt gesucht habe. Aha - ein Stand von "Marathon&Mehr", davon hab ich schon im Lauftreff.de gelesen. So hab ich mir denn die beiden Erstausgaben auch ohne groß reinzuschauen sogleich gekauft - das wars dann auch schon. Wir verbrachten dann noch den Mittag über auf dem Fest. Die Kinder hatten jede Menge Spass und ich selbst hatte so eigentlich auch gar keine Möglichkeit, mich gedanklich auf den Marathon einzustellen. Andrea, meine Frau, fuhr dann abends mit Simon wieder nach Hause. Warum wohl? Richtig, Simon hatte am Sonntag wieder ein wichtiges Fussballturnier. Und Mona? Ja, die freute sich natürlich schon darauf, ihrem Papa im Ziel zujubeln zu können.

Aber bis dahin war es noch ein weiter Weg. Die Erkältung wurde nicht schlimmer, Start frei für den Trollinger am nächsten Tag ... Ungläubiges Kopfschütteln meiner Gastgeber, als ich ihnen erklärte, wann ich am nächsten morgen gedenke aufzustehen: um 6 Uhr ...

Sonntag, 9. Juni:

... in aller Herrgottsfrühe.

Ja, jetzt ist es da - das Gefühl, diese freudige Erregung!!!

Eigentlich weiss ich ja schon ganz genau, was zu tun ist. Die Abläufe sind bekannt, aber ich bin wieder aufgeregt wie beim ersten Mal. Dreimal hintereinander renn ich aufs Klo, gehe gedanklich nochmals alle Eventualitäten durch: jetzt bin ich wieder auf den Punkt fixiert. Obwohl wie immer früh aufgestanden, rennt mir die Zeit davon. Um 7:50 verlass ich das Haus und mach mich auf den Weg Richtung Badstraße, dem Start des Marathons. Immer mehr Läufer. Jeder für sich bereitet sich auf seine spezielle Art vor. Ich geb meine Kleidertasche an der Aufbewahrungsstelle ab und bin jetzt in der Badstrasse. Eigentlich kein bisschen hektisch, die meisten Läufer sind entspannt und warten genauso freudig wie ich auf das, was jetzt kommt. Kein Gedränge, das ist schön. Einige frösteln - ich selbst empfinde die Temperatur heute morgen als nicht unangenehm (in Würzburg war es kühler). Den gleichen Fehler wie vor 5 Wochen wollte ich beim Start aber nicht noch einmal begehen und stelle mich in der vorderen Reihe auf. Warum? In Würzburg hatte ich die ersten zwei Kilometer damit zu kämpfen, langsamere Läufer zu überholen ...

Meine Strategie für dieses Mal: vorne reinstellen, die ersten paar Kilometer (max. 4) schneller angehen und dann entsprechend langsamer. Die Spannung steigt. Über uns kreist ein Flugzeug mit Eberhard Gieger drin, dem ehemaligen Olymiasieger am Reck. Er wird in wenigen Momenten mit dem Fallschirm abspringen und die Startpistole bei seiner Landung wenige Meter vor uns an den Heilbronner OB überreichen, dann wird runtergezählt, 10, 9, 8 ...

Und da kommt er schon, jetzt gehts schnell. Der Puls steigt. Ein paar Worte noch von dem gelandeten "Ebse" (wie er vom Sprecher genannt wird), und dann wird tatsächlich runtergezählt: 10, 9, 8 ...

LOS GEHTS !!!!

DREIII, ZWEIIIII, EIIINNNNSSSS, S C H U S S !

Darauf wartet doch jeder Läufer, die Spannung entlädt sich, jetzt kommts drauf an! Kann ich meinen Plan umsetzen? Kurz vor dem Start wurde die deutsche Berglaufmeisterin Gudrun de Pay begrüßt - ich hefte mich vorübergehend an ihre Fersen. Das Tempo ist nicht zu hoch, ich kann es in der Anfangsphase gut mitgehen, ohne gleich zu "überziehen". Gleichmäßig laufen, den Atem finden, versuchen, "rund" zu laufen, das ist auf den ersten Metern wichtig. Ich geniesse es, vorne mitzulaufen, wohlwissend, dass dies nur von sehr kurzer Dauer sein wird. Es ist immer wieder höchst interessant, die anderen Läufer zu beobachten, sich Gedanken über ihren Laufstil zu machen und vielleicht sogar den ein oder anderen Rückschluss auf seinen eigenen Laufstil zu machen.

Es wird wohl kaum zwei Läufer auf der Welt geben, die exakt gleich laufen, ja vielleicht könnte dies ja auch einmal eine "Wetten Dass?"-Aufgabe sein: Nur anhand von wenigen Laufschritten unter vielleicht 100 Läufern den entsprechenden Läufer zu identifizieren? Halt! Nicht jetzt schon abschweifen! Konzentrier Dich! Du wirst im Laufe des Rennens noch genügend Gelegenheit haben, Deine Gedanken schweifen zu lassen ... Gudrun de Pay jedenfalls hat einen wie mir scheint äusserst kraftvollen Laufstil! Noch weiss ich natürlich noch nicht, dass ich die ersten 4 km direkt hinter der späteren Siegerin laufe.

Wir laufen also zunächst in die dem Ziel gewandte Richtung los und überqueren nach wenigen 100 m die Götzenturmbrücke, um dann wiederum auf der anderen Seite des Neckars am Uferweg den Wertwiesenpark gen Sontheim zu passieren. Vereinzelt feuern uns hier schon Zuschauer im Park an. Ich empfinde es als sehr angenehm, nicht gleich am Anfang durch eine große Straße laufen zu müssen - erinnert an morgentliches Joggen durch den Park ... Den Weg kenn ich ja auch schon, war ich schon öfters spazieren. Ich brauch dieses Mal nicht ständig auf die Uhr zu schauen, keine Zeitenhatz heute!

So, die ersten 4 km liegen hinter uns, ich bin ein hohes Anfangstempo gegangen, nun heisst es aber wirklich: nicht nur einen, sondern gleich zwei Gänge zurück, um nicht Gefahr zu laufen, gleich in der Anfangsphase dauerhaft in den roten Bereich zu gelangen. Tschüss, Gudrun und ihr anderen Spitzenläufer, viel Erfolg noch !!! Und weg waren sie ...

DIE SÜSSESTEN TRAUBEN HÄNGEN OBEN

Klar hab ich mir das Streckenprofil im Vorfeld öfters angeschaut, die Strecke selbst bin ich jedoch weder abgelaufen- noch gefahren, so dass ich eigentlich schon gedanklich drauf vorbereitet war, dass nun, nachdem wir den Vorort Flein durchlaufen haben, die wohl größte Herausforderung des Laufes auf uns wartete. Schon in Flein geht es stetig etwas bergauf. Nein, nicht dass man da schon zu kämpfen hatte (man war ja noch frisch, keine 10km gelaufen), aber kurz nach Flein, da gibts für lange Zeit nur noch eine Richtung, nach oben eben. Logisch, heisst ja auch Weinberg und nicht Weintal.

Spätestens hier also war zunächst mal Schluss mit lustig. Interessant ist immer wieder auch zu beobachten, wie bei wenigen Läufern so eine Art Verdrängungsmechanismus einsetzt, wenn sie sich nicht eingestehen mögen, "durchzulaufen". Einer ungefähr 100 m vor mir ist immer langsamer geworden (so wie ich auch) und hat dann einfach seine Schuhe gebunden - war das nun Alibi oder nicht, egal - ihm hilfts! Andere wiederum sind sooooo langsam gelaufen, dass gehen wahrscheinlich die einfachere, mehr kraftsparende Lösung gewesen wäre. Ich selbst hab mich von vornherein dafür entschieden, es zumindest so lange zu VERSUCHEN, wie möglich. Na dann leg ich halt ne Mini-Gehpause ein die letzten paar Meter bis zum Gipfel, na und? Spätestens an dieser Stelle wird wohl der ein- oder andere Läufer "alter Schule" meine Geschichte zur Seite legen, weil Regel Numero 1 lautet: Ein Marathon muss gelaufen werden!

Bin ich jetzt ein minderwertiger Läufer, nur weil ... ach was solls, jeder soll doch eins mit sich selbst sein, oder? Sag ich mir auch, und deshalb fang ich auch wieder richtig zügig an zu laufen, als der Gipfel in Sichtweite gelangt.

Ahhhhhhh, und da ist ja auch die Verpflegungsstation. Also wer sich hier auf dem Gipfel 1/10 Trollinger zum probieren genehmigt, der ist entweder richtig gut trainiert oder aber, naja ich jedenfalls hab an den Wasserstellen fortan haupsächlich Mineralwasser, seltener Apfelschorle in mich "reingekippt". Je länger der Streckenverlauf wurde, desto mehr bin ich auch dazu übergegangen, becherweise Wasser über meinen Kopf zu schütten. Ich kann mich nicht dran erinnern, während eines Marathons auch nur annähernd so viel getrunken zu haben wie an diesem Sonntag (zu meiner Rechtfertigung muss ich auch noch anmerken, oh Mist, das hab ich ja bisher noch an keiner Stelle erwähnt, dass das Wetter höchst Öchsle-freundlich war - ja was soll ich sagen, es war traumhaft, Sonne pur - auch wenn dem ein oder anderen Läufer, ich habs genau gehört, ein paar Wolken am Himmel viel lieber gewesen wären). Aber so schön es ist, im Nieselregen zu laufen, einen ganzen Marathon lang, danke nein! Dann schon lieber schwitzen und Wasser marsch! Zurück zum Lauf ...

WARUM WAHRSCHEINLICH EINIGE MARATHON-NOVIZEN ECHTE PROBLEME BEKAMEN

... denn nun gings eigentlich fast noch steiler runter als zuvor rauf! Meine Güte, wenn ich vor gut 1 1/2 Jahren so "runtergebrettert" wäre wie jetzt, so hätte ich mir damals wahrscheinlich beide Knie kaputt gemacht und hätte nie im Leben hier den Trollinger zu Ende gebracht. Bleibt eigentlich nur zu hoffen, dass möglichst wenige Marathon-Neulinge solch eine bergige Strecke für ihren ersten Marathon wählen. Und wenn überhaupt, waren sie hoffentlich klug genug, den Berg nicht unbedingt runterzulaufen, sondern vorsichtigerweise runterzugehen. Fehlende Muskulatur in den Oberschenkeln geht beim Bergablaufen unweigerlich in die Knie, und das Knie ist wohl mit das verletzungsanfälligste Teil vieler Läufer. Wo waren wir noch mal? Ach ja - Talheim ( ich war schon 3 mal mit meiner Frau und den Kindern hier beim Fasnet-Umzug - "Dalla Allaaaf!" ).

JA WO LAUFFEN SIE DENN?

Kurz und knackig gings also durch Talheim ins "Tal heim". Nach kurzem Anstieg dann runter nach Lauffen. Zu diesem Zeitpunkt liefs bei mir richtig gut, ja ich hatte sogar das Gefühl, nicht unbedingt langsamer zu sein als bei einem meiner bisherigen "Zeitmarathons" - obwohl ich die Eindrücke hier viel mehr auf mich einwirken liess als in der Vergangenheit. Irgendwo bei Lauffen auf dem Gelände der Weinbaugärtnergenossenschaft Lauffen spielte eine Jazzband Dixieland und jeder hatte beim vorbeilaufen seinen Spass daran. Überhaupt waren es auch die Kleinigkeiten unterwegs, die mich richtig wieder "aufbauten". In Hausen etwa rief mir ein freundlicher älterer Herr vom Fenster herab, als ich gerade kurz nach einem intensiveren Wasserstop ein paar Takte gehenderweise unterwegs war: "Ha so kommscht aber heut nemme hoim, jetz rennsch wieder zua!", worauf seine Frau anmerkte "Ha Du kasch leicht schwätza, mach des erscht emol!".

HALBZEIT

Jetzt die 21 km direkt nach Hausen, und dann kommen die Chipmatten, doch oh Schreck: hab ich mich verlaufen? Keine Zeitmessung beim "Halben" komischerweise, ja später hab nicht nur ich festgestellt, dass überhaupt nur beim Start und dann wieder im Ziel die Zeit gemessen wurde. Zwischenzeitlich wurde keine Matte überquert. Aber wir sind ja hier nicht in Berlin, wo es schon mal vorkommt, dass das ein oder andere "cleverle" meint, er käme mit unerlaubten Mitteln nicht-laufenderweise ans Ziel. Trotzdem wäre es wohl sinnvoll, zumindest bei der Halbmarathonstrecke eine Zeitmessung durchzuführen.

IRGENDWANN GEHTS ANS EINGEMACHTE

Jetzt muss dann eigentlich laut Streckenprofil bald der zweite richtig harte Brocken kommen hinter Brackenheim, der Anstieg hinter Neipperg. Ja, und das war dann auch richtig heftig! Unten noch einmal eine Wasserstation und man kann von dort aus schon die Steigung erahnen, teilweise die Beine der vorauslaufenden in der Höhe sichten. Kaum einer, der diesen Anstieg vor mir komplett laufenderweise genommen hatte. Doch ganz oben müssen Eingeweihte gestanden haben: diese Fans haben geschrien und geklatscht, uns angefeuert, Wahnsinn! Das war fast wie ein kleiner Zieleinlauf. Ihr wart SUPER !!!

VON NUN AN GINGS BERGAB

aber nicht so mit meinem Befinden, sondern (alte Weisheit): Wenns auf der einen Seite hochgeht, muss es irgendwann auf der anderen Seite auch mal wieder runtergehen. Wenn es Endorphine gibt, so sind sie nun bei mir aktiviert worden. Wolke sieben, es läuft wie von selbst, Du läufst schneller und bist glücklich mit und in Dir. Für mich kommt nun auch der landschaftlich schönste Teil der Strecke, oder mir kommt es in diesen Augenblicken zumindest so vor: herrliches Panorama, Du läufst durch Weinberge, zwischendrin noch zwei kleinere Orte (Nordhausen und Nordheim). Da war die Stimmung dann auch wirklich NUR GUT: Bei Nordhausen war rechter Hand ein Sportplatz und jede Menge begeisterter Kinder (und natürlich auch Erwachsene), die die Hände zum "Abklatschen" ausstreckten. Ich hab euch alle versucht abzuklatschen, ihr wart begeistert mit dabei, spätestens hier ist bei mir der Funke total übergesprungen. Kurzes Stück weiter in Nordheim: Dort ist totale Party angesagt! Immerhin ist das für uns Marathonläufer Km 35, also da gehts richtig ans "Eingemachte"! In Nordheim jedenfalls spürte ich die Strapazen überhaupt nicht, ganz im Gegenteil: ich strahle die Menschen an und schreis einfach raus: IHR SEID SUBBBBRRRR !!!

NOCHMAL RICHTIG KÄMPFEN IST ANGESAGT

Bevor die später gestarteten Halbmarathonis bei Klingenberg auf uns stoßen, gilt es noch einmal darum, die (vor)letzte größere, längere Steigung hinter sich zu lassen. Jetzt wird schon jeder kleinere "Buckel" zum schier unüberwindbaren "Berg", naja jeder Schritt bergauf ist halt wieder doppelt anstrengend. Und noch sind ja immerhin 5 km zu bewältigen. Ich weiss: erst die letzten 2 km sind von der Strecke her für mich so "berechenbar" (wenn ich dies mal so ausdrücken darf), dass Du auf der Woge des bevorstehenden Finisher-Glücks ins Ziel getragen wirst. Bis dahin heisst es nochmals beissen (und trotzdem freuen!) ...

EINMARSCH DER GLADIATOREN

Ja, jetzt ist es bald geschafft, ich geniesse es, von den Leuten beklatscht und umjubelt zu werden. Nein, diese Leute wollen nicht unbedingt nur Spitzenathleten sehen, sondern sie feiern solche Menschen wie Dich und mich, kleine Helden, die, jeder für sich, eine besondere "Prüfung" mehr als erfolgreich bestanden haben. Und wir, die Halb/Marathonis, feiern uns und das tolle Publikum, ist das nicht herrlich? Badstraße, genau, da hat es vor 3:20 angefangen, und nun bist Du fast am Ziel, kurz vor dem Frankenstadion.

PAPI, PAPI !!!

Eigentlich hab ich eher im Stadion darauf gehofft, meine kleine Mona zu sehen, wie sie zum ersten Mal ihren Papa nach einem Marathon sieht, doch auf einmal ruft es in der Badstraße auf der rechten Seite: Paaaaaappppiiiii, Paaaapppiiii !!! Und ich seh die leuchtenden Augen von Mona. Ich lauf zu ihr hin, nehm sie hoch (ungeachtet, dass ich total nass bin), knuddel sie, und wir sind beide für einen Moment wohl die glücklichsten Menschen auf dieser Welt. Regina macht noch kurz 2-3 Fotos von uns, dann lauf ich wieder weiter.

IM STADION

Ja, das hat was! In ein Stadion bin ich bisher noch nicht eingelaufen, und alles jubelt, hurra! Nun noch eine 3/4 Bahn auf der Kunststoffbahn (wie federnd leicht der Boden doch ist), dann durchs Ziel. Ich juble den Menschen winkend entgegen, ich schreie meine Freude hinaus, obwohl mich hier im Zieleinlauf kein Mensch direkt kenn, und alle jubeln mir zu - und durch !!!

Ich bekomme von einem mittelalterlich kostümierten Herrn meine Medaille umgehängt und stehe glücklich und zufrieden im Zielauslauf. Da spricht mich ein Mann von der Seite an (Moment, den hast Du schon mal gesehen ...). Er fragt mich, wie mir denn dieser Marathon gefallen hat. Die Begeisterung sprudelt nur so aus mir heraus. Ich erzähle ihm innerhalb 3-4 Minuten meine halbe Läuferstory (warum eigentlich?) und dass dies bisher mit Abstand mein schönster Marathon von allen war. Und dass ich in jedem Fall nächstes Jahr wieder dabei bin, hier in Heilbronn! Aber sagen Sie mal, Sie kommen mir irgendwie bekannt vor. Sind Sie nicht der Organisator dieser Veranstaltung?

Nein, ich bin Oberbürgermeister hier in Heilbronn, entgegnet er. Und ich freue mich, Sie nächstes Jahr hier in Heilbronn wieder begrüssen zu dürfen.

Ja, ganz bestimmt, dessen können Sie sich sicher sein!

Rolf Ohnmacht, 10.06.2002


Nachtrag fürs Logbuch:

Platz (AK) StartNr. Name AK Verein Brutto Netto
89 (20) M 919 Ohnmacht, Rolf (GER) M40 Passtschon 98 03:23:13 03:23:11