Alterspyramide und kein Architekt?
Das Modell "europäischer Sozialstaat" erweist sich als erstrangige und segensreiche zivilisatorische Leistung. Sein junges Leben beinhaltet Geburtsfehler und er muss sich gesellschaftlichem Wandel ständig anpassen. Er will die beste Bühne für ein politisches Theaterstück sein: das Spannungsfeld zwischen großem Anreiz zur Leistungsbereitschaft jedes Einzelnen und umfassendem Schutz menschlicher Lebensbedingungen ausspielen und meistern in Konkurrenz mit Gesellschaftsmodellen anderswo in der Welt.
Überzeugenden Erfolgen stehen verschiedene Defizite gegenüber, denen nicht mutig genug gegen gesteuert wurde. Ein Beispiel ist die Reproduktion und Altersstruktur der Bevölkerung. Sie haben entscheidenden Einfluss auf die Zukunft jeder Gesellschaft und werden durch viele Faktoren beeinflusst - Kriege, Seuchen, Lebens- und Arbeitskultur - um nur einige zu nennen. In Ländern des südlichen Afrikas etwa hat Aids einen großen Teil der mittleren Generation weggerafft mit fatalen Folgen. Viele Leistungsträger in einem ohnehin leistungsschwachen Umfeld sind ausgefallen, Kinder müssen ohne Eltern aufwachsen. Und dennoch, die Geburtenrate ist besonders hoch, auch weil viele Kinder dort die beste Altersabsicherung ihrer Eltern sind. Die ungleiche Bevölkerungsentwicklung in verschiedenen Regionen der Erde wird vorhersehbar zu globalen Spannungen führen - nicht allein weil bestimmte Ressourcen knapp werden. Wir sind schon mitten in diesem Prozess, auch wenn der Ernst der Situation noch nicht so deutlich ist.
Betrachten wir die entwickelten Regionen in Europa und
Amerika, so fallen deutliche Unterschiede auf. Die USA haben eine
durchschnittliche Zahl von 2,1
geborenen Kindern je Frau (totale Fertilitätsrate TFR) - die ideale für die einfache Reproduktion der Bevölkerung bei
hoch entwickeltem Gesundheitswesen und verschwindender Kindersterblichkeit. In Ländern Europas liegt die Geburtenrate
jetzt zwischen 1,9 (Frankreich, Irland) und 1,1 Kindern je Frau (Länder im Umbruch
wie Russland, Bulgarien). In Deutschland, Österreich und Italien liegt sie bei 1,3 Kindern
je Frau. Diese Zahl muss statistisch etwas nach oben korrigiert werden wegen des
zu beobachtende Aufschiebens des Kinderwunsches, bleibt aber dennoch weit unter der einfachen Re
produktion. Die Alterspyramide wird damit zunehmend auf den Kopf
gestellt. Unser Bild missbraucht Chephrens Pyramide, dies zu veranschaulichen.
Die "Statik" gerät aus dem Gleichgewicht. Das wird gravierende Folgen haben.
Die Bevölkerung wird sich nicht nur
genetisch wandeln, die Gesellschaft, das gesamte Umfeld bis hin zum Bild
unserer Kulturlandschaft werden sich verändern. Landstriche werden entvölkert,
Stadtteile werden veröden. Nicht alle Folgen dieser Entwicklungen sind für das
menschliche Leben negativ zu werten. Jedenfalls wird der demographische Wandel weit
reichende Konsequenzen in
vielen Lebensbereichen haben, die genannten globalen Interessenkonflikte
eingeschlossen.
Wie verlief die Entwicklung in der Vergangenheit? Um 1850 lag in Deutschland der Durchschnittswert bei 5 Kindern je Frau. Eine hohe Sterblichkeit besonders der Kinder verhinderte eine Bevölkerungsexplosion. Die Geburtenrate änderte sich mit dem Verbot von Kinderarbeit und der Einführung einer Rentenversicherung. Kinder mussten nicht mehr die Altersabsicherung der Eltern garantieren. Nach 1900 wurden in Deutschland im Durchschnitt nur noch 2 Kinder je Frau geboren. So alt ist unser demografisches Defizit schon! Immerhin reichte das fast noch für die Reproduktion - hätten nicht Weltkriege das Bevölkerungsgleichgewicht gestört. Dennoch an dieser Geburtenrate änderte sich bis Ende der 1960er Jahre nichts, weil Defizite in Krisenzeiten später wieder ausgeglichen wurden. 1961 wurde die Pille zur Schwangerschaftsverhütung eingeführt und setzte sich innerhalb eines Jahrzehnts durch. Die sexuelle Befreiung war eine kulturelle Revolution und nun wurden fast nur noch Wunschkinder geboren. Die durchschnittliche Geburtenrate in Deutschland erreichte 1975 1,5 und sank ab 1990 auf 1,4 oder etwas darunter.
Noch einmal der Blick auf die Alterspyramide. In einer genaueren Darstellung hätte sie sich von ursprünglich einer "Pagode" (typisch für hohe Geburtenrate und hohe Kindersterblichkeit) über "Pyramide" (geringe Kindersterblichkeit) und "Glocke" (längere Lebenserwartung) zunehmend zur Gestalt einer "Urne" (geringe Fertilitätsrate) gewandelt. Man erkennt dramatische Auswirkungen des "Pillenknicks": 20 bis 30 Jahre nach ihm multipliziert sich die zu geringe Zahl der Geburten erneut, denn es sind nun wenige Frauen im gebärfähigen Alter und wünschen sich durchschnittlich nur 1,3 Kinder.... Demographen kennen das Problem schon lange, die Gesellschaft jedoch hat unzureichend darauf reagiert: schon 1/4 Jahrhundert verschenkte Zeit, kaum und bestenfalls sehr langfristig auszugleichen.
Vielfältig sind die Gründe, sich gegen ein Kind zu entscheiden, und ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Viele Menschen leben die Spaßgesellschaft, leben für ihre Konsumansprüche, beim Wertewandel hin zur eigenen Freude werden Kinder eher als störend empfunden. Partnerschaften auf kurze Zeit bilden kaum eine Basis für die Herausforderungen eines Lebens mit Heranwachsenden. Junge Menschen erlernen heute erfolgreicher als je ihren Traumberuf und sind damit oft erfolglos, da der Beruf nicht den gesellschaftlichen Anforderungen entspricht. Die durchschnittliche Ausbildungszeit ist absolut und auch relativ zu anderen Ländern immer länger geworden. Damit verkürzt sich die Zeit, in der Erlerntes in den besten Lebensjahren für die Gesellschaft nützlich sein kann und das schadet dem Sozialsystem. Familien werden zunehmend in späteren Lebensabschnitten gegründet und die verbleibende fruchtbare Zeit der Frau ist kurz. Wert und Reichtum eines Lebens mit Kindern wird in unserer Gesellschaft wenig kommuniziert. Familienpflichten stören die berufliche Karriere. Und Kinder kosten viel Geld, das in wirtschaftlich unruhigeren Zeiten nicht zuverlässig verdient wird... Eine große Errungenschaft unserer Gesellschaft ist, wie frei heute jeder Mensch sein Leben gestalten kann. Diese Errungenschaft gilt es zu schützen. Welch hohen Wert Kinder als ein Lebensziel haben, muss jeder für sich selbst herausfinden. Der gewonnene Lebensinhalt und die Bereicherung mit der "Investition Kind" in der Lebensplanung jedes Menschen wird all zu leicht unterschätzt. Ein Paradigmenwechsel dafür ist eine der wichtigen Aufgaben unserer Zeit.
Was kann, was sollte Politik leisten? Weil ein Gegensteuern wie beim Klimaschutz erst langfristig Wirkung zeigen kann, ist ihre kurze Sichtweise problematisch: Politik richtet sich vorrangig nach Legislaturperioden. Zumutungen an die Wähler überlässt man lieber den Nachfolgern. Die mangelnde Entschlusskraft zwar erkannte aber schon gewohnte Fehlleistungen der Gesellschaft zu ändern führt dazu, dass (auch) die deutsche Politik sich überwiegend mit Symptomen wie Beitragssätzen zur gesetzlichen Krankenversicherung oder Abschlägen in der Rentenformel befasst, anstatt sich mit den Ursachen ernsthaft auseinander zu setzen. Jeder Arzt weiß aber, dass die Behandlung nur von Symptomen keine Heilung verspricht, die Krankheit schreitet vielmehr fort. Die Geburtenrate ist kein Naturgesetz sondern spiegelt Wertmaßstäbe einer Gesellschaft und wird durch Rahmenbedingungen sehr deutlich beeinflusst. Das wird eindrucksvoll an der Geburtenrate vom Jahr 1995 in den Neuen Bundesländern deutlich: 0,77 ist der historisch niedrigste Wert, der verursacht durch geänderte Rahmenbedingungen in Deutschland beobachtet wurde. Also lässt sich auch das Gegenteil erreichen! Gesetze zum Mutter- und Jugendschutz, Steuerfreibeträge oder Kindergeld, aber auch bessere Angebote von Kinderkrippen und Kindertagesstätten oder alternativ Familiengeld helfen, werden dennoch als zu zaghafte Schritte empfunden und können einen Paradigmenwechsel nicht wirklich bewirken.
Oft fällt das Stichwort Generationengerechtigkeit. Die wird vom Staat wegen seiner Verschuldungspolitik nicht in Ausnahmesituationen sondern immer noch dauerhaft verletzt und belastet künftig Kinder und Enkel. Im privaten Bereich ist es umgekehrt: Entgegen der verbreiteten Meinung geht die überwiegende Transferleistung von der älteren Generation zur jüngeren, Eltern unterstützen vielfältig und in immer längeren Lebensphasen ihre Kinder. Die Belastung von Kinderlosen und Eltern ist nicht ausgewogen.
Verschiedene Reformziele sind inzwischen sichtbar: etwa gegen zu lange Ausbildungszeiten. Eine zeitliche Obergrenze der staatlich unterstützten Schulausbildung (12 Jahre) und bei einer sich anschließenden Hochschulbildung (10 bis 12 Semester) sind anderswo längst Wirklichkeit. Andererseits wandeln sich Berufsbilder schnell mit dem technischen Fortschritt. Zeitgemäße Angebote und eine Verpflichtungen zur Weiterbildung oder gar Umschulung während der gesamten aktiven Lebenszeit können viele Chancen verbessern.
Ein anderes Beispiel ist die Rentenversicherung. Die Möglichkeit, den Renteneintritt individuell in ein höheres Lebensalter hinauszuschieben oder den früheren Beginn mit Rentenabschlägen auszugleichen, beinhaltet mehr als eine rechnerische Notwendigkeit. Das System lebt davon, dass Kinder mit ihren Beiträgen die Rente der Elterngeneration finanzieren. Im Kern ist dieses Prinzip viel älter als die Rentenversicherung, jedoch ist es deren Fehler, dass es nicht mehr personifiziert wirkt. Wenn keine eigenen Kinder zur Finanzierung der Rente ihrer Eltern beitragen können, müssten verhinderte Eltern in ihrer aktiven Zeit stärker zum Aufbau einer Kapitaldeckung ihres eigenen Rentenanspruchs innerhalb der Rentenversicherung verpflichtet sein zusätzlich zu ihrem Umlagebeitrag zur Finanzierung der Rente ihrer Eltern. Zur Ausgestaltung eines solchen Prinzips bestünden große politische Spielräume. Ziel müsste sein, die Belastung für "persönliche Altersvorsorge" besser abzugleichen mit den Belastungen von Eltern für Kinder. Gestaltungsmöglichkeiten bestehen sowohl auf der Beitragsseite der Rentenversicherungen (steuerfinanzierte Zuschüsse vorrangig an Eltern und/oder relativ höhere Beiträge Kinderloser) als auch auf der Leistungsseite (kein globaler Demographiefaktor sondern ein individueller, der die Zahl der Kinder stärker berücksichtigt).
Der steuerfinanzierte Zuschuss zur Rentenversicherung muss auch deshalb künftig weiter wachsen, weil arbeitsferne Einkommen - wie Kapitalerträge - stärker beteiligt werden müssen und der Faktor Arbeit (für Arbeitnehmer und Arbeitgeber) von Nebenkosten entlastet werden muss: Der globale Wettbewerb um kostengünstige Produktion ist verzerrt, denn viele Wettbewerber erheben kaum Lohnnebenkosten. Dennoch sollten auch Arbeitgeber unterschiedlich hohe Rentenversicherungsbeiträge für Kinderlose bzw. Arbeitnehmer mit Kindern entrichten. Die Arbeitswelt hat einen unterschätzten Anteil an der Kinderfeindlichkeit in unserer Gesellschaft. Die Beschäftigung von Müttern und Vätern muss für Unternehmen attraktiver werden. Die simple Regel, dass Kinder die wichtigste Investition für die Zukunft eines Volkes sind, hatten unsere Eltern und Großeltern besser verinnerlicht und gelebt. Manch anderes hoch entwickeltes Land ist uns voraus, bietet ein Klima zum Wohlfühlen für Familien und Kinder. Sind wir lernfähig?
zum übergeordneten Text zur Inhaltsübersicht
Sie interessieren sich für kinderfreundliche Naturprodukte zu fairen Preisen? Dann schauen Sie doch mal zu:
Lebensfluss Naturprodukte - u.a. Kindermöbel Holzspielzeug Kinderlaufrad Naturlatexmatratze