Spuren eines Reisenden

Der Anruf aus Riga kam einen Tag vor dem Abflug, die Unterkunft brauchte meine Reisepassnummer, Bush komme in der Stadt. Die Internet-Zeitung russland.ru meldete auch, dass George "Dabbelju" am 6. und 7. Mai in Riga die Staatschefs von Estland, Lettland und Litauen treffen möchte. Und so herrschte dann am Freitag Belagerungszustand in der Fast-Millionenstadt. Dutzende Uniformierte und Schlapphüte beobachteten, wie ich mit Rucksack und Karte an den Absperrungen entlang den Weg zur Akademischen Bibliothek Lettlands suchte und fand. Die Ausstellung war auch wirklich hervoragend.

Plakat

Fast vierzig Vitrinen mit literarischen Schätzen, hauptsächlich aus Riga selbst. Einige Leihgaben der Referenten rundeten die Schau ab. Die Vorträge wurden fast ausschließlich in einem schnellen und leisen Deutsch gehalten, man bemühte sich um wissenschaftliche Exaktheit. Seume redigierte um 1805 in einer Frauenzeitschrift herum, einige Briefe und ein Gelegenheitsgedicht wurden (wieder-) gefunden.

Vitrine

Abends ging es dann per Kleinbus zum Depkinshof, dem Gutshaus Garlieb Merkels links der Düna. Schillers Tod bewegte Seume und die von ihm Besuchten. Die Zeit der (kassischen) Dichtung war vorbei, die Wirklichkeit lies seinerzeit noch ein wenig auf sich warten. Am Samstag nocheinmal akademische Tagung, abends ging dann in der Innenstadt nichts mehr, Kampfhubschrauber am Himmel, Scharfschützen auf den Dächern. Kameras waren verboten, die Hotelgäste wurden instruiert, nicht zu lange am Fenster zu stehen.

Bush
Dagger

Die Sowjetzeit schien zurückgekehrt, ich floh ins Kino, in einen chinesischen Schmachtfetzen. Sexy Kriegerin und Prinz lieben sich im Bambushain, am Ende werden alle zu Hackfleisch verarbeitet. Eine ältere Lettin und ich blieben beim Abspann sitzen und heulten wie die Schlosshunde, ach war das schön!

Rathaus

Am Sonntag früh war der Spuk vorbei, die Drahtverhaue und MG-Nester verlassen. Aber da es die Wochenendgäste nicht bis in die Stadt geschafft hatten, wirkte Riga seltsam verwaist.
Plattenbau

Strand

Die Elektritschka gibt es noch, mit ihr fuhr ich nach Jürmala, um die verfallenden Holzhäuschen abzulichten - die mit Abstand beliebtesten Fotomotive politisch interessierter "Backpacker". Ceaucescus Villa habe ich dort nicht gefunden, aber auch nicht extra gesucht.

Ferienheim

Holzhaeuser

Verfall

Am Montag fuhren wir per Bus ins estnische Ostseebad Pärnu (Pernau). Der viel gepriesene Windpark von Ainazi besteht aus zwei stillstehenden Windrädern älterer Bauart. Auffallender sind etliche Feinstaub-Meßkontainer, die die EU überall an markanten Plätzen und Straßenkreuzungen aufstellen lassen hat - anscheinend als Ersatz für die irgendwie abhanden gekommenen Lenin-Denkmäler. So hat jede fürsorgliche Diktatur ihre eigenen Herrschaftssymbole. In der Pühavaimu-Strasse 26 von Pärnu befand sich von 1873 bis 1917 die von Carl Gustav Jochmann gestiftete sogenannte Jochmannsche Schule. Nun also ein Symposium zu Ehren dieses "Spätaufklärers".

Sanatorium

Ich kam preiswert in einem Sanatorium unter, in einem Holzhäuschen mit Holztürmchen und eigener Veranda im Park. Im Notfall hätte ich auch nach der Schwester klingeln können, nur Rauchen war unter Strafe gestellt. In Estland werden durchaus auch neue Holzhäuser im traditionellen Stil gebaut, hier ein renoviertes Exemplar.

Holzhaus

Die Außenstelle der Tartuer Universität im Pärnuer Hafenviertel ist hochmodern, nur das Symposium wirkte seltsam zusammengesucht. Wir erfahren, dass Jochmanns Vater Stadtsekretär in Pernau war.

Hoersaal

Der Knabe verliess seine Heimatstadt 1799, ging in Riga zur Schule, studierte in Deutschland und wurde Advokat. Später verkehrte er in den literarischen Kreisen Deutschlands, Frankreichs und der Schweiz. Seine Bücher veröffentlichte er alle anonym. Die hatten Namen wie: "Die Hierarchie und ihre Bundesgenossen in Frankreich", "Betrachtungen über den Protestantismus", "Über die Sprache" oder "Briefe eines Homöopathischgeheilten an die zünftigen Widersacher der Homöopathie". Übersetzungen ins Lettische oder Estnische gibt es nicht. Ansonsten habe ich mir noch ein Zitat von Max Weber notiert: "Es zeigt das nationale Unglück Deutschlands, dass man noch nie einen Hohenzollern geköpft hat." Da ist was dran, aber vielleicht tut es auch ein neoliberaler Bundespräsident?

Am Mittwoch zog die Karawane weiter nach Tartu (Dorpat), um 19.00 Uhr wurde die Ausstellung "Seumes Welt" im Deutschen Kulturinstitut eröffnet. Überraschenderweise hatte eine auflagenstarke Heftreihe zu diesem Anlass (?) Seumes Apokryphen auf Estnisch herausgebracht. Plötzlich waren wir bei einer Nation von Seumekennern zu Gast und den heutigen Esten scheint der naive politische Liberalismus unseres Leipziger Rucksacktouris sehr zuzusagen.

Institut
Johann

Am Donnerstag eröffnete der Oberbürgermeister die Jubiläumstagung "Seume und Dorpat". Der Festvortrag von Professor D. war wie gewohnt "hyperkritisch", diesmal mit der Betonung auf Unklarheiten in Seumes Selbstbild. Auf diese Weise kann man vielleicht zwei Seiten Literaturrätsel in der "Süddeutschen" füllen, unserem Dichter wird das eher weniger gerecht. Oder um ein Goethezitat abzuwandeln: So aufmerksamkeitsökonomisch und feuilletonistisch wünsche ich mir die Germanisten durchaus nicht!

Hyperhyper!
Ruine

Besonders interessant gerieten die Beiträge zu Universitätsgeschichte und studentischem Leben. 1805 war also mitten im "empfindsamen Jahrzehnt" Dorpats, während später die empfindlichen Jahrzehnte kamen, als Korpsstudenten keine Gelegenheit ausließen, sich die Status anzeigenden Hackfressen zu schnitzen.

Vortrag

Studis

Fünf wackere Arethusa-Radler hatten es aus eigener Kraft bis an die Embach geschafft, einer reiste sogar noch weiter auf der historischen Route.

radler

Am Freitag dann Stadtführung - Zeitreise durch eine europäische Stadt. Tartu punktet mit seinen bekannten Studenten: dem beliebten Embryologen Von Baer, dem Physikalischen Chemiker Ostwald, aber auch dem ins Politische hinein wirkenden Ökologen Von Uexküll.

Kiosk

Am Tallinner Altstadtring schauten uns vom Zeitungskiosk wieder Seumes "Apokrüüfid" an.

Doomberg

Olaf

Haus Altstadt

Die Hauptstädter sind stolz auf  ihren Wirtschaftsaufschwung, was sie gerne auch statistisch untermauern.

Arbeitslosigkeit

Während der "Internetblase" wurde stärker entlassen, der EU-Beitritt sorgte dann für einen Boom. (aus Tallinn Airport Magazine 5/05)

Einkommen

Der private Konsum der Esten wächst inzwischen langsamer als die Sparvermögen, sie scheinen also Geld zu haben und auf dem 2-Kronen-Schein ist Ernst von Baer abgebildet, der zu viel mikroskopiert hat.

Von Baer

Wer nun sein Geld an Embach oder Peipussee verdienen möchte, wird möglicherweise bei hyppelaud.ee fündig, eine Online-Übersetzung gibt es beim ibs.

Karikatur

Während in Moskau wieder einmal das Ende des "Reisebüros Wehrmacht" gefeiert wurde, hieß mein nördlicher Endpunkt Helsinki, ein teures Pflaster.

Helsinki

Kanone schanzen

Nach einer Citytour und dem Besuch bei den Strandhaubitzen von Suomenlinna pilgerte ich zur Finnlandia-Halle, wo am 1.8.1975 die Schlußakte von Helsinki unterzeichnet wurde. Ach Europa! Heute richten sich die Hoffnungen der Entrechteten eher auf die französischen Wahlbürger, wie schon zu Zeiten der Revolution. Aber das ist wieder die Geschichte mit den ungeköpften Hohenzollern...












Finnlandia