Nachstehende Seite entstand in einer Phase der Unzufriedenheit, als in Richtung Japanpop bei Corax so gar nichts gehen wollte. Wegen der musikalischen Inhalte soll sie auch hier stehen bleiben. Inzwischen gab es dann doch das Jpop-Wartezimmer - am Mittwoch, dem 11.Oktober von 20.00 bis 24.00 Uhr im Ärztehaus Mitte in der Kleinen Klausstraße. Mit einer kurzen Geschichte der Fernost- Sendungen im deutschsprachigen nichtkommerziellen Radio, Rundfunkgeschichte allgemein, Kurzwellen- Fernempfang, Sprachkursen Japanisch und Chinesisch, Hörfunk- Erinnerungen und Japanpop - bis der Arzt kam. Zu hören war die streckenweise sehr experimentelle Sendung auf der Festivalfrequenz UKW 99,3 MHz in der Innenstadt, in Halle- Neustadt, in Reideburg und auf dem Dautzsch. Allen Beteiligten sei herzlicher Dank gesagt. Und die Ge(s)chichte geht wahrscheinlich weiter...
(Seite editiert am 17.11.06)

RurutiaUpdate mit Hindernissen

(Midi von Natsumatsuri)

"Das Radiofestival braucht Eure Ideen, Sendungen, Formate, Vorschläge, Hörspielversuche und Konzepte...". Dieser Aufruf flatterte mir Mitte des Jahres auf den Tisch. Eingefallen dazu ist mir, dass Freies Radio ja nicht nur aus den laufenden Sendungen besteht. Viele hundert "Sendungen, Formate, Konzepte" wurden eingestellt, was nicht immer mit Scheitern gleichzusetzen ist. Zum Beispiel die Japanpop-Sendungen im Bermudafunk, "Kakkoi" in Klagenfurt oder die J-Nights im OK Berlin. "Hanabi" bei Radio Tonkuhle in Hildesheim scheint es auch nicht gut zu gehen. Sogar in Halle an der Saale gab es eine einschlägige Sendung, an der ich (D. S.) mitgearbeitet hatte.

Entstehung, Entwicklung und letztendliches Entschlafen einiger Sendungen sollte in einem einstündigen Feature nachgezeichnet werden. Die Reaktionen auf meine Idee reichten von Zustimmung bis zu eisigem Schweigen und langsam wurde mir klar, dass die Idee wohl doch nicht so gefragt war. Japaner passen nur schwer in das Ausländerbild der traditionellen Linken und überhaupt muß erst einmal alles das gespielt werden, was sonst so als Bemusterung geschickt wurde. Da kann man nichts machen. Wenigstens habe ich mich wieder einmal mit Japanpop beschäftigt. Was es musikalisch neues im Land der aufgehenden Sonne gibt, davon sollen die folgenden 58 Minuten erzählen.

Single(1 min von Whiteberrys Natsumatsuri)

Grob gesehen möchte ich behaupten, dass die japanische Populärmusik in den vergangen beiden Jahren soetwas wie den Übergang von der Klassik zur Romantik vollführt hat. Für die JPop-Klassik stehen Künstlerinnen wie Ayumi Hamasaki, Amuro Namie, die beiden Hitomis, auch Boa, überhaupt das ganze Avex-Label. Hinzu gekommen sind etliche Web-Artisten, Otsuka Ai und vor allem Rurutia.

Toroimerai

(Rurutia Heartdance)

Die Karriere der Rurutia begann im Jahre 2001 mit dem Erscheinen ihrer ersten Single [Itoshigo yo], gleich bei der großen Plattenfirma EMI-Toshiba. Rurutia ist ein Pseudonym, entstanden aus der Zusammenziehung von [Megumi No Ame] und [Rorotea]; was soviel bedeutet wie "Nacht mit starkem Regen, in der die Götter geboren wurden". Diese Göttin wenigstens war auch im Kopf von Taka Satoh entstanden, dem Alt-Punker und Strippenzieher bei EMI Japan. Zwei Monate später kam der Durchbruch mit der Single [Lost Butterfly], der bisher bestverkauften Scheibe dieser Firma.

Single (Rurutia Lost Butterfly)

Nun wurde es aber höchste Zeit für das erste Album im März 2002 mit dem geheimnisvollen Titel Ro. Überhaupt ist Rurutia eine extrem geheimniskrämerische Künstlerin, man weiß kaum etwas von ihr. Weder ihr Alter, noch weniger ihren bürgerlichen Namen. Es gibt Videoclips, aber keine Fernsehauftritte. Es gibt auch keine Live-Auftritte, noch nicht einmal Promo-Fotos. Auch ihr Gesicht ist in den Videos nur im Schatten zu sehen. Sie ist nicht mehr ganz jung und hat eine "barocke" Stimme, wie wenigstens die japanischen Fans finden.

(Rurutia Yuruginai utsukushii mono)

Das eben gehörte Lied Yuruginai utsukushii mono stammt von ihrem zweiten Album Water Forest, dass im Februar 2003 bei EMI erschien. Das dritte Album hieß Promised Land und erschien im Juni 2004. Auf diesem Album befindet sich auch der Titel Toroimerai, der Melodie und Gedankengänge von Schumanns Träumerei aufnimmt.

(Midi von Träumerei)

Oberflächlich gesehen ein Liebes- und Abschiedslied, aber Rurutia verabschiedet sich hier keineswegs von ihrem romantischen Traum eines gelingenden Lebens, eines Zusammenlebens ohne Verarmung und Ökonomisierung der Einzelmenschen. Auch die Toten sollen leben und die Hölle soll nicht sein - mindestens!

(Rurutia Toroimerai)
geheim
 

Etliche Singles folgten, die auch weniger originelles Material enthielten und etliche Selbstzitate. Auf dem vierten Album Meme vom April 2005 waren so überzeugende Titel wie Primary oder Cobalt no hoshi und doch braute sich Unheil über dem Kopf der geheimnisvollen Sängerin zusammen.

(Rurutia Suzaku no Sora)

Das Album Meme enttäuschte die Fans ein wenig, manche Lieder klangen für sie stilistisch daneben oder sogar "schäbig". Vieles war schon aus vorhergehenden Alben bekannt, anderes war einfach schlecht, "im Stil von Scheißestaren", wie das Übersetzungsprogramm wenig diplomatisch formuliert.

(Rurutia Primary)

Einige Monate später kam dann ein "Original Soundtrack" namens [Kazuo Umezu Kyofue Gekijo] heraus. Der Zorn im Fandom war gewaltig, denn in der Tat war Rurutias Stimme überhaupt nicht auf diesem Album zu hören. Nur die Background- Musik zu ihren alten Liedern, von Taka Satoh neu arrangiert. Kein überzeugendes Produkt! Die Urteile in Musiksendungen und Webforen waren vernichtend. Für fünf Monate tauchte Rurutia ab, Interviews hatte sie ohnehin nie gegeben und die Schmähungen der Musikpresse liefen ins Leere. Und auch die Konkurrenz schlief nicht, angeführt von Otsuka Ai.
Strippen
(Otsuka Ai Yumekui)

Otsuka Ai setzt auf klassische Balladen, kombiniert mit treibenden Melodien und sie scheut sich auch nicht, ausdauernd zu quietschen, wie das männliche japanische Hörer anscheinend so gerne mögen.

(Otsuka Ai Cherish und Sakuranbo)

So konnte es nicht weitergehen! Im November 2005 stand völlig unerwartet eine neue Scheibe von Rurutia in den Läden, mit dem Titel [Spinel]. Die geheimnisvolle Künstlerin hatte jetzt einen Vertrag mit dem kleinen Tokioter Label [Phoenix Records]. Die Plattenkäufer griffen wieder zu und auch einige Fans wagten sich vorsichtig hervor. Der alte anglo-amerikanische Grundsatz "They never come back!" schien plötzlich nicht mehr zu gelten.

(Rurutia Spinel)ganz geheim

Wie eine rachedurstige Ninjabraut rollte Rurutia den Plattenmarkt wieder auf. Anfang 2006 kam ihre nächste Single heraus, wieder bei [Phoenix Records]. Der Titel ist [Hohoemi No Maria] (Die Tränen der Maria). Rurutia gab Taka Satoh den Laufpass und untersagte Kopien ihrer neuen Songs im Westen. Ende Mai 2006 überraschte die Sängerin die Fachwelt mit einer dritten Single auf dem Phoenix-Label [Reirei Tenohira]. Hier das Titellied, das ich einem französischen Fan von der Seite http://www.rurutia-fr.com/ verdanke.

(Rurutia Reirei Tenohira)

"Rurutia ist eine faszinierende Künstlerin außerhalb jeder Norm, die ihr eigenes Universum erschaffen hat und uns in ihren Liedern in eine andere Welt entführt. Ich wünsche ihr eine lange Karriere, um mich in ihrer Musik weiter zu entwickeln."

Das schreibt besagter französicher Fan über Rurutia und damit hat er zweifellos Recht. Überhaupt ist die französische JPop-Szene deutlich weiter als die deutsche. Auch wenn es bei uns die Damen von Shanadoo gibt, die Neotokyo-Läden und mit Gan-Shin ein erstes JPop-Label. Die Ära der kostenlosen mp3-Dateien scheint nun wirklich zu Ende zu gehen, zugunsten der individuell verbreiteten Web-Videos z.B. über Youtube. Auch der letzte Song hat bei uns seinen Durchbruch als Webvideo erlebt, Natsumatsuri von der Gruppe Whiteberry. Natsumatsuri heißt 'Sommerfest' und mit diesen unkomplizierten Klängen verabschiedet sich Ihr D. S. vom Mikrofon.

(Whiteberry Natsumatsuri)

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Sendetermin war am Samstag, dem 28. Oktober 2006 um 17.00 Uhr auf Radio Corax 95,9 MHz.

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