| Da trat ein gebückter Greis, ein rundes schwarzes Käppchen
auf schlohweißem Haar, in die Tür und spähte unsicher aus
getrübten Augen. Der Besucher trat auf ihn zu, sah ihn fest an und
sagte, nicht ohne ein pfiffiges Gezwinker, mit tiefer Baßstimme:
"Ein Wanderer, den die Neue Welt an die Alte zurückgegeben hat!"
"Seume!" rief der Greis, "mein Gott, Sie sind Seume!", breitete die Arme aus und zog den Besucher an die Brust. Nachher zwang er ihn in ein grünpolstriges Sofa, in dem er ebenfalls Platz nahm, und rief, während er ihm mit zitternder Hand den Ärmel streichelte, nach dem spitznasigen Männlein: Der liebe Gast sei hungrig und durstig! "Ja, hungrig und durstig, den Vater Gleim kennenzulernen", sagte der, und der Seelenbund zwischen zwei Poeten, die ein Zeitraum von fast einem halben Jahrhundert trennte, war besiegelt. Der Jüngere, der die meiste Zeit seines Lebens vaterlos hatte verbringen müssen, trat in den Strahlungsraum bedingungsloser Güte, der den Greis umgab, wie in den Zirkel natürlicher Verwandtschaft ein. Sie saßen noch oft viele Stunden in dem grünen Sofa, verteilten in schwungvollen Gesprächen die Erde und hatten tiefe Freude aneinander. Nur in der Politik konnten sie nicht zusammenkommen. Gegen Bonaparte war Gleim entsetzlich aufgebracht, während Seume mit dem Emporkömmling, der ihm als die glänzende Verkörperung der Revolution galt, noch immer sympathisierte. Der Despotismus Friedrichs II. von Preußen bereitete dem Jüngeren beträchtliches Unbehagen, indes der andere mit dem König einen Kultus trieb, der der Abgötterei nahe kam. (Kurt Arnold Findeisen)
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Heute ist Vater Gleims Hüttchen
brutal an der Seite aufgeschlitzt und durch einen Neubau des Stadtarchivs
ergänzt worden, ein postmoderner Bürokratenbunker aus Stahl und
Glas mit einem runden Wellblechturm über dem Treppenhaus, der irgendwie
an ein Futtersilo erinnert. Oh weine, mein Grenadier!
Halberstadt ist jetzt fast wieder so zerstört wie nach
1945, große Teile der Altstadt wurden abgeräumt und mit Grünflächen
oder Parkplätzen überbaut.

Die Halberstädter sind arbeitslos, ganz im Westen oder Wochenend-Pendler. Man wohnt preiswert in unsanierten Plattenbauten, das Arbeitsamt ist neu und das im Krieg zerbombte Rathaus wird wieder aufgebaut. Auf dem Fischmarkt gibt es regelmäßig montags Demonstrationen gegen "Hartz IV", das brutale Verarmungsprogramm der Bundesregierung für den Osten.

In den Spiegelsbergen kämpft das AOK-Bildungszentrum ums Überleben und die Entstehungsgeschichte des Klopstockbrunnens bei Aspenstedt wird deutlich verklärt. Mag sein, dass Klopstock und Gleim sich dort um 1750 mit den Eimern der Dorfmädchen bespritzt haben. Jedenfalls waren sie sturzbetrunken und Klopstock erbrach sich in die Quelle. Damals ein schlimmes Vergehen, welches zu heftigen Beschwerden der Dorfgrößen führte. Verwaltungschef Gleim spendierte den Aspenstedtern eine gemauerte Brunnenfassung mit der Inschrift "Klopstock hat aus dieser Quelle getrunken. Zum Andenken von Gleim."

Im Herbst 1798 fuhren Gleim und Seume auch zur Huysburg nördlich
von Halberstadt, dem einzigen katholischen Benediktinerkloster im protestantischen
Harzvorland. Dort beobachteten die Besucher mangelndes Arbeitsethos bei
den Mönchen. Auch heute ist die Huysburg
touristisch kaum erschlossen. Im Klostergarten zelten polnische Pfadfinder und das Innere der prächtigen Barockkirche ist nur auf der Webseite
eines Liebhabers zu besichtigen. Verpflegung gibt es aus einer Spanplattenhütte
vor dem Burgtor. Im Innenhof stehen Bauarbeiter herum und interessieren
sich nur mäßig für ihren Kollegen auf dem Gerüst,
der mit einem urtümlichen Reinigungsgerät Fenster und Mauerwerk
unter Wasser setzt.
Nach vier Tagen brachte der Dichtervater seinen Zögling
noch bis Derenburg, damals eine beliebte Poststation.

Auch Derenburg ist heute unglaublich verfallen, sehenswert ist die staatliche
Glasmanufaktur. In Wernigerode meckerte
ein Leser namens Benzler über angebliche Druckfehler in von Seume
lektorierten Büchern. Der Spaziergänger nahm mürrisch seinen Rucksack
und wanderte gleich weiter in Richtung Westen. In Drübeck wird er
wohl auch nur kurz Rast gehalten haben. Heute lohnt das ehemalige Klostergut
Drübeck durchaus einen längeren Aufenthalt, denn touristisch
bleibt dort kaum ein Wunsch unerfüllt. Das kirchliche Schulungsheim
Drübeck war schon zu DDR-Zeiten ein Hort oppositioneller Umweltbildung
und die Lehrgänge des Pfarrers
Tschiche waren stets ausgebucht.
Ilsenburg hat eine reiche Industriegeschichte zu bieten und
besitzt heute - dank des Engagements niedersächsischer Staatsbetriebe
- auch eine einigermaßen intakte Stadtstruktur. Der kürzeste
und schönste Aufstieg zum Brocken beginnt am Blochhauer im Ilsetal,
immer noch ein Geheimtip.

| Sie müssen einer unserer Klassiker noch werden. Sie dürfen's nur wollen. (Gleim an Seume) |
So oder ähnlich hatte es der Dichtervater dem Wanderer auch persönlich auf dem grünen Sofa nahegelegt. Seume war nicht abgeneigt und vielleicht überlegte er während des mühsamen Aufstiegs zum deutschesten Berg, wie er es denn anstellen könnte, ein Klassiker dieses Literaturbetriebs zu werden. Die Reiseliteratur hatte es ihm besonders angetan, mit dem beginnenden Individualtourismus ein sehr populäres Genre und immer eine zwanglose Gelegenheit, seinen Senf zum Zeitgeschehen hinzu zu geben.
| Würze kann Literatur dann und wann werden, aber von Würze lebt man nicht. (Seume) |
Auch bei Seumes Arbeitgeber Göschen in Grimma waren schon einige Reisebücher erschienen und hatten durchaus zum geschäftlichen Erfolg des Verlags beigetragen.

Auf dem Brocken sah der Spaziergänger den Baubeginn des ersten echten Brockenhauses - frühere waren an der Heinrichshöhe, wo Seume nun auch übernachtete. Über Drei Annen-Hohne und Elbingerode ging es weiter nach Rübeland in die damals schon berühmten Höhlen. Der Wanderer besichtigte die Baumannshöhle und die heute weitgehend ihrer Naturschönheiten beraubte Bielshöhle. Die beliebte Herrmannshöhle wurde erst 1866 entdeckt. In Blankenburg übernachtete Seume, besichtigte in Thale das Hammerwerk und ließ sich zur Roßtrappe führen, die der Quedlinburger Klopstock in seiner Ode besungen hatte.
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Es war ein Nachspüren der alten Naturgottheiten: der Sonne, des Donners und des Regens, der unzähligen Höhlenkulte und der Verehrung von "Sehenswürdigkeiten", wie eben der lokalen Doppelkultstätte Roßtrappe plus Mägdesprung. Und es war auch eine kräftige Portion persönlicher Verzweiflung: "Fehlt zu der Hütt uns Erde; so soll doch Erde zum Grab uns nicht fehlen!" Diese Zeilen hatten Münchhausen und Seume einander 1782 als Kolonialsöldner in Amerika vorgelesen und viel anders war die Situation 1798 immer noch nicht.
| Meine Lage hier ist noch die alte Amphibionslage und ich weiß
nicht, was ich endlich aus mir machen werde oder was das Schicksal aus
mir machen wird. Daß ich nicht Noth leide, können Sie wohl denken,
denn ich müßte sonst ein Strohkopf seyn und meine Nerven verloren
haben. (Seume an Münchhausen) |

Vom Mägdesprung ging Seume "links am Wasser hinab nach Ballenstedt, kam also nicht nach Harzigerode (Harzgerode) und Stollberg (Stolberg)". Abseits der Haupt-Touristenroute wanderte der Dichter möglicherweise am Harzrand entlang über Meisdorf, Ultzingerode, Sylda, Klostermansfeld und Helbra nach Eisleben - ein reizvoller, wenn auch unspektakulärer Weg von mindestens 42 km. In Eisleben gehörten damals schon die Lutherstätten zum Pflichtprogramm, das Geburtshaus, seine Taufkirche und das Sterbehaus.

Die gegenwärtige Deindustrialisierung hat die Lutherstadt besonders schwer getroffen. Die Arbeitslosigkeit ist astronomisch hoch, alkoholgeschädigte Einwohner und einstürzende Fachwerkbauten bieten internationalen Touristen eher zweifelhafte Fotomotive. Aber vielleicht lässt sich das alles mit einem kräftigen "Lutherbier" oder "Katharinenbier" im "Brauhaus zum Reformator" besser ertragen?

In Halle hat der Reisende gerne mal einige Stunden Rast gemacht. Wir
besuchen das Interdisziplinäre
Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung
am Franckeplatz 1, Haus 54 - die rote Backsteinschule mit dem Schiefertürmchen.
Die Bibliothek des Zentrums bietet exquisite Arbeitsbedingungen und besitzt
auch die sündteure Seume-Briefeausgabe aus dem Dt. Klassikerverlag,
aus der einige Zitate dieser Seite entnommen sind. Auf dem Rückweg
schauen wir noch in Salvis
kultige Comic-Buchhandlung am Waisenhausring 1 und streifen in der Großen
Brauhausstraße 16 das "Riesenhaus" des berühmten Anatomen Philipp
Friedrich Theodor Meckel (Jean Pauls Badereisender "Dr. Katzenberger").
In der Kneipenmeile Sternstraße kann man einigermaßen preiswert
essen. Und wer jetzt gleich ins Auto steigt, hat überhaupt keinen
Verfall und keine Armut in Halle gesehen.
Seume ist seinerzeit wahrscheinlich
per Kutsche auf dem kürzesten Weg nach Leipzig gefahren. Heutigen
Wanderern sei noch ein Abstecher ins Buchdorf
Mühlbeck bei Bitterfeld empfohlen. Johann Gottfried Seume erinnerte
sich später gerne an seine Harzreise im Jahre 1798:
| Bald sitze ich mit Ihnen auf dem Sopha, bald wandern wir auf Spiegels
Bergen, bald suchen wir die Damen in dem Garten vergebens durch die Alleen.
Bald spähe ich vom Brocken nach dem Halberstädter Dom, nur um
hinter demselben Gleims Hüttchen zu denken. Bald geißele ich
im Feuereifer der Humanität die Faulenzer in Huysenburg...
(Seume an Gleim)
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