Har(t)zreise 1798 und 2004

Im Herbst 1798 folgte Johann Gottfried Seume der Einladung seines 40 Jahre älteren Dichterfreundes und Gönners Johann Wilhelm Ludwig Gleim für vier Tage nach Halberstadt. An der Poststation nahe des Domplatzes stieg er aus der Kutsche, umrundete den Dom und klopfte an die Tür eines eher kleinen Fachwerkhauses.
 
Da trat ein gebückter Greis, ein rundes schwarzes Käppchen auf schlohweißem Haar, in die Tür und spähte unsicher aus getrübten Augen. Der Besucher trat auf ihn zu, sah ihn fest an und sagte, nicht ohne ein pfiffiges Gezwinker, mit tiefer Baßstimme: "Ein Wanderer, den die Neue Welt an die Alte zurückgegeben hat!"
  "Seume!" rief der Greis, "mein Gott, Sie sind Seume!", breitete die Arme aus und zog den Besucher an die Brust. Nachher zwang er ihn in ein grünpolstriges Sofa, in dem er ebenfalls Platz nahm, und rief, während er ihm mit zitternder Hand den Ärmel streichelte, nach dem spitznasigen Männlein: Der liebe Gast sei hungrig und durstig!
  "Ja, hungrig und durstig, den Vater Gleim kennenzulernen", sagte der, und der Seelenbund zwischen zwei Poeten, die ein Zeitraum von fast einem halben Jahrhundert trennte, war besiegelt. Der Jüngere, der die meiste Zeit seines Lebens vaterlos hatte verbringen müssen, trat in den Strahlungsraum bedingungsloser Güte, der den Greis umgab, wie in den Zirkel natürlicher Verwandtschaft ein.
  Sie saßen noch oft viele Stunden in dem grünen Sofa, verteilten in schwungvollen Gesprächen die Erde und hatten tiefe Freude aneinander. Nur in der Politik konnten sie nicht zusammenkommen. Gegen Bonaparte war Gleim entsetzlich aufgebracht, während Seume mit dem Emporkömmling, der ihm als die glänzende Verkörperung der Revolution galt, noch immer sympathisierte. Der Despotismus Friedrichs II. von Preußen bereitete dem Jüngeren beträchtliches Unbehagen, indes der andere mit dem König einen Kultus trieb, der der Abgötterei nahe kam. 
(Kurt Arnold Findeisen)

Heute ist Vater Gleims Hüttchen brutal an der Seite aufgeschlitzt und durch einen Neubau des Stadtarchivs ergänzt worden, ein postmoderner Bürokratenbunker aus Stahl und Glas mit einem runden Wellblechturm über dem Treppenhaus, der irgendwie an ein Futtersilo erinnert. Oh weine, mein Grenadier!
  Halberstadt ist jetzt fast wieder so zerstört wie nach 1945, große Teile der Altstadt wurden abgeräumt und mit Grünflächen oder Parkplätzen überbaut.

Die Halberstädter sind arbeitslos, ganz im Westen oder Wochenend-Pendler. Man wohnt preiswert in unsanierten Plattenbauten, das Arbeitsamt ist neu und das im Krieg zerbombte Rathaus wird wieder aufgebaut. Auf dem Fischmarkt gibt es regelmäßig montags Demonstrationen gegen "Hartz IV", das brutale Verarmungsprogramm der Bundesregierung für den Osten.

In den Spiegelsbergen kämpft das AOK-Bildungszentrum ums Überleben und die Entstehungsgeschichte des Klopstockbrunnens bei Aspenstedt wird deutlich verklärt. Mag sein, dass Klopstock und Gleim sich dort um 1750 mit den Eimern der Dorfmädchen bespritzt haben. Jedenfalls waren sie sturzbetrunken und Klopstock erbrach sich in die Quelle. Damals ein schlimmes Vergehen, welches zu heftigen Beschwerden der Dorfgrößen führte. Verwaltungschef Gleim spendierte den Aspenstedtern eine gemauerte Brunnenfassung mit der Inschrift "Klopstock hat aus dieser Quelle getrunken. Zum Andenken von Gleim."

Im Herbst 1798 fuhren Gleim und Seume auch zur Huysburg nördlich von Halberstadt, dem einzigen katholischen Benediktinerkloster im protestantischen Harzvorland. Dort beobachteten die Besucher mangelndes Arbeitsethos bei den Mönchen. Auch heute ist die Huysburg touristisch kaum erschlossen. Im Klostergarten zelten polnische Pfadfinder und das Innere der prächtigen Barockkirche ist nur auf der Webseite eines Liebhabers zu besichtigen. Verpflegung gibt es aus einer Spanplattenhütte vor dem Burgtor. Im Innenhof stehen Bauarbeiter herum und interessieren sich nur mäßig für ihren Kollegen auf dem Gerüst, der mit einem urtümlichen Reinigungsgerät Fenster und Mauerwerk unter Wasser setzt.
  Nach vier Tagen brachte der Dichtervater seinen Zögling noch bis Derenburg, damals eine beliebte Poststation.

Auch Derenburg ist heute unglaublich verfallen, sehenswert ist die staatliche Glasmanufaktur. In Wernigerode meckerte ein Leser namens Benzler über angebliche Druckfehler in von Seume lektorierten Büchern. Der Spaziergänger nahm mürrisch seinen Rucksack und wanderte gleich weiter in Richtung Westen. In Drübeck wird er wohl auch nur kurz Rast gehalten haben. Heute lohnt das ehemalige Klostergut Drübeck durchaus einen längeren Aufenthalt, denn touristisch bleibt dort kaum ein Wunsch unerfüllt. Das kirchliche Schulungsheim Drübeck war schon zu DDR-Zeiten ein Hort oppositioneller Umweltbildung und die Lehrgänge des Pfarrers Tschiche waren stets ausgebucht.
  Ilsenburg hat eine reiche Industriegeschichte zu bieten und besitzt heute - dank des Engagements niedersächsischer Staatsbetriebe - auch eine einigermaßen intakte Stadtstruktur. Der kürzeste und schönste Aufstieg zum Brocken beginnt am Blochhauer im Ilsetal, immer noch ein Geheimtip.


Sie müssen einer unserer Klassiker noch werden. Sie dürfen's nur wollen. (Gleim an Seume)

So oder ähnlich hatte es der Dichtervater dem Wanderer auch persönlich auf dem grünen Sofa nahegelegt. Seume war nicht abgeneigt und vielleicht überlegte er während des mühsamen Aufstiegs zum deutschesten Berg, wie er es denn anstellen könnte, ein Klassiker dieses Literaturbetriebs zu werden. Die Reiseliteratur hatte es ihm besonders angetan, mit dem beginnenden Individualtourismus ein sehr populäres Genre und immer eine zwanglose Gelegenheit, seinen Senf zum Zeitgeschehen hinzu zu geben.

Würze kann Literatur dann und wann werden, aber von Würze lebt man nicht. (Seume)

Auch bei Seumes Arbeitgeber Göschen in Grimma waren schon einige Reisebücher erschienen und hatten durchaus zum geschäftlichen Erfolg des Verlags beigetragen.

Auf dem Brocken sah der Spaziergänger den Baubeginn des ersten echten Brockenhauses - frühere waren an der Heinrichshöhe, wo Seume nun auch übernachtete. Über Drei Annen-Hohne und Elbingerode ging es weiter nach Rübeland in die damals schon berühmten Höhlen. Der Wanderer besichtigte die Baumannshöhle und die heute weitgehend ihrer Naturschönheiten beraubte Bielshöhle. Die beliebte Herrmannshöhle wurde erst 1866 entdeckt. In Blankenburg übernachtete Seume, besichtigte in Thale das Hammerwerk und ließ sich zur Roßtrappe führen, die der Quedlinburger Klopstock in seiner Ode besungen hatte.

 
Die Roßtrappe

Da steht der übrige Stamm des alten Haines umher,
Da enget das Tal der Fels herüberragend,
Auf dem das einzige Mal der Urjahrhunderte Deutschlands
Der pfadverlierende Wanderer sieht.

Der Weidner fabelt ihm her: Ein Riesenroß,
Ein hoher Ritter darauf, sprang über das Tal
Der schönen fliehenden Riesin nach!
Oben auf der Klippe ließ den Fußtritt das Riesenroß.

Druiden haben und Barden, mit erobertem
Eisen, in den Felsen gehaun das einzige Mal
Der Urjahrhunderte Deutschlands,
Den Huf des heiligen weißen Rosses,

Mit dem Flammenblick, mit der dichten
Niederströmenden Mähne, dem Sturme selbst
Zu heben schwer, mit der schmetternden, (es stampfte dann,
Daß die Erde scholl!) mit der zukunftwiehernden Stimme.

Der begeisterte Barde trat in den Umkreis
Des nachgebildeten Hufes, und so durch die Weihe
Der Götter geweiht, weissagt' er, aus des stürzenden Bachs
Mannigfalten Welle, die Wechsel der fernen Tage;

Oft blutige: Daß in Winfeld Hermann sich einst
Ein Mal erbaut' aus Legionengebein!
Daß Bojokal, der zu treue Deutsche,
(Er weigert' es Hermann, am Mal mitzubaun;

Und der verbot ihm größere Treu durch die Fessel)
Bojokal einst, belohnt von den Welttyrannen, weinete:
O Wodan! und Mana! und all ihr Götter! fehlt zu der Hütt uns
Erde; so soll doch Erde zum Grab uns nicht fehlen!

Ein Barde weissagt 's. O Zukunftwisser!
Bach in dem Hain,
Des übriger Stamm
Dem weihenden Hufe schattet,

An dir, o du der schönen Öde Bach,
Ging oft mein Cramer, wo du
Entflohen ihr wärest, nicht mehr bergunter rauschetest,
Ging mein Giseke, ging mein Resewitz dem Haine zu.

Geboren wurde nicht fern von dir mein Gleim;
Ich ward an dir geboren. Die Tage nach mir
Sollen entscheiden, ob aus dir, o mütterlicher Bach,
Auch ich geweissagt habe.

Was säumst du? fang an, ich sehe den Schaum,
Bardiet, fang an, des stürzenden Bachs!
Vernehme, wie in der Felskluft
Das Rauschen der redenden Wog ertönt!

Sein Name lebt, welche Taten er auch getan hat,
Hinsiechendes Leben einst, in des Ruhmvergeuders Buch, in dem eignen,
Schmück es der Griffel auch, deck es ein goldener Schild, und steh's
Im gemäldebehangenen Säulensaal, hinsiechendes Leben!

Denn betritt er nicht noch
Die Bahn des vaterländischen Mannes; so schweigt
Von ihm die ernste Wahrheitsbezeugerin,
Die Vertraute der Unsterblichkeit, Deutschlands Telyn.

Sein Name lebt, welche Taten er auch tun wird,
Hinsiechendes Leben einst, in des Ehrevergeuders Buch,
Schmück es der Griffel auch, deck es ein goldener Schild, und steh's
Im gemäldebehangenen Säulensaal, hinsiechendes Leben!

Denn dein ehrenvolles Wort (des Worts Ankündiger trauret!)
Hältst du das dem Vaterlande nicht, so schweigt
Auch von dir die ernste Wahrheitsbezeugerin,
Die Vertraute der Unsterblichkeit, Deutschlands Telyn.

Ah Zukunft! Dampf steigt nun von dem Bach empor!
Die beiden Namen,
(Es ist spätere Zukunft, und die
Scheidet ganz von der edlen Handlung die glänzende!)

Sie leben, gebückt, gekrümmt, eisgrau,
Starräugig, noch kaum ihr sieches Leben,
So seh ich sie wallen umher mit des Bachs Dampfe,
Schattengestalten.

Friedrich Gottlieb Klopstock

Es war ein Nachspüren der alten Naturgottheiten: der Sonne, des Donners und des Regens, der unzähligen Höhlenkulte und der Verehrung von "Sehenswürdigkeiten", wie eben der lokalen Doppelkultstätte Roßtrappe plus Mägdesprung. Und es war auch eine kräftige Portion persönlicher Verzweiflung: "Fehlt zu der Hütt uns Erde; so soll doch Erde zum Grab uns nicht fehlen!" Diese Zeilen hatten Münchhausen und Seume einander 1782 als Kolonialsöldner in Amerika vorgelesen und viel anders war die Situation 1798 immer noch nicht.

Meine Lage hier ist noch die alte Amphibionslage und ich weiß nicht, was ich endlich aus mir machen werde oder was das Schicksal aus mir machen wird. Daß ich nicht Noth leide, können Sie wohl denken, denn ich müßte sonst ein Strohkopf seyn und meine Nerven verloren haben.
(Seume an Münchhausen)

Um nach Mägdesprung zu gelangen, wo das Mägdelein der Sage wieder gelandet war, mußte der Wanderer auf kürzestem Weg 18 km zurücklegen. Möglicherweise übernachtete er auch in Friedrichsbrunn.

Vom Mägdesprung ging Seume "links am Wasser hinab nach Ballenstedt, kam also nicht nach Harzigerode (Harzgerode) und Stollberg (Stolberg)". Abseits der Haupt-Touristenroute wanderte der Dichter möglicherweise am Harzrand entlang über Meisdorf, Ultzingerode, Sylda, Klostermansfeld und Helbra nach Eisleben - ein reizvoller, wenn auch unspektakulärer Weg von mindestens 42 km. In Eisleben gehörten damals schon die Lutherstätten zum Pflichtprogramm, das Geburtshaus, seine Taufkirche und das Sterbehaus.

Die gegenwärtige Deindustrialisierung hat die Lutherstadt besonders schwer getroffen. Die Arbeitslosigkeit ist astronomisch hoch, alkoholgeschädigte Einwohner und einstürzende Fachwerkbauten bieten internationalen Touristen eher zweifelhafte Fotomotive. Aber vielleicht lässt sich das alles mit einem kräftigen "Lutherbier" oder "Katharinenbier" im "Brauhaus zum Reformator" besser ertragen?

In Halle hat der Reisende gerne mal einige Stunden Rast gemacht. Wir besuchen das Interdisziplinäre Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung am Franckeplatz 1, Haus 54 - die rote Backsteinschule mit dem Schiefertürmchen. Die Bibliothek des Zentrums bietet exquisite Arbeitsbedingungen und besitzt auch die sündteure Seume-Briefeausgabe aus dem Dt. Klassikerverlag, aus der einige Zitate dieser Seite entnommen sind. Auf dem Rückweg schauen wir noch in Salvis kultige Comic-Buchhandlung am Waisenhausring 1 und streifen in der Großen Brauhausstraße 16 das "Riesenhaus" des berühmten Anatomen Philipp Friedrich Theodor Meckel (Jean Pauls Badereisender "Dr. Katzenberger"). In der Kneipenmeile Sternstraße kann man einigermaßen preiswert essen. Und wer jetzt gleich ins Auto steigt, hat überhaupt keinen Verfall und keine Armut in Halle gesehen.
  Seume ist seinerzeit wahrscheinlich per Kutsche auf dem kürzesten Weg nach Leipzig gefahren. Heutigen Wanderern sei noch ein Abstecher ins Buchdorf Mühlbeck bei Bitterfeld empfohlen. Johann Gottfried Seume erinnerte sich später gerne an seine Harzreise im Jahre 1798:

Bald sitze ich mit Ihnen auf dem Sopha, bald wandern wir auf Spiegels Bergen, bald suchen wir die Damen in dem Garten vergebens durch die Alleen. Bald spähe ich vom Brocken nach dem Halberstädter Dom, nur um hinter demselben Gleims Hüttchen zu denken. Bald geißele ich im Feuereifer der Humanität die Faulenzer in Huysenburg... 
(Seume an Gleim)


Dietmar Sievers



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