Seume und der Teuerungstumult von Halle


In seinem Reisebuch "Mein Sommer 1805" äußert sich Johann Gottfried Seume auch über den "Halleschen Teuerungstumult" vom 15. Juni 1805:
  "Man sprach hier noch von der Brotnot des vorigen Sommers. Aus allem, was ich davon erfuhr, gingen Fehler von allen Seiten hervor, wie überall, wo ähnliche Kollisionen eintreten. Vernachlässigung rächt sich oft schrecklich. Die Bestrafung der Unruhigen war zwar eben nicht hart, aber wenn alles wahr ist, was man davon sprach, doch ziemlich unregelmäßig, welches dann auch an Ungerechtigkeit grenzt."
  Wer heute nun die lokalhistorischen Veröffentlichungen zum 200. Jahrestag des Teuerungstumults liest, ist geneigt, Seume zu widersprechen und die Fehler hauptsächlich auf Seiten der Getreidespekulanten zu suchen. Auch die Bestrafung mit mehreren Toten und etlichen langjährigen Zuchthausstrafen erscheint heute als sehr hart. Doch um nicht in "hyperkritisches" oder superflaches "Seume-Bashing" zu verfallen, lohnt ein näherer Blick auf die Ereignisse Mitte Juni 1805 in der Saalestadt.
  Im Jahre 1804 hatte es eine Missernte gegeben, die zu einem übermäßigen Ansteigen der Getreidepreise führte. Der Stadtrat reagierte und bereits Anfang 1805 gründete sich eine Vereinigung zur Beschaffung wohlfeilen Brotes für die ärmeren Klassen. Am 10. Januar 1805 begann der Verkauf an "Almosengenossen", bis zum 25. April wurden 19 556 subventionierte Brote zum Preis von drei Groschen an Bedürftige verkauft. Eine Armenspeiseanstalt verteilte in den ersten vier Monaten des Jahres 16 800 warme Essensportionen sowie 15 992 „Knobben Brot" an die Stadtarmen, die sich mit ihren "Almosenzetteln" ausweisen mußten.
  Im Verlaufe des Frühjahrs wurde von Großhändlern massenhaft Getreide auf der Saale verschifft, wodurch die Lebensmittelpreise weiter stiegen. Ein Ausfuhrverbot für Getreide wurde von der Kammer in Magdeburg verzögert,  Preisspekulationen verschärften die Situation zusätzlich. So waren im Juni die Preise für ein Scheffel Roggen und Weizen auf je fünf Taler, für Gerste auf vier Taler sechs Groschen und für Hafer auf drei Taler zwölf Groschen gestiegen. Die Stadtverwaltung hatte zwar für die Ärmsten gesorgt, aber nicht an die "Working Poor" gedacht, die nun nicht mehr wie gewohnt in ihren Lieblingskneipen einkehren konnten und in "hungrigen Rudeln" durch die Stadt strichen.
  In der Nacht des 14. Juni rotteten sich in der Großen Ulrichstraße die Hungernden zusammen und drohten Getreidelager und Bäckereien zu plündern und in Brand zu setzen. Mit militärischer Hilfe wurden sie auseinander getrieben. Die Bäckereien wurden unter militärischen Schutz gestellt und das Militär in Bereitschaft versetzt. Am Samstag, dem 15. Juni, brach der Aufstand offen aus. Auf dem Markt überbot ein auswärtiger Getreideaufkäufer einen Hallenser, es gab eine blutige Prügelei. Eine rasch auf mehrere hundert Personen angewachsene Menge zog aufgebracht zu den Häusern der Getreidehändler, plünderte Wohnungen und Getreidelager.
  Aktenkundig wurden Übergriffe gegen den nahe dem Ulrichstor wohnenden Getreidegroßhändler Mittelhausen. Nachdem sein Haus geplündert und zerstört worden war, zogen die Aufständischen seine Luxuskutsche auf den Markt und zertrümmerten sie dort. Seine Frau wurde durch einen Messerstich verletzt, als sie einen wertvollen Ring nicht hergeben wollte. Erst gegen Abend beruhigte sich die Lage, Militär und Polizei zeigten wieder Präsenz. Die Stadtbehörden genehmigten schon am 16. Juni ein Kredit von 3 000 Talern, um den Brotpreis für alle zu subventionieren und verhängten endlich ein Getreideausfuhrverbot.
  Am 22. Juni setzte der preußische König eine Kommission zur Untersuchung der Unruhen ein. Die ermittelten acht Anführer des Aufstandes wurden zu vielfachem Spießrutenlauf verurteilt. 50 Männer, 20 Soldatenweiber und zehn Dirnen wurden an Schandpfählen mit entblößten Rücken ausgepeitscht und dann ins Zuchthaus nach Erfurt überstellt. Ein Kutscher namens Dietz verstarb wenige Tage später an den Folgen des 20-maligen Spießrutenlaufens. Etliche Bürger wurden mit Geldbußen oder Haft bestraft, weil sie Korn von den Plünderern preisgünstig gekauft oder aufrührerische Reden geführt hatten. Insgesamt wurden 170 an den Unruhen beteiligte Personen bestraft.
  Diese Ereignisse waren etwas mehr als drei Monate vergangen, als Seume durch Halle kam und zu den oben zitierten Wertungen angeregt wurde. Für heutige Leser klingen diese erst einmal nach Entsolidarisierung. Doch Seume übte damit durchaus auch Kritik an Verwaltungshandeln, was durch seine Schilderung kleinlicher Polizei- und Zollkontrollen (Versiegeln des Rucksacks) noch verstärkt wurde. Das "Hallesche Patriotische Wochenblatt" (1805 die einzige Wochenzeitung) vermeldete Seumes Aufenthalt in Halle nicht. Auch die Schilderung der abendlichen Rückkehr nach Leipzig lässt vermuten, dass Seume nur einige Stunden Aufenthalt in Halle hatte, ein wenig über den Markt gebummelt ist und vielleicht Bekannte oder ein Kaffeehaus besucht hat.
  Doch seine guten Kenntnisse der kommunalpolitischen Verhältnisse in Leipzigs Nachbarstadt ermöglichten es ihm, mit wenigen Worten jene Mischung aus Willkür und Grobheit mit der Pedanterie und Bürokratie des preußischen Verwaltungsrechtsstaats zu schildern, die bis heute in der Saalestadt weiterwirken.

Dietmar Sievers


Literatur:

Johann Gottfried Seume. Mein Sommer 1805. in Werke Band III. Leipzig 1839.
Walter Müller. Der Teuerungstumult vom 15. Juni 1805. Sonntagsnachrichten Halle vom 12. Juni 2005.
Hallesches Patriotisches Wochenblatt. Halle 1805.

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