300SEL 6.3 Baujahr 1968

Auftakt:
Erster Kontakt mit der von Paul Braq gezeichneten Linie offenbarte sich in Form einer kupferfarben lackierten Matchboxvariante eines 300 SE Coupe. Warum auch immer, die Form fasziniert mich immer noch und findet sich neben Coupe/Cabrio von 111/112 auch in den W108/9 und dem W100. Nach Träumereien (ein 280SE 3.5 und ein 280SE, beide schwarz, unrettbar an den Rost verloren und an der Tankstelle oder beim Bauern gesichtet ABER nicht gekauft), ging alles sehr schnell.
Im Jahre 1999 hatte ich die Möglichkeit in Washington D.C. zu studieren und zu arbeiten, somit auch die Möglichkeit eine Motorisierung bei Spritkosten von ca. -.25 Euro/Liter zu wählen. Bis dato wäre meine Wahl immer auf Dodge Charger, Mercury Cougar oder Chevrolet Camaro (alle 1968-1971 Modelle) gefallen, denn sie sahen so aus, wie Autos das IMHO tun sollten; groß, brutal, böse. Ich hatte aber auf verschiedenen USA Reisen Praxiserfahrungen mit Verarbeitungsqualität und Fahrwerkskonzeption o.a. Stahlheroen sammeln können und war auf längeren Touren mehr als ein Mal über gewisse Unzulänglichkeiten gestolpert (die ich natürlich beim 6.3 auch vorfand).

Leihwagen mit Nehmerqualitäten:
10.000 Meilen in gut 4 Monaten; Wattiefe 30cm überwand er und etliche Mustang 5.0 auch

Eher durch Zufall stieß ich auf die M-100.org website, las und las, nahm Kontakt mit dem einen oder anderen auf und so bildete sich noch vor meiner Ankunft heraus, dass ich einen 6.3 als tägliches Transportmittel anvisieren würde.

First Encounter:
Kaum in Washington angekommen, machte ich mich zu einer kleinen Autoausstellung auf, wo ich an einem Samstag Abend das erste Mal einen 6.3 sehen sollte. Mike Trei aus New York stieß zum bereits versammelten Trupp und was ich sah gefiel mir ob der bekannten Karosserie, jedoch war der Erhaltungszustand amerikanisch lässig aufs Funktionieren beschränkt...bis er den Abflug zu seiner Motelschlafbox machte. Somit war klar, dass ich so was auch haben musste. Die Limousine war unter Zurücklassung von Reifenbestandteilen quasi über den Vorplatz gehechtet, so einen Antritt müsste man mal vom Fahrzeuginnern aus erleben. Gelegenheit dazu bot sich am nächsten Tag, Stu Hammel wählte dazu einen blauen aus und meine Begeisterung steigerte sich noch einmal. Im Innern herrschte zwischen Nussbaumtäfelung und hellem Leder gediegene Clubatmosphäre und dieses Kaminzimmer konnte wirklich fliegen. Des Abends verabschiedete er mich in einem grünen 6.3 und erklärte die nächsten Wochenenden zur Jagdsaison.

Alltag:
Großer Auftritt also in der Tiefgarage, unterhalb der Clarendon Heights. Durch das satte Brabbeln wurde jedes Mal die überaus empfindliche Alarmanlage einer weißen Celica ausgelöst. Ein herrlicher Spaß und auch sonst verbrachte ich anfänglich viel Zeit damit die Fahrleistungen auszukosten.
Ein Autowochenende wechselte das nächste ab, unter tollen Lackierungen versteckte sich immer der Rost, ich lehnte dankend ab und endlich sah ich was ich sehen wollte. Ein abschreckendes Ensemble, grauer Primer deckte den arabergrauen Lack ab, der Innenraum übersät mit Einzelteilen, zum Teil als ob Gedärme herausquellen, ABER nur zwei Roststellen, fingernagelgroß im Schweller der Fahrerseite und am rechten Kotflügel an der Befestigung zum Kühler hin. Sonst nichts, und was ich im Bereich der Radaufhängungen erkennen konnte, war frisch getauscht.

Basisarbeit:
Ich versuchte es indem ich an einer guten Substanz Stück für Stück die Technik und das Interieur verbesserte. Bisher blieb ich von größeren Reparaturen verschont, Luftfederung funktioniert, Motor läuft und was nicht ging ließ sich mit Hausmitteln wieder in Ordnung bringen.

Startschuß:
Gekauft habe ich ihn von einem eingefleischten Mercedesschrauber, der den Wagen im Tausch für Arbeiten an verschiedenen Fahrzeugen des Huber Phaeton Hanes, des III. erhalten hatte. Menschlich schwierig, hatte er jedoch profundes Wissen und ursprünglich den Auftrag erhalten den Wagen zu restaurieren.

Primer zierte das Kfz bei der Übergabe, somit war der Weg frei zur Außenfarbe 419

Den Rest wie Lackierung, Einstellarbeiten und Montage der Einzelteile übernahm also ich.

Radaufhängung vorne, der Kaufgrund. Ungewöhnlich? Nach etlichen hübschen, aber verrotteten Wagen, sah ich hier auf Schwarz-glänzendes, Brüniertes und vor allem sehr wenig Rostiges. Die Luftfederung hielt den Wagen ca. 1 Woche in Position, kein Spitzenwert, aber alltagstauglich. Meinen Leihwagen fand ich stattdessen jeden Morgen gleich einem kollabierten Kamel am Asphalt schnüffelnd vor.

Die sowieso anstehende Lackierung machte meine damalige Favoritenfarbe ikonengold (419) möglich und eine neue Innenausstattung vonnöten, denn bordeauxrot sah nun doch zu sehr nach "pimp-mobil" aus. Eine cognacfarbene konnte ich auf dem Anwesen eines Herrn Middlehauve aus einem Schlacht 6.3 operieren und noch manches Mal würde ich hier auftauchen um meine Dienste im Bereich der Elektrik gegen Teile oder Tipps einzutauschen.
Es dauerte ewig lange bis die Lackierung vollendet war. Beim Zusammensetzen des Puzzles ging die Frontscheibe zu Bruch, meine Geduld wurde geprüft. Endlich war es soweit, Zulassung und Versicherung ging dann ausnahmsweise schnell und einfach. Ich wollte einfach nur noch fahren, perfektionistische Ambitionen schenkte ich mir, und so sollten nicht zwingend notwendige Items wie die Fensterheber an nicht von mir benutzten Plätzen, Servolenkung, Klimaanlage etc., warten bis ich mal sehr viel Zeit haben würde.

Die übliche Ansicht auf dem Hammel`schen Anwesen stellte sich aber wie folgt dar:
Links mein immer-noch Leihwagen, rechts davon der zwar Frischlackierte, aber über gewisse Unzulänglichkeiten nicht erhabene güldene, davor ein silberner, den der Hausherr für die Fahrten zum Büro nutzte. Zwei Wochen fuhr ich z.B. mit zwei Batterien durch die Gegend, eine reichte für 3 Stunden (nachts natürlich kürzer), dann wurde gewechselt. Ich dachte zu kompliziert, weder die flammneue Lichtmaschine noch der Regler waren Schuld daran, dass die Batterie nicht nachgeladen wurde. Das Massekabel zum Motor war durch einen Überzug aus Dreck an der Klemmung überaus schlecht leitend. Aber bis alle Teile angeliefert und durchgetauscht sind, vergeht halt ein wenig Zeit.

Aus dem Logbuch:
Der langfristig gemittelte Verbrauch belief sich auf 19l/100km, fair angesichts der gebotenen Fahrleistungen (ich kassierte leider auch ein überaus teures Ticket deshalb). Einzig das Handling auf kurvigen Landstraßen fand ich heikel, hohes Gewicht auf der Vorderachse führt zum Untersteuern, durch beherzten Gasfuß lässt sich zwar ein Drift einleiten, aber das Ganze hat seine Grenzen (ein zum Vergleich herangezogener 450 SE, W116 fuhr sich viel einfacher). Nicht richtig gut für die Mechanik (und später den Geldbeutel) ist der Burn-out; jedoch ein Spektakel. Also, im Stand die Bremse treten, gleichzeitig mit dem Gaspedal solange Drehmoment aufbauen, bis die Hinterräder die Bremsen überwinden und durchdrehen. Etwas leichter geht es, wenn man die Fahrbahn vorher mit Wasser anfeuchtet (das Ganze geht auch im Rückwärtsgang).

Kommt gleich im Rückwärtsgang auf Sie zugeflogen;
6.3 im Bremse/Gas Experiment

Der Wagen ist Baujahr 1968, es fanden sich 68000 miles auf dem Tacho, bis 268 ist m.E. alles möglich. Heute wird er 3-4 Mal im Jahr zu Spaßfahrten und Hochzeiten eingesetzt.

Fazit: Eine Landyacht mit flotter Motorisierung, nicht immer perfekt, aber schwer wieder davon loszukommen.

Erfahrungsaustausch / Kommentare gerne per mail an Konrad

Letztes Update dieser Seite: 30.11.2003
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