Iglauer Tanz- und
Musikbrauchtum: Unser Hatscho
„Den Hatscho“
gibt es ja eigentlich nicht. Dieser Name ist bezeichnend für das ganze
Tanzbrauchtum der Iglauer Sprachinsel. So frei wie die Fiedeln aufspielten,
gestaltete sich jeder neue Tanz nach dem grundlegenden Ablaufmuster je nach
Laune und Einfallsreichtum des Vortänzers. Erst zuletzt wurden feste Abläufe
ausgesucht, um den Hatscho in Tanzgruppen weitergeben und vorführen zu können.
Der ursprüngliche Tanzgebrauch funktioniert ähnlich wie der „Auftanz“, die
Polonaise, bei der auch ein Vortänzerpaar führt und alle anderen die einzelnen
Figuren nachtanzen. So entstanden mehrere Vorführ- und Melodievarianten des
Hatscho, die aber alle den grundlegenden Ablauf gemeinsam haben: Beginnend mit
dem getragenen „Bäurischen“ im langsamen, schwingenden Dreiertakt steigert sich
der Tanz allmählich bis zum wirbelnden Drehen der Paare im hupperischen
Polkaschritt und dem Abgang im wilden Galopp, der durch den „Hatscho“-Ruf des
Vortänzers angekündigt wird. Durch diesen freien Tanzgebrauch sind in der
Iglauer Sprachinsel nur wenige Tanzkleinformen mit festgelegtem Figurenablauf
zu finden.
Ebenso seltenes, uraltes
Volksgut stellen die Iglauer Bauernfiedeln dar, die traditionsgemäß zum Hatscho
aufspielen. Die "Fidel" war im Mittelalter das gängige
Streichinstrument. In der höfischen Musik wurden sie im 15. Jahrhundert durch
Gamben und Violen abgelöst. In der Iglauer Sprachinsel hat sich die Fiedel als
Volksinstrument in urtümlicher Weise erhalten. Fiedeln werden in "Einbaum-Bauweise"
gebaut: Korpus, Zarge, Hals und Kopf sind aus einem Stück Ahornholz
herausgearbeitet. Die Decke ist aus Fichtenholz, Griffbrett und Saitenhalter
aus Weichsel. Die Wirbel sind von unten durch den Kopf gesteckt. Die
rosshaarbespannten Bögen weisen eine "Zahnstangen-Spannvorrichtung"
auf. Die Abstammung von den alten Borduninstrumenten zeigt am deutlichsten die
klobige Bassgeige, genannt "Ploschperment". Der Bassist hat das
Instrument im Sitzen auf dem Schoß liegen und "sägt" mit dem kurzen
Bogen über die Saiten, die durch Festhalten zwischen Daumen und Zeigefinger
abgeklemmt werden. Durch den Saitenhalter ist eine Metallschraube gedreht, die
auf der Decke eine Metallscheibe trifft, die sog. "Schöbrölln".
Dadurch schnarrt und rollt der Basston zusätzlich. Ebenso der Lautverstärkung
dient bei den Fiedeln der kammförmige Steg, der für den typischen, etwas
kreischenden Ton verantwortlich ist. Die traditionelle Besetzung des Iglauer
Fiedelquartetts ist: Zwei viersaitige "Klarfiedeln", eine dreisaitige
"Grobfiedel", die Begleitfiguren spielt, und das Ploschperment.
Lm. Herbert Kremser, von
1956 – 1070 aktives Mitglied im Iglauer Singkreis, hielt im Jahre 1999 auf
einer Volkstanzfachtagung in Leonberg ein kompetentes Referat über den Hatscho:
Bei den Bauerhochzeiten
war der Höhepunkt des Tanzes der bodenständige Volkstanz, der „Hatscho".
Sein Name kommt von dem Rufen der Tanzenden beim letzten Teil des Tanzes her.
Was bedeutet dieses Wort?
Man kann es deuten:
hatsch-o, hatsch-ab, fahr-ab oder schnell auf und davon. Es ist eine
Aufforderung, die Tanzfläche frei zu machen. Eigentlich ist der Hatscho kein
Tanz im Sinne unserer Volkstänze. Er besteht aus einer Aneinanderreihung aller
Tänze, die in den Dörfern üblich waren. Das Tempo steigert sich von Stufe zu
Stufe gleich von Tanz zu Tanz.
Den Tänzern voraus tanzt
der Vortänzer bei den Hochzeiten, der „Druschmo" (Hochzeitslader), der den
Wechsel der Figuren durch Aufstampfen ankündigt. Der Vortänzer wurde von den
Bauern auch „Aufhauer" oder „Voraus" genannt.
Die Figuren und die
Musikstücke waren keineswegs in allen Dörfern einheitlich. Die Melodienfolge
wurde von jeder Musikkapelle verschieden zusammengestellt. So gab es für die
„Alten" und für die „Jungen" verschiedene Melodienfolgen.
Der ganze Tanz bestand
aus mehreren Teilen, die aber keineswegs in einer starren Ordnung aufeinander
folgen mussten. Das Gesetz des Handelns wurde vom Vortänzer bestimmt. Wollte er
zu einer anderen Bewegung (Figur) oder zu einem Wechsel des Rhythmus
überleiten, so stampfte er mit dem Fuß kräftig auf den Boden und gab damit den
Musikanten das Zeichen zum Umsteigen zur nächsten Melodie. Oft wurde der
Tanzablauf durch „Tuschen" oder das „Rädl" unterbrochen oder beendet.
Nach Erzählungen meines Vaters konnte der Hatscho bis zu 3 Stunden dauern, bis
er beendet wurde.
Die Einleitung des
Hatscho bildete immer der „Bäuerische", ein Tanz im Dreivierteltakt, der
mit seinem langsamen Rhythmus und seinen Wiege- und Drehschritten so recht dem
behäbigen, bedächtigen Wesen der Bewohner entsprach. Dabei wurden verschiedene
Lieder der Iglauer Sprachinsel gesungen, wie „Der Bauernstand“, „Es ist nur
eine, die mir gefallen" und andere. Dieser Teil des Tanzes galt als der
vornehmste. Der Vortänzer begann mit einer Figur, die er durch Stampfen
ankündigte. Diese Figur wurde nach und nach von allen nachfolgenden Paaren
übernommen.
Den zweiten Teil bildete
gewöhnlich der „Deutsche", ein Ländler, auf den Ländlerfiguren getanzt
wurden, die wieder vom Vortänzer angekündigt wurden.
Das Tempo im dritten
Teil des Tanzes steigerte sich zum „Hupperischen", einer Polka mit
Durchdrehen bei zweihändiger Fassung. Dieses Durchdrehen wird nicht dauernd
getanzt. Es wird 2 bis 3mal durchgedreht, dann wird wieder geradeaus
weitergetanzt. Passende Lieder wurden zu allen Teilen des Tanzes von den
Tanzenden mitgesungen. Diese Lieder waren von Dorf zu Dorf unterschiedlich.
Dieser Teil des Tanzes ist der schönste für die Zuschauer, wenn die Röcke und
die bunten Kopftücher fliegen.
Plötzlich ruft der
Vortänzer „Hatscho" und alle tanzen nun mit raschen Galoppschritten unter
Juchazern und „Hatscho"-Rufen durch den Raum. Nicht selten geht es nun
durch alle Räume, hinaus ins Freie oder durch den Stall. Der Spieler der
Bassgeige „Ploschperment" streicht seine Saiten nicht mehr, er schlägt auf
diese.
Haben sich die Tänzer
genug ausgetobt, wird der Tanz mit dem „Rädl" beendet. Beim „Rädl"
singen abwechselnd die Burschen und die Mädchen Gstanzel und necken sich dabei.
So wurde der Hatscho in den Dörfern der Iglauer Sprachinsel getanzt.
Nach und nach wurde der
Hatscho auch bei den Städtern in Iglau getanzt, bei den verschiedensten
Anlässen wie Turnerball, Bauernball, usw. Nun musste der Tanz natürlich
bühnengerecht zusammengestellt werden. Nach den Aussagen meines Vaters gab es
die verschiedensten Ansichten – den Tanz auf die Bühne zu bringen – oder nicht.
Melodienteile wurden
zusammengestellt, um dem Tanz einen festen Ablauf zu geben. Es kam ein Tanz
heraus, der im ungefähren Ablauf dem entspricht, den der Iglauer Singkreis Süd
tanzt.
Nach der Vertreibung
1945 wurde der Hatscho von den Iglauer Singkreisen gepflegt und weiter
entwickelt, fast zur perfekten Bühnendarstellung. In vier Iglauer Kreisen wird
der Tanz heute noch getanzt und gepflegt: Iglauer Singkreis Nord und Süd,
Iglauer Trachtengruppe Groß-Umstadt, Iglauer Trachtengruppe
Kaufbeuren/Marktoberdorf. (Ebern?, Anm. d. Red.)
Der Hatscho wird
inzwischen auch in anderen Volkstanzgruppen gelehrt, meist in der Form des
Iglauer Singkreises. Dort bei den Gruppen ist der Hatscho dann wohl einer von
vielen anderen Volkstänzen. Man wird vielleicht nicht sehr viel davon spüren,
was dieser Tanz ursprünglich für die Iglauer beinhaltete und was er für eine
Bedeutung für sie hatte. Bei den Vorführungen der Iglauer Gruppen ist die
farbenfrohe Iglauer Tracht unabdingbar. Ohne die Iglauer Tracht ist der Hatscho
nur ein Abklatsch. Meiner Meinung nach sollte der Tanz von den Gruppen in
dieser Form weiter gepflegt werden. (Herbert Kremser)
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Beim Hatscho fliegen die
Röcke: Die Iglauer Trachtengruppe Kaufbeuren / Marktoberdorf in Aktion