"Die Bürgerstadt wird zum Olympischen Dorf"

Richard von Weizsäcker - in Stuttgart ist er geboren, in Hamburg hat er geheiratet und von Leipzig ist er überzeugt

Gemeinsam mit dem Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee trat Richard von Weizsäcker am Samstag in München an, um das Nationale Olympische Komitee in einer 15-minütigen Präsentation von der Olympia-Bewerbung Leipzigs zu überzeugen. Jörg Winterfeldt sprach mit dem ehemaligen Bundespräsidenten über seine Verbundenheit mit Sachsen und seine Vision von modernen Olympischen Spielen.


DIE WELT: Warum sind Sie übergelaufen, Herr von Weizsäcker?

DIE WELT: Neulich noch beglückwünschten Sie den Deutschen Tennis Bund auf seiner Gala als Stargratulant zum 100-jährigen Jubiläum. Nun unterstützte der DTB die Hamburger Olympia-Bewerbung, weil der Senat den Verband vor dem Konkurs gerettet hat, und Sie verhelfen dem Kontrahenten Leipzig zum Sieg.

von Weizsäcker: Als mich Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee vor Wochen ansprach, habe ich gleich zugesagt, obwohl das nicht einmal mit meiner Biografie gänzlich vereinbar ist. Ich bin gebürtiger Stuttgarter, habe meine Ehe in Hamburg geschlossen und 25 Jahre in Düsseldorf und Bonn gelebt. Aber vom Mandat für Olympische Spiele in Leipzig bin ich tief überzeugt. Da will ich mit meiner ganzen Kraft mithelfen, auch in Zukunft. Ohnehin habe ich meine Haupterfahrungen mit Tennisturnieren in den letzten 20 Jahren - da dürfen die Hamburger nicht böse sein - bei den Damen auf der Anlage von Rot-Weiß in Berlin gesammelt. Dort habe ich den Aufstieg von Steffi Graf von Anfang an miterlebt. Ich sehe ohnehin meistens lieber das variablere Damen- als das Herrentennis mit dem kraftstrotzenden Serve-and-Volley.

DIE WELT: Woher rührt Ihre große Affinität zu Leipzig?

von Weizsäcker: Ich habe mich in all den vergangenen Jahren und Monaten intensiv mit den östlichen Bundesländern beschäftigt. Sie liegen mir sehr am Herzen. Zuletzt war ich gerade wieder als Vorsitzender des Kuratoriums Fluthilfe auch in Sachsen. Ich bin immer wieder beeindruckt. Leipzig ist keine Residenzstadt, sondern eine Bürgerstadt mit einem enormen Angebot an Kunst, Musik als Bach-Stadt, Literatur, der Buchmesse. Die Menschen haben ein großes Selbstbewusstsein. Und mit dem folgen sie dem Appell ihres Oberbürgermeisters Tiefensee und setzen sich nun mit ihrer vollen Kraft für die Olympischen Spiele 2012 ein. Diese Akzeptanz ist sehr wichtig.

DIE WELT: Fachleute fürchten, weder das noch die friedliche Revolution zur Wiedervereinigung könne international reichen.

von Weizsäcker: Es kommt darauf an, dem Internationalen Olympischen Komitee eine neue Alternative aufzuzeigen. Leipzig kann moderne, zukunftsorientierte Olympische Spiele anbieten.

DIE WELT: Dafür müsste die Stadt sich gegen Weltmetropolen wie New York, Madrid, Moskau oder Paris behaupten.

von Weizsäcker: Diese Städte entsprechen der altvertrauten, herkömmlichen, konventionellen Denkweise im Internationalen Olympischen Komitee: immer diese gigantomanischen Städte. Da schwingt ja immer die Frage mit, ob die Medien auf ihre Kosten kommen. Das ist ein ganz materieller Aspekt. Ich will das gar nicht bestreiten. Aber Leipzig bietet die Chance der Weiterentwicklung des olympischen Gedankens, einer neuen Epoche, in der die Bürgerstadt insgesamt zum Olympischen Dorf wird. In der in einer überschaubaren Stadt den Spielen ein ganz eigener, strahlender Auftritt gewährt wird. Ich bin überzeugt, dass das Konzept seine Wirkung auf das IOC nicht verfehlen wird.

DIE WELT: Wie muss man das ehrgeizige Ziel nun angehen?

von Weizsäcker: Zunächst einmal muss sehr viel gebaut werden. Der Wunsch, die Olympischen Spiele nach Deutschland zu holen, erfordert das Zusammenwirken aller Verbände und Regionen. Sie müssen sich in verbindlicher Weise solidarisch erklären. Und sie müssen sich mit der Aufgabe identifizieren, um ein erstklassiges Angebot zur Ausrichtung der Olympischen Spiele zu machen.

Artikel erschienen am 14. Apr 2003




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