Olympiabewerbung - Leipzig für Deutschland:
Sackgasse droht
Stühlerücken und kein Ende. Mit Wolfgang Köhler verschwindet nun sogar der Mann von der olympischen Bildfläche, der vor dreieinhalb Jahren als Erster die Idee von Spielen in Sachsen aussprach. Doch in seinem Amt als Staatssekretär setzte er kaum Akzente. In dieser Funktion blieb der einst uneingeschränkte Herrscher von Riesa blass.
Köhler gilt bis heute als Verteidiger des alten Konzeptes, bei dem die olympischen Sportarten noch nahezu flächendeckend im Freistaat verteilt waren. Die neue, kompakte Strategie, der von allen Experten wesentlich größere Chancen eingeräumt werden, hat er nie offensiv vertreten. Dieser Fakt wiegt bei seinem Abgang genauso schwer wie die Vorwürfe der Vetternwirtschaft zu Riesaer Zeiten.
CDU-Ministerpräsident Georg Milbradt hat Führungsstärke bewiesen. Bundesweit geben die sächsischen Olympia-Macher jedoch in diesen Tagen ein trauriges Bild ab. Es verfestigt sich der Eindruck, dass die Sachsen nach dem gewonnenen NOK-Ausscheid im April unter sich bleiben und Deutschland beweisen wollten: Wir Ossis stemmen das allein! Es wurde versäumt, die fähigsten Deutschen ins Boot zu holen und die Bewerbung zu einer nationalen Angelegenheit auszuweiten. Dies ist auch NOK-Präsident Klaus Steinbach anzulasten.
So guckt Deutschland nun teils amüsiert, teils kopfschüttelnd nach Leipzig. Die vielen guten Ansätze, die es speziell seit April gibt, werden aufgrund der Querelen in den Hintergrund gedrängt. Leipzig will Olympia ohne Gigantismus - und hinterlässt dabei mittlerweile den katastrophalen Eindruck, eine Provinz-Veranstaltung zu organisieren. Die Aufsichtsrats-Sitzung Mitte November und der Gipfel beim Kanzler müssen dieser Tendenz entschieden entgegentreten.
Die Idee von Olympia in Leipzig hat es nicht verdient, durch parteipolitischen Streit in der Sackgasse zu enden. Dies geht vor allem an die Adresse von Leipzigs Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee, dessen Zögern und Zaudern bei der Bewerbung ums Ministerpräsidentenamt unklug ist. Olympia und Wahlkampf bekommt er nun erst recht nicht unter einen Hut. Er sollte sich entscheiden - gegen die SPD-Spitzenkandidatur bei der Landtagswahl 2004. Die Olympiabewerbung benötigt mehr denn je das hundertprozentige Engagement Tiefensees, der jedoch von der "Ein-Mann-Show" abrücken und endlich ganz Deutschland mitnehmen muss.
Frank Schober (LVZ, 01./02.11.03, Leitartikel Seite 1)