Leitartikel

70 000 Helden

Es sind die spektakulären Bilder, die fehlen. So rückt die Anerkennung der Bedeutung des 9. Oktober 1989 mehr und mehr in den Hintergrund. Dabei ist dieser Tag weit symbolträchtiger als die mit der Maueröffnung vollzogene Kapitulation des DDR-Regimes oder der Einheitstag mit seinem bürokratischen Vollzug. Hier aber gibt es im Unterschied zu den Leipziger Montagsdemos die ans Herz gehenden Bilder von feiernden Menschen mit Sektflaschen in der Hand und Freudentränen in den Augen. So gerät der geschichts- trächtige Tag zunehmend ins Hintertreffen.

Unter dem Motto „Dafür sind wir damals nicht auf die Straße gegangen“ wird er zudem zum Ventil – besonders bei damaligen Hinter-der-Gardine-Stehern – für allgemeinen Frustabbau. Sicher, Biografien gestalteten sich in den letzten 20 Jahren ganz unterschiedlich, beruflich und privat gingen nicht alle Wünsche in Erfüllung, Arbeitslosigkeit und Zukunftsangst sind nicht vom Tisch zu wischen. Eine Rückkehr zu Unfreiheit, Bespitzelung, Miss- und Mangelwirtschaft, Wohnungsnot und Reisebeschränkung kann doch aber niemand ernsthaft wollen.

Es waren die mit Kerzen bewaffneten Montagsdemonstranten, die „Wir bleiben hier“ und „Wir sind das Volk“ riefen. Dagegen versagte brutale Gewalt ebenso wie psychische Einschüchterung. Die wahren Helden der Friedlichen Revolution in Leipzig, Plauen, Dresden und andernorts waren ganz normale Menschen, für die auch heute in der Messestadt die Straße zum Feiern bleibt. Längst haben andere die Deutungshoheit der Ereignisse von vor 20 Jahren übernommen oder sich zu Friedensstiftern hochstilisiert. Angefangen von Egon Krenz bis zu den in Leipzig Verantwortlichen brüsten sie sich damit, dass sie keinen Schießbefehl erteilt hätten. Es ist schon pervers, sich als Leistung ans Revers zu heften, dass man nicht den Befehl zum Töten gegeben hat. Einzig die Zahl von 70 000 Demonstranten, das Stillhalten der sowjetischen Truppen und das politische Machtvakuum verhinderten, dass der Honecker-Befehl „Mit der Konterrevolution ist ein für alle Mal Schluss zu machen“ in die blutige Tat umgesetzt wurde. Honecker, gesundheitlich angeschlagen und noch im Taumel der grotesk anmutenden Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR, war zu keiner Entscheidung fähig. Alle Szenarien, wie noch Tage zuvor im von Hans Modrow regierten Dresden praktiziert, wo brutal auf die Demonstranten eingedroschen wurde, ließen sich nicht mehr umsetzen.


Spätestens nach diesem 9. Oktober war klar, dass das System politisch am Ende ist. Ökonomisch nie gesund und in dieser Zeit auch total abgewirtschaftet, demonstrierte eine bis dahin nie gekannte Anzahl von Menschen, dass die Herrschenden auch moralisch keine Legitimation haben. Was unter dem Dach der Kirche begann, die den verschiedenen Friedens-, Menschenrechts- und Umweltgruppen eine Heimstatt bot, ergriff die Massen. Die sahen den Ausweg nun nicht mehr in der Flucht gen Westen, sondern forderten Veränderung und Systemwandel. Und das nicht nur in Leipzig, hier aber zuerst derart machtvoll und deutlich. Dies bleibt als Tatsache – auch wenn davon die eindrucksvollen Fotos und Filme fehlen.


LVZ, 9. Oktober 2009, Seite 1, Micha Schneider




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