Olympiabewerbung - das Ende mit IOC-Querelen:
Falsches Spiel
Der Taschenrechner muss zur Kontrolle nicht bemüht werden. Die Computer des IOC haben richtig gerechnet, als sie die Reihenfolge der neun Bewerber für die Spiele 2012 festlegten und den Leipzigern die Tür so dicht vorm Kopf zuschlugen, dass sie sich eine blutige Nase holten.
Gefragt werden muss vielmehr, warum es nicht gelungen ist, das Konzept dem IOC und den von ihm beauftragten Experten überzeugend zu vermitteln. Schließlich wurde die Maschine mit Zahlen von Menschenhand gespeist, bevor sie ihre Arbeit ohne Emotionen erledigte. Bedenklich stimmt daher, wenn einem deutschen Bewerber nicht oder nicht genügend zugetraut wird, diese Schwachpunkte mit den von ihm entwickelten Ideen zu beheben.
Genügend Fürsprecher hatten die Leipziger nicht. Ihre Bewerbung war von Anfang an umstritten und stand im Herbst sogar auf der Kippe. Da war es schwer, im eigenen Land Zustimmung zu finden. Erst als wieder Ruhe einzog, schien Leipzig zum (gesamt-) deutschen Kandidaten zu werden. Das war die Zeit, als die ersten Urteile und Zahlen für den Prüfbericht des IOC bereits gefällt und erstellt wurden. Hamburg hatte die Niederlage im nationalen Ausscheid bis zuletzt nicht überwunden, kann Häme derzeit kaum verbergen. Auch andere, die sich jetzt wieder zu Wort melden, fühlten sich benachteiligt und glaubten Leipzig bevorteilt. In einer solchen Atmosphäre einen kraftvollen internationalen Werbefeldzug zu starten, war nahezu unmöglich.
Er wäre aber nötig gewesen. Mit ein bisschen mehr Vertrauen in die Pläne und einen um zwei, drei Zehntel höher angesetzten Wahrscheinlichkeitsfaktor hätte Leipzig den Sprung über die Hürde problemlos geschafft. Statt dessen überwog Skepsis. Die deutschen Olympia-Planer hatten sich im Vorfeld der Entscheidung auf das allgemeine Lob aus IOC-Kreisen für ihre Vorhaben verlassen - und wurden verlassen. Deutschland sitzt mit drei Mitgliedern in diesem Gremium, stellt mit Thomas Bach den Vizepräsidenten. Klare Warnungen blieben von ihm aus.
Abgesehen davon weiß das IOC selbst nicht, was es will. Erst kleinere Städte zu ermuntern und nach der Entscheidung bekannt zu geben, nur Millionen-Metropolen kämen für Olympia in Frage, ist ein falsches Spiel. Das folgende Zurückrudern des Präsidenten wirkte hilflos und wenig überzeugend. Jacques Rogge hat in seinem Haus keine Mehrheit. Sein angekündigter Kampf gegen Gigantismus, für ein neues, bescheideneres Konzept bleibt mit der Wahl der üblichen Metropolen Theorie und Zukunftsmusik. Leipzig hatte das richtige Konzept, aber zur falschen Zeit.
Winfried Wächter (LVZ, 21.05.04, Leitartikel Seite 1)