Ein leises Geschenk des Himmels

Ich bin altmodisch. Das heißt also: Ich hänge alten Moden nach. Nicht, dass ich mich wie mein Großvater kleidete, nein, die unverwüstlichen Jeans gehören auch zu meinen Beinkleidern, aber ich bin trotzdem ein unmoderner Mensch, einer, der stur an bestimmten Traditionen festhält.

Wie zeigt sich das?

Nun zum Beispiel dadurch, dass es in meiner Wohnung vor dem Totensonntag keinen weihnachtlichen Schmuck gibt. In meiner Kindheit, stellten sich übrigens sogar noch die Radiosender in ihrem Musikprogramm auf diesen Tag ein. Und es gab wegen des Gedenkens an die verstorbenen Familienmitglieder keine Tanzveranstaltungen in der Stadt. Einen Tag im Jahr verlebte man etwas anders, ruhiger, nachdenklicher.
Heute gäbe es vermutlich Leute, die nach einem Tag ohne Techno-Rhythmus mit Entzugserscheinungen in die Klinik eingeliefert werden müssten. Und so tönt aus den Dudelsendern das alltägliche Gedudel. Und den schwerhörigen und vermutlich vorzeitig von den Schulen abgegangenen Jugendlichen wird innerhalb einer Stunde einhundertmal gesagt, dass es sich um neueste Hits und um solche der achtziger und neunziger Jahre handelt, weil sie diese Information vermutlich sofort wieder vergessen oder sonst nicht begreifen.

Ich bin altmodisch!

Mich nervt, dass ich Anfang November schon einen weihnachtlich geschmückten Hauptbahnhof in Leipzig betrachten muss. Ich will das nicht! Ich bin nicht darauf eingestimmt. Nun gibt es leider kein Gesetz, ab wann man die Stadt weihnachtlich schmücken darf. Ich würde eine entsprechende Initiative sofort unterstützen! In den Supermärkten tauchen inzwischen ab September die Lebkuchen auf. Der Schokoladenüberzug schmilzt bei der Anlieferung in der Sonne. Es sollen auch schon Menschen im Badeanzug mit Lebkuchen gesichtet worden sein.
Alles, was einmal etwas war, ist nichts mehr. Ein Lebkuchen stimmte mit seinem Duft auf den ersten Advent und die beginnende Weilmachtszeit ein. Vorfreude, schönste Freude... ja, aber heutzutage möglichst ab Sommerende! Der Kalender wird umgestülpt. Künftig wird es vermutlich so ablaufen: Silvester bis Aschermittwoch ist Faschingszeit. Wenn das letzte Konfetti weg gekehrt ist, marschieren die Osterhasen in die Regale, die von den Weihnachtsmännern abgelöst werden! Mich wundert, dass man sich bei den Adventskalendern bisher an den 1. Dezember hält. Es gibt noch Marktlücken! Wo bleibt der gefüllte Quartalskalender ab 1. Oktober?

Ich bin altmodisch!

Die Besinnlichkeit wurde vom Konsumrausch abgelöst. Und der Stimmungskater folgt auf dem Fuß. Was früher die Religionen versprochen haben, versprechen heute die Werbeleute. Und so verkünden sie das Heil auf Ratenzahlung, die Erfüllung aller Wünsche und die Freiheit. Immer mehr religiöse Begriffe tauchen auf, und „Halleluja“ ruft es von einer Werbewand. Duftwässer heißen "angel“ oder "heaven“, also Engel oder Himmel. Eine süße braune Brause mutiert zum Kultgetränk, und wer es schluckt, kommt quasi geradewegs in den siebenten Himmel.
Die Nachrichten in Presse, Funk und Fernsehen sind täglich schlimm genug. Die Werbung dagegen verkündet die ,,Gute Nachricht“. Da lacht die heile Welt aus jedem Knopfloch. Und der lustige Großvater hat noch nie Kreuzschmerzen gehabt. Das hätte sich keiner der Mitwirkenden im Stall zu Bethlehem seinerzeit träumen lassen, dass diese Geschichte dereinst benutzt wird, um weltweit die Kassen klingeln zu lassen. Was schafft uns wirklich etwas Weihnachtsstimmung? Am ehesten wohl die Gesichter der Kinder, Musik, Kerzen und Schnee. Den Schnee gibt es in diesem Jahr wenigstens umsonst. Er ist tatsächlich ein leises Geschenk des Himmels. Und dabei bleibt es: Dass wir die wichtigsten Dinge im Leben geschenkt bekommen. Liebe, Freundschaft, Gesundheit können wir nicht kaufen. Und auch das ist besonders wertvoll: Zeit zu haben!
Es gibt Menschen, die haben inzwischen nicht mal mehr Zeit, das Wort „Weihnachtsoratorium“ auszusprechen. Sie fragen tatsächlich: ,,Hast du schon Karten fürs WehOh?“                      Oh, weh!

Bernd-Lutz Lange, Berlin (LVZ, 24.12.01)

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