Leipzig: Hoffnungsschimmer Aufbau Ost

Warum Leipzig die erste Großstadt Ostdeutschlands sein könnte, die den Anschluss an den Westen schafft.

Gemeinsam mit dem Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee trat Richard von Weizsäcker am Samstag in München an, um das Nationale Olympische Komitee in einer 15-minütigen Präsentation von der Olympia-Bewerbung Leipzigs zu überzeugen. Jörg Winterfeldt sprach mit dem ehemaligen Bundespräsidenten über seine Verbundenheit mit Sachsen und seine Vision von modernen Olympischen Spielen.


Sie können alles, außer Hochdeutsch. Sie schaffen, sie packen an; sie sind bienenfleißig und charmieren potenzielle Investoren; und an ihrer Spitze steht ein Cleverle. Wer jetzt ans Schwabenland denkt – muss umdenken: Leipzig könnte mit Recht den frechen Sprach-Defizit-Slogan für sich reklamieren, wenn die Baden-Württemberger ihn nicht schon einsetzen würden. Hier wird genauso hart gearbeitet wie in Stuttgart. Mit Erfolg.

Längst hat Leipzig nichts mehr von der zerfallenden, rußigen, siechen DDR-Stadt, die sie nach der Wende war. Der Bevölkerungsschwund ist gestoppt, Weltkonzerne und Mittelständler investieren Milliarden in und um die westsächsische Stadt. Am Dienstag vorvergangener Woche startete die Serienproduktion im neuen BMW-Werk – eine 1,3-Milliarden-Euro-Investition, die 5000 Arbeitsplätze, Absatzchancen für die Zuliefererindustrie und viele Millionen Euro Kaufkraft in die Region bringt.

Im vergangenen Herbst hatte die Posttochter DHL entschieden, ihr internationales Logistik-Drehkeuz mit rund 3000 Arbeitsplätzen am Leipziger Flughafen anzusiedeln. Im Gefolge der Logistiker werden bis zu 5000 weitere Jobs in Service und Dienstleistungen erwartet. Die Edel-Autoschmiede Porsche lässt seit 2002 von etwa 370 hoch qualifizierten Arbeitern den Geländewagen Cayenne montieren.

Geheimnis

Doch wie schafft die Stadt das? Warum zieht sie Weltkonzerne in Reihe an? Weil viele Millionen an Subventionen flossen? Das allein ist keine Erklärung, denn im Poker um Investitionszuschüsse winken auch andere Standorte mit Finanzpaketen; und Porsche kam sogar ganz ohne Subventionen.

Weil Leipzig besonders günstig im Herzen Europas liegt? Kaum, denn „eine Autofabrik kann man heute überall hinsetzen, wo ein Stromanschluss ist. Lange Transportwege sind im internationalen Business kein Argument“, sagt Thilo Sarrazin, Finanzsenator in Berlin, das neidvoll beobachtet, wie Leipzig die dicken Fische an Land zieht.

Dagegen spielt die Politik der Landesregierung, die mit ihrer so genannten Leuchtturmpolitik Fördermittel konsequent an erfolgreiche Standorte lenkt, sicher eine gewichtige Rolle – erklärt aber nicht alles. Liegt’s am Freizeitwert, den billigen Mieten und den schicken Kneipen? Das bieten auch Osnabrück oder Freiburg. Aber diese Kriterien sind erst recht nicht ausschlaggebend für solche Investitionen.

Das Geheimnis von Leipzig lässt sich nicht in erster Linie mit ökonomischen Kennzahlen greifen. Zumal diese vielfach sogar noch dürftig aussehen. Trotz der Ansiedlungserfolge ist die Arbeitslosigkeit hoch und liegt noch immer bei fast 20 Prozent; tausende Wohnungen und eine Dreiviertelmillion Quadratmeter Bürofläche stehen leer. Aber Leipzig gab nie auf – und hat, anders als viele ostdeutsche Städte und Regionen, heute eine Perspektive. Die Leipziger machen Ernst mit dem Aufschwung Ost, sie tun was. Die Innenstadt mit ihren stuckverzierten Gründerzeitpassagen und glatten Glaspalästen ist eine gewaltige Baustelle; ein ganzer Wald von Kränen reckt sich unübersehbar in die Höhe.

Was diesen Erfolg bringt, ist schwer zu fassen, doch zu spüren ist dieses Etwas überall, wenn man sich durch die Stadt bewegt. Mit wem auch immer man spricht, mit Politikern, Unternehmern, Händlern, Ökonomen, sie alle suchen die Erklärung in dem besonderen Geist, der die Stadt und seine Einwohner prägt.

„Es gibt hier eine extreme Dienstleistungsorientierung: der Leipziger selbst und der Verwaltung“, sagt Wolfgang Marzin, Chef der Leipziger Messe. „Die Menschen hier sind schnell und flexibel“, erklärt Knut Löschke, Vorstandsvorsitzender von PC-Ware, einem Leipziger Computerunternehmen mit Niederlassungen in ganz Europa. Selbst kühl analysierende Ökonomen wie Martin Rosenfeld vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) fallen solche weichen Standortfaktoren ein: „Die Leipziger identifizieren sich unglaublich mit ihrer Stadt.“

Fleiß, Hartnäckigkeit, Engagement, der in einem positiven Lokalpatriotismus wurzelnde Wille, die Stadt – ihre Stadt – zu gestalten und voranzubringen: Man könnte es bürgerliche Tugenden und Werte nennen, was Leipzig prägt und seinen Erfolg ausmacht. Das zieht sich bis ins Rathaus und in die Ämter der Stadt. Beim Städteranking a das die WirtschaftsWoche zusammen mit der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und der IW Consult GmbH erstellt, gehörte Leipzig im vergangenen Jahr zu den zehn reformfreudigsten Städten. Ein wichtiger Punkt bei der Bewertung: Unter den deutschen Städten nahm Leipzig einen Spitzenplatz beim Abbau von Beschäftigung im öffentlichen Dienst ein – und bekam trotzdem gute Noten für die Qualität seiner Dienstleistungen (siehe WirtschaftsWoche 17/2004).

Wie effizient die Behörden arbeiten können, zeigt die BMW-Entscheidung, bei der sich Leipzig gegen mehr als 200 andere Bewerber durchsetzte. Kurzfristig wurde ein Projektteam des Stadtplanungsamtes und der Wirtschaftsförderung zusammengetrommelt, das eine Machbarkeitsstudie erstellte. Mit im Boot saßen von Anfang an das Staatliche Umweltfachamt, das Arbeitsamt und das Regierungspräsidium. Über die Feiertage und den Jahreswechsel 2000/01 wurde mit der Studie ein Entwurf für einen Bebauungsplan erstellt. Mit dem konnte die Stadt dem Autobauer nachweisen, dass auf dem bisher landwirtschaftlichen Areal ein Industriepark von vier Quadratkilometern in kürzester Zeit realisierbar ist.

Aufgeben gilt nicht

Das zahlte sich aus. BMW-Produktionsvorstand Norbert Reithofer: „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Dienstleistungsmentalität der Verwaltungen hier stärker ausgeprägt ist als in vielen anderen Kommunen.“ Im Falle von Porsche brauchte die Stadt sogar nur vier Wochen für die Genehmigungen.

„Wir ziehen hier alle an einem Strang, es gibt hier einen echten Bürgersinn“, schwärmt Peter Peters. Der Chef des Edeluhrengeschäfts Wempe, Hanseat vom Scheitel bis zur Sohle, kannte das vorher nur aus seiner Heimatstadt Hamburg. Vor 14 Jahren kam er nach Leipzig – und blieb. Henri Maier, der französische Intendant der Leipziger Oper, sieht hier sogar „die großzügige Bourgeoisie“ wieder aufleben.

Es ist aber kein muffiges, sklerotisches und inzüchtiges, sich selbst zelebrierendes Bürgertum. Kein Filz, in dem die immer gleichen kungeln und mauscheln. Keine scharf abgegrenzte Schicht, ohne Berührungspunkte zum Rest der Stadt. Hinter der Olympiabewerbung Leipzigs, über die andere Städte nur lächelten, stand die ganze Stadt – nicht wie in Berlin nur eine Hand voll Polit- und Sportfunktionäre. Dass es nicht geklappt hat? Egal, man hat viel gelernt – aufgeben gilt nicht. Auch bei BMW schwärmt man davon, dass die Bürgerschaft ihr Engagement für die Stadt sehr ernst nimmt. Von der Offenheit dieser bürgerlichen Schicht spricht Messechef Marzin richtig begeistert. „Hier wird keiner ausgeschlossen, jeder ist willkommen. Das habe ich so nur in den USA erlebt.“ Das drückt sich auch in Zahlen aus. Der Ausländeranteil liegt in Leipzig bei rund sechs Prozent – die höchste Quote in den neuen Bundesländern.

Diese neue Bürgerschicht feiert, wie auf dem Leipziger Opernball, auch mal sich selbst; in erster Linie aber wird hart und solide gearbeitet. Schickimickis fallen nicht ins Gewicht, den in Deutschland sonst allgegenwärtigen Neid findet man hier ebenso wenig. Dass Porsche in der Stadt Autos baut, die für die Meisten unerschwinglich bleiben? Ist doch prima, schließlich bringt das Arbeitsplätze. Undenkbar, dass, wie im Luxusbad Heiligendamm an der Ostseeküste, Einheimische gegen eine neue Wohlhabenheit mosern.

Etwa 200 Entscheider bilden den Kern dieser neuen Bürgerschicht: Politiker, Unternehmer, leitende Angestellte der Verwaltung, Kulturschaffende. Die Wege sind kurz, irgendwo läuft man sich mindestens einmal in der Woche über den Weg. Messechef Marzin: „Wenn ich ein Problem habe, dann kläre ich das auf einem ganz kurzen Draht.“ Vermutlich steht er am gleichen Abend ohnehin mit Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee (SPD), IHK-Chef Börries von Ditfurth oder BMW-Werksleiter Peter Claussen bei einer Veranstaltung zusammen. Zum Beispiel wenn am kommenden Mittwoch im Gewandhaus die Buchmesse feierlich eröffnet wird.

Die Wurzeln dieser engagierten Bürgerlichkeit reichen über ein halbes Jahrtausend zurück; weder die braune noch die rote Diktatur konnte sie durchtrennen. Nicht von ungefähr waren es auch die Leipziger Bürger, die mit ihren Montagsdemonstrationen den Fall des SED-Regimes 1989 einleiteten. Dabei, glaubt Löschke, ging es gar nicht so sehr um die große Politik. „Die Bürger wollten dem Verfall ihrer Stadt einfach nicht mehr zusehen.“ Über Jahrzehnte war die Infrastruktur vernachlässigt worden, waren ganze Stadtviertel heruntergewirtschaftet, das historische Antlitz verwüstet worden. Doch wie ein Wunder nach Mauerfall und Wiedervereinigung war zumindest das bürgerliche Leben schnell wieder auferstanden aus den DDR-Ruinen.

Traditionen, gewachsen über hunderte von Jahren, sind eben stabil. Die Leipziger Messe ist ein solcher Faktor, der den Charakter der Stadt formte und, weil auch die DDR an der Messe festhielt, ihn bewahrte. 1497 und 1507 hatte Kaiser Maximilian I. Leipzig das Messeprivileg erteilt; im Umkreis von über 100 Kilometern durfte keine Messe abgehalten werden. Schnell entwickelte sich die zuvor schon vom Handel geprägte Stadt zu einer Handelsmetropole mit Beziehungen in das gesamte europäische Ausland. Die sächsischen Händler reisten nach Paris, Lyon, London, Mailand.

Fremde in Leipzig wiederum waren ein vertrauter Anblick; mit ihnen kamen neue Ideen für Handel und Produkte. Für die Leipziger Kaufleute war die Welt schon damals globalisiert. Sie hatten gelernt: Im internationalen Wettbewerb entscheiden Schnelligkeit, Flexibilität und Innovationsfähigkeit über Arbeitsplätze und Wohlstand. „Was weltweit gerade in war und boomte – Leipzig produzierte es“, sagt Löschke.

Mit Verlagsgründungen wie Brockhaus, Reclam oder Rowohlt wurde Leipzig im 19. Jahrhundert zu einer führenden europäischen Verlagsstadt. Das Kulturleben in „Klein-Paris“ (Goethe) wurde durch ein Bürgertum bestimmt, das sich zum Teil durch die große jüdische Gemeinde, zum anderen durch aufgeklärte Protestanten bildete. Freie Geister wie Friedrich Schiller, Johann Wolfgang von Goethe, Gotthold Ephraim Lessing, Friedrich Gottlieb Klopstock und Friedrich Nietzsche befruchteten den Geist der Stadt. Die Saat hingegen von Karl Liebknecht, August Bebel und anderen frühen Sozialdemokraten, die ebenfalls eine Weile in Leipzig lebten, gedieh erst in anderem Humus – Leipzig war zu bürgerlich für revolutionäre Ideen. Weil es kaum Massenproduktion gab, fand die Arbeiterbewegung keine Basis.

Höfisch war Leipzig ebenfalls nie, war nie eine gepuderte und in Ritualen erstarrte Residenzstadt – das überließ man den Dresdnern. „Leipzig musste sich seit jeher auf seine eigenen Kräfte verlassen“, sagt Wolfgang Tiefensee, Oberbürgermeister seit 1998. Der OB selbst ist ein Erfolgsfaktor dieser Stadt. Wer mit Unternehmern und Investoren spricht, hört nach kurzer Zeit ein Loblied auf den 50-Jährigen. Auf seine Hartnäckigkeit beim Umwerben von Investoren, auf seine Überzeugungsfähigkeit und seinen Charme; auf seine Fähigkeit, Lösungen zu finden und sie durchzusetzen.

Der so Gelobte lacht darüber ein Lachen, das selbstbewusst und nicht überheblich klingt. „Ohne die Hilfe der Landesregierung könnten wir hier kaum etwas auf die Beine stellen“, sagt er und verweist auf die vielen Millionen Euro aus den Kassen des Landes und auch des Bundes, mit denen die Investitionen und die Arbeitsplätze subventioniert wurden – 390 Millionen Euro waren es beispielsweise im Falle BMW. Trotz aller Bescheidenheit des Rathaus-Chefs: Auf seine Qualitäten wurde auch der Bundeskanzler aufmerksam, der ihn 2002 als Verkehrsminister nach Berlin holen wollte – Tiefensee lehnte aber ab und rackert lieber weiter für Leipzig. Hier steht der passionierte Cellospieler, wenn’s denn hilft, auch schon mal rockend mit Udo Lindenberg auf der Bühne.

Dabei hat Tiefensees SPD keineswegs eine satte Mehrheit im Stadtrat, sie ist nicht mal stärkste Fraktion. Das ist die CDU mit 29 Prozent; SPD und PDS kommen auf jeweils 27. Es gibt keinen Koalitionsvertrag, regiert wird mit wechselnden Mehrheiten, oft gebildet aus Union und Genossen. „Wir sind zu arm, um uns den Luxus von Grabenkämpfen bei wichtigen Dingen wie der Wirtschaftspolitik leisten zu können“, sagt Detlef Schubert, Beigeordneter für Wirtschaft und Arbeit.

Schubert ist, wie der Rathaus-Chef, im Dauereinsatz für seinen Sprengel. 500 meist mittelständische Unternehmen hat er im vergangenen Jahr besucht. Bei denen wiederum herrscht das Gefühl vor, dass man ihre Interessen im Rathaus wahrnimmt. Bei einer Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach unter über 2500 mittelständischen Unternehmen in den 25 größten Kommunen setzte sich Leipzig an die Spitze als unternehmerfreundlichste Stadt. Politiker und Stadtverwaltung wurden dabei weit überdurchschnittlich als „wirtschaftsfreundlich“ eingestuft.

Tiefensees Antennen sind ohnehin permanent auf Empfang: In jedem Gespräch kann es einen Hinweis auf eine Marktchance geben, jeder Gesprächspartner könnte en passant eine Idee zünden, aus einem Geplauder am Rande eines Events kann eine Investition werden. Wittern – zupacken! Die Deutsche BA wollte nach Berlin kommen, Berlin wollte aber nicht? Flugs geht an eine Assistentin der Hinweis, das Thema auf die Agenda zu setzen. Vielleicht will die DBA ja nach Leipzig kommen.

Bitter nötig wäre es nach wie vor. Von einst 110.000 Industriearbeitsplätzen gibt es heute nur noch knapp 23.000; im vergangenen Jahr gab es über 500 Unternehmensinsolvenzen. Und während die sächsische Konkurrentin Dresden fast 60 Patentanmeldungen pro 100.000 Einwohner meldet, sind es in Leipzig nur 14,5. Selbst das arme Berlin meldet mehr als doppelt so viel.

Immerhin: Die Gesellschaft für Konsumforschung in Nürnberg sieht Hoffnung keimen. Bei der Kaufkraft erreicht Leipzig mit mehr 14.000 Euro pro Jahr und Einwohner einen Spitzenwert in den neuen Bundesländern. Die Lücke zum Westen wird kleiner. IWH-Ökonom Rosenfeld sieht ebenfalls gute Perspektiven für Leipzig. Aber bis Leipzig eine Entwicklung aus eigener Kraft schaffe, dauere das wohl noch „10 vielleicht 15 Jahre“.

Tiefensee gefällt das Bild vom Anschluss an den Westen nicht, damit mache sich die Stadt zu klein. „Auch wenn es vielleicht anmaßend klingt: Unser Ziel stecken wir dort ab, wo München ist.“ Oder das Schwabenland. Aber ganz selbstbewusst auf Sächsisch.

Wirtschaftswoche,8. März 2005, Peter Leo Gräf




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