Strahlenverseuchung durch Uran-Munition?

Der Durchschnitts-Zeitungsleser will sich in Zweifelsfällen und bei bestehenden Informationsdefiziten in seiner Zeitung informieren. Wenn es die Artikel aber an der notwendigen Hintergrundklarheit und Recherchetiefe fehlen lassen, dann besteht die Gefahr von Fehlinterpretationen bis hin zur Unsachlichkeit. Als Physiker und Technikwissenschaftler möchte ich zur Aufklärung beitragen.


1. Materialeigenschaften
Uran-Metalle schmelzen erst bei 1230°C, aber die Eigenschaft, bei Temperaturen oberhalb 800°C mit Eisen und Nickel ein niedrigschmelzendes Eutektikum zu bilden, führt bei der Umsetzung der Auftreffenergie in Wärme zum Durchlegieren z.B. von Panzerwänden. Das ist seit etwa 30 Jahren bekannt und wird bei fast allen panzerbrechenden Munitionsarten spätestens seit dem Golfkrieg 1991 verwendet.
Das verwendete Uran enthält als sogenanntes DU-Metall (depleted uranium) nur etwa 0,2 % U-235 gegenüber dem natürlichen Vorkommen mit 0,7 % U-235. Bekanntlich ist einigermaßen frisch abgetrenntes Uran-238 die ersten Jahre praktisch frei von Zerfallsnukliden und nur ein schwacher Betastrahler.
Uran gehört aber wie viele Elemente und Verbindungen zu unseren täglichen Begleitern. Nach ICRO 23 (1975) nimmt ein "Referenzmann" täglich 1,9 µg Uran mit der Nahrung (auch in Mineralwässern ist nachweislich Uran enthalten) und etwa 7 ng über Atmung ein.


2. Toxisches Verhalten
Uran wird bei Aufnahme durch Ingestion und - wegen seiner relativ guten Löslichkeit auch bei Inhalation - als Schwermetall in den Nieren gesammelt und allenfalls dort als chemisches Gift wirksam.
Die Aufnahme von staubenden Uranverbindungen im Bergbau ist im wesentlichen wegen des Gleichgewichtes mit den Folgeprodukten, u.a. Radium und Radon, viel gefährlicher und führt zu Lungengeschwüren und dann statistisch gehäuft zu Lungenkrebs. Die Bergleute der Wismut AG atmeten über Jahrzehnte Uran-Mengen ein, die die gewöhnliche Belastung um mehr als das 300.000 fache überschritten.
Leukämie ist in diesem Zusammenhang bestenfalls statistisch nachrangig, jedenfalls nie in erhöhter Form nachgewiesen worden. Außerdem braucht ein Blutkrebs von der malignen Zellveränderung einer Stammzelle im Rückenmark bis zum Ausbruch der Krankheit schon wegen der begrenzten Zellteilungsrate mehrere (3-5) Jahre. Leukämie und ähnliche Krankheiten haben eine Häufung unter jungen Menschen, von etwa 1-3 Fällen pro 10.000. Es gibt -bis heute nicht schlüssig geklärt - genetisch bedingte Häufungen, die besonders bei Milieuveränderungen (z.B. wenn Menschen verschiedener Herkunft - in Garnisonen oder Industrieunternehmungen längere Zeit zusammenwohnen) sog. Leukämie-cluster (in England nach Beschuldigungen, Winscale hätte Leukämie ausgelöst, genauer erforscht), was aber für die NATO nicht zutreffen muß.


Ausführliche Hintergrundinformationen zu diesem Thema bietet unter anderem eine Veröffentlichung des Swedish Radiation Protection Institute in englischer Sprache unter "SSI news - dec 2000/Last Issue" (http://www.ssi.se/english/index.htm).



(LVZ-Leserzuschrift von mir nach einem Beitrag vom 9. Januar 2001)


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